Antiquitäten und andere Sachen

Ich fürchte, ich habe eine Phobie. Und zwar eine, die nicht unter den „zehn häufigsten“ aufgeführt und hinreichend bekannt ist. Vielleicht habe ich mich auch deshalb all die Jahre schwer damit getan, mein Leiden als Phobie zu bezeichnen. Ich nenne sie hier mal, meiner psychologischen Unkenntnis geschuldet, Sachenphobie. Sachen nicht im Sinne von Kleidung, sondern von Dingen. Nützliche, überflüssige, dekorative, unansehnliche, praktische, lästige, große und kleine Dinge. Dinge, die sich im Laufe der Jahre in einem vierköpfigen Haushalt ansammeln. Zuallererst stört mich der Kram, der herumliegt. Das ist in der Regel nicht meiner, den könnte ich ja einfach aufräumen. Es handelt sich um Kram der anderen drei Mitbewohner*innen, die es mit dem Aufräumen nicht so haben. Aber bleiben wir bei mir selbst, der Kram der anderen liegt leider in meinem Wohn-, aber außerhalb meines Einflussbereiches. Mich selbst begeistert die Idee des Minimalismus. Manchmal denke ich, dass ich am liebsten in einer kleinen Pension aus zwei Koffern leben würde. In einem meine Sommer-, im anderen die Wintersachen. Dazu ein Laptop, was zum Schreiben. Bücher aus der Bibliothek. Und eigene Exemplare, von denen ich mich nicht trennen möchte. Aber das mit den Büchern im Schrank ist schon wieder ein anderes Problem und um das zu lösen, würde ich gerne irgendwann ein Büchercafé eröffnen.

Die Sachenphobie bereitet mir vor allem im Hinblick auf einen potenziellen Umzug Kopfzerbrechen. Nachdem ich im Alter von 23 Jahren das elterliche Nest verließ, bin ich in Deutschland und Italien insgesamt viermal umgezogen, die ersten Monate in Italien nicht dazugerechnet, in denen ich tatsächlich aus dem Koffer lebte und auch ein paar Mal die Unterkunft wechselte. Einen Umzug kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Ich würde es mental nicht hinkriegen. Sobald ich irgendwo aufräumen oder ausmisten will, blockiert mein Gehirn und ich verfalle in eine Art depressive Starre. So viel Zeit habe ich gar nicht, wie ich hin und her überlege, ob ich etwas behalten oder weggeben soll und wenn weggeben, wohin. Im Falle eines Umzuges müsste ich die paar Dinge zusammensuchen, die ich definitiv benötige, und dann einen Entrümpelungsservice rufen. Nicht mehr dran denken, nicht mehr hinschauen. Machen lassen. Sollen andere entscheiden, was auf den Müll (oder besser Wertstoffhof) gehört, und was noch Verwendung finden soll.

Mein mentales Problem mit Gegenständen zeigt sich auch daran, dass ich um Flohmärkte einen großen Bogen mache. Ich kann die Begeisterung der Sammler nicht nachvollziehen. Aber vor allem tut es mir leid für die, die tagein tagaus und bei jedem Wetter ihre hundert Dinge auspacken und aufstellen, um sie dann am Abend wieder in den Kisten verschwinden zu lassen. Mir blutet das Herz, aber ich kann ihnen nicht helfen, nichts abkaufen, denn ich habe ja selbst (gefühlt) zu viel. Ich müsste auch einen Stand aufbauen, um all die Sachen, die ich nicht wirklich brauche und die mir durch ihre pure Anwesenheit Magenschmerzen und Kopfzerbrechen bescheren, loszuwerden. Denn wegwerfen kann ich so gut wie gar nichts. Bei uns in Italien oder zumindest da, wo ich wohne, gibt es auch nicht diesen neumodischen Trend, altmodische Gegenstände einfach auf die Straße zu stellen, zum Mitnehmen.  

Aus all diesen Gründen mag ich grundsätzlich auch keine Museen, in denen nicht Kunst oder Wissenschaft, sondern Dinge ausgestellt sind. Dass ich neulich Casa Macchi in Morazzone unweit Varese besuchte, ist der netten Einladung der Freundin einer Freundin geschuldet, die als Volontärin Gäste durch das Landhaus führt. Und wisst ihr was? Es war ein wunderbares Erlebnis und ich kann es nur weiterempfehlen, falls ihr mal bei uns in der Nähe seid. Casa Macchi war Heim und Sommersitz einer bürgerlichen lombardischen Familie, wohlhabend, aber nicht reich, ein Haus, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Ende des 19. Jahrhunderts von den Großeltern so eingerichtet, wie es heute noch fast identisch zu sehen ist, wurde das Haus von der Enkelin in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verlassen. Eines Tages ging sie aus dem Haus und schloss die Tür hinter sich, die Moka stand noch auf dem Herd.  In ihrem Testament überschrieb sie ihren Besitz 2015 dem FAI (Fondo Ambiente Italiano, gemeinnützige Stiftung für Denkmalpflege und Naturschutz), deren Mitarbeiter sich an die Wiederherstellung des vorgefundenen Zustandes machten und alles liebevoll putzten, reparierten und genauso wieder einräumten, wie man das Haus vorgefunden hatte. Keine spektakulär wertvollen oder seltenen Gegenstände wie in den Königs- oder Adelshäusern, aber viele kuriose Details zeichnen das Leben, wie es einmal war. Am Tag nach dem Besuch hatte ich noch diesen feinen Geruch in der Nase. Nach Omas guter Stube, aber ohne den frischen Duft nach Sonntagsbraten oder Kaffee und Kuchen. Nur diese Schicht Duft, die darunter liegt, unter dem täglichen Leben. Ein Geruch wie in Secondhandläden. Die Bewohner des Hauses Macchi konservierten und pflegten ihre Dinge. Penibel wie Buchhalter hielten die Frauen alle Objekte des Corredo, der Aussteuer, genau fest. Auf einem offiziellen Papier mit Steuermarke: Position, Bezeichnung, Wert.

Ich denke, es war einfacher, Dinge wertzuschätzen, als es weniger von ihnen gab. Als sie von besserer Qualität und haltbarer waren. Aus oben beschrieben mentalen Gründen vermeide ich es, in meinem Ort in die Schaufenster eines Geschäftes zu schauen, das vor etwa einem Jahr eröffnet hat. „Come una volta“ (Wie es einmal war) ist sein Name. Da bietet jemand die feinen Gegenstände von Haushaltsauflösungen Verstorbener an. Das finde ich schön und traurig zugleich. Auch ich habe das gute Geschirr der Eltern und Großeltern meines Mannes und ein paar Stücke Tisch- und Bettwäsche mit feiner Stickerei oder Spitze noch im Schrank. Ich nutze sie nicht. Sie passen nicht in unsere moderne Einrichtung, aber vor allem mag ich es bügelfrei. Apropos: Eine Garnitur bügelfreie Bettwäsche, die meine Eltern zu ihrer Silberhochzeit 1979 geschenkt bekommen hatten, ist noch tipptopp und hin und wieder bei uns im Dienst. Auch meine Eltern hoben alles auf. Sie wussten nie, ob sie die Dinge noch gebrauchen könnten. Nur meine Kinderbücher haben sie beim letzten Umzug weggegeben. Schade, die hätte ich später für meine eigenen Kinder gerne gehabt. So ist das mit den Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Bin ich deshalb so unentschlossen? Wegen dieser kleinen Verluste? Ganz gewiss spielen auch die Erfahrungen der Eltern eine Rolle. Die meines Vaters zum Beispiel, dessen Mutter bei der Umsiedlung 1945 aus Schlesien nur ein paar Taschen voller Habseligkeiten mitnehmen konnte.

