Vernebelt

Der Italiener und romantische Erinnerungen

Seien wir ehrlich: Wer neigt nicht dazu, Erinnerungen zu romantisieren? Hier im Norden Italiens, speziell in der Pianura Padana (Po-Ebene), schwärmen Leute in meinem Alter sogar selig verklärt vom dicken Nebel in ihrer Jugendzeit. Nicht von jenem im Kopf nach übermäßigem Alkoholkonsum und nicht vom Zigarettenqualm in Kneipen, Diskos und Bars, als das Rauchen dort noch erlaubt war. Nein, die Rede ist tatsächlich vom Wetterphänomen Nebel, dem richtig dicken, bei dem man nur noch eine Armlänge weit sieht. Neulich im Radio überboten sich Moderatoren und Anrufer gegenseitig mit Anekdoten aus den 80er-Jahren in Bezug auf einen Nebel „da tagliare con il coltello“, den man mit dem Messer schneiden konnte. Damals verabredete man sich für den Abend unter einer Bedingung, auf die man keinen Einfluss hatte: Wir treffen uns da und dort, es sei denn, es ist nebelig. Bei Nebel ließen einen die Eltern mit dem Fahrrad oder Moped nicht raus. Einer erzählte, dass auf den Landstraßen in seiner Gegend einander entgegenkommende Fahrer mit den Köpfen zusammenstießen, weil beide sie aus dem Fenster hielten, um nach dem weißen Begrenzungsstreifen zu schauen. Zum Glück fuhren sie nur mit fünf Kilometern pro Stunde.

Noch Anfang der 2000er-Jahre, als ich neu in Italien und als Fußgängerin unterwegs war, gab es im Herbst und Winter auf der Landstraße zwischen Como und Varese so manchen Morgen, an dem die Autofahrer nebelbedingt im Schritttempo neben mir herfuhren. Bei meinem eigenen Auto finde ich die Nebelscheinwerfer heute nur mit Mühe. Ich schalte sie höchstens alle zwei Jahre einmal für 300 Meter ein. Ehe ich sie gefunden habe, bin ich aus dem bisschen Dunst schon wieder heraus.

Heutzutage gibt es statt dicker Suppe feine Nebelschwaden: beim Blick vom Balkon über das bewaldete Tal am Morgen nach einem Regentag. Auf dem Weg ins Büro, zwei Orte weiter, wo die Straße nach einer Kurve den Blick freigibt auf Wiesen und kleine Reihenhäuser, deren Dächer in der Morgensonne frech aus den Nebelschwaden hervor lugen. Jedes Mal denke ich, ich müsste rechts ranfahren und den Zauber im Bild festhalten. Dass ich es dann doch nicht tue, liegt an der Eile auf dem Arbeitsweg, aber noch vielmehr an dem Wissen, dass keine Smartphone-Aufnahme dieses beeindruckende Schauspiel der Natur gebührend wiedergeben könnte. 

Nun könnte man fragen, ob der Umstand, dass es heute weniger Nebel gibt als noch vor zwanzig, dreißig Jahren, ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Nebel, wollte man ihn zeichnen, ist weder schwarz noch weiß. Er wäre irgendwas in der Mitte. Und so haben sowohl die Gründe für weniger Nebel als auch die Auswirkungen seines Rückgangs negative und positive Aspekte. Der Rückgang des dunstigen Phänomens kann sowohl mit höheren Temperaturen aufgrund des Klimawandels als auch mit niedrigeren Schadstoffemissionen und somit besserer Luftqualität erklärt werden. Unbestritten vorteilhaft ist, dass wir heute auch im November gute Sicht und weniger nebelbedingte Verkehrsunfälle haben. Eine Kehrseite der Medaille bekommen die Landwirte zu spüren: Ohne Nebel besteht höhere Frostgefahr am Boden. Diese Weisheiten habe ich aus einem Artikel, der anhand statistischer Aufzeichnungen und wissenschaftlicher Erklärungen bestätigt, dass es in der Pianura Padana „meno nebbia di una volta“, weniger Nebel als früher gibt. Sag ich doch! Ob nun der dicke Dunst von früher oder die feinen Schwaden von heute romantischer sind, ist Ansichtssache und untrennbar verbunden mit persönlichen Erinnerungen. Die an Jugendzeiten sind meistens positiv, Nebel hin oder her.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Muster und Freiheit

Oder: Die Mathematik des Strickens

Häkeln oder Stricken ist wie Radfahren. Man verlernt es nicht. Dabei habe ich es mehrmals drauf ankommen lassen. Ich habe damit aufgehört und nach vielen Jahren wieder angefangen. Vor dem Neubeginn kamen jedes Mal die Zweifel: Wie ging doch gleich das Maschenanschlagen? Wie das verschränkt Zusammenstricken? Es geht meist automatisch, ist abrufbar wie aufs Rad steigen und in die Pedale treten. Und falls nicht, gibt es Tutorials.

Das erste Mal griff ich im zarten Alter von zehn Jahren zu den Nadeln. Unter der liebevollen Anleitung meiner Mutter, von Beruf Mathelehrerin, strickte ich nicht etwa einen Schal, sondern sofort einen Pullover. Ein Babypullover war es, für meine kleine Nichte. Ich erinnere mich genau, wie ich fluchte und schimpfte und Blut und Wasser schwitzte: im Zug auf einer Urlaubsreise, ich glaube, sie ging nach Ungarn. Ich weiß nicht, wie heutzutage Zehnjährige so eine lange Fahrt über die Runden bringen. Ich strickte. Eine Runde nach der anderen. Und mit jeder ging die Arbeit leichter von der Hand. Das Material war synthetisch (WOLPRYLA-Hochbausch?) und von leuchtendem Hellblau. Nicht, weil die Tochter meiner Schwester ein Junge war und auch nicht, weil wir gegen die damals klare farbliche Geschlechterprägung rebellieren wollten. Es war Hellblau, weil es kein rosa Strickgarn gegeben hatte. Und vermutlich auch kein hellgelbes oder hellgrünes, die beiden Farben, die man in der Babyausstattung als neutral betrachtete. Das Muster war so hübsch wie für meine kleinen Hände schwierig. Kein glatt rechts oder abwechselnd links und rechts, wie es für eine Anfängerin leicht gewesen wäre. Ein Lochmuster. Die Strickanleitung wollte es so.

