Schöne Aussichten

Ich beneide meine Kollegin. Um ihre Probleme. Kürzlich berichtete sie aufgebracht davon, dass sie von Jugendlichen der Oberschule auf der Straße gesiezt wurde. „Mi scusi Lei!“ (Entschuldigen Sie!), hatte ihr doch tatsächlich einer an den Kopf geworfen, was schon ziemlich heftig auf einen gefühlten Altersunterschied schließen lässt, den meine Kollegin mit gerade dreißig noch längst nicht empfindet. Aber die Zeit rennt schneller, als uns lieb ist, und früher oder später gehören wir nicht mehr dazu. Nicht mehr zu der Gruppe beziehungsweise der Generation, in der wir uns so schön eingerichtet hatten. Meine Kollegin ist gerade Mutter geworden, was die Jugendlichen in jenem Moment jedoch nicht wissen konnten. Ich bin auch Mutter, schon ein paar Jahre länger. Umso ansehnlicher meine Töchter heranwachsen, umso älter werde ich. Das ist der Lauf der Dinge, zwecklos, dagegen anzukämpfen. Aber könnte man mittlerweile gar annehmen, dass ich Großmutter bin? Großmutter, welch ein schreckliches Wort, wie im Märchen bei Rotkäppchen. Oma klingt allerdings auch nicht besser.

Neulich an der Supermarktkasse hatte ich ein irritierendes Erlebnis.

Ha figli o nipoti?“, fragte mich die Kassiererin gelangweilt und gewiss nicht in provokativer Absicht. Trotzdem zuckte ich zusammen. Nipoti? Sie meinte doch nicht etwa … Als ich wieder Luft bekam, fiel mir ein, dass Nipoti nicht nur Enkelkinder, sondern auch Nichten und Neffen bedeuten konnte.

Figli“, klärte ich auf. Ich habe Kinder. „Perché?“ Warum? Was geht Sie das an, wäre mir beinah noch herausgerutscht.

Die Erklärung war einfach, die Frage an dieser Stelle ungewöhnlich. Es gab für je 25 Euro Einkaufswert eine Sammelfigur. Vielleicht wollte ich die selbst sammeln? Also, her damit und keine indiskreten Fragen bitte.

Es ist ein schwieriges Alter, dieses Mittelalter, und besser kann es kaum werden. Ernst gemeinte Komplimente wird es immer weniger geben. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont tat sich aber auf, als eine andere, ehemalige Kollegin neulich im Museum, wo sie eine Eintrittskarte mit Rentnerermäβigung verlangte, um ihren Ausweis gebeten wurde. Spätestens dann werde vielleicht auch ich wieder jünger geschätzt. Wenn das keine guten Aussichten sind.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Fundstücke

Ertappt ihr euch auch manchmal dabei, im heimischen Bücherschrank abzutauchen? Vielleicht, um nach den Perlen vergangener Schmökerstunden zu suchen. Da war doch diese wunderbare Geschichte, die noch einmal gelesen werden möchte. Manchmal stecken die Überraschungen, die kleinen Schätze auch zwischen den Seiten. Deshalb geht es diesmal nicht um Zitate, ich möchte euch von meinen schönsten Fundstücken in Büchern erzählen.

Wenn ich ein Buch nach Jahren noch einmal aus dem Regal fische, frage ich mich mitunter, wann und wo es war, dass ich es zum allerersten Mal in den Händen hielt. Wer es mir geschenkt hat. Oder wo und zu welchem Anlass ich es selbst gekauft habe. Ich spreche von Zeiten, als das anonyme Bestellen im Internet noch nicht erfunden oder zumindest noch nicht so verbreitet war.

Das erste Mal Italienisch

Gerade habe ich einen Roman gelesen, den ich schon viele Jahre besitze, bei dem ich aber beim ersten Anlauf über die ersten Seiten nicht hinausgekommen war. Es handelt sich dabei um den allerersten Titel, den ich mir im Original in italienischer Sprache kaufte. Im Jahr 2003, ich war irgendwo als Touristin unterwegs. Mich hatten das handliche Format, ein unschuldig daherkommendes Cover und der Verweis darauf, dass es sich um einen prämierten Bestseller handelte, gelockt. Ein Schnäppchenpreis tat das Übrige, ich schnappte zu. Doch das kleine, niedliche Büchlein erwies sich als ein wirklich harter Brocken. In mehrfacher Hinsicht. Sprachlich herausfordernd, mit vielen Begriffen, die ich selbst heute noch nicht kenne und zu denen mein Mann mir bestätigt, dass sie eher ungebräuchlich sind. In dieser alles andere als leichten Sprache erzählt der Roman die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebesbeziehung, legt den Finger in die Wunden menschlicher Abgründe und zwischenmenschlicher Beziehungen. Brutales, Deprimierendes, Schmerzliches wird ausgeleuchtet statt sprachlich umschifft. „Non ti muovere“* von Margaret Mazzantini (deutsch: „Geh nicht fort“) war abgesehen von meinen mangelnden Italienischkenntnissen zu jener Zeit nicht das richtige Buch für einen unbeschwerten Sommerurlaub. Als ich nun begann, es mit sprachlich qualifiziertem Interesse zu lesen, fiel mir nach wenigen Seiten ein winziges, verblasstes Blättchen Papier in die Hände. Ihr glaubt nicht, wie sehr ich mich freute. Bis dahin war mir unwiderbringlich entfallen, wann und wo ich das Buch gekauft hatte. Nur eine vage Idee vom Ambiente war mir in Erinnerung geblieben: eine kleine Buchhandlung in der Nähe eines Bahnhofs. Dank des zwischen den Seiten hängen gebliebenen Scontrino, Kassenzettels, kann ich den Moment heute nicht nur örtlich, sondern auf die Minute genau zeitlich rekonstruieren. In der Buchhandlung Libreria Garibaldi in Sanremo, wohin ich mit dem Zug von meinem Urlaubsort Alassio aus gefahren war, habe ich am 2. September 2003 um 17.35 Uhr bezahlt. Die Uhrzeit erinnert mich daran, dass es vor dem Antritt der Rückreise war, das Stöbern im Buchladen ein Zeitvertreib bis zur Abfahrt. (Als ich diesen Sommer wieder in Alassio war, habe ich natürlich einen Ausflug nach Sanremo unternommen und dort die Buchhandlung wiedergefunden.)

