Superkräfte

Wer wünscht sie sich nicht manchmal, die Superkräfte, die mit purer Willenskraft oder einem magischen Zauberspruch die Wohnung aufräumen und putzen, die Schlange an der Supermarktkasse auflösen, wenn man es eilig hat und den Brief mit der großzügigen, längst fälligen Gehaltserhöhung auf den Schreibtisch legen?

Auch bescheidenere Wünsche könnten wir uns als Supermänner und -frauen erfüllen: Manchmal wollen wir einfach eine halbe Stunde lang unsichtbar sein, um in Ruhe eine Tasse Tee zu trinken und dabei aufs Handy zu starren, ohne dass uns jemand kritisiert. Schön wäre es, morgens die Uhr eine Stunde zurückdrehen zu können, um trotz Stau doch noch rechtzeitig ins Büro zu kommen. Genial stelle ich es mir vor, abends per Teleportation die Studienfreundin zu besuchen, um mit ihr wie früher drei Folgen Ally McBeal am Stück zu gucken, von Billy zu schwärmen und ihn gleichzeitig für seine Unentschlossenheit zu verfluchen.

Aber brauchen wir übernatürliche Fähigkeiten, um glücklich zu sein?

Zum Jahresbeginn haben italienische Kinder noch schulfrei und wenn unsere Arbeitgeber gnädig sind, dürfen auch wir Eltern bis zum 6. Januar zu Hause bleiben. In diesen Tagen erkunden wir gern gemeinsam kleine Orte in der Gegend. Auch wenn die bei trübem Wetter trostlos und verlassen scheinen, gibt es immer wieder sympathische Dinge zu entdecken. Wie neulich in Varano Borghi, wo auf der menschenleeren Piazza vor der Kirche drei pastellfarbene, fantasievoll dekorierte Hütten an die vorweihnachtlichen Aktionen für die Kinder des Ortes erinnerten. Sicher kamen sie am 6. Januar noch einmal zu Ehren, am Tag der Befana, der für die Jüngsten ein magischer Abschluss der Feste ist. An diesem schmuddeligen Januarnachmittag war ich es, die sich die Nase an den Fensterscheiben plattdrückte. Die Hütte mit dem Schild „Distribuzione super poteri“ hatte es mir angetan. Hier würden Superkräfte verteilt. Schade, dass die Verteilstation geschlossen hatte. Obwohl ich glaube, es reichte auch, einfach nur hineinzuschauen. Um zu verstehen, dass wir die Superkräfte eigentlich alle in uns tragen, sie nur leider im Alltag oft vergessen: Perdono (Verzeihen), Ascolto (Zuhören), Allegria (Heiterkeit), Fiducia (Vertrauen) und Carezze (Streicheleinheiten) stand auf den „Mantelli magici”, den Zauberumhängen, geschrieben.

Die magische Kraft der Gedankenübertragung funktioniert manchmal sogar in der Wirklichkeit: Zum Neuen Jahr schickte mir meine Freundin, die jetzt in Großbritannien lebt, ein GIF von der tanzenden Ally McBeal. „Da habe ich an dich gedacht!“, schrieb sie dazu.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Oder: Morgen ist auch noch ein Jahr!

In den letzten Monaten hatte ich immer wieder das Gefühl, mich mit Symptomen von Prokrastination herumzuschlagen, dass ich Dinge vor mir herschob oder Zwangspausen einlegen musste. Nicht dasselbe, aber es läuft auf dasselbe hinaus: Vorhaben bleiben unerledigt. Neulich lag ich ein ganzes Wochenende lang mit Kopfschmerzen flach, dabei wollte ich für den Blog schreiben. Nun hebe ich zwei Texte mit weihnachtlichem Thema fürs nächste Jahr auf. Mit Weihnachten ist es zuletzt ohnehin so: Kaum ist eines vorbei, steht das nächste schon wieder vor der Tür. Aufschieben ist in diesem Fall kein Problem.

Hingegen war das Hinauszögern des Schreibens einer Nachricht an einen lieben Menschen im vergangenen Jahr ein unverzeihlicher Fehler, weil es für das Ungesagte plötzlich zu spät war. Eine Leere in mir und eine Lehre, auf die ich lieber verzichtet hätte. Aber das Leben ist so, es nimmt keine Rücksicht. Meine Erkenntnis, die ich als guten Rat dringend weitergeben muss: Fragt lieber einmal mehr nach! Macht ihr den ersten Schritt, auch wenn ihr meint, der andere wäre dran und müsste sich bei euch melden.

Wenn ich nun nach vorne blicke, frage ich mich wie jedes Jahr, was ich anders machen möchte. Es gibt vermutlich zwei Strategien, das Leben positiv anzugehen: die Dinge selbst in die Hand nehmen oder aus allem das Beste machen. Welche ist die Richtige?

Übungsleiterin Monica hat uns Sportlerinnen ihrer Aero-Gag-Gruppe zum Jahresende ein Notizbuch geschenkt, auf dem Cover ein Trainingsfoto und das folgende Motto:

La qualita della vita dipende dalle nostre scelte!“ (Die Lebensqualität hängt von unseren Entscheidungen ab.)

Diese klugen Worte, obwohl sie auch ein Werbeslogan eines Herstellers von orthopädischen Kirschkernkissen aus biologischem Anbau sein könnten, gefallen mir gut und werden mich im nächsten Jahr begleiten. Ein Notizbüchlein habe ich immer bei mir. Wenn die zündenden Gedanken kommen, soll keine Ausrede da sein, sie nicht aufzuschreiben.

Apropos Aero-Gag: Erinnert ihr euch an meine Begeisterung, diesen Sport in einer netten Gruppe gefunden zu haben? Ich war derart enthusiastisch, dass ich gleich alles gab und Squats turnte, als gäbe es kein Morgen. Leider war der Herr Musculus Rectus Femoris im linken Oberschenkel nicht einverstanden mit einem solchen Blitzstart nach jahrelanger Ruhepause. Ich zog mir einen schmerzhaften Muskelbündelriss zu. Halb so schlimm, hieß es von ärztlicher Seite, das heilt von selbst. Sie müssen nur zwei Monate pausieren. Könnt ihr euch vorstellen, wie deprimiert ich war? Nach drei Wochen sportlicher Aktivität gleich zwei Monate Pause! Es fiel mir schwer, das Unabänderliche zu akzeptieren. Dann fand ich einen guten Kompromiss, um die Routine nicht abbrechen zu lassen. Ich ging trotzdem in die Turnhalle und turnte nur, was ohne das linke Bein eben ging. Notfalls waren es ein paar zusätzliche Dehnungsübungen für den Oberkörper. Sport ist auch deshalb wertvoll, weil er uns neben körperlicher Fitness hilfreiche Lektionen über das Leben schenkt. Nicht alles hängt von uns selbst ab. Der Sport lehrt uns, damit umzugehen und zu reagieren. Lösungen zu finden, statt im Selbstmitleid zu versinken. Notwendige Pausen einzulegen, ohne alles aufzugeben.