Heute stricke und häkle ich gar nicht mehr nach Anleitungen. Dazu trägt nicht nur der Umstand bei, dass ich die italienischen Maschenbezeichnungen nicht verstehe und für deutsche Beschreibungen bei uns nicht die passende Wolle kaufen kann. Nein, es ist auch und vor allem mein Hang zum Unkonventionellen. Beim Stricken begebe ich mich auf eine kreative Reise. Ich plane so gut wie gar nicht, das Werk entsteht bei der Arbeit. Es braucht eine Maschenprobe am Anfang, vielleicht auch ein Muster aus dem guten alten Grundmuster-Heft vom Verlag für die Frau. Aber dann geht es los, frei Schnauze. Ich entscheide oft erst während des Entstehens die genaue Farb- und Musterfolge, den Schnitt der Ärmel, die Form des Ausschnitts. Dabei ist es wichtig, mitzuschreiben. Vorderteil und Rücken sollten im Ergebnis schon deckungsgleich sein. Wenn doch mal was schiefläuft, wird einfach wieder aufgetrennt. Während des ersten Lockdowns im Jahr 2020 half mir das Stricken über Langeweile und Hilflosigkeit hinweg, da spielte das Auftrennen und Neuanfangen fast schon eine psychotherapeutische Rolle. Selbst damals kam etwas Gutes dabei heraus, und zwar etwas ganz anderes als geplant. (Lest hier meinen Bericht über eine zuversichtliche Strickarbeit in einer dunklen Zeit.)

Vor drei, vier Jahren war es plötzlich wieder das Häkeln, neudeutsch Crochet, das mich vor dem Fernseher oder im Sommer auf dem Balkon bei Laune hielt. Was es als neuesten Schrei in den Geschäften gab, das konnte ich mir auch selbst anfertigen. In den letzten Monaten kam ich nicht mehr ran an die Nadeln. Sei es, weil der Schrank voll ist mit guten Stücken, sei es, weil ich mit Sorgen beschäftigt war. Dabei sind gerade dann, wenn das Gedankenkarussell verrücktspielt, Handarbeiten eine ideale Ablenkung. Als neulich in meinem Lieblingsradio eine Journalistin der Frauenzeitschrift Donna Moderna über den (in Italien im Vergleich zu Deutschland später ausgebrochenen) DIY-Hype sprach und dazu Michelle Obama zitierte, nahm ich die Anregung an und die Maschen wieder auf. Das Bild, das die ehemalige First Lady der USA in ihrem Buch „Das Licht in uns: Halt finden in unsicheren Zeiten“ entwirft, gefiel mir gut und blieb hängen, vielleicht auch, weil ich gerade im Auto saß, als ich es hörte. Ich gebe es hier sinngemäß wieder, denn auch im Netz fand ich es nur in italienischer Fassung:

Das Stricken hat bei mir ein Wunder vollbracht. Es hat mein überanstrengtes Gehirn auf den Rücksitz platziert und meinen Händen erlaubt, das Auto für eine Weile zu steuern. Es ist ihm gelungen, mich von meinen Ängsten abzulenken, um mir einen Moment der Erleichterung zu verschaffen.“ *

Schön, oder? Handarbeit für den Seelenfrieden. Die Hände arbeiten lassen, damit der Kopf mal weniger heiß läuft. Manch eine mag es entspannen, einer Anleitung zu folgen, einmal nicht dauernd selbst entscheiden zu müssen. Mich beflügelt und entspannt die künstlerische Freiheit, etwas zu gestalten. Bei aller Kreativität ist beim Handarbeiten aber auch mathematische Genauigkeit gefragt. Ich denke dabei an meine Mutter und spreche immer von der Mathematik des Strickens. Ein Argument, das ich schon augenzwinkernd ins Feld führte, als meine Tochter am Sinn dieses Unterrichtsfachs zweifelte. Jede wievielte Reihe muss ich wie viele Maschen ab- oder zunehmen, um am Ende auf die gewünschte Ärmelbreite zu kommen? Verhältnisgleichungen sind etwas zutiefst Praktisches! Tatsächlich liegt mir beides, das Improvisieren genau wie die Mathematik.

Ihr wisst ja, dass ich gern philosophiere und in kleinen Alltagsdingen Formeln fürs große Ganze suche. So brachte mich auch das Stricken und Häkeln auf eine vielleicht allgemeingültige Erkenntnis. Zum Glücklichsein braucht es beides: Muster und Freiheit.

*Zitat aus dem Buch in italienischer Fassung im Artikel bei Donna Moderna.