Das erste Mal in Italien

Ähnliches hatte ich schon bei der Wiederentdeckung des Romans „Under the Tuscan Sun“* von Frances Mayes erlebt, von dem ich bereits einmal schrieb. Auch darin steckte der kleine Bon, der mir verriet, dass wir auf dem Weg zur Insel Elba im Juni 1998 bei einem Coop haltgemacht hatten, vermutlich, um Getränke und Proviant zu kaufen. Ich sehe noch vor meinem geistigen Auge die Buchdrehständer vor dem Geschäft, wo mir dieser amerikanische Roman, gerade frisch erschienen und in Originalsprache, in die Hände fiel.

Mittlerweile denke ich, man sollte immer den Kassenzettel im Buch lassen. Beim Kauf oder ein paar Monate später mag es banal und bedeutungslos scheinen, nach Jahren zaubert das Wiederfinden einen Ach-ja-Effekt und ein Lächeln ins Gesicht.

Einmal auf dem Weg nach Italien

Im Roman „Geh, wohin dein Herz dich trägt“* von Susanna Tamaro (deutsche Übersetzung des Originaltitels „Va‘ dove ti porta il cuore“) fand ich bei der zweiten Lektüre ein Flugticket. Es verriet mir, dass ich das Buch auf dem Weg von Leipzig nach Italien gelesen hatte. In der Geschichte steckt so viel Lebensweisheit, dass Frauen sie idealerweise mehrmals lesen, um sich im jeweiligen Lebensabschnitt in der Rolle der Tochter, der Mutter und der Großmutter zu reflektieren. Bei diesem Buch ‒ weiß ich heute ‒ wurde der Titel mein persönliches Programm. Aber das Flugticket war nur der Anfang. Der Roman entpuppte sich als wahre Fundgrube. Zwischen der letzten und der vorletzten Seite steckte ein Friseurgutschein. 10 DM, das wären heute 5 Euro. Extra nach Leipzig zu fliegen, lohnt und schickt sich nicht, aber wenn ich irgendwann einmal zufällig in der Gegend sein sollte, könnte ich dort mal reinschauen. Einen Versuch ist es wert, meint ihr nicht? Wenn man mir den Gutschein von 1999 einlöste, wäre es eine prima Social Media Geschichte und Werbung für den Salon.

Jetzt interessiert mich aber: Was war euer bestes Fundstück in einem Buch?

*Alles Werbung, alles unbeauftragt und unbezahlt.

Vom Kugelschreiber, den es nicht gibt

Morgen beginnt in Italien das neue Schuljahr. Ehe man sich versieht, sind auch drei Monate Ferien plötzlich um. Bereits seit der zweiten Ferienwoche, also mitten im Juni, versucht unser Supermarkt, den kleinen Geschäften das Geschäft mit Schreibwaren streitig zu machen. Ich kann nur müde lächeln, wenn ich in sommerlicher Urlaubsvorfreude meinen Wagen voller Obst, Grillgut, Bier und Eis an den Auslagen mit Heften, Ordnern, Stiften und Co. vorbeischiebe. Das ist doch noch sooo lange hin. Es muss sich ungefähr so anfühlen wie in Deutschland Ende August, wenn die ersten Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner Einzug in die Regale halten. Und während ich Woche für Woche die immer aufdringlicheren Angebote ignoriere, ist es plötzlich so weit, und ich kann dem Unausweichlichen nicht mehr ausweichen. Ein paar einfache Dinge wie Fünferpacks kleinkarierte Hefte oder ein Set Filzstifte kaufe ich schon mal im Supermarkt. Für die speziellen Dinge gehe ich zum Spezialisten. Zu unserem Schreibwarenhändler des Vertrauens, um es auf italienische Art auszudrücken. Der versteht auch die ausgefallensten Begriffe auf der Materialliste, die für aus anderen Welten stammende Mütter wie mich böhmische Dörfer sind. Unser Schreibwarenhändler, einer von dreien im Ort, ist der Netteste von allen. Wir nennen ihn Signor Gentile. Seine aufopferungsvolle Geduld ist in meinem Fall, die ich nicht alles verstehe, und im Fall meiner Tochter, die sich schwer entscheiden kann, von klarem Vorteil. Neulich wünschte sie sich einen Kugelschreiber mit drei Farben. Kein Problem, dachte ich, als wir einen solchen verlangten. Signor Gentile holte zwei aus dem Regal und legte sie vor uns hin. Natürlich führte er sie auch vor. Einer schrieb blau, rot und schwarz. Das war die Kombination, die ich erwartet hatte. Der andere war eine Sonderedition und schrieb lila, pink und grün. Für mich war die Sache klar: Ein Kugelschreiber sollte blau, rot oder schwarz schreiben. Meine Tochter allerdings starrte die beiden Stifte an und war offensichtlich unentschlossen.