Vielleicht liegt die richtige Strategie fürs Leben einfach in der Mitte: Es ist richtig, die Dinge in die Hand zu nehmen, statt nur abzuwarten, was sich ergibt. Wenn dann Unvorhergesehenes passiert, macht man das Beste daraus.

In diesem Sinne wünsche ich euch, liebe Leser und Leserinnen, Kraft und Zuversicht fürs neue Jahr. Es wird nicht alles laufen wie geplant. Vielleicht anders, vielleicht besser. Bleibt aber immer dran!

Lese-Tipps: Den spannenden Themen Prokrastination und Routinen haben sich zwei Blogger-Kolleginnen aus Berlin in unterhaltsamen Beiträgen gewidmet (einfach auf die farblich hervorgehobenen Worte klicken):

  • Mit einem lachenden und einem weinenden Auge analysiert Roswitha die Aufschieberitis in ihrem Text. Erkennt ihr euch wieder?
  • Sophie liebt ihre Routinen und Rituale, nicht nur auf sportlichem Gebiet. Trotzdem fragt sie sich: Nimmt es überhand oder hat sie noch Freude an ihnen?

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Der italienische Kreisverkehr – Weihnachtsedition

Ich lebe im Land der Rotonden. Der Kreisverkehre. Hier in Norditalien ist keine Ampelkreuzung zu klein, als dass man daraus nicht eine Rotonda, zuweilen auch Rotatoria genannt, machen könnte. Im Prinzip keine schlechte Idee, um den Verkehr flüssig zu halten. Dass es einem die Italiener nicht leicht machen, im Kreisverkehr den Überblick zu behalten, erzählte ich euch bereits in einem der ersten Artikel auf diesem Blog. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass Linksblinken auch Rechtsrausfahren bedeuten kann und ich komme zurecht. Wie treue Leser wissen, schreibe ich hier aber weniger von Misslichkeiten als von den vielen positiven Dingen im Alltag. So bin ich regelrecht vernarrt in unseren Nachbarort. (Meine Residenz-Kommune nehme es mir bitte nicht übel!) Wir wohnen im Randgebiet des einen Ortes und haben es ins Zentrum des Nachbarortes nicht weiter als bis zum eigenen Rathaus. Spätestens, seit unsere Große vor sieben Jahren dort mit der Mittelschule begann, sind wir im Nachbarort häufiger unterwegs als bei uns. Im Sommer sogar schon ein paar Jahre länger, den gut organisierten Ferienspielen sei Dank. Damals führte unser Weg oft in die Gelateria der herzensguten Signora Langsam, von deren Eissorten wir heute noch schwärmen. (Obwohl ihr Nachfolger sich mit seiner gemütlichen Cafeteria auch gut macht.) Später kamen das Geräteturnen mit abenteuerlicher Parkplatzsuche, die Musikschule und der Gesangsunterricht dazu. Ich selbst habe vor Kurzem Monis Wohlfühl-Fitnessgruppe gefunden. Ratet doch mal, wo? Genau! Im Nachbarort.

Seit Anfang Dezember fahre ich dort gerne mal eine Extrarunde im Kreisverkehr, während ich nun die jüngere Tochter zu Schule und Freizeitaktivitäten bringe. Den Grund dafür seht ihr in den Fotos zu diesem Text. Fleißige und engagierte Bewohner der einzelnen Rione (Wohngebiete) haben jeweils eine Verkehrsinsel liebevoll geschmückt. Bislang kannte ich diese schöne Tradition nur vom September, in dem der Schutzheilige des Ortes mit einem traditionellen Palio gefeiert wird. Sicher ist euch der weltweit bekannte Palio, das Pferderennen in Siena, ein Begriff. Ganz so aufregend und berühmt geht es hier nicht zu. Wie genau unser Palio vonstattengeht und auf welche Weise ein Sieger gekürt wird, muss ich noch herausfinden und werde im nächsten September berichten.

Heute lade ich euch ein, eine fotografische Rundfahrt der weihnachtlichen Kreisverkehre zu unternehmen. Ganz entspannt, ohne Vorfahrtsregeln und Blinker. Los gehts:

Für uns geht es bald ans Kofferpacken. Ich wünsche euch bereits an dieser Stelle entspannte Feiertage: Buon Natale! Frohe Weihnachten!

Krieg und Frieden

Auch wenn bald Weihnachten ist oder gerade deshalb, möchte ich euch ein Buch ans Herz legen, das auf der Suche nach Verständnis füreinander unbequeme Fragen zu unangenehmen Themen stellt.

Von Francesca Melandris großartigen, geschichtsbezogenen Romanen habe ich auf dem Blog schon berichtet. „Eva schläft“ und „Alle, außer mir“ las ich in deutscher Ausgabe. In diesem Herbst kam nun ihr neuestes Buch fast gleichzeitig in Italien und Deutschland heraus. Ich war über deutsche Medien darauf aufmerksam geworden, denn die Autorin stellte es auf der Frankfurter Buchmesse persönlich vor. Diesmal holte ich mir die Originalausgabe in der Bibliothek. Bei gleichem Titel: Piedi Freddi*Kalte Füße**, kann das Bild auf dem Umschlag unterschiedlicher nicht sein. Das deutsche Cover irritiert nahezu. Wie geht denn das: Kalte Füße, und dazu ein Foto von Sonnenblumen unter strahlend blauem Himmel? Obwohl, so strahlend blau ist er gar nicht. Graue Wolken verdunkeln den Horizont, der Wind bläst ungemütlich. Der Zusammenhang von Bild und Titel wird beim Lesen schnell klar. Es geht, zunächst, um die kalten Füße im Kampf der italienischen Soldaten gegen das Erfrieren, auf der sogenannten „Ritirata di Russia“, dem Rückzug aus Russland im Winter 1942/43, der zu großen Teilen die Ukraine betraf. Melandris Vater war heimgekehrt, sogar körperlich unversehrt, ohne erfrorene Gliedmaßen, ohne fehlende Zehen. Er war mit gerade 23 Jahren als Leutnant der Alpini (Gebirgsjäger) für eine Truppe von zwölf Männern verantwortlich gewesen, einige davon doppelt so alt wie er. Die kalten Füße stehen aber auch für eine Legenden-Bildung, erzählen von Opfern und Helden. Im gesamtgesellschaftlichen Gedächtnis fehlt bisweilen die Tatsache, dass dem Rückzug eine Invasion vorausging und dass dieser Eroberungsfeldzug der italienischen Armee an der Seite Hitlerdeutschlands nicht nur Russland, sondern hauptsächlich die Ukraine betraf. Melandri, dessen Vater auch immer von Russland gesprochen hatte, erkennt jetzt die Ortsnamen aus seinen Erzählungen in der Berichterstattung über den aktuellen Krieg in der Ukraine. Das Sonnenblumenfeld auf dem deutschen Buch symbolisiert den Schauplatz zweier Tragödien: der vor 80 Jahren und der, die sich heute abspielt.