Theaterluft

Im Herbst beginnt die neue Theatersaison, wie ausgehungert stürze ich mich auf den neuen Spielplan. Leider werden in Varese fast nur noch Musicals (die ich mag, aber oft schon kenne), Konzerte (wenn es doch mehr von meiner Musik wäre) und Comedy (kann ich im Fernsehen schauen) gespielt. Erstmal habe ich nur Karten für einen Sänger geholt, den mein Mann und ich mögen. Musica Italiana aus den Achtziger/Neunziger Jahren, mit der wir beide Erinnerungen an verflossene Lieben verbinden. So what? Das ist das Leben. Wogegen ich mich verzweifelt wehre, ist, dass meine Liebe zum Theater verfließt. Das wird sie auch nicht, ich kann sie derzeit nur nicht liebevoll pflegen, mit neuen Anregungen bei Laune halten. Beinahe ein Argument, nach Deutschland zurückzukehren, wäre da nicht all das andere, das Italiengefühl, von dem ich im letzten Beitrag schrieb. Als ich neulich das Foyer unseres Vareser Theaters in der Hoffnung betrat, doch noch ein Schauspiel-Event zu finden, per Aushang womöglich und online nicht verfügbar, blieb ich einen Moment länger dort. Es roch so gut. Ein Duft, der mich in die intensivste Zeit meiner Liebe zum Theater zurückversetzte. In Leipzig war es, im Herbst 1998, da stand ich selbst auf der Bühne, als Autorin und Vortragende. Wenn ich möchte, war es gestern. Die Erinnerung ist irritierend präsent. Insbesondere der allabendliche Moment vor dem Auftritt hat sich über diesen besonderen Duft in mein Gedächtnis gebrannt.

Theater! Ich kann nicht genug davon kriegen, und jetzt bin ich Teil davon. An sechzehn Abenden, nach Monaten des Schreibens, Diskutierens und Probens. Die kleine Bühne des großen Schauspielhauses ‒ für mich in diesen Tagen die Welt. Da ist dieser Geruch, ich vermag kaum zu sagen, was ihn ausmacht. Er ist noch stärker, wenn ich ihn als Vortragende (Schauspielerin wage ich nicht einmal zu denken) einatme. Ich schließe die Augen und weiß, dass genau dieser Geruch von pudriger Theaterschminke, vielgetragenen Kostümen, Holzbrettern und Bühnenbildfarbe, vermischt mit abgestandenem Parfüm der Besucher ‒ vielleicht sind das die Ingredienzen ‒ das höchste Glück auf Erden ist. Den Moment vor meinem Auftritt genieße ich in aller Stille, ich habe ihn sicher. Er kann nicht misslingen wie mein Vortrag, von dem ich mir wünsche, dass er die Menschen im Saal erreicht. Die letzten Minuten verbringe ich mit dem Platzanweiser, ein hagerer Mann mit graumeliertem Haar, hinter der geschlossenen Tür zum Zuschauersaal. Er wird es sein, der sie mir im richtigen Moment öffnet. Alles ist einstudiert, auch der Platzanweiser spielt seine Rolle. Für den Abschlussbeitrag des Abends komme ich nicht wie die anderen von hinten auf die Bühne, ich betrete den Saal durch den Publikumseingang. Jetzt! Die schwere Tür fällt hinter meinem Rücken fast geräuschlos ins Schloss. In der Dunkelheit arbeite ich mich mit leisen Schritten an den Sitzreihen vorbei nach vorne. Dort warte ich, bis der Applaus für das letzte Stück verebbt. Während die Blicke aus dem Saal denen folgen, die die Bühne verlassen, steige ich die drei Stufen zu ihr hoch und schleiche mich unbemerkt auf meinen Platz. Noch wenige Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen, dann holt mich der Scheinwerfer aus dem Verborgenen. Mitten im Lichtkegel stehe ich, die Zuschauer bemerken mich erst jetzt. Der Saal ist gut besetzt, das spüre ich, während ich ins schwarze Nichts starre und nur hier und da ein Hüsteln oder Räuspern höre. Ich schlucke, öffne die Lippen, atme noch einmal die pudrig-schwere Theaterluft ein, die sich hier oben mit dem Schweiß der vorher Aufgetretenen mischt und hoffe, dass meine Stimme gleich weniger beben wird als mein Herz.

Zum Weiterlesen: Ein früherer Blogbeitrag zum Leipziger Theaterprojekt trägt dessen Titel: „In Fahrt“.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Das Italiengefühl

Oder: Die Frage nach dem Glücklichsein

Ich ziehe doch tatsächlich einen Trolley hinter mir her, dabei befinde ich mich weder am Flughafen noch auf dem Weg dorthin. Aus dem Linienbus bin ich gestiegen, nach kaum zwanzigminütiger Fahrt. Es ist Freitagnachmittag, ich laufe durch Varese und erzeuge dieses klackernde Geräusch von Kofferrollen auf Kopfsteinpflaster. Um die Illusion perfekt zu machen, ziehe ich irgendwann das Handy aus der Jackentasche, gebe mein Ziel ein und lasse mich von der freundlichen Stimme navigieren. Dabei kenne ich das Hotel, habe kein Problem, es zu finden. Mit dem lästigen Hackenporsche im Schlepptau möchte ich aber den kürzesten Weg laufen. Biegen Sie demnächst in die Via Pincopallino. Die meisten Straßennamen kenne ich nicht. Ich spiele meine Rolle gut, bin Touristin in der eigenen Stadt. Als mich ein junger Mann aufhalten will, der in der Geschäftsstraße für irgendeinen Verein wirbt, laufe ich unbeirrt weiter. Eine Reisende auf der Suche nach ihrer Unterkunft darf das. Non ho tempo, ich habe keine Zeit. Vielleicht hätte ich besser in Englisch oder Deutsch antworten sollen, denn er ruft mir hinterher: Hai perso qualcosa, du hast etwas verloren. Ich drehe mich tatsächlich um, es ist ein Reflex, und dann lache ich auf und rufe zurück: Ma va! Ich bin guter Laune, werde ich doch gleich zwei Studienfreundinnen aus Deutschland treffen, die die Brückentage vom 3. Oktober für eine Italienreise nutzen. Wir sehen uns nicht mehr oft, zuletzt immer in Deutschland und nur zu zweit. Alle drei, stelle ich ungläubig fest, waren wir vor 18 Jahren bei meiner Hochzeit noch einmal zusammen.