„Na, welchen möchtest du?“, fragte Signor Gentile geduldig.

Kein Wort kam über ihre Lippen, nur ein genuscheltes „Boh …“, was so viel bedeutet wie „Keine Ahnung.“

„Nun sag schon“, drängelte ich, „welche Minen brauchst du?“

Signor Gentile lächelte wissend, spannte mich noch einen Moment auf die Folter, dann erklärte er: „Sie braucht die klassischen Kugelschreiberminen. Aber ihr gefällt das lila Gehäuse der Sonderedition besser als das blaue.“

Bingo. Meine Tochter nickte schuldbewusst. Da gab es keine Lösung. Oder doch?

Wieder lächelte Signor Gentile. Er griff zu dem Stift mit lila Gehäuse, drehte es ab, tat das gleiche mit dem Gehäuse des anderen Stifts, und setzte beide neu zusammen.

Töchterlein strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Sie hatte jetzt die klassischen Minen im feschen lila Gehäuse.

„Aber verrate es nicht deinen Freunden“, flüsterte Signor Gentile augenzwinkernd, „die kommen dann zu mir und wollen alle so einen Kugelschreiber, den es eigentlich gar nicht gibt.“

Signor Gentile weiß, was seine kleinen Kunden und Kundinnen wünschen. Und wenn nicht, dann ist er bereit, die notwendige Zeit und Mühe aufzubringen, um es herauszufinden. Steht man vor zwei oder drei Alternativen, holt er garantiert eine vierte aus der Ecke. Führt alle vor, erklärt, beschreibt die Unterschiede. Und wenn es zum Schluss ans Bezahlen geht, staune ich oft, wie günstig die Dinge sind. Sicher kann er bei Fünferpacks von Heften nicht mit dem Supermarkt mithalten, bei allem anderen schon. Wie er das macht? Ich weiß es nicht. Seine nette Art bringt ihm jedenfalls treue Kunden wie uns. Wann immer wir unterwegs an einer Cartoleria vorbeikommen und ich frage, ob jemand etwas braucht, fällt meinen Töchtern garantiert etwas ein. Doch ehe ich das fremde Schreibwarengeschäft betreten kann, höre ich: „Aber wir gehen zum Signor Gentile!“

Natürlich, das machen wir!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Pensieri positivi

Verkehrte Welt! Normalerweise habe ich ein Thema, schreibe den Text und begebe mich dann auf die Suche nach einem passenden Bild. Mit dem Foto in diesem Titel war es andersherum. Ich knipste es Ende Juli und wusste, es müsste einen Text dazu geben. Eccolo, hier ist er:

Die Tafel mit dem vielversprechenden Titel „Pensieri positivi“ (Positive Gedanken), so grau und leer, ist pure Provokation. Fahre ich an ihr vorbei, schreit es immer laut in mir, auszusteigen und etwas anzupinnen. Aber was? Was ist gut in diesem Sommer? Er ist erbarmungslos heiß und viel zu trocken, es gibt Chaos an den Flughäfen, überall steigen die Preise, wir machen uns Sorgen um die Energie- und Gasversorgung im Winter. In Italien läuft das Buzzword „caro bollette“, was steigende Energiekosten für Private und Unternehmen meint, in allen Medien heiß. Und das sind nur die oberflächlichen Symptome, die uns direkt betreffen. Wer richtig depressiv sein will, kann sich in Weltuntergangsstimmung suhlen. Krieg und Konfrontation, schmelzende Gletscher und brennende Wälder, Armut und Hunger, wenn man die Welt insgesamt betrachtet. Regierungskrise und Propaganda, Mord und Totschlag, Familiendramen und Scheidungstheater sind weitere Top-Themen in Italien. Man kann tief reinfallen, in dieses Sommerloch, und muss aufpassen, sich dabei nicht die Rübe oder Schlimmeres einzuschlagen.