Francesca Melandri unterhält sich in ihrem Text mit ihrem Vater, dem Journalisten Franco Melandri, postum. Sie muss ihm dringend Fragen stellen als eine, die zu Friedenszeiten aufgewachsen ist und das Privileg hat, vom Krieg nicht viel, eigentlich gar nichts zu verstehen. Es ist weniger ein Roman als ein langer Brief in einzelnen Kapiteln. Vorangestellt sind den Kapiteln Zitate aus drei Büchern, in denen Franco Melandri seine Kriegserfahrungen literarisch verarbeitet hat. Seine Tochter richtet ihre Fragen zu Krieg und Frieden nicht nur an ihren Vater. Sie stellt Fragen an sich selbst, an uns Leser, an die italienische Gesellschaft. Und das ohne verallgemeinernde Schuldzuweisung. Es gibt keine gemeinschaftliche Schuld aller, an dem, was geschehen ist, aber es gab und gibt eine Verantwortung jedes Einzelnen. Ich verstehe sie so: Wie wir heute die Geschichte aufarbeiten, nachdem die Familienmythen ausgedient haben und das kollektive Schweigen zu bröckeln beginnt, entscheidet darüber, wie wir die Gegenwart verstehen und unser persönliches Stück Verantwortung übernehmen können. Sei es, wen wir wählen, wo wir mitmachen und was wir unterstützen, wozu wir schweigen oder wofür wir unsere Stimme einbringen.  

Ohne das Buch nacherzählen zu wollen und ohne aus der deutschen Fassung zitieren zu können, möchte ich ein paar Gedanken wiedergeben, die ich als wertvoll betrachte: Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, der um jeden Preis. Das Gegenteil von Krieg ist Gerechtigkeit. Und die Wahrheit über die Geschichte erzählen am Ende die Details. Keine abgehobenen Polemiken, über Geopolitik und Kräfteverschiebungen und wie die herbeigeholten Narrative alle lauten.

Auch Franco Melandris Zeitungsartikel vom März 1945, in dem er kurz vor Kriegsende noch ein Hohelied auf den Faschismus als zukunftswürdiges Gesellschaftskonzept für Italien singt, analysiert seine Tochter als ein Pamphlet von Allgemeinplätzen, Phrasen, Ideen. In seinem Buch „Ritorno col matto“, direkt nach dem Krieg geschrieben und 1970 veröffentlicht, schreibt er auf menschlicher Ebene und erkennt, dass der Protagonist, sein Alter Ego, immer nur gut reden konnte, aber nie gewusst hat, was richtig und was falsch war. Der beschriebene Moment, in der bei einem Angriff ein Säugling in den Armen der Mutter zu Tode kommt, ist eine Schlüsselszene und führt auch zum Titel „Rückkehr mit dem Verrückten“: Einer der Männer verliert den Verstand. Nach allem, was er davor schon durchgemacht hatte, war diese eine konkrete menschliche Tragödie für den Soldaten zu viel.

Nei dettagli ci sono gli errori, ma anche la verità.“ (In den Details stecken die Fehler, aber auch die Wahrheit.) S.202*

Selbst dann, wenn man den anderen nicht versteht, kann und muss man versuchen, sich anzunähern. Das ist die Botschaft, die Melandri in ihrem Buch vermittelt, in der sie private mit historischen und aktuellen Themen geschickt verwebt und die Verbindungen aufzeigt. Die Stärke ihres Textes liegt im Individuellen, das sich mit dem Universellen vermischt. Wie immer bei Melandri, aber diesmal ist das Private keine Fiktion.   

Melandris Vater hat sie und ihre Schwestern zu demokratisch gesinnten, kritisch denkenden Persönlichkeiten erzogen. Das ist sein Verdienst, und den spricht sie ihm nicht ab. Ihr Brief an ihn ist versöhnlich, mit Liebe geschrieben, denn Liebe schließt das Stellen unbequemer Fragen nicht aus. Im Gegenteil. Für das Interesse aneinander, für die Kraft, Wahrheiten auszuhalten, braucht es Zuneigung und Verständnis. Erst aus dem Verstehen heraus, warum Menschen wie gehandelt haben, kann der Mut wachsen, uns selbst zu positionieren und Entscheidungen zu treffen, heute und in Zukunft Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir heute kalte Füße kriegen, uns aus der Verantwortung stehlen, werden morgen unsere Kinder und Enkel Briefe schreiben wie Melandri an ihren Vater.

Ich hätte gern die deutsche Übersetzung gelesen, auch, um hier einfacher und direkter darüber schreiben zu können. Aber italienische Bücher lese ich ebenso gern im Original. Die beiden Cover gegenübergestellt, gefällt mir das der deutschen Ausgabe besonders. Und der Titel wurde zurecht wörtlich übersetzt. Da bräuchte die Übersetzerin gegen Ende des Buches gar nicht wie Melandri die englische Redensart „To get cold feet“ heranzuziehen. Schon im Deutschen liegt „Kalte Füße bekommen“ passend bereit, auch diese Bedeutungsebene des Titels zu erklären.  

Auf dem Buchrücken des italienischen Originals* steht ein Zitat aus „Ritorno col matto“ (Rückkehr mit dem Verrückten), das ich auch hier zum Abschluss zitieren möchte:

Vecchio mio, se non facciamo presto ad accendere il fuoco, qui moriamo tutti di freddo.

(Alter Freund, wenn wir nicht bald das Feuer anzünden, werden wir hier alle erfrieren.)

Ergänzt um die Frage der Autorin, an sich und uns:

E noi? Faremo in tempo, noi, ad accendere il fuoco?

(Und wir, werden wir das Feuer rechtzeitig anzünden?)

PS: Neulich trank ich auf dem Weihnachtsmarkt im Nachbarort bei den Alpini einen sehr guten Glühwein. Ich sagte ihnen nicht, dass ich den jährlichen Nationalen Gedenktag zu ihren Ehren am 26. Januar, im Jahr 2022 eingeführt, nicht feiern werde. Und hoffte bei mir, dass auch sie persönlich mit der Wahl von Tag und Anlass nicht einverstanden sind. Lasst uns die Alpini für ihr vielseitiges Engagement zu Friedenszeiten feiern, im Zivilschutz, im Katastrophenschutz. Ich hatte zu Zeiten der Pandemie meinen Termin in einem Impfstützpunkt, wo die netten Männer mit Feder am Hut das organisatorische Sagen hatten. Aber per Gesetz an ihr „Heldentum“ bei der Schlacht von Nikolaevka im zweiten Weltkrieg zu denken und diese in Zusammenhang zu setzen mit der Pflege von Werten wie der „Verteidigung der nationalen Souveränität“, ist eine schwer auszuhaltende Verklärung, man muss es Geschichtsrevisionismus nennen. (Der Gesetzestext zur Einführung des Gedenktages kann hier nachgelesen werden, in Italienisch.)