Dabei liebe ich alte Dinge. Ein paar geerbte Gegenstände nutze ich sogar und sie verursachen mir weder Bauch- noch Kopfschmerzen. Praktische und zeitlose Dinge für die Ewigkeit, wie das Besteck meiner Oma aus Berlin Adlershof. Oder ihre Gläser und Kompottschüsseln. Auch in Casa Macchi gab es eine Vitrine mit allen Arten von Kristall zu bestaunen. Für jedes Getränk ein bestimmtes Glas. Heute, bedauern meine Freundinnen, hätten sie selbst nur Mehrzweckgläser eines Schwedischen Möbelhauses. In meiner modernen Vitrine stehen auch alte, wunderschöne Gläser verschiedenster Art, zum Beispiel hauchzarte, goldgelbe Kognakschwenker, ich schätze aus den 60er-Jahren. Es sind nur noch fünf. Das sechste Glas ziert vielleicht immer noch einen kalabrischen Glasschrank im Haus meiner Ex-Schwiegermutter. Sie hatte einen feinen Blick für das Besondere und mir eins abgeluchst. Dieser Gedanke gefällt mir und versöhnt mich: Dinge sollen einen Zweck erfüllen. Und wenn es der ist, Designverliebte glücklich zu machen.

PS: Roswitha aus Berlin macht sich auf ihrem Blog ähnliche Gedanken.

Titelfoto: Blick in eine der Küchen in Casa Macchi. Hinten auf dem Herd die Moka.

Die Glücksfrage

Kann man heutzutage glücklich sein? Gute Frage! Kann ein Vortrag dazu Antworten liefern? Noch bessere Frage. Als ich den Aushang weiterlas und sah, dass es sich um ein Gespräch mit einem bekannten Schriftsteller handelt, war mein Interesse geweckt. Ein Abend am Vareser Theater, nichts wie hin! Erst wollte ich allein gehen und bat meinen Mann, mich zu vorgerückter Stunde abzuholen. Bis mir die Idee kam, ihn einfach mitzunehmen. Schließlich richtete sich der Abend nicht an literaturinteressierte Damen, sondern an Eltern und Lehrer. Es würde vermutlich um das Glücklichsein der Kinder gehen. Glückliche Kinder, glückliche Eltern. Oder war es andersherum? Ich bin Anhänger der Theorie, dass Eltern, die nicht glücklich sind, auch keine glücklichen Kinder haben können. Aber ich weiß nur allzu gut, dass auch das Unglück der Kinder den Eltern auf den Magen schlagen kann. Wie man es auch dreht, es bleibt die Frage nach der Henne und dem Ei.   

Ich war gespannt auf den Abend und überzeugt, er würde uns als Eltern und auch sonst weiterbringen. Die Besucher schienen überwiegend Lehrkräfte zu sein. Eltern waren kaum gekommen. An die war auch keine Einladung herausgegangen, zumindest nicht über die Schulen unserer Mädchen. Ich hatte den Aushang eher zufällig in der Bibliothek entdeckt. Hatten wir uns etwa in eine Weiterbildungsveranstaltung geschummelt? Nach fünfzehn akademischen Minuten und den unvermeidlichen Vorreden der Veranstalter sprach endlich er: Daniele Mencarelli. Italienischer Schriftsteller des Jahrgangs 74, der bereits als Dichter bekannt war, bevor er 2018 seinen ersten Roman veröffentlichte. Zwei Jahre später gewann er mit dem zweiten Roman u.a. den renommierten Buchpreis Premio Strega Giovani.

Ich war also ganz Ohr und hatte sogar meine Brille aufgesetzt. Mit der sah ich die Bühne und den Protagonisten besser und konnte gleichzeitig einen intellektuellen Eindruck machen. Mein Mann hatte nicht vorgesorgt. Er nickte nach wenigen Sätzen ein und ich sah schnell davon ab, ihn wachhalten zu wollen. Das ständige Anschubsen hätte bei den Sitznachbarn erst recht Aufmerksamkeit provoziert. Diesmal konnte ich dem Gatten nur aus Prinzip böse sein. Ich verstand, dass ihn der Redner nicht vom Stuhl riss. Es war anstrengend (trotz Brille), seinen Formulierungen zu folgen. Selbst für mich, die ich doch aus eigenem Antrieb und nicht gezwungenermaßen gekommen war. Doch ich hielt durch und Augen und Ohren offen. Ein paar Gedanken habe ich mitgenommen, eher philosophischer Natur als direkt umsetzbar. Glück, das sei weder ein zu erreichendes Ziel noch ein anhaltender Zustand. Es könne sich höchstens um einzelne Momente handeln, um Augenblicke wie ein Wetterleuchten. Statt des sogenannten Glücks kommt es im Leben vielmehr auf Salvezza an, auf Erlösung, Rettung. Und die erfahren wir, indem wir uns der Rettung anderer annehmen, die Schönheit auch im Entstellten sehen, den Menschen ins Herz blicken, ohne vor unserer eigenen Courage zurückzuschrecken. Mencarelli war als Jugendlicher wegen mentaler Probleme, Alkohol- und Drogenabhängigkeit in psychiatrischer Behandlung. Er fand seine Erlösung in der Poesie und fing selbst an, Gedichte zu schreiben. Ihm wurde klar, dass die Dichter längst vergangener Epochen ähnlich empfunden hatten wie er, den Abgründen und der eigenen Zerbrechlichkeit, aber auch dem Mut zum Leben Worte verliehen hatten. Seitdem spricht er von ihnen als seinen Brüdern. Seelenverwandte zu finden und sich nicht mehr allein zu fühlen, bedeutet für ihn Salvezza.

Ich resümiere: Schreiben und Lesen als Rettungsanker. Verbindung zueinander aufnehmen über das geschriebene Wort. Erfahrungen festhalten, um sie anderen zugänglich zu machen. Das alles sind Gedanken, denen ich folge, mit denen ich mich identifizieren kann. Auf den Roman „Tutto chiede salvezza“ *, in dem Mencarelli seinen eigenen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik verarbeitet und für den er 2020 mit dem Premio Strega Giovani ausgezeichnet wurde, bin ich neugierig geworden.

Ob die Lehrkräfte erleuchtet nachhause gegangen sind? Vielleicht hatten sie die Titelfrage des Abends nicht als ein Versprechen auf praktische Antworten gesehen. Ich denke, für viele war es mehr die Neugier auf den Poeten und Schriftsteller gewesen, eine Gelegenheit, ihn live zu hören, noch dazu kostenlos. Ich hatte viele Fragen an ihn erwartet, aber kein einziger Arm ging hoch, als am Ende die Möglichkeit dazu bestand. Der Saal lehrte sich schnell. Es war sehr spät und am nächsten Tag wieder Schule. Auch mein Mann war flotten Fußes zum Ausgang geeilt und so verzichtete ich darauf, noch auf den Buchverkauf und ein Autogramm zu warten.