Aber wie heißt es so schön: La necessità è la madre dell’invenzione. Not macht erfinderisch. Ich lerne in diesem Sommer, wie wunderbar man das Wasser, mit dem man Obst und Gemüse wäscht, auffangen und anschlieβend zum Blumengieβen nutzen kann. Ich bin überzeugt, dass die wochenlange Hitze hier am Ende besser zu ertragen war, als das Auf und Ab der Temperaturen, von dem man mir aus Deutschland berichtete. Dem Winter werden wir warm gekleidet entgegentreten und wenn es in der Wohnung und im Büro ein paar Grad kühler ist als gewohnt, kommen endlich alle dicken Strickpullover zu ihrem großen Auftritt. Ich werde kuschelweiche Socken für die ganze Familie besorgen, wenn wir die Bodenheizung runterdrehen müssen. Vielleicht führen wir eine Kerzenstunde ein? Ich mag Candlelight-Dinner, und wenn nicht ständig Festbeleuchtung alle Zimmer erhellt, fällt es gar nicht auf, wenn man einmal weniger staubsaugt. Ein zünftiges Wintergrillen auf dem Balkon wollten wir schon lange mal probieren. Wenn das Gas zum Kochen fehlt, gibt es endlich keine Ausrede mehr. … Bullshit! Verklärt romantische Gedanken dieser Art konnten mir nur bei 40 Grad Außentemperatur kommen. Da träumt man gern von einem Winterwunderland und redet es sich schön. Aber wenn wir ehrlich sind, sind unsere doch nur Wohlstandssorgen. Trotzdem ist es zu einfach, wieder nur „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen“ zu denken. Lets start sparen! Was beim Wasser geht, wird bei Strom und Gas auch möglich sein. Ich gucke es mir bei den Italienern ab und ihrer Kunst, sich zu arrangieren. Meckern und Schuldige suchen bringt nämlich weniger als gar nichts. Ich wünsche mir, dass es in Deutschland keinen Wutwinter gibt, so eine dämliche Prognose liest man ja jetzt ständig. Sparmaßnahmen auf kommunaler Ebene wie ein, zwei Grad weniger in öffentlichen Gebäuden oder halb so viele (Werbe-)Lampen in der Stadt und in Geschäften sind doch schon mal ein guter Anfang. Wie so oft ist es schade, dass uns erst Einschränkungen drohen müssen, um da runterzudrehen, wo es pure Verschwendung war. Genießen wir die letzten sommerlich warmen Tage und ziehen wir uns warm an für die nächste Zeit. Aber vor allem: Rücken wir zusammen! Wenn’s sein muss, auch mit Masken.

Helfen aufpolierte Sprüche und ein Botox-Grinsen? Hier müsste auch mal was Neues an die Tafel!

SOS aus Wagen Eins

Intercity 745 Ventimiglia – Milano, in Alassio steigen wir zu. An diesem 11. August scheint die Sonne um die Mittagszeit unbarmherzig, wie sie das nun schon seit Monaten tut. Wir haben uns daran gewöhnt. Weniger gewohnt fühlt sich mittlerweile das Tragen einer FFP2-Maske an. Im Zug, Seite an Seite mit fremden Reisenden sitzend, muss es sein. Zum Glück ist der Aufenthalt im wohltemperierten Wagen Eins, 1. Klasse, komfortabel. Wie die Hinfahrt vor einer Woche war, so würde die Rückfahrt werden: angenehm und ohne Zwischenfälle. Davon gehen wir aus. Und dann kommt es doch anders. Aufregender. Aber lest selbst:

Warum geht es nicht weiter? Unser Zug steht im Bahnhof von Genua, der Stazione Genova Piazza Principe. Ich beschließe, mir die Laune nicht verderben zu lassen und stecke meine maskierte Nase zurück ins Buch. Die Klimaanlage dröhnt. Plötzlich hört sie auf zu dröhnen. Und damit, uns frische Luft zu spenden. Puh, bei der Hitze, denke ich und tröste mich mit dem Gedanken, dass dies sicherlich mit dem Halt zusammenhängt und sobald sich der Zug wieder in Bewegung setzt, würde die Lüftung ebenfalls wieder anspringen. Das tut sie nicht. Nach einigen Minuten Fahrt ohne beruhigendes Geräusch, dafür bei merklich steigender Temperatur, mache ich die Probe: Nein, es tritt keine kühle Luft mehr aus den Schlitzen unter dem Fenster, an dem ich sitze. Oh je, noch zwei Stunden bis Mailand. Bei 35 Grad Außentemperatur in einem vollbesetzten Wagen. Aber da ist noch etwas, das nicht stimmt. Oben an der Decke funzeln nur kleine Notlampen, das Licht ist ausgefallen. Das bemerke ich hellwach, als ich in jedem Tunnel – und wir fahren gerade nur durch Tunnel – genervt den Kopf von meinem Buch hebe. Verdammt. So würde ich mich nicht einmal ablenken können. Langsam wird es stickig unter der Maske. Meine Tochter scheint noch nichts bemerkt zu haben. Besser so. Viel besser so. Für alle. Ich lächle ihr tapfer zu, facendo finta di niente (als ob nichts wäre). Doch auch ihr kommt die Information schließlich zu Gehör. Unser Sitznachbar hatte zum Cellulare (Handy) gegriffen, um einen Hilferuf abzusetzen. Seinem Gespräch (mit der Bahnpolizei, wenn ich das richtig verstanden habe) entnehme ich, dass die Situation noch viel bedrohlicher ist, als ich bisher angenommen beziehungsweise am eigenen Leib erfahren habe. Unser Wagen Eins war abgeschnitten vom Rest des Zuges. Die Verbindungstür zum Wagen Zwei war blockiert.

„Siamo bloccati, senza ventilazione e senza luce, e non si può accedere al distributore delle bevande perché è nell’altro vagone.” (Wir sitzen fest, ohne Belüftung und Licht, und wir kommen nicht an den Getränkeautomaten im anderen Wagen heran.)

Als klar wird, dass unser Mitreisender im Namen von allen spricht und die Sache in die Hand genommen hat, uns aus der misslichen Situation zu retten, hören wir ihm aufmerksam zu. Er teilt zum wiederholten Mal die Zugnummer mit und welchen Ort wir gerade passiert haben. Vielleicht könnte man uns an der nächsten Haltestelle helfen? Das Problem beheben oder uns evakuieren. Es seien auch alte Menschen an Bord, die bräuchten dringend Trinkwasser.

