Eierkuchengespräche

Wenn ein Teenager Hunger hat, wird es für Eltern ungemütlich. Und meint der Teenager sogar, es wäre niente di decente (nichts Vernünftiges) zu essen im Haus, weder in der Dispensa (dem Vorratsschrank) noch im Frigo (Kühlschrank), dann bekommt die diensthabende Mutter kalte Füße. Zugegeben, der Tag, an dem ich den lästigen Gang zum Supermarkt nicht mehr aufschieben kann, naht. Aber dass nun gar nichts da sei, ist eine haltlose Übertreibung. Zumal wir vor anderthalb Stunden zu Mittag gegessen haben. Da hatte ich meinem Teenager sogar noch zusätzlich eine Portion Pasta aus dem Gefrierschrank erwärmt, weil das zuvor Servierte nicht den Vorstellungen entsprochen hatte. Trotzdem höre ich jetzt lautes Schimpfen. Auch der nicht diensthabende Papa hört es und kommt aus seinem Homeoffice zum Ort des Geschehens. „Die Nussnougatcreme ist auch schon wieder alle, wer hat die ausgegessen“, geht es weiter, und die Schimpftirade wird von Tränen begleitet. Schnell stehe ich auf und zaubere ein neues Glas Nussnougatcreme aus dem Schrank. Es ist nicht dieselbe Marke. „Du weißt doch, dass mir die andere besser schmeckt“, nörgelt der Teenager weiter. „Was ist das Problem, kann ich helfen?“, mischt der Papa sich ein. „Ich wollte mir Eierkuchen machen, aber es ist nicht mal was zum Draufschmieren da“, sind die letzten Worte, die uns um die Ohren fliegen, dann hören wir nur noch Türen knallen. Der Papa schüttelt mit dem Kopf und stellt resigniert fest: „Cosa vuoi fare?“ (Was willst du machen?) Ich wollte jetzt eigentlich nichts zu essen machen, aber eine innere Stimme warnt mich: Kümmere dich um dein hungriges Kind. Sonst ruft es womöglich die Assistenti Sociali, die Jugendhilfe an. Ich kontrolliere, ob Eier, Milch, Mehl da sind und beschließe, Eierkuchen zu backen. Vorher schicke ich aber noch meinen Mann in die Höhle der Löwin, nicht, dass sie dann aus Trotz gar nicht essen will. „Nur wenn sie ein Rezept benutzt, scheußliches Improvisiertes esse ich nicht“, höre ich die knallharte Ansage. Ich schwöre, ein Rezept zugrunde zu legen. Das ist sicher ohnehin besser und dank des weltweiten Kochfreunde-Netzes auch kein Problem. Ich nehme das erste Suchergebnis und lege los. Zehn Minuten später rufe ich den Teenager zu Tisch. Auch der Papa des Teenagers steckt die Nase in die Küche und schaut interessiert. Ich bringe ihm einen Teller ins Büro. Zum Draufschmieren habe ich alles hingestellt, was ich gefunden habe: eine Art Apfelmus mit Erdbeere oder Aprikose in Einzelportionen (Ihr werdet es nicht glauben, es gibt kein klassisches Apfelmus im Glas bei uns), Marmelade, Honig, Sirup und auch das verschmähte Nussnougatzeugs. Genau dieses ist dann nämlich gar nicht so übel, wie der Teenager, der langsam wieder zu unserer Tochter mutiert, Eierkuchen mampfend zugibt. Ihr schmeckt es und sie strahlt mich an. Ein „Grazie, mammi“, meine ich auch vernommen zu haben.