Zum Weiterhören: Francesca Melandri spricht im Interview mit Deutschlandfunk Kultur über ihr Buch „Kalte Füße“.

*Francesca Melandri, Piedi Freddi, Bompiani, August 2024 / **Francesca Melandri, Kalte Füße, Wagenbach, September 2024.

Hinweis: Die Übersetzungen der Zitate sind meine eigenen und nicht der deutschen Veröffentlichung entnommen.

Da Capo

Das neue Jahrtausend hatte gerade begonnen, die Welt war nicht untergegangen, aber in meinem Leben ging es drunter und drüber. Ich hatte es so gewollt. Aus meiner beschaulichen Leipziger Zweizimmerwohnung war ich im Januar 2001 in eine chaotische Hamburger Studenten-WG gezogen, um bei einer Zeitschriftenredaktion ein Praktikum zu machen. Ich hatte bei der Bank unbezahlt freigenommen und nicht viel mehr als sieben Sachen in einen Koffer gepackt. Meine Musica Italiana musste mit! Es gab in dem Zimmer, in dem ich wohnen würde, ein Radio mit CD-Player.

Mein damaliger Fidanzato (fester Freund) hatte mir gerade zu Weihnachten eine CD eines italienischen Musikers geschenkt. Michele Zarrillo, der Name sagte mir damals so wenig wie euch vermutlich heute. Diese CD kam in den Koffer, genau wie die von Nek und Laura Pausini, mit deren Liedern ich mich in ihre wunderbare Sprache hineinhörte und von Italien und der Liebe träumte. In kalten Hamburger Nächten, in denen ich vor Aufregung nicht schlafen konnte, weil ich an meine journalistischen Rechercheaufgaben dachte ‒ Wann erreiche ich die Standesbeamtin in Las Vegas endlich am Telefon und wird sie mir Brauchbares erzählen und auch ein ordentliches Foto von sich schicken? ‒ hörte ich „La notte dei pensieri“ (Die Nacht der Gedanken). Von den Gedanken in Zarrillos Liedern verstand ich wenig, aber dass von Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Hoffnung und Enttäuschung die Rede war, soviel schon. Musikalisch gefiel mir, was ich hörte. Wie poetisch die Texte waren, konnte ich damals nicht einschätzen. Jetzt, während Michele Zarrillos Konzert in Varese, kamen mir ein bisschen die Tränen bei „L’elefante e la farfalla“ (Der Elefant und der Schmetterling). Und zwar nicht, weil ich an ihn, meinen ersten italienischen Fidanzato, oder an meinen Mann, als er mir noch den Hof machte, oder an sonst etwas selbst Erlebtes dachte. Nein, dieser Song berührt, weckt Empathie über den eigenen Erlebnishorizont hinaus. Wie ein guter Film. Er erzählt von Gefühlen, die man nicht selbst erlebt haben muss, auf eine Art, dass sie nachvollziehbar werden. In diesem Fall ist es der Schmerz unerwiderter Liebe, den einer empfindet, der sich unzulänglich fühlt gegenüber der von ihm verehrten, in seinen Augen perfekten Person. Das ist kein Hitparaden-Pop, das ist zeitlose Kunst, verpackt in die Worte einer Fabel. Obwohl Zarrillo seine größten Erfolge vor dreißig Jahren feierte, legt er auch heute einen bravourösen Auftritt hin: allein am Klavier, inmitten der stimmungsvoll ausgeleuchteten Bühne und mit nach wie vor starker Stimme. Nein, damit hatte ich nicht gerechnet: dass an diesem Abend Emotionen hochkommen, einfach so und nicht aus selbstverliebter Nostalgie.  

Ich bin froh, dass ich das Konzert von Michele Zarrillo in unserem Stadttheater besucht habe. 2018 war bereits Nek in Varese zu Gast gewesen, mit dessen Liedtexten ich die ersten italienischen Worte und Redewendungen lernte. Jetzt fehlt mir aus der Reihe meiner frühen Idole nur noch Laura Pausini. Ich fürchte, dass die Diva der italienischen Popmusik nicht zu mir nach Varese kommen wird. Ich werde zu ihr, in eines der großen Stadien fahren müssen. Vor allem muss ich mich in ihrem Fall rechtzeitig um die Karten kümmern.

Im Jahr 2001 kehrte ich nach drei Monaten Praktikum in die Bank nach Leipzig zurück, aber nur für die vertragsgemäße Kündigungsfrist. Ich hatte meinen gutbezahlten, seriösen Banker-Job noch von Hamburg aus an den Nagel gehängt, denn ich wusste, dass ich meinem Herzen folgen musste. „L’amore vuole amore” (Die Liebe braucht Liebe). Auch die Liebe zum Schreiben braucht das Schreiben. Dass mein Weg ein halbes Jahr später nach Italien führte, war ein schöner Zufall und ein bisschen Schicksal. Und es war die italienische Musik, die mich dorthin begleitete.

Drin ist, was draufsteht?

Ich probiere gerne neue Rezepte aus. Vor allem, wenn andere sie kochen. Wie die fleißigen Küchenmitarbeiter*innen meines bevorzugten Supermarktes, der eine Auswahl an frisch gekochten Speisen anbietet. Für Faule wie mich oder Werktätige, die schlicht keine Zeit haben zum Kochen. Neulich gab es da etwas Neues, das mich reizte. „Calamarata“ stand auf der Verpackung. Das Ganze sah aus wie breite Tintenfischringe (italienisch: Calamari), gekocht in einer Soße. Warum nicht? Immer nur frittiert sollen die Teile gar nicht so gesund sein. Ich war mir meiner Sache sicher und verkündete der Tochter am nächsten Morgen, dass es zum Mittag Fisch geben würde. Fertig zum Warmmachen, ganz flexibel, wenn sie aus der Schule heimkäme.

„Also, die Calamari waren entweder absolut zerkocht, oder das waren gar keine“, berichtete sie mir am Nachmittag mit einem unterschwelligen Vorwurf in der Stimme. „Eigentlich schmeckte es wie Pasta mit Fischsoβe.“

Zunächst dachte ich, es handele sich um das übliche pubertäre Nörgeln. Aber mir kamen Zweifel, also schlug ich auf italienischen Seiten im großen Internet nach und tatsächlich: Calamarata ist eine in Kampanien beliebte Nudelart in Form von breiten Ringen. Es gibt Rezepte, da sind echte Tintenfischringe mit dabei, aber man bereitet sie auch mit einfacheren Fischsoβen zu.