„No, il controllore non passerà più, non riesce ad entrare nel nostro vagone.” (Nein, der Schaffner kommt nicht mehr durch, er kommt nicht mehr rein in unseren Wagen.) Unser selbst ernannter Retter schüttelt den Kopf und brummelt etwas wie: „Die kapieren es nicht!“

Eigentlich, denke ich bei mir, möchte ich gar nicht alle Details der Lage erfahren. Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß. Stickig ist es ohnehin. Aber es gibt kein Recht auf Nichtwissen. Richtig ungemütlich wird es bei der Nachricht, die als nächstes die Runde macht. Auch die Toiletten funktionieren nicht. Innerlich hoffe und bete ich zum heiligen Beschützer der Reisenden: Mach, dass Töchterlein nicht auf Toilette gehen will. Dann hätte ich, hätten alle hier, die Brille drauf.

Einige Fahrgäste stehen mittlerweile im Gang und analysieren gestikulierend die Lage. Sie kommen bald einvernehmlich zum Schluss: Si deve essere interrotto il circuito elettrico. (Der Stromkreis muss unterbrochen sein.)

Das Einzige, das weiterhin funktioniert, ist die Durchsage vom Band. (Läuft der Lautsprecher eigentlich nicht mit Strom?) In schöner Regelmäßigkeit teilt man auch uns Eingeschlossenen mit, dass das Tragen einer FFP2-Maske während der gesamten Fahrt verpflichtend sei. Anderenfalls würde man mit Hilfe polizeilicher Gewalt an der nächsten geeigneten Haltestelle beim Aussteigen behilflich sein. Womöglich geht es dem ein oder anderen durch den Kopf, genau das zu riskieren, statt hier drinnen weiter zu darben, in Hitze und mit Durst und vielleicht mit voller Blase obendrein. Solche Überlegungen zielen zwangsläufig ins Leere, würde uns doch keiner helfen, geschweige denn kontrollieren. Was mich betrifft, so fürchte ich bei aller Pein eine Evakuation unseres Wagens am nächsten Bahnhof am allermeisten. Wo würde man uns dann hin verfrachten? In den anderen Wagen wäre sicher kein Platz. Würden wir auf den nächsten Zug warten müssen? In jedem Fall hätten wir keine Sitzplätze mehr. Vielleicht wäre der Stromausfall das geringere Übel.

Plötzlich meldet sich die allein reisende Dame mittleren Alters neben mir zu Wort. Sie denkt bereits weiter. Man müsse, so erklärt sie uns, im Falle, dass wir aus diesem Zug lebend herauskämen, eine angemessene Reisekostenrückerstattung verlangen.

„Così non si può viaggiare in prima classe.” (So kann man nicht reisen in der ersten Klasse.) Nach einer kurzen Pause korrigiert sie sich und fügt hinzu: „In nessuna classe si può viaggiare così.” (In keiner Klasse kann man so reisen.)

Sie überlegt weiter und teilt schließlich ihrem Gegenüber ‒ dem Mann, der das Problem für uns fernmündlich zu lösen versucht ‒ mit, dass sie Wasser dabeihätte, sie könne ihm etwas abgeben. Auch wir haben Wasser dabei. Wir hielten uns bisher lediglich mit dem Trinken zurück, um die Zugtoilette nicht benutzen zu müssen, zumal sie gar nicht zu benutzen wäre. Ich hätte auch Wasser, um es Durstenden zur Verfügung zu stellen. Aber unser Sitznachbar lehnt dankend ab. Er hatte auch explizit von alten Menschen gesprochen, die keine Getränke holen könnten. Meiner Schätzung nach um die Sechzig, zählt er sich offensichtlich nicht zur Risikogruppe.

Nach dem ersten Telefonat führt unser Sprecher noch weitere zwei, offensichtlich mit anderen Notrufstellen. Die Lage wird immer dramatischer, das heißt, die Luft dicker. Auch andere Fahrgäste telefonieren, ob nun mit offiziellen Stellen, um Hilfe anzufordern, oder mit Verwandten, um ihr Leid zu teilen. Ich teile erstmal gar nichts und vertraue auf die Zeit, die in unserem Fall für uns läuft. In einer Stunde wären wir am Ziel. Bitte evakuiert uns nicht, murmele ich innerlich wie ein Mantra vor mich hin. Endlich führt unsere Fahrt nicht mehr durch Tunnel. Ich kann lesen. Dabei bemerke ich zunächst gar nicht, dass auch die Beleuchtung wieder funktioniert. Irgendwann spüre ich einen zarten Windzug über meinem Arm auf der Fensterseite. Tatsächlich! Jetzt rufen es sich auch die anderen erleichtert zu: „Funziona, è tornato tutto a posto!“ (Es funktioniert, alles ist wieder in Ordnung!) Töchterleins Augen grinsen mich an, weniger erleichtert als vielmehr amüsiert über das große Tamtam, das unsere Mitreisenden veranstaltet hatten. Der Mitreisende, dem wir unsere Rettung vielleicht zu verdanken haben, erhebt sich und kommt kurz darauf mit stolz geschwellter Brust und einer gut gekühlten Flasche aus dem Getränkeautomaten an seinen Platz zurück. Ich greife zu meinem lauwarmen Wasser in der Handtasche. Mir graut es vor den Toiletten am Mailänder Hauptbahnhof. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich euch … nicht erzählen werde.