Den prämierten Titel werde ich mir demnächst in der Bibliothek ausleihen. Er hat ja nicht ohne Grund den Preis der jungen Jury beim Premio Strega bekommen. Die Jugendlichen in Varese übrigens, zu denen der Autor am Vormittag desselben Tages gesprochen hatte, waren interessierter gewesen, hatten viele Fragen gestellt. Ich bin gespannt, welche Antworten ‒ vielleicht auch für uns Eltern ‒ sein Roman liefert.

*In deutscher Ausgabe mit dem Titel „Für die Kämpfer, für die Verrückten“ bei S. Fischer erschienen. Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Feierlichkeiten

Ecco la sua torta! (Hier ist Ihre Torte!) Ah, va bene, stammele ich kurz angebunden. In meinem Kopf dreht das mütterliche Sorgenkarussell Extrarunden. So klein? Die wird niemals reichen! Wir riskieren eine Brutta Figura. Unsere Tochter, ohnehin aufgeregt vor ihrer Geburtstagsparty, wird enttäuscht sein. Aber es ist zu spät, die Torte ist gebacken. Ich bezahle und trage den Karton, in dem sie mir noch kleiner vorkommt, direkt an den Ort der Feierlichkeit. Zuhause grübele ich weiter und spiele die längst verpasste Gelegenheit noch einmal durch. Ich hätte eine Stunde vor Ladenschluss fragen können, ob sie nicht auf die Schnelle noch eine Teigschicht unterschieben können. Ich hätte mich auf das Foto berufen sollen, das ich ihnen geschickt hatte. Die Torte kam der Wunschvorstellung optisch sehr nahe, war aber nur halb so hoch. Sie wären mir vermutlich damit gekommen, dass ich doch die Gästezahl definiert hätte und alles richtig kalkuliert sei. Okay, okay. Aber ich war davon ausgegangen, dass Geschäftsleute eher großzügig rechnen, schließlich soll die Kasse klingeln. So war es uns in einem anderen Tortenfall passiert, noch einmal wollte ich mich nicht über den Tisch ziehen lassen. Ich hatte die Rechnung ohne den Bäcker gemacht. Diesmal war ich an einen ehrlichen geraten. Wie hätte ich mich beschweren sollen, vielleicht so: „Spinnen Sie? Ich war davon ausgegangen, dass Sie die Torte gröβer backen, um mehr zu verdienen, und Sie halten sich genau an die Bestellung? Was fällt Ihnen ein?“

Um mich abzulenken von dem, was nicht mehr zu ändern ist, gehe ich in den Keller und suche in alten Unterlagen nach einem Dokument. Wie so oft, sucht man nach dem einen und findet etwas anderes. Mir fällt ein unscheinbares Einsteck-Fotoalbum in die Hände. Darin Schwarz-Weiß-Abzüge, manche davon durch die jahrelange Feuchtigkeit schon leicht vergilbt. Gleich obenauf das Foto einer Geburtstagsfeier. Auf einem Wohnzimmertisch steht eine selbstgebackene Torte mit einer Kerze darauf. Ich glaube, es war ein fünfter Geburtstag. Der Nachbarsjunge, mein Kindergartenkamerad und erste kleine Liebe, hatte mich und einen Freund eingeladen, vielleicht noch ein viertes Kind, auf dem Foto sind nur wir drei zu sehen. Wir luden damals immer nur die besten Freunde ein. Zu uns nach Hause. In der Grundschule unserer Töchter in Italien gab es die Anweisung, Geburtstagseinladungen, die nicht für die ganze Klasse waren, draußen vor der Schule zu verteilen. Damit es nicht auffiel und sich kein Kind ausgeschlossen fühle. Im Schnitt hatte eine Klasse dreiundzwanzig Schüler. Tatsächlich gaben nicht wenige Eltern große Partys in gemieteten Räumen mit Animation, Buffet und allem Pipapo. Ich schaue mir unsere kleine Runde und insbesondere den niedlichen Jungen von damals an, lächle und blättere weiter. Ein paar Bilder von der Klassenfahrt mit sechzehn, der erste Freund, und dann: mein 18. Geburtstag. Die Party im Freundeskreis. Wir waren drei Pärchen und feierten unsere Geburtstage im Kinderzimmer. Wir aßen etwas und tranken etwas mehr, quatschten, spielten Karten oder Gesellschaftsspiele, alberten herum. Die Fotos, Schnappschüsse meist, erzählen davon. Ich feierte meinen Achtzehnten bei der Freundin, die eine Straße weiter wohnte und deren Zimmer größer war als meins. Sie war damals neunzehn und heiratete ihren Verlobten noch im selben Jahr. So war das bei uns im Osten, kurz nach dem Mauerfall. Man feierte im Kleinen und machte im Großen schnell Ernst.

Heute lebe ich in Italien. Man feiert groß und bleibt gerne unverbindlich. Dreißig Eingeladene sind bei einem 18. Geburtstag das Mindeste, mit Ausstattung und Kleiderordnung wird gezeigt, was man auf sich hält. Unsere Tochter wollte keine große Show, aber als es dann so weit war, machte sie sich doch Sorgen und ich mir mit ihr. Ob alles so werden würde, wie sie es sich vorgestellt hatte? Nette Gespräche, Snacks und Drinks, ihre eigene Playlist zum Tanzen.

Am Morgen danach ist unsere Tochter müde, aber glücklich. Sie hatte knapp zwanzig Gäste (zu viele fürs Kinderzimmer) und mit ihnen einen netten Abend, auch wenn die Zahlenballons silbern statt goldfarben waren und der Tisch nicht am idealen Platz gestanden hatte. Alle waren pünktlich gekommen und keiner musste nach einer Stunde schon wieder weg, weil noch eine andere Verabredung wichtiger war. Ich freue mich mit ihr und während ich sie umarme, denke ich daran, dass sie jetzt volljährig ist und ‒ theoretisch ‒ demnächst ausziehen oder gar heiraten könnte. Tief im Herzen hoffe ich, dass sie noch ein paar Jahre unsere kleine Große bleibt. Sie schickt uns ein Instagram-Video, das ich erst für eine Parodie halte: Ein Supermodel im glitzernden Abendkleid, mit Krönchen im frisch geföhnten, wallenden Haar, betritt auf High Heels und Hüfte schwingend das Lokal, wo die jugendlichen Gäste warten und fotografieren, wie sie ein Eröffnungsband durchschneidet. Beifall und Blitzlichtgewitter. Das Supermodell ist gar keins, sondern nur die, die ihren 18. Geburtstag feiert. Sie sieht aus wie Mitte, Ende zwanzig. „So ein Entree hätte ich auch gerne gehabt“ schreibt unsere Tochter dazu, und ich bin froh, dass ich weiß, sie meint es ironisch.

Die Torte war übrigens wunderschön und traf ganz ihren Geschmack. Für alle gereicht hat sie auch. Dem Bäcker schrieb ich ein Dankeschön und schickte ihm ein Foto seines Backwerks mit unseren Kerzen darauf. Ich komme bei einem künftigen Torten-Anlass gerne auf ihn zurück. Es muss ja nicht gleich eine Hochzeit sein.

Nostalgia

Oder: Zurück in die Zukunft?