Mich tröstete, dass zwei von drei später Befragten ebenfalls auf den Namen der Speise hereinfielen, nicht nur ich als Ausländerin. In einer Sprache, die mit dem Suffix „ata“ eigentlich immer beschreibt, was gegessen wird (Spaghettata, Castagnata, Polentata und die besonders beliebte Pizzata, ein Treffen mit Freunden in der Pizzeria), ist Calamarata definitiv eine Mogelpackung.  

Unverhofftes Lesevergnügen

Ich lese leidenschaftlich gerne und bekomme viele interessante Empfehlungen für deutschsprachige Literatur. Ein Dilemma, wenn man in Italien lebt. Zuletzt habe ich reihenweise Bücher bestellt, die nun dekorativ in der Schrankwand herumstehen. Dazu sind Bücher nicht gemacht, oder? Ich würde es schöner finden, wenn nicht ich sie regelmäßig abstauben müsste, sondern diese Sache automatisch vonstatten gehen würde, indem andere Menschen sie lesen. Einige Romane habe ich schon einer deutschen Freundin hier im Ort ausgeliehen, aber oft gehen unsere Vorlieben und Interessen auseinander. In ihrem Bücherschrank finde ich auch Nettes, zum Beispiel die auf dem Blog bereits vorgestellten Abenteuer einer Italienerin in München, die aktuellen Empfehlungen aus dem Schreibseminar oder dem Feuilleton eher nicht.

Zum Glück für alle Leseratten gibt es die segensreiche Erfindung Leihe. Seit auch meine Töchter lesen, sind wir in der örtlichen Bibliothek eingeschrieben. Ein Paradies. Man kann fast alles bestellen, lesen und wieder zurückbringen, damit es andere lesen können. Vollkommen kostenlos. Leider ist die Auswahl deutschsprachiger Bücher in unserer italienischen Provinzbibliothek begrenzt. Drei verschiedene Ausgaben von Goethes Faust und eine Handvoll ausrangierte Herz-Schmerz-Schmonzetten stehen dort zwischen einer etwas größeren Anzahl englischsprachiger Bücher herum. Ich lese auch in Italienisch, deutsche Literatur möchte ich aber gern im Original genießen.

Da kam es gerade recht, als mir unsere Große neulich ein Buch auf den Tisch legte. Mit den besten Grüßen von ihrer Deutschlehrerin am Gymnasium. Die hat es ihr extra für mich mitgegeben, sie weiß von meiner Herkunft. „Gucke mal Mami, kennst du diese Schriftstellerin?“, präsentierte meine Tochter die persönliche Leihgabe erwartungsvoll. „Sie ist nur ein Jahr älter als du.“ Nein, ich kannte sie nicht. Aber tatsächlich: Claudia Rusch ist Jahrgang 1971. Da ich im Februar 1972 geboren bin, besuchten wir dieselbe Klassenstufe. Auch sie machte im Sommer 1990 das letzte DDR-Abitur. Das weiß ich nach der Lektüre ihres Buches „Meine Freie Deutsche Jugend“, einer Reihe von Erzählungen, in denen Claudia Rusch von ihrem Schulabschluss und anderen einprägsamen Erinnerungen schreibt. In einer der Geschichten geht es um die Bekanntschaft ihrer Mutter mit einem italienischen Kommunisten, der regelmäßig Karten und Briefe schickte, die fast ebenso regelmäßig von der Stasi abgefangen und gelesen wurden. Wenn sie ankamen, bat die Briefträgerin ihre Mutter immer um die schöne Briefmarke. Diese Geschichte las ich direkt nach meinem Erlebnis im italienischen Postamt und musste grinsen, als ich mir vorstellte, dass heutzutage einer der Empfänger meiner Weihnachtsgrüβe die Briefmarke bewundern und ablösen würde. Briefmarkensammler, gibt es die eigentlich noch? Man könnte meinen: Keine Briefe, keine Briefmarken und keine Reisebeschränkungen, kein Fernweh. Früher, in der DDR, war Briefmarkensammeln ein weitverbreitetes Hobby. Ich behaupte, dass jedes Kind mindestens ein Album hatte. Ich erinnere mich gut an das transparente Papier und das Geräusch beim Umblättern genau wie an den süßlichen Geruch der abgelösten und getrockneten Marken. Aus Italien hatte ich damals keine.

Claudia Rusch mochte den Brieffreund ihrer Mutter sehr:

„Von da an schrieb Claudio meiner Mutter Briefe. Die schönsten der Welt. Er schrieb von den sieben Hügeln Roms, von der Sonne auf den Dächern der Stadt, den Plätzen, den Menschen, dem Tiber. Sie waren überschwänglich, romantisch und voller Leben.“ S. 32*

Manchmal kam der Italiener, der den gleichen Vornamen trug wie das ostdeutsche Mädchen, auch zu Besuch:

„Wenn wir zusammen spazieren gingen, trug er mich auf den Schultern, sang mir italienische Lieder vor und erzählte vom Land, in dem die Zitronen blühen. Meinetwegen hätte er gern mein neuer Papa werden können.“ S. 33*

Claudia Rusch, die im Umfeld der DDR-Bürgerrechtsbewegung aufwuchs, erzählt auf unterhaltsame Art von einer Kindheit zwischen Anpassung und Heimatliebe und dem Traum von einem anderen Leben irgendwo in der Ferne, am liebsten in Paris, wo es keine Einschränkungen der persönlichen Freiheit gäbe.

Ist es nicht nett, wenn jemand dir aus eigenen Stücken etwas leiht, das dich interessieren könnte? Danke, liebe Professoressa! Tatsächlich hatte ich von „Meine Freie Deutsche Jugend“ gehört, aber noch nie weiter nachgeforscht. Ob es auch an dem Titel liegt, der nicht zwangsläufig an klug geschriebene, berührende Literatur denken lässt? Möglich. Ich freue mich, dass ich dieses Missverständnis jetzt aus dem Weg geräumt und diese schöne Lektüre nachgeholt habe. Ich empfehle das Buch gern weiter. Fragt mal in eurer Bibliothek!

*Zitiert aus: Claudia Rusch: Meine Freie Deutsche Jugend, S. Fischer Verlag, 3. Auflage August 2003.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Freu dich auf den nächsten Gag!