PS: Zugfahren ist auch in Italien, von Zwischenfällen der hier berichteten Art einmal abgesehen, mittlerweile eine sehr günstige und komfortable Alternative zur Urlaubsreise mit dem Auto geworden. Von Mailand aus ans Meer in Ligurien, wo es ohnehin kaum Parkplätze gibt und die wenigen schweineteuer sind, auf jeden Fall zu empfehlen. Immer wieder gerne.

Titelbild: Credits Giorgio Stagni stagniweb.it

Arrivederci Alassio!

Die Sache mit den nicht eingelösten Versprechen

Morgens, zwischen acht und zehn Uhr, duftet es am besten. Ich liebe es, gleich nach dem Frühstück ein paar Schritte durch den Ort zu laufen. Allmorgendliche Geräusche unterm Hotelfenster sorgen dafür, dass es nicht zu spät wird. Alassio erwacht mit knatternden Vespas und Kindergeplapper, Badelatschen, die über den Asphalt schlappen, Stimmengewirr, das in den engen Gassen widerhallt. Manchmal erklingen Gesänge aus der Kirche gegenüber. Urlaubsgeräusche, die mich sanft aus den Federn locken. Was auch immer für den Tag geplant ist, für mich beginnt er mit einem olfaktorischen Streifzug. Ich schlendere drauflos und hole mir meine tägliche Dosis unwiderstehlichen Duft von süßem Gebäck und Caffè, reifen Pfirsichen und Melonen, ersten Blechen ölgetränkter Focaccia und Farinata. Manchmal mischt sich darunter ein Geruch nach Putzmitteln. Solchen mit Blütenaroma, versteht sich. Jeder duftende Morgen ist ein süßes Versprechen für den Tag. Auch an unserem letzten Urlaubsmorgen lasse ich mir mein liebgewordenes Ritual nicht entgehen. Während die anderen noch ihre sieben Sachen zusammenpacken, laufe ich meine Runde. Vorbei an der einfachen Pension, in der ich wohnte, als ich vor vielen Jahren das erste Mal hier war. Ob Giovanni noch Chef dort ist? Ich könnte ihn daran erinnern, dass er mir eine Spritztour nach Monte Carlo versprochen hatte. Kurz vorm Hotel winkt mir Luigi, der Bagnino unseres Strandbades. Gutes Geld hat er mit uns gemacht. Zwei Liegen, ein Schirm und zwei Strandtücher zum Schnäppchenpreis von vierzig Euro. Für den ganzen Tag, versteht sich. Warum kamen wir immer nur ein paar Stunden? Einmal durften wir in die erste Reihe. In der kostet das Arrangement eigentlich fünfzig Euro. Eine nette Geste von Luigi. Da sei es ihm verziehen, dass er uns zum Auftakt Caffè und kühle Getränke in Aussicht gestellt hatte, auf die wir noch immer warten. Vielleicht sind es ja die nicht eingelösten Versprechen, die mich immer wieder nach Alassio ziehen. Denn soweit ich mich erinnere, habe ich nie vom Wasser der SantʼAnna Quelle am Mäuerchen Muretto di Alassio gekostet, von dem es heißt: Chi ne beve, ritorna. (Wer davon trinkt, kommt wieder.) Um sicher zu gehen, mache ich dieses Mal selbst ein Versprechen und bleibe es schuldig: noch einen letzten der köstlichen, nussig-schokoladigen Keksküsschen Baci di Alassio. Leider schaffen wir es am Ende nicht, doch ich weiß, es wird irgendwann eine Gelegenheit geben, mein Versprechen einzulösen.

So schmeckt Glück

Der Zauber liegt im Leben wie beim Essen so oft im Allereinfachsten. Al Bano und Romina Power wussten schon in den 80er-Jahren Bescheid. In „Felicità“ heißt es zum Thema Nahrungsaufnahme: Felicità, è un bicchiere di vino con un panino, la felicità … Ein Glas Wein und ein Panino, das ist Glück. Oh ja! Da kann ich in feinen Restaurants und angesagten Lokalen gespeist haben, in Sachen kulinarischer Glückseligkeit erinnere ich mich am allerliebsten an unkomplizierte Panini-Momente inmitten der Natur. Damals in San Gimignano in der Toskana, einmal in den Bergen über dem Comer See, ein anderes Mal während einer Radtour durch das Valcamonica-Tal … Momente, in denen ich in netter Gesellschaft in einem Lebensmittelladen ein frisch belegtes Panino mit Salame, Porchetta oder Formaggio holte und es auf einer Bank im Park, auf der Mauer am Aussichtspunkt oder direkt an einem kleinen Tisch vorm Laden genussvoll verschlang. Dazu ein Glas Wein. Perfetto! In Ligurien dürfen es anstelle von Panino und samtigem Rotwein auch eine Focaccia und ein kühler Weißwein sein, die das Urlaubsglück perfekt machen. Wir freuen uns drauf und stimmen uns beim Kofferpacken musikalisch ein:

Ob in den Ferien oder daheim, genießt in diesem August die einfachen Glücksmomente mit euren Lieben! Ciao, a presto!

