Oder: Die Frage nach dem Glücklichsein
Ich ziehe doch tatsächlich einen Trolley hinter mir her, dabei befinde ich mich weder am Flughafen noch auf dem Weg dorthin. Aus dem Linienbus bin ich gestiegen, nach kaum zwanzigminütiger Fahrt. Es ist Freitagnachmittag, ich laufe durch Varese und erzeuge dieses klackernde Geräusch von Kofferrollen auf Kopfsteinpflaster. Um die Illusion perfekt zu machen, ziehe ich irgendwann das Handy aus der Jackentasche, gebe mein Ziel ein und lasse mich von der freundlichen Stimme navigieren. Dabei kenne ich das Hotel, habe kein Problem, es zu finden. Mit dem lästigen Hackenporsche im Schlepptau möchte ich aber den kürzesten Weg laufen. Biegen Sie demnächst in die Via Pincopallino. Die meisten Straßennamen kenne ich nicht. Ich spiele meine Rolle gut, bin Touristin in der eigenen Stadt. Als mich ein junger Mann aufhalten will, der in der Geschäftsstraße für irgendeinen Verein wirbt, laufe ich unbeirrt weiter. Eine Reisende auf der Suche nach ihrer Unterkunft darf das. Non ho tempo, ich habe keine Zeit. Vielleicht hätte ich besser in Englisch oder Deutsch antworten sollen, denn er ruft mir hinterher: Hai perso qualcosa, du hast etwas verloren. Ich drehe mich tatsächlich um, es ist ein Reflex, und dann lache ich auf und rufe zurück: Ma va! Ich bin guter Laune, werde ich doch gleich zwei Studienfreundinnen aus Deutschland treffen, die die Brückentage vom 3. Oktober für eine Italienreise nutzen. Wir sehen uns nicht mehr oft, zuletzt immer in Deutschland und nur zu zweit. Alle drei, stelle ich ungläubig fest, waren wir vor 18 Jahren bei meiner Hochzeit noch einmal zusammen.
Am zeitigen Abend füllt sich Varese und kommt in Wochenendlaune wie wir. Auf der Suche nach einer Bar für einen Aperitivo schlendern wir an Geschäften vorbei und H. fragt oder stellt vielmehr fest: Du gehst bestimmt oft shoppen, so schön, wie das hier ist. Ich verneine, sie will es nicht glauben. Was, du gehst nicht gerne durch die Läden? Wozu denn, versuche ich zu erklären, Kleidung kaufe ich gezielt, wenn ich etwas Neues brauche. Wenn es beim Cambio Armadio, dem saisonalen Kleiderumräumen, traurig aussieht. Würde ich direkt in der Stadt wohnen, wäre das nicht anders, aber bummeln und auf einen Caffè oder Aperitivo ginge ich sicher öfter.
Am nächsten Morgen strahlt die Sonne. Die Deutschen kommen ins Schwärmen: Dieser blaue Himmel, dieses Licht, das ist ganz anders als bei uns, irgendwie wärmer. Jetzt verstehen wir, warum die Italiener so entspannt sind und das Leben genießen. Das muss doch abstrahlen, wenn man hier lebt. Du musst immer glücklich sein!
Ich weiß, dass wir Riesenglück haben, dass es heute so schön ist, noch am Morgen zuvor regnete es und zum Wochenanfang sind schon wieder Schauer und Gewitter angesagt. Aber ich verstehe, was sie meinen. Die Sonne scheint in Italien anders. Auch wenn ich das im Alltag nicht mehr wahrnehme. Und ja: Ich muss öfter shoppen gehen, mir reicht ja schon das sogenannte Windowshopping. H. lässt derweil nicht locker: Dann kaufst du also alles online? Nein, ich kaufe gar nicht, scherze ich. Schaut mich an! Sehe ich aus wie eine, die regelmäßig Mode shoppen geht? Dabei weiß keiner außer mir, dass ich die elegante Jacke vor Ausbruch der Pandemie kaufte, als wir dann monatelang keine Jacken brauchten, den Glitzerpulli sogar noch ein Jahr vorher. Stellt euch vor, fällt mir zu diesem Thema ein, die neuesten Kleidungsstücke habe ich aus Dresden, Heimatstadt des Herzens. In der Altmarkt-Galerie führen sie meine Lieblings-Marke, wie heißt sie gleich? Ich schaue an mir runter, und tatsächlich: Die Hose habe ich von dort. Mir fällt immer noch nicht der Markenname ein, also zeige ich meine Rückseite und das Label auf der Hosentasche. R. liest vor, was da steht. Ja, diesen Hersteller kenne sie, die haben gute Qualität. Eben, und mir gefallen und passen die Sachen, hier hat sie keiner, damit sind sie gleich im doppelten Sinne zeitlos.