Oder: Bauch-Beine-Po auf Italienisch

Mir tut alles weh, lamentiere ich freudestrahlend. Und das nun schon drei Wochen lang. Wie bitte? Ich habe Schmerzen und bin stolz darauf? Okay, nicht auf die Schmerzen. Die spüre ich nur, weil ich vollkommen eingerostet war. Ich bin stolz, wieder etwas für mich und meinen Körper zu tun. Vor drei Wochen ging ich das erste Mal zu einer abendlichen Fitnessstunde in die Turnhalle. Vorher steckte ich monatelang in einem schwer zu erklärenden Dilemma, gefangen zwischen Langeweile und Terminstress. Die Wochen verflogen immer schneller, die Tage zogen sich hin. Es fühlte sich an, als schleppte ich mich in einem langsamen Laufrad vorwärts. Die Termine waren leider nicht meine, höchstens mal einer beim Facharzt oder natürlich in Rosis Friseursalon. Die Termine in meinem Kalender waren die unserer Töchter. Sie gehen zum Gitarrenunterricht, zum Hip-Hop, zur Gesangsstunde, zum Tennis und ins Fitnesscenter. Das heißt, sie werden von mir mit dem Auto gebracht. Mein Mann geht zum 5-Kegel-Billard. Mal Training, mal Turnier. Er fährt sich allein dort hin und muss auch nicht abgeholt werden. Das wäre auch noch schöner, mitten in der Nacht.

Ich selbst hatte bis vor drei Wochen keine Termine. Bis zu dem Tag, an dem mir eine Freundin vorschlug, mit ihr zu Monis Aero-GAG zu gehen. Du musst auch mal raus, hatte sie festgestellt und damit recht. Ich weiß nicht, was diesmal anders war, hegte ich doch immer Vorurteile gegenüber Fitnesskursen. Vielleicht die innere Unzufriedenheit, die langsam bedenkliche Ausmaße annahm. Seit zwei Geburten, die letzte liegt 13 Jahre her, trieb ich keinen regelmäßigen Sport mehr oder nichts, das sich ehrlichen Gewissens als solcher bezeichnen ließ. Daheim bekomme ich gar nichts auf die Reihe, keine zehn Pferde bringen mich auf den Hometrainer oder zu Liegestützen auf den Boden. Eine Zeit lang versuchte ich es mit Joggen, aber im Sommer ist es dafür zu heiß und im Winter zu kalt. Später ging ich alle zwei Tage „sportlich“, das heißt zügigen Schrittes, spazieren. Diese halbherzigen Aktivitäten führte ich als Ausreden an, wenn einer fragte: Und du, machst du gar nichts? Ich steige Treppen, gab ich manchmal augenzwinkernd zur Antwort. Meine Ausreden funktionierten vor allem bei mir selbst. Vielleicht muss ich dazu erklären, dass ich als Kind und junge Frau ausgesprochen sportlich war. Ich tanzte. Auf der Bühne. Mein Anspruch war hoch, ich war beweglich und talentiert. Ich tanzte in der ersten Reihe, oft als Solistin. Nicht mehr mitzukommen, nicht mehr in Form zu sein – das war in den vergangenen Jahren wohl meine größte Angst. Mich nervte dieser omnipräsente Selbstoptimierungswahn, all die Bilder und Videos im Internet, in denen sich fotogene Athleten und Athletinnen in sexy Outfits zu Zumba, Samba und Kick-Boxing bewegen oder tiefenentspannt auf der Matte rekeln. Nein, das war nichts für mich. Alles hat seine Zeit, sagte ich mir, wenn ich mit Wehmut an meine Tänzerinnenvergangenheit dachte, und fristete weiter mein alternatives No-Sport-Dasein. Schreibtisch statt Laufband, Couch statt Yogamatte. Na und?!  

Nun also Aero-GAG. Aero steht für aerobes Training, also das zum Aus-der-Puste-Kommen, für den Kreislauf und (falls gewünscht) die Fettverbrennung. Und GAG, da gibt es gar nichts zu lachen: Gambe-Addominali-Glutei. Ihr sagt „Bauch-Beine-Po“, das klingt auch lustig. Erst ging ich nur zur Probe, ganz unverbindlich. Ich durfte sogar zweimal kostenlos probieren, aber ich war schon nach der ersten Stunde innerlich angekommen. Alles hat seine Zeit, ganz richtig. Die für schweißtreibendes und muskelaufbauendes Wohlfühl-Workout beginnt für mich jetzt. Statt eines anonymen Kurses bei irgendeinem Fitnessstudio steckt hinter Monis Aero-GAG das Angebot, sich zum Workout in der Turnhalle und im Sommer auch im Freien zu treffen, gemeinsam zu Fitness-Events zu fahren, an Benefizveranstaltungen mitzuwirken und sicher noch anderes, wovon ich erst noch erfahren werde. Mit italienischer Popmusik und ihrer sympathischen und motivierenden Art hatte mich Trainerin Monica, Moni, sofort. Jetzt weiβ ich: Es war nicht das tänzerische Können, die akrobatische Klasse, die ich im Rückblick vermisste, es war die Freude, die ich beim Tanzen mit den anderen Mädchen gehabt hatte. Nun bin ich Teil einer Gruppe, die bunter und entspannter nicht sein könnte: Frauen aller Altersklassen und Kleidergröβen. Jede gibt alles, turnt, wie sie kann.

Vi faccio sudare e divertire!“ (Bei mir schwitzt ihr und habt Spaß dabei!) Monis Ansage irritierte mich. Was sollte an anstrengendem Muskeltraining „divertente“, lustig sein? Wie sollte das Abstrampeln Spaß machen? Aber es funktioniert! Für mich und die Kursteilnehmerinnen in meinem Alter würde ich sagen: Es ist die Leichtigkeit des Ü-50-Seins, die uns trägt. Wir haben gelernt, zu lachen, auch wenn es weh tut. Und die „Bella Figura“, die machen wir im Kopf. Mit Anfang 40 ging ich ein paar Monate zu Pilates, das habe ich eingangs nicht erwähnt. Aus gutem Grund, denn ich hatte es als langweilig und anstrengend empfunden. Mein Bauchgefühl hatte nicht gestimmt. Und als mir einmal eine Mitturnerin zur Schwangerschaft gratulierte, verflog auch mein letztes bisschen Enthusiasmus. Das wollte ich mir nicht mehr antun und zog mich in Schlabberklamotten in meine Komfortzone zurück.