Nostalgia, das ist, wenn man es richtig italienisch, nämlich „Nostaldschieja“ ausspricht, ein wohlklingendes Wort. Durch und durch positiv. Nostalgia ist etwas, dem man sich ungestraft hingeben kann. Ein Gefühl zum Träumen und Genießen. Es klingt nicht hart und kalt wie das deutsche Wort Nostalgie. Bei Worten, die auf „algie“ enden, fühle ich mich immer ins Krankenhaus versetzt. Ich fühle Schmerzen. Denn so ist es ja auch: Übertriebene Nostalgie tut nicht gut, macht womöglich sogar krank. Die Deutschen schwelgen gerade in Nostalgie, lese ich beim Spiegel. So träumt der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder nach den Wahlen von einer „Rückkehr zu einem alten Deutschland“. Autsch!

Wollen auch die Ostdeutschen ‒ und dabei meine ich hier nur die, die ihre Stimme alternativ setzten ‒ ihr altes Deutschland zurück? Aber welches? Das vor oder das nach 1933, oder die 60er-Jahre und den Mauerbau? Vielleicht aber auch die Sektlaune von 1989, als das Volk im Freudentaumel auf der Mauer tanzte. Damals, so formulierte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, waren wir am „Ende der Geschichte“. Zum Ende des Kalten Krieges war seine These, „die Demokratie habe sich deshalb als Ordnungsmodell durchgesetzt, weil sie das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung relativ gesehen besser befriedige als alle anderen Systeme. Mit dem Sieg dieses Modells ende der Kampf um Anerkennung und es entfalle das Antriebsmoment der Geschichte.“* Soso. Keine vierzig Jahre später sieht es ganz und gar nicht danach aus. Nun bin ich auch nicht der Meinung, dass die Geschichte irgendwann zu Ende sein sollte. Aber ich hoffe, das vielzitierte „Rad der Geschichte“ dreht sich nicht weiter zurück in Richtung eines unheilvollen Nationalismus. Vielleicht ist die Demokratie westlicher Prägung, in einem auf privaten Profit und immerwährendes Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaftsmodell (wie vornehm ich hier vermeide, den Begriff Kapitalismus auszusprechen), doch nicht das Non-Plus-Ultra, befriedigt das „menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung“ eben nicht für alle. Ich wünsche und träume dabei nicht vergangenheitsbezogen, ich hoffe auf die Zukunft. Dass es da noch Modelle geben wird, mit denen die Menschen, oder „die einfachen Leute“ (Söder, ebenda), zufriedener sind. Egal, welcher Abstammung, wohlgemerkt.

Um Zukunft ging es in diesem Wahlkampf leider gar nicht. Wer da taugliche Konzepte hat, wurde mir nicht wirklich klar. Ich habe mich letztlich vom Gefühl (und dem Wahl-O-Mat) leiten lassen. Noch bin ich nicht der italienischen Masche verfallen, mich mit politischen Dingen schnell zu arrangieren und in den privaten Kokon zurückzuziehen. Ist es Zufall, dass beim Sanremo-Festival gerade ein Liebeslied mit dem Titel „Balorda Nostalgia“ (Dumme Nostalgie) gewonnen hat? Und das wird nicht von einem gealterten Popstar, sondern von einem jungen Mann mit dem Künstlernamen Olly und altmodischem (hippem?) Oberlippenbart interpretiert. Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit treibt die Menschen wohl immer um, sei es in Herzensangelegenheiten, sei es im Leben allgemein. Es ist einfacher, von Vergangenem zu schwärmen oder auf Vergangenes zu schimpfen. Mit Zukunftsplänen tut man sich schwerer. Ich wünsche uns deshalb, wieder nach vorne zu schauen. Im gesellschaftlichen Kontext mit Ideen und Lösungen oder zumindest erst einmal der Suche danach. Auf der Basis gemeinsamer Kompromissbereitschaft, das heißt, ohne die da oben, die da unten, die linken Spinner, die bekloppten Grünen, die Ausländer, die im Osten, die im Westen oder wen auch immer auszuschließen. Zukunft geht nur gemeinsam. Hoffentlich wird das in den kommenden Jahren auch möglichst vielen von denen klar, die auf vermeintliche Alternativen gesetzt haben.

PS: Vor nicht allzu langer Zeit las ich ein Buch mit dem schönen Titel „Nostalgia“.** Darin geht es zwar um die Vergangenheit, nämlich die Kindheit des Schriftstellers André Kubiczek in der DDR und das Schicksal seiner laotischen Mutter, aber der Roman wiegt sich nicht in verklärten Erinnerungen. Er bietet eine sehr persönliche Sicht auf das, was seine Kindheit so glücklich und so schmerzhaft machte, lotet die Untiefen des Lebens auf der damals „richtigen“ Seite aus, wenn man anders war. Kubiczek schreibt gewohnt lässig, humorvoll und berührend zugleich. Eine Leseempfehlung!

*Quelle: Wikipedia. **Werbung, unbeauftragt und unbezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Schlagertaxi Berlin

Ein bisschen Hallo, heute Nacht irgendwo. Wie bitte? Nein, ich wollte so schnell wie möglich ins Hotel und ab in die Kiste. Allein. Ob er verstand, was für Lieder da liefen? Roger Whittakers Oberschnulze war noch gar nicht das Schlimmste, das aus dem Autoradio klimperte. Ein anderer deutscher Schlager, von dem ich weder Titel noch Interpreten kannte, hatte einen recht anzüglichen Text. Ihn zu hören, war mir peinlich. Ich kann nicht mehr sagen, ob der Sender, der mit der Anzeige „Schlager“ auf dem Display erschien, bereits lief, als das Taxi vom Flughafen losgefahren war. Mochte er diese Musik? Oder dachte er gar, ich würde sie mögen? Wie alt schätzte er mich? Eine deutsche Frau mittleren Alters, die musste doch auf Schlager stehen. Werde ich ihr mal eine Freude machen, könnte er sich gedacht haben. Vielleicht meinte er es gut mit mir und wollte mir in der Heimat einen zünftigen Empfang mit heimatlichen Klängen bieten. Oder war das Ganze etwa ein deutsch-italienisches Komplott? Die Strafe dafür, dass ich mir das erste Mal seit Jahren erlaubt hatte, ein Event wie das Songfestival Sanremo eiskalt zu ignorieren? Ihr wisst, wie sehr ich italienische Popmusik mag und dass ich dem gesamtgesellschaftlichen Groβereignis in meiner Wahlheimat in den vergangenen Jahren gerne einen Blogbeitrag gewidmet habe. Diesmal muss ich euch enttäuschen: An den letzten drei von fünf Abenden des Festivals war ich in Berlin und hatte gleich komplett verzichtet. Und deshalb schreibe ich jetzt von deutschen Schlagern? Nein, keine Angst! Ich möchte von der Taxifahrt vom Flughafen BER zum Hotel in Schöneberg berichten. Spätabends, genaugenommen nachts, war mein Flieger mit zwei Stunden Verspätung gelandet und ich hatte die anfängliche Idee, vielleicht doch mit den Öffentlichen zu fahren, endgültig verworfen.