Titelbild: März 2022 in Rapallo, Ligurien. Wir gönnten uns Frühlingsonne, Meerblick und, na klar: eine Focaccia und ein Glas Weißwein.

Großartig!

Die italienische Leidenschaft für Eisgenuss ist gröβer als GRANDE, sie ist GROẞARTIG. Ich nehme trotzdem wie immer nur eine kleine Waffel. Wer weiß, was ich verpasse. Dabei registriere ich anerkennend den Gebrauch des Buchstabens „β“ in Versalschrift. Erst seit 2017 ist das große Eszett Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung, bis dahin wurde zwangsweise ein Doppel-S daraus. Schade, dass man in der Typographie den entsprechenden Großbuchstaben „ẞ” nicht gefunden hat, aber das wäre die allerhöchste Kunst der deutschen Rechtschreibung. Und, ganz ehrlich: Chi se ne frega? Wen kümmerts? Wir genießen ehrfürchtig das göttliche Gelato in knuspriger Waffel, sei sie nun kleine, mittel oder großartig.

We follow

Wusstet ihr, dass man die Internationale Raumstation ISS alle anderthalb Stunden ein Stück bei ihrer Erdumrundung begleiten kann? Mit den Augen zumindest. Seit etwa einem Monat zieht es uns am Abend, wenn es sich nicht wirklich abgekühlt hat aber einigermaßen aushalten lässt, raus auf den Balkon. Dann gucken wir in die Sterne. Nicht einfach so auf gut Glück, sondern genau dann, wenn unsere Heldin vorbeigeflogen kommt. Nein, dieses hell leuchtende Etwas ist kein Flugzeug und kein außerirdisches, mysteriöses Flugobjekt. Es ist tatsächlich die ISS, ein etwa fußballfeldgroßes Konstrukt, das in der Höhe von knapp 400 Kilometern die Erde umkreist. Sie taucht, wenn es so weit ist, auf der einen Seite überm Balkon auf, um etwa zehn Minuten später am anderen Ende unseres Himmelshorizonts zu verschwinden. Es gibt fürs Satelliten-Tracking mehrere Applikationen. Schaut mal selbst, ich will hier keine Werbung machen. Mit einer App seid ihr sicher, wann der richtige Moment und wie die exakte Richtung zum Gucken ist. Natürlich spielt bei unserem Weltraum-Enthusiasmus eine Rolle, dass die Italienerin Samantha Cristoforetti mit an Bord ist. Wenn es hier unten im Allgemeinen und in Italien im Besonderen gerade wenig zum Feiern gibt und der gesellschaftliche Karren gegen den Baum zu steuern scheint, tut es gut, sich daran zu erinnern, dass es auch anders geht. (Ging, muss man wohl in Anbetracht der gestern veröffentlichten Informationen einschränken, siehe unten letzter Absatz.) Die aktuelle Besatzung der Raumstation mit zwei Amerikanern, einer Amerikanerin, drei Russen und der Italienerin macht es jedenfalls noch vor: Wo Wissenschaft vor Politik geht und Zusammenarbeit vor Einzelinteressen oder gar Machtansprüchen, kann gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft geforscht werden. Ein inspirierender Gedanke. Ihre Mission vermittelt die zweifache Mutter Samantha Cristoforetti auch in den Sozialen Medien. AstroSamantha, wie sie sich dort nennt, berichtet bei TikTok (über 500.000 Fans) und Twitter (über 900.000 Follower) aus ihrem Alltag im Weltall und von der wissenschaftlichen Arbeit auf der Raumstation. Weder mein Mann noch ich sind auf diesen Kanälen unterwegs, trotzdem sind auch wir treue Follower. Wir folgen Samantha mit dem Kopf im Nacken und dem Zeigefinger in den Himmel gestreckt.

Noch nie fühlten wir uns unserer Astronautin bei dem abendlichen Blick in die Sterne so nah wie am vergangenen Donnerstag. Als erste europäische Frau erledigte sie am 21. Juli 2022 in Begleitung ihres russischen Kollegen Oleg Artemjew einen Außeneinsatz an der ISS. Während wir diesen sogenannten Weltraumspaziergang (Von wegen, nach einem Spaziergang sah die Arbeit nicht gerade aus!) im Livestream der NASA verfolgten, kamen uns Szenen aus dem Weltraum-Thriller „Gravity“ in Erinnerung. Doch die Bilder auf unserem TV-Bildschirm waren echt. Dieser Gedanke verursachte spätestens am Abend Gänsehaut, als wir parallel zum andauernden Livestream im TV die Station am Himmel vorbeifliegen sahen. Da oben turnten sie also herum. Lacht nicht, aber ich stand auf dem Balkon und winkte. Ich fürchte, Samantha hatte gerade keine Hand frei, um meinen Gruß zu erwidern. Fast sieben Stunden dauerte das Herumbasteln an ihrem Weltraumschiff. Mein Mann kommentierte in aufgeweckter italienischer Manier:

„E la pausa caffè?“ (Was ist mit einer Kaffeepause?)

Ansonsten tänzelte er den ganzen Nachmittag über immer mal wieder mit seinen Homeoffice-Kopfhörern mit Mikrofon durch unser Wohnzimmer und simulierte technische Anweisungen an Samantha. Nicht ohne sympathische Verweise auf seine Ehefrau, die in einfachsten praktischen Dingen auf Erden ihre Schwierigkeiten hat.