Was das mit dem Bauch eigentlich war, darauf kam ich erst Jahre nach der zweiten Schwangerschaft, die so ausladend gewesen war, dass mich alle fragten, ob ich Zwillinge erwartete. Ausladend allerdings nur nach vorne. Von hinten erkannte kein Mensch, dass ich im neunten Monat war. Meine kaum trainierten Bauchmuskeln gaben unter diesem Druck vollkommen den Geist auf und dachten nach der Geburt nicht im Entferntesten daran, sich selbst wieder in Stellung zu rücken. Wenn die Bauchdecke so extrem gedehnt wird, kommt es häufig ‒ darüber spricht man heutzutage endlich ‒ zu einer sogenannten Rektusdiastase. Ich erinnere mich daran, wie es schmerzte, mein Kind auf dem Arm zu tragen, weil es dabei auf den Oberbauch drückte. Manchmal ist dieses Auseinanderklaffen der geraden Bauchmuskeln so schlimm, dass zu einer Operation geraten wird. Normalerweise hilft das richtige Training. Das richtige, hier liegt der Knackpunkt. Als ich las, dass man verdammt viel falsch machen kann und mit Sit-ups und ähnlichen Übungen die Situation eher verschlimmert, gab das meinem inneren Schweinhund nur zusätzlich Futter. Nicht alle Trainer*innen (ich fragte damals beim Pilates und im Fitnessstudio) kennen sich mit dieser Problematik aus. Für mich lag der Schluss nahe: Lieber gar nichts, als etwas falsch machen. Auch diesmal, vor der ersten Runde Aero-GAG, schrillten meine altbewährten Alarmglocken. Mehrmals musste ich mir gedanklich in den Hintern treten, das Problem endlich anzugehen. Ich suchte mir eine Physiotherapeutin und ließ mich untersuchen und beraten. Zum Glück ist meine Diastase nur gering, das wahre Problem sind ‒ ich hatte es geahnt ‒ die schlaffen queren Bauchmuskeln darunter. Die Physiotherapeutin zeigte mir, was ich zunächst machen soll und was nicht oder erst später. Und das werde ich jetzt. Jeden Morgen vor dem Aufstehen die Atemübungen mit Muskelkontraktion (die queren), und am Abend nochmal fünf Minuten die Beine dazu. Vielleicht sogar zehn. Das sollte machbar sein.

Jeden Montag und Mittwoch schwitze ich nun am Abend beim Aero-GAG und habe Spaß. Man kann mit sportlicher Bewegung auch mentale Anspannung abbauen und Sorgen runterdimensionieren, da haben die Sportpsychologen recht. Allein Joggen zu gehen war nicht das Richtige für mich. Ich brauche Gemeinschaft. Statt daheim auf der Couch mit dem Alltagstrott oder gar dem Leben im Allgemeinen zu hadern, gehe ich nun raus und lasse mich von einer gesunden Gruppendynamik mitreißen. „Sport for body and mind“, lautet Monis Motto. Das unterschreibe ich gern. Schade, dass wir uns nur zweimal die Woche treffen. Ich würde gern ein drittes Mal gehen. Aero-GAG passt wunderbar in meinen Terminkalender. Die Woche wird länger und die Tage kürzer. Ich weiß, das klingt verrückt. Aber so fühlt es sich an. Und das Beste: Endlich kann ich zu der Musik, die ich in meinem Autoradio am liebsten höre und dabei stillsitzen muss, mal richtig die Sau rauslassen.

Ein paar Kostproben für die Ohren (und Beine) gefällig?

Hier geht die Post ab:

Und fürs anschließende Stretching etwas romantisch Melancholisches:

Weihnachtspost für Europa

Ein Post? Nein, Post. Briefe und Karten … ihr erinnert euch? Bevor man sie in einen Briefkasten steckt, muss eine Marke drauf. Und zwar die richtige.

Neulich musste ich ins Postamt. Ein Einschreiben war gekommen und ich nicht dagewesen. So ist das immer. Man geht für eine halbe Stunde aus dem Haus und zack, steht der Briefträger vor der Tür. Da es sich um eine neue Kreditkarte und nicht etwa einen Strafzettel handelte, handelte ich schnell und zögerte den lästigen Besuch im Postamt nicht lange hinaus. Nun bin ich praktisch veranlagt und sehe immer zu, dass ich das Nötige mit dem Sinnvollen verbinde. Also beschloss ich, nach Briefmarken zu fragen, während ich auf das Aufleuchten meiner Nummer über einem der vier Schalter wartete. Briefmarken brauche ich hin und wieder, da ich es nicht lassen kann, zu Geburtstagen und Weihnachten analoge, handschriftliche Grüße zu versenden. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an meinen Artikel vor zweieinhalb Jahren, in dem ich das Abenteuer Briefmarkenkauf im italienischen Postamt beschrieb. Jetzt kann ich bestätigen, dass sich seither nichts geändert hat.

Die erste Reaktion des Schalterbeamten auf mein Anliegen, Briefmarken kaufen zu wollen, kenne ich nur allzu gut:

„Briefmarken?“ Pause. „Sie meinen, Sie haben einen Brief dabei und wollen ihn aufgeben?“

Auch ich spule meinen Standardsatz ab: „Nein, ich möchte Briefmarken kaufen, um dann die Briefe in einen Kasten zu werfen.“

„Wie viele Briefmarken denn?“

„Zehn Stück?!“

Der Postbeamte scheint nachzudenken, dann fragt er: „Für welches Bestimmungsland?“

„Deutschland“, erwidere ich hoffnungsvoll. „Oder sagen wir: Europa.“

Der Beamte nickt, jetzt hat er mich: „Europa sagen Sie, aber so einfach ist das nicht, für die Schweiz gibt es andere Tarife.“

„Nein, nicht für die Schweiz. Sagen wir also besser: Europäische Union.“ Ich bleibe stur, ohne Briefmarken gehe ich nicht nach Hause.

„Aha, dann also die für 1,30 Euro. Ich bin nicht sicher, ob wir welche haben. Da muss meine Kollegin erst nachsehen.“

„Ja bitte!“ Ich bestehe darauf, auch wenn ich sehe, dass die Kollegin, die nachsehen soll, nicht begeistert aussieht. Sie hatte es so schön an ihrem Schalter ohne Kunden.

Ich werde gebeten, gegenüber zu warten und öffne gerade die oberen Jackenknöpfe, da kommt die Beauftragte schneller als erwartet wieder und wedelt erschöpft mit den Briefmarken. „Nach diesen zehn Stück hier haben wir nur noch vier.“ Ich spiele mit dem Gedanken, mir die restlichen vier auch noch geben zu lassen, aber dann müsste sie nochmal zurücklaufen und ich will mich nicht unbeliebt machen. Außerdem dauert es nun noch, bis die Prozedur des Buchens und Bezahlens abgearbeitet ist.

Während der Schalterbeamte seines Amtes waltet, inspiziere ich meine Beute und stelle fest, dass es Anlass-Briefmarken sind. „Buon Natale!“, perfekt! Ich nehme es als Wink mit dem Zaunpfahl und tatsächlich gibt es am nächsten Tag in meinem Supermarkt auch schon die Weihnachtskarten von UNICEF, die ich am liebsten kaufe. Da es nicht nur die Postbeamten am Schalter, sondern auch ihre Kollegen im Versand gerne langsam angehen, schreibe ich meine Festtagsgrüße Mitte November. So kann ich (vielleicht) hoffen, dass sie rechtzeitig eintreffen. Bis Weihnachten. 2024.

PS: Ich möchte die Italiener nicht einseitig ins schlechte Licht rücken. Meine deutsche Verwandtschaft meint, es könne auch an ihren Austrägern liegen, dass meine Glückwünsche meist Tage oder Wochen verspätet eintrudeln.