Als ich später irgendwo erzählte, ein Taxi genommen zu haben, kam die abschätzige Bemerkung, die ich in Deutschland schon seit einigen Jahren höre: „Sind ja alles Ausländer heute!“ Und, wo ist das Problem, möchte ich fragen. Sitzen die deutschen Taxifahrer arbeitslos zuhause? Solche Kommentare nerven gewaltig. Dabei hatte ich bei meiner Ankunft in Berlin auch Vorurteile, ich möchte mich hier gar nicht im Licht eines selbstgemalten Heiligenscheins sonnen. Es ging schon los, als zwei Männer die Ankommenden direkt in der Halle begrüßten und ihre Fahrdienste anboten. Taxi? Ja, bitte. War das seriös? Während einer der beiden – erkennbar ausländischer Herkunft, der andere hatte auch Deutscher sein können – schon meinen Rollkoffer schob und fragte, ob ich einen guten Flug gehabt hätte, kamen mir Zweifel. Das spürte er offensichtlich und beantwortete meine Frage nach dem Preis (den ich zuvor im Internet gecheckt hatte) gleich mehrmals mit der Versicherung, mit Taxameter zu fahren. Trotzdem war ich froh, als ich sein Taxi sah. Es war ein richtiges. Dann befiel mich ein weiterer Zweifel, dem Wetter und den Straßenverhältnissen geschuldet. Mit dichtem Schneefall hatte ich nach fast frühlingshaften Temperaturen in Mailand nicht mehr gerechnet. Er, der gut Deutsch sprach, aber mit hörbarem Akzent und grammatikalischen Fehlern, versicherte mir, dass er ein guter Fahrer sei und vorsichtig fahren würde. Ich fragte mich, wie lange er schon fuhr und ob nur hier in Berlin. Er konnte doch schneebedeckte Straßen kaum gewohnt sein. Da wo er herkam, schneite es womöglich nie. „Ich fahre gut, siehst du“, meinte er nach ein paar Metern stolz. Danach ging er zum Sie über. Hatte ich etwa pikiert geschaut? Ich hoffe nicht, denn geduzt zu werden finde ich gar nicht mehr so ungewöhnlich. Das ist in Italien in großen Bekleidungsgeschäften seit ein paar Jahren gang und gäbe, unabhängig vom Alter der Kundschaft. Während der Fahrt zum Hotel suchte der tatsächlich gute Fahrer das Gespräch, man könnte fast sagen, wir plauderten. Über das Leben in der Großstadt, das von Hektik geprägt ist und wenig Zeit für die Familie lässt, wenig Zeit, das Leben zu genießen. So, wie man es in seiner Heimat täte. Oder in Italien, als er hörte, wo ich jetzt lebe. Ich erfuhr, dass er aus dem Libanon stammt und schon mehr als zwanzig Jahre in Berlin lebt, also ähnlich lange wie ich in Italien, und hier Frau und Kinder hat. Es gefalle ihm in der Stadt, es gäbe guten Döner (Verbindung zum Titelfoto hergestellt!), und wenn er ausnahmsweise mal verreist, käme er immer wieder gern nach Hause. Er sei zufrieden. Denn das Wichtigste, erklärte er mir mehrmals mit verschiedenen Worten, seien doch Gesundheit und Frieden. Und dann beschrieb er mir sein Glück: Zum Frühstück eine Scheibe Schwarzbrot, ein bisschen Feta, eine Tasse Tee. Fertig. Braucht man mehr? Nein! Ich nickte und fragte mich innerlich, warum ich mich selbst so selten glücklich fühle oder nur, wenn etwas Außergewöhnliches, besonders Schönes passiert. Am Hotel angekommen, half er mir gentlemanlike den Koffer über den Schnee zu tragen und stellte ihn erst direkt am Eingang auf dem Trockenen ab. Ich hätte ihm mehr Trinkgeld lassen sollen, ich war knauserig. Was kann er dafür, dass ich schon in Italien ein Taxi hatte nehmen müssen und beide zusammen teurer waren als der Flug.

Meine nächtliche Taxifahrt durch das verschneite Berlin war eine unverhofft sympathische Begrüßung nach der langen Anreise. Auch wenn ich am nächsten Morgen mit diesem ollen Ohrwurm aufwachte, auf den ich gern verzichtet hätte. Vielleicht lernt der nette Taxifahrer ja gerne Deutsch mit den Schlagern, oder er mag sie einfach. Ein bisschen Aroma, ein bisschen Chichi. Gegen die Hektik.

PS: Bei Sanremo habe ich in diesem Jahr so gut wie nichts verpasst. Das Festival war langweilig wie seit Langem nicht mehr, erzählte eine italienische Freundin. Mit dem neuen alten Moderator Carlo Conti hat der Geist von TeleMeloni Einzug gehalten. Bei der TAZ gibt es einen Artikel zu Sanremo 2025, der erklärt es perfekt. Ich kann die Lektüre guten Gewissens empfehlen. Meine Freundin, die an allen Abenden fast bis zum Ende geschaut hat, hat ihn abgenickt.

Ab die Post!

Oder: Wenn es für die Briefwahl aus dem Ausland zeitlich knapp wird

Drei bis vier Millionen Deutsche leben im Ausland. Zur Bundestagswahl 2021 hatten etwa 129.000 davon beantragt, ins Wählerverzeichnis aufgenommen zu werden.* Ich gehörte nicht dazu. 2021 wusste ich nicht, wen ich hätte wählen sollen. Eine allzu bequeme Ausrede, ich weiß. Vier Jahre zuvor, 2017, hatte ich sowohl das Bedürfnis gespürt, meine Stimme abzugeben als auch eine klare Meinung, wem ich mein Vertrauen schenken wollte. Dieses Mal, da die Neuwahlen vorgezogen wurden und Hals über Kopf organisiert werden mussten, sind die Fristen knapp. Das war mir nicht bewusst, als ich Anfang Januar beim Wahlamt meines letzten deutschen Wohnsitzes Leipzig die Aufnahme ins Wählerverzeichnis beantragte. (Nein, die Prozedur ist überhaupt nicht umständlich, liebe Auslandsdeutsche. Beim nächsten Mal: einfach ein Formular ausfüllen, unterschreiben und per E-Mail an das zuständige Wahlamt schicken.) Die Wahlunterlagen sind superpünktlich eingetroffen. Ab dem 3. Februar sollten sie verschickt werden, am 6. Februar hatte ich sie im Kasten. Trotzdem blieben nur zwei Wochen für die Retour. Wie ich es mit Geburtstagspost und Weihnachtskarten mehr als einmal erleben musste, ist der Weg von Mailand über die Alpen nach Deutschland für die italienische Post beschwerlich, es kann auch mal drei Wochen oder länger dauern. Zumal das Wetter im Februar noch winterlich unbeständig ist und der Schneckenpost eine Entschuldigung liefern könnte. Da kommt mein ganz persönlicher Plan B zum Zug! Mit dem spare ich obendrein das Porto. Ich werde meinen Brief am Wochenende in Berlin in den Kasten werfen, dann sollte er es innerhalb einer Woche nach Leipzig schaffen. Im Büro sorgte meine Behauptung, ich würde allein aus diesem Grund nach Berlin fliegen und einen Tag freinehmen, für Erheiterung. Natürlich hatte ich diesen Trip schon länger geplant.