Wir sind jetzt aber nicht aufs Shopping aus, wir wollen frühstücken wie die Italiener, im Stehen, in einer namhaften Pasticceria gleich neben unserer Unterkunft. Das hoteleigene Frühstück würde den deutschen Ansprüchen nicht genügen, hatte ich vorsorglich erklärt und stattdessen einen landestypischen Start in den Tag empfohlen. Das Dolce-Vita-Gefühl für Italienurlauber beginnt bei der Prima Colazione. Wir nehmen ein riesengroßes, fantastisch schmeckendes süßes Teilchen, jede dazu einen anderen Caffè. Und, fühlst du dich nun eigentlich in Italien zuhause, will R. von mir wissen, während sie sich die letzten Zuckerkrümel von den Lippen leckt. Die unvermeidliche Frage. Oft kommt sie in Verbindung mit der, ob ich mir vorstellen kann, nach Deutschland zurückzugehen. Dann sage ich immer: Nein, das habe ich nicht vor. Warum auch? Es geht mir gut, es gefällt mir hier. Ich liebe Italien: das Land, die Sprache, die Musik, das Essen. Den Charme des Improvisierten genau wie die Raffinesse edlen Designs. Auf ihre regierenden Politiker schimpfen mittlerweile auch die Deutschen.
Wo ich mich zuhause fühle, das ist nochmal eine andere Frage. Die kann ich nicht beantworten oder habe Angst vor der Antwort, könnte sie doch lauten: nirgendwo. Aber wäre das so schlimm? Heißt es nicht, dass Heimat eigentlich überall und immer da ist, wo die Familie ist, wo Freunde sind? Manche Menschen, die man mag und mit denen man über Jahre verbunden bleibt, leben in anderen Ländern, aber man besucht sich hin und wieder. Es genügt zu wissen, dass es den anderen gibt, dass man sich treffen und immer gut unterhalten wird, als wären nicht die vielen Kilometer und all die Jahre dazwischen gewesen. Eine Freundin aus Wien habe ich einmal in Hamburg kennengelernt, eine Thüringerin in Leipzig, die lebte erst in Frankreich und jetzt in Großbritannien.
Worum es in den Gesprächen mit meinen Freundinnen ging, von der Italien-Schwärmerei einmal abgesehen? Natürlich um gemeinsame Erlebnisse im Studium und mit H. auch später im ersten Job. Kennst du den noch, erinnerst du dich daran? Aber nicht nur. Das Beste war, dass wir über vieles sprachen, was uns heute bewegt, auch wenn unsere Arbeits- und Lebensumfelder verschiedener nicht sein könnten. Wir interessieren uns füreinander, hören zu und stellen Fragen. Jede hat Sorgen, jede ihr Päckchen zu tragen. Im Beruf, in der Familie. Wir erzählen davon, aber jammern nicht. Für vieles gibt es Lösungen, mit anderem muss man sich abfinden und einiges verliert auf lange Sicht ohnehin an Bedeutung. Wir sind jetzt in diesem Alter, in dem Frauen noch einmal etwas Neues wagen oder auf frühere Interessen zurückkommen, die auf der Strecke geblieben sind. Meine Freundinnen sind mit der Familie ein paar Jahre voraus, ihre Kinder schon beim Studium. Die eine geht nun wieder länger arbeiten, damit sie die bisher als Überstunden geleistete Zeit bezahlt kriegt, die andere nutzt die freien Stunden am Nachmittag endlich für sich. Halte durch, machen sie mir Mut, bald bist du auch freier in deinen Entscheidungen. Für eine neue Arbeit, eine neue Aufgabe. Es tut gut, Zuspruch zu erhalten. Denn zufrieden, was den Job betrifft, bin ich schon lange nicht mehr. Außenstehende erkennen das besser, sie haben einen unvoreingenommenen Blick. Und wenn ich nur die Quintessenz berichte, sehe ich selbst auch klarer.
Unser gemeinsames Studium an der Berliner Humboldt-Uni liegt dreißig Jahre zurück, wir haben guten Grund, Bilanz zu ziehen. Seid ihr glücklich, fragen wir und stimmen überein: Hier und jetzt, während unserer gemeinsamen Stunden, sogar sehr. Heute genießen wir die guten Momente mehr als in unserer Jugend. In unserem, sagen wir mittleren Alter, blicken wir nicht nur zurück, sondern auch wieder nach vorn. Auf die To-do-Liste gehören definitiv mehr Wünsche. Ein gemeinsames Italienwochenende, zu dem ich statt eines Linienbusses den Schnellzug nehmen werde, haben wir schon eingetragen.
Titelfoto: Piazza San Vittore mit Basilika di San Vittore, Varese Zentrum.