Am zeitigen Abend füllt sich Varese und kommt in Wochenendlaune wie wir. Auf der Suche nach einer Bar für einen Aperitivo schlendern wir an Geschäften vorbei und H. fragt oder stellt vielmehr fest: Du gehst bestimmt oft shoppen, so schön, wie das hier ist. Ich verneine, sie will es nicht glauben. Was, du gehst nicht gerne durch die Läden? Wozu denn, versuche ich zu erklären, Kleidung kaufe ich gezielt, wenn ich etwas Neues brauche. Wenn es beim Cambio Armadio, dem saisonalen Kleiderumräumen, traurig aussieht. Würde ich direkt in der Stadt wohnen, wäre das nicht anders, aber bummeln und auf einen Caffè oder Aperitivo ginge ich sicher öfter.

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne. Die Deutschen kommen ins Schwärmen: Dieser blaue Himmel, dieses Licht, das ist ganz anders als bei uns, irgendwie wärmer. Jetzt verstehen wir, warum die Italiener so entspannt sind und das Leben genießen. Das muss doch abstrahlen, wenn man hier lebt. Du musst immer glücklich sein!

Ich weiß, dass wir Riesenglück haben, dass es heute so schön ist, noch am Morgen zuvor regnete es und zum Wochenanfang sind schon wieder Schauer und Gewitter angesagt. Aber ich verstehe, was sie meinen. Die Sonne scheint in Italien anders. Auch wenn ich das im Alltag nicht mehr wahrnehme. Und ja: Ich muss öfter shoppen gehen, mir reicht ja schon das sogenannte Windowshopping. H. lässt derweil nicht locker: Dann kaufst du also alles online? Nein, ich kaufe gar nicht, scherze ich. Schaut mich an! Sehe ich aus wie eine, die regelmäßig Mode shoppen geht? Dabei weiß keiner außer mir, dass ich die elegante Jacke vor Ausbruch der Pandemie kaufte, als wir dann monatelang keine Jacken brauchten, den Glitzerpulli sogar noch ein Jahr vorher. Stellt euch vor, fällt mir zu diesem Thema ein, die neuesten Kleidungsstücke habe ich aus Dresden, Heimatstadt des Herzens. In der Altmarkt-Galerie führen sie meine Lieblings-Marke, wie heißt sie gleich? Ich schaue an mir runter, und tatsächlich: Die Hose habe ich von dort. Mir fällt immer noch nicht der Markenname ein, also zeige ich meine Rückseite und das Label auf der Hosentasche. R. liest vor, was da steht. Ja, diesen Hersteller kenne sie, die haben gute Qualität. Eben, und mir gefallen und passen die Sachen, hier hat sie keiner, damit sind sie gleich im doppelten Sinne zeitlos.

Wir sind jetzt aber nicht aufs Shopping aus, wir wollen frühstücken wie die Italiener, im Stehen, in einer namhaften Pasticceria gleich neben unserer Unterkunft. Das hoteleigene Frühstück würde den deutschen Ansprüchen nicht genügen, hatte ich vorsorglich erklärt und stattdessen einen landestypischen Start in den Tag empfohlen. Das Dolce-Vita-Gefühl für Italienurlauber beginnt bei der Prima Colazione. Wir nehmen ein riesengroßes, fantastisch schmeckendes süßes Teilchen, jede dazu einen anderen Caffè. Und, fühlst du dich nun eigentlich in Italien zuhause, will R. von mir wissen, während sie sich die letzten Zuckerkrümel von den Lippen leckt. Die unvermeidliche Frage. Oft kommt sie in Verbindung mit der, ob ich mir vorstellen kann, nach Deutschland zurückzugehen. Dann sage ich immer: Nein, das habe ich nicht vor. Warum auch? Es geht mir gut, es gefällt mir hier. Ich liebe Italien: das Land, die Sprache, die Musik, das Essen. Den Charme des Improvisierten genau wie die Raffinesse edlen Designs. Auf ihre regierenden Politiker schimpfen mittlerweile auch die Deutschen.

Wo ich mich zuhause fühle, das ist nochmal eine andere Frage. Die kann ich nicht beantworten oder habe Angst vor der Antwort, könnte sie doch lauten: nirgendwo. Aber wäre das so schlimm? Heißt es nicht, dass Heimat eigentlich überall und immer da ist, wo die Familie ist, wo Freunde sind? Manche Menschen, die man mag und mit denen man über Jahre verbunden bleibt, leben in anderen Ländern, aber man besucht sich hin und wieder. Es genügt zu wissen, dass es den anderen gibt, dass man sich treffen und immer gut unterhalten wird, als wären nicht die vielen Kilometer und all die Jahre dazwischen gewesen. Eine Freundin aus Wien habe ich einmal in Hamburg kennengelernt, eine Thüringerin in Leipzig, die lebte erst in Frankreich und jetzt in Großbritannien.  

Worum es in den Gesprächen mit meinen Freundinnen ging, von der Italien-Schwärmerei einmal abgesehen? Natürlich um gemeinsame Erlebnisse im Studium und mit H. auch später im ersten Job. Kennst du den noch, erinnerst du dich daran? Aber nicht nur. Das Beste war, dass wir über vieles sprachen, was uns heute bewegt, auch wenn unsere Arbeits- und Lebensumfelder verschiedener nicht sein könnten. Wir interessieren uns füreinander, hören zu und stellen Fragen. Jede hat Sorgen, jede ihr Päckchen zu tragen. Im Beruf, in der Familie. Wir erzählen davon, aber jammern nicht. Für vieles gibt es Lösungen, mit anderem muss man sich abfinden und einiges verliert auf lange Sicht ohnehin an Bedeutung. Wir sind jetzt in diesem Alter, in dem Frauen noch einmal etwas Neues wagen oder auf frühere Interessen zurückkommen, die auf der Strecke geblieben sind. Meine Freundinnen sind mit der Familie ein paar Jahre voraus, ihre Kinder schon beim Studium. Die eine geht nun wieder länger arbeiten, damit sie die bisher als Überstunden geleistete Zeit bezahlt kriegt, die andere nutzt die freien Stunden am Nachmittag endlich für sich. Halte durch, machen sie mir Mut, bald bist du auch freier in deinen Entscheidungen. Für eine neue Arbeit, eine neue Aufgabe. Es tut gut, Zuspruch zu erhalten. Denn zufrieden, was den Job betrifft, bin ich schon lange nicht mehr. Außenstehende erkennen das besser, sie haben einen unvoreingenommenen Blick. Und wenn ich nur die Quintessenz berichte, sehe ich selbst auch klarer.