Ich nehme mich zu wichtig? Was sollen meine zwei Kreuzchen schon ausmachen? Das stimmt natürlich. Aber was, wenn alle so denken? Wir sollten uns alle wichtig nehmen, jetzt wie nie zuvor. Schlimm genug, wer in Italien gerade das Sagen hat. Ich verstehe hier weniger von der Politik und ihrem Schmierentheater als in Deutschland, aber allein die Begriffswahl von Frau Meloni stößt mir übel auf. So spricht sie in jedem zweiten Satz von „la nazione“, der Nation, und nicht mehr von „il nostro paese“, unserem Land, wie es vor ihrer Präsidentschaft üblich war. Ich möchte, dass in Deutschland weiter von Bürgerinnen und Bürgern die Rede ist, statt vom Volk.

Bei Deutschlandfunk Kultur befasste sich ein Beitrag im Jahr 2021 mit Pro und Kontra der Einbeziehung der Auslandsdeutschen in die Wahlen, unter anderem hieß es da: „Nur, wer auch die Suppe auslöffelt, darf sie einbrocken.“ Ich finde, es geht uns in Europa alle an, wie es mit Deutschland weitergeht. Es wird uns betreffen. Und wer sich der Heimat noch verbunden fühlt, sich dank der grenzüberschreitend verfügbaren Medien genauso informiert, wie seine in Deutschland lebenden Verwandten, der sollte mitreden dürfen. Und wenn es nur eine Stimme mehr für eine demokratische, die Menschenrechte achtende Partei ist.

Mich bedrückt der Gedanke, dass sich womöglich diesmal mehr Deutsche aus dem Ausland um die Wahlteilnahme bemüht haben, und dann scheitert die Stimmabgabe an der langen Postlaufzeit. Für meine deutsche Freundin im Ort werde ich auch Postbotin spielen und ihren Wahlbrief mitnehmen. Sicher ist sicher. 

*Quelle: Tagesschau

Schönheits-Tricks

„Entschuldige, darf ich dich etwas fragen?“ Eine Frau in meinem Alter spricht mich an, während ich im Supermarkt vor der Auslage einer bekannten Make-up-Marke Wimperntusche für meine Tochter suche. Sie hält ein Fläschchen mit Foundation in der Hand und bittet mich – ausgerechnet mich – um Rat. „Meinst du, die ist zu dunkel für meine Haut?“ Ich möchte ihr sagen, dass ich mich nicht auskenne und hier nur für meine Tochter vor diesem Regal stehe, will aber auch nicht unhöflich sein. Es kommt selten vor, dass im Supermarkt jemand um Hilfe bittet. Ich helfe immer gern und fühle mich hinterher gut. Meist geht es darum, Inhaltsstoffe oder das Verfallsdatum zu entziffern, ein bestimmtes Produkt zu finden, oder, weil ich gröβer bin, eine Packung aus dem oberen Regal herunterzureichen. Alles easy peasy. Aber ein Ratschlag, was Make-up betrifft? Da bin ich die Falsche.

Ich meine, unsere Tochter hat mit ihren knapp 18 Jahren schon mehr Tübchen und Stifte, Pinsel und Puderdöschen gekauft, geschenkt bekommen und benutzt, als ich in meinem ganzen Leben. Das glaubt ihr nicht? Nun, ich verbrauche pro Kalenderjahr anderthalb Mascara und einen Kajalstift. Loser Puder und Abdeckstift halten sogar länger. Das wars. Lippenstift kaufe ich nicht mehr, denn der wird ranzig, bevor ich ihn dreimal benutze. Im Alltag tut es eine Lippenpomade. Wozu all diese neumodischen Erfindungen wie Primer, Booster, Plumper, Highlighter und Contourer dienen sollen, ist mir herzlich egal. Der Italiener würde sagen, ich sei eine „Ragazza aqua e sapone“. Ein Mädchen (ähem, Frau) vom Typ Wasser und Seife. Ob das mit meiner Herkunft zu tun hat? Eins ist klar: Die Influencerinnen mit ihren Beauty-Tutorials und Make-up-Hacks kamen für mich zu spät. Meine Routine war da längst erprobt und für gut befunden. Manchmal wird mir Angst, wenn ich sehe, wie viele Schönheitsmittelchen meine Tochter in ihrem zarten Alter benutzt. Und ich weiß, sie hat das gar nicht nötig. Ich denke, es ist einfach unheimlich schwer, angesichts der immensen Flut von Produkten und Ratschlägen auf allen Kanälen der Versuchung zu widerstehen, sie auszuprobieren.

Meine eigenen ersten Erfahrungen mit Farbe fürs Gesicht machte ich als Mädchen in der DDR der 80er-Jahre. Als Tänzerin kam ich bereits in zartem Alter mit Schminkutensilien in Kontakt. Man verpasste uns Kindern vor dem Auftritt etwas künstliche Bräune (Foundation, damals Make-up genannt) und rote Farbe für die Lippen. Manchmal wurden obendrein die Augen schwarz umrahmt. Da war es später kein großer Schritt, die Bühnenschminke auch im Alltag zu benutzen. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt mit dreizehn. Wir Mädchen hatten Make-up-Produkte mitgebracht und zwischen Doppelstockbetten ging es vor kleinen Klappspiegeln zur Sache. Ich zeichnete mit schwarzem Kajal die Augen nach, wie ich es von den Auftritten gewohnt war. Als wir an einem Nachmittag eine Stadtbesichtigung machten, hatte ich die Erlaubnis, meine Schwester zu besuchen. Sie, damals Mitte zwanzig und junge Mutter, öffnete mir die Tür und reagierte schockiert. „Wie siehst du denn aus?“ Sie fand es gar nicht altersgerecht, dass ich mit schwarz umrandeten Augen umherlief. Dabei waren wir keine Grufties. Wir dachten, wir sähen gut damit aus. Sie gab mir zu verstehen, dass ich mich da irrte. Ob sie Gehör bei mir fand? Ich glaube nicht. Wie an meine erste Liebe erinnere ich mich an meinen ersten Kajalstift. Den hatte ich bei einer Tanzensemble-Reise in Polen von meinem Taschengeld gekauft und war sehr stolz darauf. Er hielt eine Ewigkeit. Ich benutzte ihn, bis eines Tages der schwarze Stift kürzer war als die rote Plastikkappe, aus der ich ihn nicht mehr herausbekam.

Irgendwann gelangte auch der Lipgloss-Hype vom Westen aus in den glanzlosen Osten. Solche Luxusartikel gab es zunächst nur bei Schnupper-Daggi*, sie waren für viele Teenager unerreichbar. Aber Not macht bekannterweise erfinderisch. Ein Mädchen, deren Eltern sich keine Extravaganzen für sie leisten konnten oder wollten, tanzte eines Tages freudestrahlend mit glänzendem Mund an. Dass es um sie herum etwas eigentümlich roch, trauten wir uns nicht zu sagen. Bis sie selbst mit ihrem Geheimnis herausrückte: Sie trug Schweineschmalz auf den Lippen.     