Zwischen einem Bissen und dem nächsten kommen wir ins Reden. Sie erzählt mir von der Sache mit den Jungs. Alle Mädchen ihrer Klasse „si sentono con dei tipi“ (hören sich mit Typen). „Si sentono?“, frage ich ungläubig und lasse mir erklären, wie das heute so läuft mit dem Anbändeln. Bevor man zusammen ausgeht, sich trifft, oder gar regelmäßig dated, gibt es die Phase des sich Hörens, was genau genommen ein sich Schreiben bedeutet. Man tauscht die Handynummern aus und schreibt sich auf WhatsApp. Ob und wann dann mehr daraus wird, ob man sich auch sieht, steht noch in den Sternen. Aber ohne diese Aufwärm-Phase übers Texten liefe überhaupt nichts, denn wer würde sich schon direkt und livehaftig mit jemandem treffen? „Ich will nicht schreiben müssen, ich habe doch gar keine Zeit!“, erklärt meine Tochter, und ich frage natürlich, ob sie denn Angebote fürs Kurznachrichtenaustauschen bekommen hätte. „Eben nicht“, gibt sie traurig zu, „keiner will was von mir. Aber wenn ER käme, und meine Nummer haben wollte, was soll ich dann tun? Ich habe keine Lust aufs Schreiben, ich will mich mit ihm treffen!“ Ich streichle ihr sanft über die Wange, dann über den Kopf. Meine kleine Große hat auf moderne Art die gleichen Probleme, die ich in ihrem Alter hatte. Auch ich war in der Klasse nur die „Streberin“, ging dreimal die Woche zum Tanztraining und hatte keine Zeit, mit den richtigen Mädels abzuhängen, wo dann auch die richtigen Typen dabei waren. Nun ja, sicher hätte ich Zeit zu finden versucht, wenn man mich hätte dabeihaben wollen. Aber auf der einen Seite waren die Coolen (hier in Italien heißt es „i popolari“, die Beliebten), auf der anderen die Streber und Langweiler. Da ging es wohl um tolle Klamotten, große Klappe, gute Beziehungen oder was auch immer es gewesen sein mag, das mir fehlte. Aber das war damals. Wie soll ich jetzt meiner Tochter helfen, ihr Selbstbewusstsein stärken? Soll ich ihr sagen, dass sie im zarten Alter von noch nicht einmal sechzehn Jahren absolut nichts verpasst, sich der Wind bald drehen, sich irgendwann auch für sie etwas Nettes ergeben wird. Ich kann es schließlich aus eigenem Erleben bezeugen. „Ach Mama, damals war doch alles noch nicht so kompliziert“, schnieft sie und ich reiche ihr ein Taschentuch, bevor noch die Serviette herhalten muss. „Das sagst du, meine Süße, es war anders kompliziert“, versuche ich zu erklären. „Wenn man doch mal jemanden gesehen und mit ihm gesprochen hatte, gab es wieder Telefon geschweige denn Handy, um in Kontakt zu bleiben. Da hieß es Warten und Bangen bis zum nächsten Diskoabend oder einer anderen zufälligen Begegnung, Wochen später vielleicht.“

Wie fern und fremd sind unsere analogen Welten für die Jugend von heute. Und doch waren es im Grunde die gleichen „Dramen“, die sich abspielten. Wieder einmal ist es die Musik, die in magischer Weise in meinem Kopf zum Klingen kommt. Wieder gibt es passend zu unserem Thema einen aktuellen italienischen Popsong. Wenn ich ihn im Radio höre, denke ich immer an meine Tochter. Sie hofft nämlich, den einen, der sie interessiert, auf dem Weg zur Schule zu treffen. Aber wenn das dann passiert, was würde sie tun? Im Zweifel nichts. Und er auch nicht. Mehr als Blicke wird es nicht geben. Es bleibt wohl immer dasselbe alte Lied in diesem Alter. Damals in der DDR war es IC Falkenberg mit „Wunderland“, der träumende Mädchen wie mich mitten ins Herz traf.

Täglich kreuze ich nun deinen Weg
Und bin so allein wie du
Doch es fällt kein Wort
Ein kurzer Blick soll dir sagen was ich will

IC Falkenberg: Wunderland.

Just in diesen Wochen singt in Italien Francesca Michielin in „Occhi grandi grandi“ von dem Typen, der immer freitags in derselben Bahn sitzt, sie schauen sich an, aber nie fragt er sie nie nach ihrem Namen und ihr versagt die Stimme in seiner Nähe.

E quanto siamo strani
Lo so che mi guardavi
Anche tu, ma non mi hai detto mai
Come ti chiami

Francesca Michielin: Occhi grandi grandi

Flashback! Da kommen neben bloßen Erinnerungen auch die bittersüßen Gefühle wieder hoch. Wie schön. Noch schöner ist es, diese Gefühle und Erinnerungen zu teilen. Ich werde öfter mal Eierkuchen backen für meine Tochter.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Coming soon

Schaue ich aus dem Fenster, fällt es mir schwer zu glauben, dass heute in einer Woche erster Advent ist. Muss ich wirklich schon wieder die Räuchermännl und Pyramiden aufstellen? Bei diesem herrlichen Sonnenschein? Puh! Da kommen die aktuellen Fotos meiner Dresdner Verwandten gerade recht: ein Hauch von Schnee im Garten und Eisblumen am Fenster. Oft ereilt uns ihr Wetter ein paar Tage später auch hier in Norditalien. Was nicht ist, kann also noch werden. Da unsere Außentemperaturen derzeit nicht helfen, habe ich mir zur mentalen Einstimmung etwas anderes einfallen lassen. Ich bin in meinem Bücherschrank abgetaucht. Diesmal auf der Suche nach Texten, in denen es um das Fest der Liebe geht. Eine Auswahl meiner Fundstücke möchte ich euch an den kommenden Adventssonntagen vorstellen. Weihnachts-Szenen in Geschichten zeichnen in besonderer Weise Bilder davon, wie Menschen miteinander umgehen, wie es um Familie und Freundschaft bestellt ist. Sie sind manchmal sogar ein Spiegel der Gesellschaft, der Kultur jener Zeit, in der die Geschichte spielt. Die Textzeilen sollen an jedem Adventssonntag eine symbolische Kerze anzünden, in deren Schein für einen Moment diese Bilder aufleuchten. Wie es damals war oder immer noch ist, wie Deutsche in Italien das Fest erleben oder Italiener in Deutschland. Ich werde die Zitate nicht kommentieren und keine ergänzende Geschichte dazu erzählen. Vielmehr möchte ich euch einladen, das gezeichnete Bild mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen zu vergleichen. Ich hoffe, ich habe euer Interesse geweckt und freue mich auf das Auspacken der literarischen Überraschungspäckchen.