PPS: Ich schicke auch eine Karte ins Vereinigte Königreich. Die gehören ja gar nicht mehr zur Europäischen Union. Hoffentlich passt das Porto trotzdem. Ich konnte am Schalter beim besten Willen nicht riskieren, eine diesbezügliche Diskussion anzufangen, wenn ich zu meinen Briefmarken kommen wollte.

Alexanderplatz

Kommt ein Italiener auf den Berliner Alexanderplatz … nein, ich erzähle euch keinen Witz. Man sagt tatsächlich, dass zumindest die älteren Jahrgänge italienischer Touristen, wenn sie das berühmte Pflaster in Berlin Mitte betreten, dasselbe vor sich hinmurmeln bzw. summen: „Auf Wiedersehen!“ Nun könnte man meinen, es handelt sich nur um eine falsche Übersetzung und sie würden eigentlich „Hallo!“ oder „Guten Tag!“ sagen wollen. Schließlich gilt bei ihnen „Ciao!“ als Grußformel für die Begegnung genau wie für den Abschied. Doch so ist es nicht. Solltet ihr einmal Zeuge einer solchen Szene werden, wisst ihr, dass der italienische Berlinbesucher in Gedanken ein Lied singt: Alexanderplatz von Milva. Da heißt es nämlich im Refrain: Alexanderplatz, Auf Wiedersehen!

Als ich Kind war, gab es zwei Sängerinnen aus dem kapitalistischen Ausland, die im DDR-Fernsehen auftreten durften und mich mit ihrem exotischen Aussehen beeindruckten (Sandra Mo war ja keine Ausländerin). Die eine groß und blond, manchmal mit langen schwarzen Handschuhen und immer männlich tiefer Stimme: Amanda Lear. Die andere eine wahre Diva mit leuchtend roter Mähne und so kraftvoller wie sinnlicher Stimme: Milva. Eine Italienerin, die zum Frauenbild meines Landes passte, verkörperte sie doch den Inbegriff einer selbstbewussten Persönlichkeit, die weiß, was sie will und wo sie steht. Nicht am Herd, soviel war klar. Ihren Beinamen „La Rossa“ trug Milva (bürgerlich: Maria Ilva Biolcati) nicht nur wegen der beeindruckenden Haarfarbe, sondern auch wegen ihres politisch links orientierten, antifaschistischen Engagements. Obwohl die Tochter aus einfachsten Verhältnissen in Italien mit Schlagern und Chansons und nicht zuletzt ihren Brecht-Interpretationen am Mailander Theater unter Regisseur Giorgio Strehler bekannt war, genoss sie noch größeren Erfolg im Ausland, ganz besonders in Deutschland. Milva sang in fast akzentfreiem Deutsch. Ihr „Hurra, wir leben noch“ hatte ich als kleines Mädchen, das leider oft zum Zahnarzt musste, zu meiner Tapferkeitshymne gewählt.

Als ich viele Jahre später hier in Italien mit meinem Mann die Künstler und Künstlerinnen durchging, die wir auch in der DDR kannten, Namen wie Adriano Celentano, Gianna Nannini, Ricchi e Poveri, kam ich auf die Sängerin mit den roten Haaren. Mein Mann war überzeugt, ich müsse auch ihr berühmtes Lied „Alexanderplatz“ kennen, in dem es um das graue, trostlose Leben in Ostberlin im Schatten der Mauer geht. Der Text des bedeutenden Komponisten, Sängers und Liedermachers Franco Battiato handelt von einer Frau, die sich freiwillig aus dem Westen oder Süden, aus ideologischen Gründen oder der Liebe wegen – der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt – für ein Leben in Ostdeutschland entschieden hat und die dort mit Augenringen dem dunklen, kalten Winter und der düsteren Atmosphäre, einem menschenunfreundlichen Leben trotzt, sich immer der Nähe der Berliner Mauer bewusst, die sie in vier Schritten zwar erreichen aber nicht überwinden kann.

Ti vedo stanca, hai le borse sotto gli occhi
Come ti trovi a Berlino Est?

(Du siehst müde aus, hast Schatten unter den Augen. Wie geht es dir in Ost-Berlin?)

Ich hörte das Musikstück zum ersten Mal und spürte sofort die Emotionen, die Milvas ausdrucksstarke Stimme und Interpretation weckten. Verständlich, dass mein Mann davon gerührt war. Ich informierte mich und fand mehr heraus: Ursprünglich 1982 aufgenommen, erlangte „Alexanderplatz“ im Jahr 1990 in Italien noch einmal eine neue Popularität, als die Künstlerin ihr Lied Unter den Linden vor dem Brandenburger Tor sang, in Direktschalte zur Fernsehsendung „Europa, Europa“ bei Rai Uno. Jetzt gab es die Berliner Mauer, das Symbol des kalten Krieges und der unüberwindlichen Grenzen nicht mehr und auch in Italien machte sich eine Euphorie des Aufbruchs und der Glaube an ein neues, friedliches Europa breit.

Mittlerweile sind 35 Jahre seit dem Mauerfall vergangen, um Europa steht es ausgesprochen schlecht und der Alexanderplatz ist nicht mehr das belebte und beliebte Zentrum von Ostberlin, sondern eine ewige Baustelle, geprägt von Verkehrschaos, Gestank, Drogenkonsum und Obdachlosen. So berichtete es auch unsere Tochter, mit ihren 17 Jahren jetzt genauso alt wie ich im Herbst 1989, nach einem Monat Erasmus-Programm, von dem sie Anfang Oktober begeistert und mit überwiegend positiven Eindrücken aus der deutschen Hauptstadt zurückkam. Sicher sind nicht wenige Italiener enttäuscht von dem berühmten Platz, den man als Berlin-Tourist gesehen haben muss und den Milva in ihrer unsterblichen Hymne besang. Aber die Freiheit, die man in den 80er-Jahren zurecht vermisste, hatte ihren Preis. Im Osten Berlins gab es keine bunte Werbung und weniger Leuchtreklame, aber das Leben war deshalb nicht grau. Das sind Ambivalenzen, die zeitgeschichtliche Veränderungen mit sich bringen und mit denen sich alle schwer tun, für die es nur schwarz oder weiß geben kann. Ich habe vor ein paar Tagen in der ARD-Mediathek noch einmal „Good Bye, Lenin!“ gesehen, den Film, der all das Humorvolle und Tragische, die menschlichen Dimensionen des Umbruchs so genial auf die Leinwand brachte.

Und was diesen einen, vielzitierten Ort in Berlin betrifft, mit dem für mich viele persönliche Erinnerungen verbunden sind, sage ich mit unverbesserlicher (N)ostalgie: Alexanderplatz, Auf Wiedersehen!

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