Heute, wo es alles gibt und für jeden Geldbeutel das passende Angebot lockt, kaufe ich brav die Mascara, die meine Tochter für unverzichtbar hält. Sie schickt mir per WhatsApp ein Foto, damit ich auch die richtige erwische. Ich kann mir einen Kommentar als Antwort nicht verkneifen, als ich sehe, dass es eine der teuersten im Supermarktsortiment ist. 15 Euro und 49 Cent. Ich meine, ich besorge mindestens drei- oder viermal im Jahr eine Wimperntusche für sie, und darüber hinaus kauft sie sich selbst auch noch welche. Aber ich zucke nicht mit der Wimper – halb so schön geformt und gefärbt wie die ihren – und zahle. Ich darf nicht meine Maßstäbe aus dem vergangenen Jahrhundert anlegen. „Also bitte, Mama. Hör auf und komm mir nicht mit damals. Du hast hinter der Mauer gelebt, ihr hattet andere Sorgen.“ Eben. Zum Glück nicht die, rund um die Uhr Instagram-fähig geschminkt sein zu müssen.

Auf das Gespräch mit der anderen Kundin lasse ich mich gerne ein. Ich rate ihr, die Foundation statt auf dem Handrücken innen auf dem Handgelenk auszuprobieren, wo die Haut heller ist. Das hatte ich irgendwann irgendwo gelesen. Ich selbst habe Foundation nach meinen Bühnenjahren nie mehr benutzt und freue mich umso mehr, dass ich trotzdem helfen kann. Ich bin mir sicher: Die netten Worte, die wir zwei Unbekannten miteinander wechseln, machen unseren Tag (und somit uns) ein wenig schöner. Ganz ohne teure Hilfsmittel.

*Die Chefin vom Exquisit-Geschäft, in dem es französisches Parfüm und hochwertige Körperpflege gab, hieß Dagmar. „Ich war heute bei Schnupper-Daggi“, erzählten die Frauen. 

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Aufklärung

Der Italiener und das Wundermittel gegen Erkältung

Auf meinem Blog könnt ihr gewiss sein, meine ureigenen Gedanken zu lesen. Ihr werdet hier keine Zusammenfassungen bereits anderswo publizierter Artikel finden. Ehrlich gesagt verbiete ich es mir sogar, vor dem Schreiben nach bereits Geschriebenem zum Thema zu suchen, denn das könnte mich demotivieren. Ich würde denken, es sei schon alles gesagt, oder ich würde für meine eigene Meinung plötzlich angesichts der Überzahl oder Seriosität vermeintlich gegenteiliger Darstellungen keine Berechtigung mehr sehen. Deshalb schaue ich erst gar nicht nach. Was ich recherchiere, sind Fakten. Die Sicht auf die Dinge ist immer meine, die sich dem Einfluss von Gehörtem und Gelesenem nicht vollkommen entzieht. Das versteht sich von selbst. Ich sitze schließlich nicht (oder so gut wie nie) in einem Elfenbeinturm und fantasiere vor mich hin.

Hin und wieder passiert es, dass ich kurz nach der Veröffentlichung eines Textes auf Tuttopaletti an offizieller Stelle einen Artikel lese, der in dieselbe Kerbe haut. Das freut mich immer besonders. Es beweist mir, dass ich einen Nerv getroffen habe, der offensichtlich freiliegt. Gestern ploppte im Nachrichten-Feed ein Artikel auf, der meine als „Tortur mit schöner Aussicht“ geteilten Gedanken von fachlicher Seite unterstützt. Ihr erinnert euch: Ich schrieb von der italienischen (Un)Sitte, die Aerosol-Therapie als Allheilmittel bei Erkältungsbeschwerden zu betrachten. Matteo Bassetti, Direktor für Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum San Martino in Genua, stellt klar: „Das Aerosol kann bei Asthma und Bronchiolitis nützlich sein, nicht aber bei Erkältungen und Grippe.“* Ich musste schmunzeln, als ich weiterlas: „Wie oft haben wir die Kinder mit dem Inhalationsschlauch des Aerosolgerätes vor den Fernseher gesetzt, in dem Glauben, dass dies die Lösung für alles ist? Aber das ist nur eine italienische Mode, die in den 1970er-Jahren entstanden ist.“*

Hab ich es doch geahnt!

Auf Instagram erklärt er in seinem Video mit dem Titel Aerosol: eine rein italienische Gepflogenheit, dass in anderen Ländern die Aerosolbehandlung nicht in den Behandlungsrichtlinien stünde. Was mich dann doch erstaunt, ist seine Aussage, es wären in Italien vor allem die Mütter, gar nicht mal die Ärzte, die danach fragen würden. Zu denen zähle ich definitiv nicht, aber ich bin ja auch keine Italienerin. Ich glaube gern, dass diese Therapie den italienischen Müttern schon in ihrer eigenen Kindheit als Allheilmittel verkauft wurde und damit kulturell unanfechtbar geworden ist. Ich werde mich beim nächsten Mal, wenn uns Kinderärztin oder Hausarzt mit Aerosol daherkommen, vorsichtig herantasten und nach einer Alternative fragen. Bassetti empfiehlt einen ordentlichen Naseneinlauf. Der ist auch nicht angenehm, geht aber schneller.

Quelle: *Quotidianosanita.it: Aerosol. Bassetti smonta ‘mito’: “Non serve a nulla contro raffreddore e influenza”,

Titelfoto: Grundausstattung für Aerosol-Therapie in einem italienischen Haushalt. 😉

Rausch der Gefühle

Für treue Leser ist es kein Geheimnis, dass ich Fan italienischer Popmusik bin. Ich meine sogar, dass es diese Musik war, die mich in der Kindheit insgeheim auf meine künftige Heimat eingestimmt hat. Im Laufe der Jahre habe ich das Gefühl dafür verloren, welche Songs ich damals kannte und welche mir erst hier, nicht zuletzt dank des interessierten Gatten, zu Ohren gekommen sind. Milva, Ricchi e Poveri, Adriano Celentano sind Namen, die auch in der DDR bekannt waren. Von meinem besonderen Verhältnis zu Adriano Celentano und seinem Lied „Soli“ schrieb ich hier auf dem Blog bereits. Das 35-jährige Mauerfall-Jubiläum inspirierte mich dazu, Milva und ihrem Song „Alexanderplatz“ einen Artikel zu widmen. Heute möchte ich euch nach einem wunderbaren Konzerterlebnis eine weitere Top-Künstlerin in Erinnerung rufen. Alice, bürgerlich Carla Bissi, gehört mit ihrem „Per Elisa“ definitiv auf die Liste der musikalischen Inspirationen aus dem Süden, die es bis zu uns in den Osten geschafft haben. Die Gewinnerin des Festivals von Sanremo 1981 ist allerdings nur einmal in der DDR zu Gast gewesen. Das erfuhr ich in einem Interview für die Leipziger Volkszeitung: „… ich bin einmal in Ost-Berlin aufgetreten, aber das war es dann auch.“ Dem allwissenden Internet, in diesem Fall Wikipedia, verdanke ich die Information, dass es sich dabei um einen Auftritt beim Kessel Buntes im Februar 1986 gehandelt hat. Ich möchte wetten, dass sie dort neben dem berühmten Siegertitel des italienischen Liedfestivals auch „Una notte speciale“ auf die Bühne brachte. Dieser Song ploppte neulich in einem musikalischen Silvestergruß meiner Schwester auf, und wie schon einmal mit Marco Mengoni, zauberte sie mir damit ein Lächeln ins Gesicht. Im Fernsehprogramm ihrer Wahl lief eine Aufzeichnung des WDR von „Una notte speciale“, also schickte sie kurzerhand ein Video vom Video nach Italien. Das war zwei Tage, nachdem ich uns Konzertkarten für Alice gekauft hatte. Gedankenübertragung oder magischer Zufall? Schwesterliche Verbundenheit!