„Ti passo mia moglie, che ne sa di più di me.” (Ich gebe dir mal meine Frau, die kennt sich da besser aus.)

Ihr seht, als Follower muss man nicht immer nur ins Smartphone schauen. Guckt doch auch mal wieder in den Himmel! Und wenn es nicht die ISS ist, die euch interessiert, dann gibt es in den kommenden Nächten auf jeden Fall wieder viele Sternschnuppen zu bewundern, mit Höhepunkt in der Nacht vom 12. auf den 13. August. Wo man sie im Berliner Raum am besten sieht, erklärt die Berliner Morgenpost.

Zum Weiterlesen und Ansehen:

Beim ZDF gibt es einen Artikel über den ISS-Außeneinsatz der Italienerin und ein kurzes 3sat-Video zur Geschichte der ISS aus dem Jahr 2020, in dem das 20-jährige Bestehen des großartigen Gemeinschaftsprojektes für Wissenschaft, politische Annäherung und Inspiration gefeiert wurde. Und jetzt? Russland kündigt den Ausstieg aus der ISS an, berichtete gestern u.a. der Spiegel.

Titelbild: Samantha Cristoforetti beim Außeneinsatz an der ISS am 21. Juli 2022. Livestream der NASA auf unserem Fernsehbildschirm.

Warten auf Regen

30 Grad, leicht bewölkt

Die Gärten rund ums Condominio, unser Mehrfamilienhaus, sind immer schön gepflegt. Das schätzen wir sehr, wenn wir auf unserem Balkon sitzen und den gärtnernden Nachbarn bei der Arbeit zusehen. Als der eine Nachbar mit eigener Parzelle im Mai eine Brigade Handwerker anrücken lässt, die ihm alles umgraben und plattwalzen, sind wir irritiert. Aber dann kommt des Rätsels Lösung: Sie rollen den neuen Rasen aus. Es sind drei Stücke. Dunkelgrün. Mittelgrün. Helles Mittelgrün. Hat er von den Sonderposten genommen, haha. So ein Pigrone, fauler Sack, muss er nicht mehr mähen, denken wir noch.

33 Grad, überwiegend heiter

Meine Schwester fragt Anfang Juni an, ob es denn auch bei uns schon Wassernotstand gäbe. Ich sehe die Nachbarskinder in ihrer Riesenfreiluftbadewanne planschen und höre die Jugendlichen eine Ecke weiter grölend in die Piscina, den Pool, springen. Nein, wieso? Sie hätten es in den Nachrichten gebracht, dass es in Norditalien, in der Poebene, traurig aussehe. Bei uns hat es gestern erst geregnet. Nicht viel, aber immerhin. Nach dem Telefonat überlege ich angestrengt, ob da etwas dran sein könnte. Wir hatten einen außergewöhnlich trockenen Herbst und Winter, das stimmt. Eine Freundin berichtet von ihrer Freundin, dass es im Nachbarort verboten worden sei, Swimmingpools zu füllen, das Auto zu waschen und Rasen zu sprengen. In unserer Gegend sind sämtliche Pools längst befüllt. Der mit dem Kunstrasen war spät dran gewesen, ruck-zuck hatte er das Ding aufgebaut und über Nacht volllaufen lassen. Er muss auch gehört haben, dass man es bald verbieten würde.

36 Grad, durchgehend sonnig

Rasenmähen braucht dieses Jahr keiner mehr, bei uns vorm Haus sieht es jetzt im Juli aus wie oben zu sehen. Warnte ich bisher die Kinder, im Gras nicht in Hundedreck zu treten, flehe ich sie mittlerweile an, die Füße zu heben, um den staubigen Boden nicht unnötig aufzuwirbeln. Spätestens jetzt rächt es sich, dass über den Tiefgaragen kein Erdreich aufgetragen wurde. Nur eine Schicht Sand, die schon in Trockenzeiten vergangener Jahre zum großen Teil vom Wind abgetragen worden war. Jetzt ist gar nichts mehr übrig und das Unkraut, das sich Rasen nannte, nur noch als bleiches Stroh auszumachen. In der Riesenfreiluftbadewanne gammelt das Wasser vor sich hin. Eine graue Plane, die sie abdecken sollte, hängt zur Hälfte mit in der Brühe. Die Kinder, für die der Pool gefüllt worden war, sind längst mit ihren Eltern in Kampanien, bei den Großeltern am Meer. Der Nachbar mit dem Kunstrasen ist fein raus, sein Stück Garten wird The Place to be des Sommers. Da lassen sich sogar noch schicke Insta-Fotos schießen, für die Freunde in der Stadt. Schöne Sonntagsgrüße vom Pool, herrlich grün hier, schaut her! Ich gieße meine Balkonblumen mit dem Wechselwasser aus der Kaffeemaschine und überlege, was man eigentlich tun könnte, außer zu jammern. Wie machen das doch gleich die Naturvölker, die für jeden Gott einen anderen Tanz einstudieren? Ich schaue im Netz nach einem Angebot für Danza della Pioggia. Regentanz könnte das neue Yoga werden, wenn es hier so weitergeht.

Der italienische Sänger Raf singt in „La danza della pioggia“ sehr poetisch vom Regen, der das Böse von der Seele spült und neues Glück bringt.