Unser gemeinsames Studium an der Berliner Humboldt-Uni liegt dreißig Jahre zurück, wir haben guten Grund, Bilanz zu ziehen. Seid ihr glücklich, fragen wir und stimmen überein: Hier und jetzt, während unserer gemeinsamen Stunden, sogar sehr. Heute genießen wir die guten Momente mehr als in unserer Jugend. In unserem, sagen wir mittleren Alter, blicken wir nicht nur zurück, sondern auch wieder nach vorn. Auf die To-do-Liste gehören definitiv mehr Wünsche. Ein gemeinsames Italienwochenende, zu dem ich statt eines Linienbusses den Schnellzug nehmen werde, haben wir schon eingetragen.

Titelfoto: Piazza San Vittore mit Basilika di San Vittore, Varese Zentrum.

Herbstgerichte

In einer Bar, in der ich manchmal einen schnellen Mittagsimbiss einnehme, hängt dieses traurige Plakat. Es gibt keine Sommergerichte mehr: keinen Mozzarella mit Tomaten, keinen Bresaola mit Rucola und Parmesan, keinen Prosciutto mit Melone und auch nicht unsere heiß geliebte Pasta fredda. Keine kalten Teller. Nur noch warme Küche. Sogar dem belegten Panino oder gesalzenen Croissant, mit Schinken oder Salami und Käse gefüllt, wird in der Mikrowelle der Status eines Heißgerichts verliehen. Es sei denn, man greift rechtzeitig ein und lehnt dankend ab.

Dabei sehe ich den Anschlag mit dem Aufkleber „Fuori Produzione“ (nicht mehr in Produktion) nicht erst jetzt, wo der Sommer auch in Norditalien definitiv vorbei ist. Er hängt dort schon länger, mindestens seit einem Jahr. Als ob die Wand dahinter einen Schaden hat oder schmutzig ist, und das Schild soll die Sache verdecken. Jetzt, Anfang Oktober, passt der Aushang wieder. Das ist so ähnlich wie mit der Weihnachtsdeko, die manche Leute einfach stehen oder hängen lassen. Bis Ostern sowieso, dann hat man anderes im Kopf, und eh man sich versieht, ist schon wieder Herbst und Weihnachten steht vor der Tür.

Ich finde das schade mit den kalten Tellern, heute Abend habe ich schnell noch mal einen gemacht. Unser Basilikum ist nach wie vor schön und es wäre ein Verbrechen, es nicht dekorativ auf Tomaten mit Mozzarella zu legen. Das mit den herbstlichen Gerichten überlasse ich derweil den Gastronomen und Festveranstaltern. Der Herbst ist bei uns Hochsaison für sogenannte Sagre – Themenfeste rund um spezielle Gerichte. Gerade sind die Funghi Porcini, Steinpilze, überall in Töpfen und Pfannen. Dem Pilz scheints zu gefallen, bei uns im Ort tanzte er am vergangenen Wochenende auf dem Tisch: „Fungo in festa“, hieß das Event, der „Pilz in Feierstimmung. Es wird wie jedes Jahr viele Kartoffelfeste geben, gefolgt von Kürbisfesten. Auch Polenta ist wieder in aller Munde, sättigt und wärmt der gelbe Maisbrei doch gut und passt wunderbar zu ebendiesen Steinpilzen, Gorgonzola-Käse oder Brasato, geschmortem Fleisch.

Der Sommer ist abserviert, da hilft kein Jammern und Trotz schon gar nicht. Ich muss nur noch schnell mein Basilikum einer artgerechten Verwendung zuführen (vielleicht ein Pesto?) und dann bin auch ich bereit, Neues aufzutischen.

Einsichten

Dauerwelle oder Farbe, ich wusste, dass beides zu viel wäre fürs Haar. Ich wusste es, aber Schaden macht nicht immer klug oder manchmal nur vorübergehend.

In den 80er-Jahren war es, als die Dauerwelle Pflicht war und das Blondieren sowieso. Das ging so lange gut, bis das Haar sich strohig anfühlte. Zum Glück kam die Dauerwelle irgendwann aus der Mode, denn vom Blondieren konnte ich nicht lassen. Dann waren es Strähnchen, in Italien Colpi genannt. Schläge. Colpi di sole meint helle Strähnen wie die, die die Sonne auf natürlichem Weg ins Haar zaubert. Wenn es der Friseur tut, sind es Colpi, Schläge mit Chemie.