Kommt gut in die Adventszeit!

Titelbild: Symbolbild von Pexels

Sonntag, der Dreizehnte

Es ist Mitte November und ich bin wild entschlossen, endlich zu einer Veranstaltung des Freundeskreises zu gehen, bei dem ich seit einem Jahr anonymes Mitglied bin. Immer war etwas anderes: keine Zeit, kein Bock auf das Thema, oder der Veranstaltungsort lag fuori mano (ungünstig zu erreichen). Diesmal würde ich keine Ausrede gelten lassen: Schon Mitte der Woche teile ich meiner Familie mit, dass sie am späten Sonntagnachmittag nicht mit mir rechnen sollen. Ich besorge mir ein Bahnticket online und lasse mir von meiner Tochter den Fußweg in Varese beschreiben. Schließlich liegt die Villa, in der das Event stattfinden soll, auf ihrem Schulweg. Das üppige Sonntagsessen verlegen wir vorsorglich auf den Abend. Mit einem leichten Risotto bin ich davor gefeit, plötzliche Sofaschwere zu bekommen und bei einem Mittagsschläfchen mein Vorhaben doch noch aufzugeben. Auch einen letzten Ablenkungsversuch der Kleinen wehre ich erfolgreich ab. Mutti, wann gehen wir endlich neue Klamotten shoppen? Heute nicht! Was bin ich doch für eine Rabenmutter.

Erwartungsvoll sitze ich im Zug und genieße den Blick von der Eisenbahnbrücke auf unseren kleinen Ort, der sich in der nachmittäglichen Sonne von seiner romantischsten Seite zeigt. In Varese habe ich über eine halbe Stunde Zeit bis zum Veranstaltungsbeginn, folge der Verlockung eines offenstehenden Tores und betrete eine Parkanlage, in deren Zentrum ich staunend vor dem ehemaligen Grand Hotel Excelsior stehe. Wow! Dafür, dass es seine Glanzzeiten als Luxusabsteige vor über hundert Jahren hatte und schon seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in öffentlicher Hand ist (als Sitz der Provinzverwaltung und Präfektur), macht es eine prächtige Figur, findet ihr nicht? Wie hatte mir mein Mann, gebürtiger Varesiner, dieses touristische Kleinod all die Jahre vorenthalten können? (Er kannte es nicht oder war sich zumindest nicht bewusst, dass es ein ehemaliges Hotel und so schön anzuschauen ist.) Während ich die überraschende Entdeckung genieße und durch den dazugehörigen Park bummele, stelle ich fest, dass ich mittlerweile die einzige Spaziergängerin bin. Auch die hellen Kinderstimmen sind nicht mehr zu vernehmen, die ich kurz zuvor noch als beruhigendes Hintergrundgeräusch registriert hatte. Mir kommt in den Sinn, dass es – dem schönen Wetter zum Trotz, aber jahreszeitgemäβ – womöglich recht frühe Schlieβzeiten gibt und gehe in die Richtung, aus der ich glaube, gekommen zu sein. Mein Herz gerät aus dem Takt, als ich vor einem verschlossenen Tor stehe. Der Blick auf die Beschilderung lässt ausgerechnet die Öffnungszeiten im Ungewissen, sie sind fein säuberlich (für mich?) unkenntlich gemacht. Ich wähne mich schon bei „Versteckte Kamera“, bin ich mir doch sicher, hier vor kaum fünfzehn Minuten hindurchgegangen zu sein.

Ruhig bleiben, durchatmen und weiterlaufen, spreche ich mir Mut zu. Noch ist es nicht dunkel, noch werde ich einen Ausweg finden. Und tatsächlich stehe ich keine fünf Minuten und zwei Ecken weiter an dem Tor, durch das ich den Park tatsächlich betreten hatte. Jetzt aber nichts wie los zu meiner Veranstaltung, der Eingang müsste sich eine Straßenecke weiter befinden. Doch auch dort: gähnende Lehre und verschlossene Türen.