Nach dem Konzert in Varese am vergangenen Sonntag war ich neugierig und schaute mir einige Interviews mit der Künstlerin an, die auch mit 70 Jahren kaum stimmliche Stärke und nichts von ihrer berührenden Bühnenpräsenz verloren hat. Ihre Lieder höre ich mittlerweile anders und achte auf die Texte. Von „Per Elisa“ verstand ich damals, bis auf den Namen, kein Wort. Erst jetzt erfuhr ich, dass man den Text* in Italien diskutierte und darin eine übertragene Bedeutung sehen wollte. Geht es um die blinde Liebe eines Mannes zu einer Frau mit dem Namen Elisa, oder geht es um Drogenkonsum? Es geht, soviel steht fest, um einen Rausch der Gefühle, um Abhängigkeit und das sich Verlieren, beschrieben aus der Sicht der Verlassenen. Hat sie ihren Partner an eine Frau, oder an Drogen verloren? Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre war auch in Italien Heroinkonsum ein gesellschaftlich relevantes Thema. An diese Auslegung hätte sie beim Schreiben des Textes nicht gedacht, versicherte Carla Bissi auf Nachfrage (u.a. im Interview Alice für Rolling Stone, 2021).

Wie auch immer: Oft sind die unsterblichen Songs diejenigen mit Texten, die Spielraum für Interpretationen lassen. Bei „Per Elisa“ ist es auch die Künstlerin, die das Lied nicht nur sang, sondern es interpretierte, spielte, und mit ihrer so wundervollen, berauschenden Stimme ein Werk für die Ewigkeit schuf.

Danke, Alice, für „Per Elisa“ und all die anderen wunderbaren Canzoni, eigene oder in Hommage an große italienische Liedermacher.

Titelfoto: Alice in ihrem „Master Songs“ Konzert am 3. Januar 2025 in Rom, Auditorium Parco della Musica. Credits: IMAGO/ Gruppo LiveMedia.

*Neugierig geworden? Hier geht es zum Text mit einer freien deutschen Übersetzung: Liedtext Per Elisa

Tortur mit schöner Aussicht

Der Januar ging gut los: mit einem Festival der Aerosol-Therapie. Alle vier durften wir – teils parallel, teils nacheinander – daran teilnehmen. Husten, Schnupfen, Heiserkeit … dafür gibt es gemäß italienischen Kinder- und Hausärzten nur die eine alternativlose Tortur, sorry, Therapie: Aerosol. So sagt man hier zur Inhalation medizinischer Lösungen mit einem Inhalationsgerät, wahlweise durch den Mund oder die Nase, gern auch zusätzlich als Nasendusche. Während Stiftung Warentest den Deutschen erklärt, wann ein solches Gerät überhaupt sinnvoll ist, ist der Besitz eines medizinischen Verneblers in Italien ungeschriebenes Gesetz. Man könnte es sich auch in der Apotheke ausleihen, aber das rentiert sich nicht, denn man braucht es bei einer mehrköpfigen Familie mehrmals im Jahr.

Als ich Kind war in der DDR, war das Gesichtsdampfbad das Hausmittel der Wahl. Einfach und immer anwendbar: Ein paar Tropfen Kamillenessenz ins heiße Wasser, Haare mit einem Klapsband aus der Stirn, Handtuch über den Kopf und Kopf über die Schüssel. Das Versprechen, dass der Dampf auch schöne Haut mache, half sicher, dass ich mich als Mädchen gern und ohne große Fisimatenten der Prozedur unterzog. Wenn es schlimmer war, der Husten störrisch, erinnere ich mich an einen weißen Hustensaft, der immer irgendwie half. Nur ein einziges Mal in meiner Kindheit wurde mir Aerosol-Therapie verschrieben. Die bekam ich in der örtlichen Poliklinik, musste dort ein- oder zweimal am Tag antanzen und mich vor eine entsprechende Apparatur setzen. Danach hatte ich dieses Erlebnis schnell verdrängt.

Bis ich nach Italien kam. Bei meinem Arbeitgeber AVON gab es den wunderbaren Service einer wöchentlichen Hausarztsprechstunde während der Arbeitszeit. Zusätzlich hatte eine Krankenschwester stundenweise Dienst, bei der man, ebenfalls während der Arbeitszeit (im Nachhinein erkennt man, wie gut man es hatte) die verschriebenen Behandlungen bekam. So ging ich einmal eine Woche lang zur Aerosol-Therapie. Dann geriet die Sache wieder in Vergessenheit, bis ich Mama und zu den gängigen Standards verdonnert wurde. Unsere Pediatra (Kinderärztin) machte eine klare Ansage: Sie brauchen ein Aerosol-Gerät. Eine nette Nachbarin, deren Kind ein Jahr älter und bereits ein Aerosolveteran war, borgte uns ihre Vorrichtung, die sie wahrscheinlich von ihren eigenen Eltern geerbt hatte. Wir waren dankbar und trotzdem verzweifelt. Halte mal einem Baby oder Kleinkind anstrengende fünf Minuten lang eine dampfproduzierende Maske ins Gesicht, die an einem Gerät hängt, das einen Höllenlärm veranstaltet. Wir schwitzten Blut und Wasser und ließen uns schnell überzeugen, anstelle des klassischen Kolbenverneblers für uns selbst einen leiseren Ultraschallzerstäuber anzuschaffen, koste er, was er wolle (und damals kostete er noch sehr viel). Siebzehn Jahre später sind wir stolze Besitzer des bereits dritten Ultraschallzerstäubers, denn diese haben leider eine begrenzte Lebenszeit wie andere Elektrogeräte auch.

Noch immer stöhne ich, wenn ich beim Arzt das Wort Aerosol höre. Das Trauma sitzt tief nach zweimal drei ersten Lebensjahren, in denen uns immer wieder zwei bis drei Sitzungen über fünf bis sieben Tage die Nerven raubten. Ab einem bestimmten Alter gab es dann die pädagogisch weniger lobenswerte, aber für alle Beteiligten befreiende Lösung, die Kinder zum Inhalieren vor den Fernseher zu setzen und ihren Lieblingstrickfilm schauen zu lassen. Mittlerweile müssen wir zwar immer noch mehrmals „Miracoli, ach nein, Aerosol ist fertig!“ rufen, aber dann fügen sich die Patientinnen ergeben in ihr Schicksal. Als nun die Jüngste gerade eine Inhalationskur machen musste, sah ich sie an einem Morgen mit dem Schlauch vor Mund und Nase am Balkonfenster sitzen und andächtig in die Ferne schauen. Es war ein eisig kalter, aber sonniger Januarmorgen mit wunderbarem Blick auf die Alpen, auch wenn ihr die in meinem Foto nicht erkennen könnt. Glaubt mir, die Szenerie war so schön, dass ich sagen musste: Weißt du überhaupt, wie gut du es hast? Natürlich wusste sie es nicht, verschnupft wie sie war. Ich erklärte es ihr: „Fai aerosol con bella vista!“ Du machst Aerosol-Therapie mit schöner Aussicht. In Mailand würden sie das als Wellness-Behandlung deklarieren und dafür extra Eintritt verlangen. Unsere Tochter lächelte nur gequält. Irgendwann wird sie es verstehen.