Vom falschen Blond bin ich weg. Rot lässt blaue Augen erst richtig strahlen, dachte ich mir, als ich das Gefühl hatte, dass mir nur noch meine hier in Italien so rare Augenfarbe als Schönes geblieben war. Und tatsächlich, Komplimente ließen nicht auf sich warten. Nur: Welche Frau gibt sich lange zufrieden, wenn die nächste Idee lockt? Dauerwellen seien wieder modern, jetzt sanfter fürs Haar, so hieß es. Den Verlockungen der Werbung wollte ich gern glauben und ließ mir vor zwei Jahren in den Sommerferien eine machen. Wenn im August alle im Urlaub sind und auch Rosis Friseursalon schließt, ist eine Dauerwelle das Beste, was man haben kann. Die Haare trocknen nach jedem Schwimmen, nach jeder Dusche so schön unkompliziert in der Sonne. Nach einem Jahr, als die Locken kaum noch Wellen waren, ließ sich eine Auffrischung nicht vermeiden. Also tat ich es noch einmal. Jetzt muss ich zusehen, wie sich mein kirschfarbenes Rotblond, so nenne ich es mal, in den Längen, wo ich zweimal Dauerwelle hatte, immer viel schneller auswäscht als am Ansatz. Freilich sind Farbschattierungen modern, man kann sie sich als teure Balayage sogar färben lassen, nur ist die Theorie das eine und der Blick in den Spiegel das andere. Abwarten muss ich jetzt, Geduld haben, dass es sich rauswächst. Wie so oft im Leben, wenn man alles gleichzeitig haben will und eines Besseren belehrt wird. Ich entscheide mich für Farbe. Das mit der Dauerwelle war wohl doch nur der missglückte Versuch, die Unbekümmertheit der Jugend zurückzuholen.  

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Vierfruchtmarmelade ohne Früchte

Oder: Abschreiben erwünscht!

Es liegt gerade schwer im Trend, auch literarisch, in vergangenen Jahrzehnten nach Parallelen zum Leben hier und jetzt zu suchen. Wie hat uns die eigene Kindheit und Jugend, das Leben unserer Eltern geprägt, was haben Erfahrungen von damals mit unserem Verhalten von heute zu tun? Es ist die Suche nach der eigenen Identität, die uns umtreibt.

Vielleicht befinde ich mich auch im Sog eines Schreibseminars, von dem ich gerade zurück bin. Dort ging es um autobiografisches Schreiben, während ich, am Thema vorbei, mit meinem Textentwurf in der Gegenwart herumruderte, verloren auf hoher See. Ich wollte von Dingen schreiben, für die es keine Worte gibt. Für die ich noch keine Worte habe, nicht haben kann, weil das Geschehen noch andauert. Da liegt es nahe, weiter auszuholen und in die Vergangenheit abzutauchen. Ich weiß noch nicht, wo das hinführt, und ob es für mein Schreiben eine Bedeutung haben wird. Ich weiß aber, dass ich die Erfahrungen meiner Eltern an nachfolgende Generationen weitergeben möchte. Beide Jahrgang 1932, wuchs mein Vater im Schlesischen Landeshut und nach dem Krieg in Dresden, meine Mutter in Berlin auf. Mein Vater hat wenige Jahre vor seinem Tod handschriftliche Notizen gemacht und sie mir überlassen. Kein Tagebuch, sondern eine Melange aus geschichtlichen Ereignissen, deren Einordnung, und privaten Erlebnissen. Was ihm und meiner Mutter am Ende ihres Lebens im Rückblick erzählenswert erschien, steht nun auf wenigen Seiten kariertem Papier. Wie Puzzleteile hebe ich die Sätze auf, breite sie vor mir aus, ohne sie bereits ordnen zu wollen. Ich schreibe ab. Wort für Wort, ohne eigene Formulierungen einzufügen oder gar Zusammenhänge herzustellen. Nein, es geht mir in dieser Phase um ein wortgenaues Übertragen ins Digitale, damit die zum Ende hin immer schwerer lesbaren Zeilen für unsere Familie erhalten bleiben. Ich weiß, mein Vater hat das gewollt, es ist in seinem Sinne. Vielleicht hatte er auch gedacht, ich würde etwas davon in einem Text, gar einem Buch verarbeiten. Das kann ich ihm noch nicht versprechen. Gerade bin ich bei Vierfruchtmarmelade ohne Früchte, die lockt keinen hinterm Ofen hervor. Es sei denn, ich würde das Leben in der DDR im Vergleich zum Westen mit dem bescheidenen Brotaufstrich auf einen Punkt bringen wollen. Das wäre eine Provokation, vielleicht braucht es die heutzutage für einen potenziellen Bestseller.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Keine Kurzgeschichte

Jeder Sommer ist irgendwann vorbei, und für manchen Sommerhit kommt das Sommerende gerade rechtzeitig, bevor man ihn überhat. Das geschieht schnell bei Diskotiteln in einem Rhythmus, bei dem jeder mitmuss. Dabei ist es schön, wenn es diesen einen Song gibt, der für immer mit einem Sommer verbunden bleiben wird.

Im vergangenen Jahr hatte ich euch vor meiner Blogpause im August das Video eines, später sollte sich herausstellen, DES italienischen Sommerhits 2023 gezeigt, um meine schwierige Beziehung zu den in Italien beliebten Balli di Gruppo zu beschreiben. Zufall, aber auch ein schöner Volltreffer. In diesem Sommer war ich drauf und dran, bewusst eine Wette einzugehen. Einen Song auszuwählen, dem ich den Titel des „Power Hit Estate“ zutraute. Seit 2017 trägt Radio RTL 102.5 diese Hitparade aus, lässt die Hörer den Sommer über jede Woche abstimmen und kürt Anfang September in der Arena von Verona den über den Gesamtzeitraum bestplatzierten Titel zum Sommerhit des Jahres. Warum ich am Ende meine Wahl nicht verkündet habe? Weil ich nicht sicher war. Es gab so viele gute Songs in diesem Jahr, dass mir die Entscheidung schwerfiel. Und doch ‒ ihr müsst mir an dieser Stelle einfach glauben ‒ hatte ich einen persönlichen Favoriten. Das war kein heißer Tanztitel, der einem beim ersten Reinhören in die Beine fuhr. Es war ein Duett, über das man schon vorher sprach, kein Wunder angesichts der überaus erfolgreichen und beliebten Interpreten Tananai und Annalisa. Ich erinnere mich, als ich ihren gemeinsamen Song das erste Mal, Anfang Juni war es, im Autoradio auf dem Weg zur Arbeit hörte. Nett, dachte ich. Und dann, mit jedem Mal, schlich er sich immer mehr ins Ohr und vor allem ins Herz. So ging es offensichtlich vielen Italiener*innen, die Woche um Woche für Storie Brevi stimmten. Sind Beziehungen heutzutage oft dazu verdammt, oberflächlich zu bleiben, singen Tananai und Annalisa von diesem besonderen Feeling, wenn sich zwei Menschen treffen, die ohne Angst vor Verletzungen daran glauben, dass ihre Geschichte keine flüchtige Sommerliebe ist. Sondern etwas Großes, das länger hält. Die storie brevi, die kurzen Liebesgeschichten, haben all die anderen. Wow, oder? Das sind Gefühle, nach denen wir uns sehnen oder an die wir uns zurückerinnern. Ich wünsche mir, dass der italienische Sommerhit des Jahres 2024 bei hoffentlich sehr vielen Menschen auf immer mit wundervollen Erinnerungen verbunden sein wird.  

Übrigens wurde das Video zum Song in unserer Gegend, in der Villa Rusconi Clerici in Verbania am Lago Maggiore gedreht. Eine Villa, in der sich Hochzeitspaare gern mit ihren Gästen einmieten, um den Bund fürs Leben zu feiern.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Ferien im Süden (von Berlin)

Immer, wenn wir mal wieder bis ganz zuletzt nicht wissen, wohin wir im Sommer verreisen wollen, denke ich an die Sommerferien meiner Kindheit zurück. Wie einfach es war, und wie schön. Meine Eltern und ich, das Nesthäkchen, fuhren jedes Jahr Ende Juli oder Anfang August für zwei Wochen in einen Bungalow am See. Erst war es der Storkower, dann ein paar Jahre lang der Kleinköriser See. Von Strausberg aus fuhren wir nie länger als eine Stunde, um unser Urlaubsdomizil südlich Berlins zu erreichen. Obwohl ich präzisieren muss, dass wir gefahren wurden. Von netten Bekannten, denn meine Familie besaß kein Auto. Höre ich den Einwurf, wir hätten auch am schönen Straussee bleiben können? Nein, wo wir wohnten, hatten wir keinen Bungalow und heute erkläre ich es einfach mal so: Wir fuhren in den Süden!

Bevor wir in diesem Sommer in den Westen aufbrachen (von der Lombardei ins Piemont), fielen mir zwei Urlaubstagebücher von damals in die Hände, die meine Eltern liebevoll aufbewahrt hatten. Ich schrieb sie mit zehn und elf Jahren, in schönster Unterstufen-Schreibschrift. So kurz vor dem eigenen Urlaub spürte ich Lust, in den Heften zu blättern und lud unsere Jüngste dazu ein. Eigentlich hat sie nie viel Geduld beim Anschauen oder Anhören von Mutters ollen Kamellen, aber diesmal geschah ein kleines Wunder und sie ließ sich beide Ferien von der ersten bis zur letzten Seite vorlesen. Ein Kapitel versuchte sie sogar selbst zu entziffern. Es gelang ihr recht gut, dabei war meine DDR-Schreibschrift nicht bei allen Buchstaben deckungsgleich mit ihrer italienischen. Wir hatten viel Spaß bei der gemeinsamen Lektüre, obwohl oder gerade weil ich oft unterbrechen musste, um ihr Worte und beschriebene Situationen zu erklären. Denkt nicht, es war ein einfaches Übersetzen vom Deutschen ins Italienische. Meine gar nicht so kindlich formulierten Urlaubserinnerungen zeichneten eine andere Welt. Da tauchten Wörter auf, die sie kennt, die damals eine vollkommen andere Bedeutung hatten. Lese ich meine Aufzeichnungen allein, klingen sie gar nicht komisch. Aber meine Tochter stolpert über Sätze wie: „Ich bekam ein Geschenk für meine Schwester.“ Bekommen steht heute für erhalten, und sie verstand nicht, wieso ich ein Geschenk bekam, das doch für meine Schwester war. An anderer Stelle waren wir in der Stadt und bekamen zwei schöne Hosen für mich und für Vati ein paar gute Schuhe. Halbschuhe aus braunem Leder, die „gar nicht so teuer“ waren, obwohl sie mit 45 Mark mehr als eine monatliche Wohnungsmiete kosteten. Auch das warf Fragen auf, die ich zu beantworten versuchte, ohne ihr Vorstellungsvermögen überzustrapazieren. Erkläre mal den Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus einem Kind, das allerhöchstens den Begriff „Kommunismus“, und zwar als Schimpfwort, kennt. Wenn Mama erzählt, wird an ganz privaten Erlebnissen deutlich, was Planwirtschaft und eine sogenannte bedarfsgerechte Produktion bedeuteten. Wir kauften damals nicht, wir bekamen. Wenn wir etwas bekommen konnten, das es nicht immer gab. Und wie wir uns freuten, wenn wir etwas bekamen! Da kann kein Shoppingerlebnis von heute mithalten.

Natürlich bescherten uns die Tage in der Bungalowsiedlung am See viele andere Freuden: Waldspaziergänge in die Pilze und Himbeeren, Besuche beim Bäcker im Ort, Baden, Rudern, Federball und Tischtennis, unser allabendliches Rommé-Turnier und jeden Tag auch „individuelle Freizeitbeschäftigungen“. So vornehm drückte ich es einmal aus, aber zumeist präzisierte ich, dass Mutti strickte, Vati Ansichtskarten schrieb und ich las. Oder eben Tagebuch führte.

Ich bin die, die mit erhobenem Arm auf die leckeren Nussecken in der Auslage zeigt. 😄

Auch den Speiseplan hielt ich fest. Er fiel für gewöhnlich recht einfach aus, nahezu bescheiden nach heutigen Standards. Da gab es schon mal Bratwurst zum Mittag und Bockwurst zum Abendessen. Die eine mit Kartoffeln, die andere mit Schrippe. Wisst ihr, was eine Schrippe ist? Ich musste sehr lachen, als meine Tochter an Gamberi (Garnelen) dachte. Vielleicht, weil Schrippe so ähnlich wie Shrimps klingt? Bockwurst mit Meeresfrüchten, das wäre doch etwas Feines gewesen. Leider gab es weder Shrimps noch Garnelen, und wir mussten mit einem Brötchen Vorlieb nehmen, das in der Berliner Gegend Schrippe heißt. Einmal besuchten wir eine Broiler-Gaststätte und einmal eine Milchbar, kulinarische Kultureinrichtungen, die für eine kleine Italienerin besonders kurios klingen. Und was war bitte schön gemeint, wenn wir „in die Halle gingen, um nach Fleisch zu sehen“? Ein Schalk, der Böses denkt. Wir waren schließlich weder auf der Reeperbahn noch in einer Spielhalle. Halle sagten wir kurz für Kaufhalle. So hießen unsere Geschäfte für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs, aus gutem Grund nicht Supermärkte genannt. Nach Fleisch sah man, weil man lediglich guckte, ob es welches (im beschriebenen Fall zum Grillen geeignetes) gab.

Wieder einmal wünsche ich mir, unsere Kinder würden den alltäglichen Luxus, in dem wir heute leben, ein klein wenig mehr wertschätzen. Und da denke ich nicht nur an die immer verfügbaren Südfrüchte und die Riesenauswahl an Joghurtsorten. Mir wird auch bewusst, dass ich meinen Italiener-Kindern selten einfach aus dem Deutschen ins Italienische übersetze. Ich muss, wenn es um Erinnerungen geht, heutige Worte mit ihrem früheren Sinn erklären. Einem Sinn, den diese Worte in meiner Kindheit hatten. In einem Land, das es nicht mehr gibt und dessen Realität zunehmend verklärt und banalisiert wird, ins eine oder andere Extrem.

Urlaubs-Mood

Was ist euer perfekter Urlaubsmoment? Ich habe in diesen Wochen erkannt, dass es für mich persönlich genau eine Art von Tiefenentspannung gibt, die eine Reise zum Urlaub macht: Es ist die Zeit nach dem Frühstück, in der ich am Tisch sitzen bleibe oder eine gemütliche Ecke finde, um noch einen letzten Kaffee zu trinken und mich in die Seiten eines Buches zu vertiefen. Eine halbe Stunde Nichtstun, keine Termine, keine Verpflichtungen. Der Tag scheint unendlich lang, alles ist möglich und wird auch geschehen, aber jetzt, in diesem Moment, läuft er mir noch nicht davon. Ich tue genau das, was ich liebe: lesen. Die Umgebung und ihre Geräusche ‒ leise Gespräche, klapperndes Geschirr, zischendes Milchaufschäumen, glucksendes Kinderlachen ‒ sind trotzdem da. Ein sanftes Rauschen und verschwommene Bilder formen die Kulisse, vor der ich abdriften und in die Geschichte eintauchen kann. In meinem Kopf kreisen die Gedanken nicht mehr, ein ruhiger Fluss hat ihre endlose Jagd ertränkt. Wie Honig oder warmer Vanillepudding fühlt es sich an, eine wunderbare Mischung aus Konzentration und Entspannung. Nennt man es Flow, oder kann man den so bezeichneten Zustand nur bei aktivem Tun erleben? Auch das Lesen ist eine Tätigkeit und Geschichten führen mitunter zu eigenen Sätzen, die ich nebenbei notiere. Vielleicht wird aus ihnen irgendwann ein eigener Text, vielleicht später am Tag ein Gespräch mit den Menschen, die mit mir auf der Reise sind und mir diesen kostbaren Moment schenken. Alles kann, nichts muss. Das Lesen nach der ersten Mahlzeit des Tages ist Entspannung vom Alltag, in dem das Frühstücken im Vorbeigehen stattfindet, weil die zur Verfügung stehende Zeit für Aufräumen draufgeht. Dabei frühstücke ich auch im Urlaub nicht sehr ausgiebig, dafür mit Genuss und Bedacht. Das Beste ist ohnehin der Abschluss. Ich weiß, es gibt viele Gelegenheiten, im Urlaub zu lesen. Aber keine fühlt sich so genial an wie die halbe Stunde nach dem Frühstück. Ich lese weder abends im Bett noch tagsüber am Strand, nicht im Liegen und schon gar nicht in die Sonne blinzelnd. Ich brauche keine Strandlektüre, die es vor Sonnenmilch und Sand zu schützen gilt und die man ungelesen wieder mit nach Hause nimmt (wie es Katharina Walser hier bei Zeit Online beschreibt). Ich sitze gern beim Lesen, im Sommer am liebsten im Schatten.

In einem gebrauchten Buch, das ich bei einer Benefizaktion in der Kirche von La Morra kaufte, steckte die Karte einer ehemaligen Turiner Buchhandlung Libri & Caffè, die ihr oben im Titelbild seht: Mood wie „Moments out of Duty“. Treffender kann man das Lesen im Urlaub nicht auf den Punkt bringen. Während zu Hause immer ein „Ich müsste, sollte, könnte eigentlich …“ grimmig neben mir auf dem Sofa hockt, sind Lesemomente in der schönsten Zeit des Jahres pure Lust am Müβiggang. Ich lese, also bin ich. Mehr Urlaub geht nicht.