Ich rufe meinen Mann an und reiße ihn aus seinem Mittagsschläfchen, schließlich hat der Strohwitwer das ganze Sofa für sich allein. (Die Töchter sind auch daheim, andere Konstellationen lassen sich folglich ausschließen.) Er schaut sich das Foto meines Standortes an und lotst mich nach rechts, an dem weißen Lieferwagen vorbei. Aber dort war ich bereits, auch dort hatte ich keine Menschenseele und keinen einladenden Hinweis gefunden. Hast du eine Telefonnummer von dem Verein? Na klar, die stand in der E-Mail … Im Büro antwortet niemand. Wie sollten sie auch, es ist Sonntag und sie sind hier vor Ort, bei der Veranstaltung. Mir schwant etwas, jedoch kann ich das diffuse Gefühl noch nicht fassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich noch einmal die Einladung, die Betreffzeile … Mein Mann ruft zurück. Bist du dir sicher, dass das heute ist? Er hatte ins Schwarze getroffen. Ich druckse noch ein wenig herum, bis ich kleinlaut zugebe: Nein.

Meine Veranstaltung, oder besser gesagt die, die ich besuchen wollte, war bereits am Tag zuvor, am Samstag, den 12. November, über die Bühne gegangen.

Gesenkten Hauptes kehre ich heim. Ich ärgere mich sehr. Und doch war mein Ausflug wenigstens einer, und etwas unternehmen oder zu unternehmen versuchen ist immer besser, als nichts zu unternehmen. Auch wenn man vor einem verschlossenen Tor steht und sich selbst in den H… beißen könnte ob der eigenen Schusseligkeit. Aufregender als ein Nachmittag auf dem Sofa war mein Ausflug auf jeden Fall! Ich besitze nun auch einen Account (davon hat man nie genug) bei den Verkehrsbetrieben und kann jederzeit Tickets online kaufen. Und ich weiß, wo ich mit meiner Familie das nächste Mal in Varese vorbeischaue: im Park der Villa Recalcati mit dem ehemaligen Grand Hotel. Vielleicht im Sommer, da lässt es sich am besten von mondänen Zeiten träumen, als Varese noch eines der attraktivsten Ausflugsziele für vornehme Sommerfrischler war.

Zum Weiterlesen: Via Recalcati, illustres Anwesen aus dem Varese des 18. Jahrhunderts.

November

Nein, ich habe keine Lust auf heimeliges Sofagehocke mit heißem Tee und lauwarmen Erinnerungen, nur weil der Sommer vorbei und der Winter noch nicht da ist. Es soll Leute geben, die nach der letzten Gartenparty beinah nahtlos dazu übergehen, schon wieder Plätzchen zu backen, für die nächste gesellige Runde. Ich mag sie nicht, diese programmierte Gemütlichkeit. Im November überkommt mich stattdessen eine Art von Trotz und ein „Jetzt erst recht“-Gefühl. Ich habe Lust auf Neues, ich muss raus. Meine Hymne dazu stammt aus dem Jahr 2008, als uns Giusy Ferreri mit ihrem gleichnamigen Song den Novemberblues aus den Köpfen pustete. „Novembre“, die zweite Single ihres Debütalbums „Gaetana“, stürmte damals die italienischen Charts und besiegelte endgültig den Erfolg der gebürtigen Sizilianerin, die zuvor bei der ersten hiesigen Ausgabe von X Factor bekannt geworden war.

Was hat nun der Monat November, gern einhellig als grau und trübe abgestempelt, mit einem Neuanfang zu tun? Nun, er lädt uns ein, wie die Bäume unser altes Blätterkleid abzuwerfen. In Giusys Song ist anstelle von „Foglie“ (Blättern) poetisch abgewandelt von „Voglie“ die Rede. Ihr Körper kleidet sich nicht mehr in die Wollust, die ihr zum Verhängnis geworden war. Ob nun welke Blätter oder fad gewordene Lüste, es geht um das berühmte Loslassen. Von Dingen, Erwartungen, Menschen, die nicht mehr zu uns gehören, die nicht mehr in unser Leben passen. Der November ist der ideale Monat, aufzuräumen. Zu sich selbst zu finden. Wenn es ringsum still wird, hören wir unser Herz wieder schlagen. Es mag ungewöhnlich klingen, aber durch den Novembernebel sehen wir womöglich klarer, weil uns das Licht nicht blendet. Weil der grelle Schein nicht trügt, die sengende Hitze nicht die Sinne verklebt. Und sollte es stürmisch werden: Kragen hoch, wenn Wind aufkommt! Schirm raus, wenn Regen aufzieht! Nach vorn zu schauen geht am besten, wenn man ganz bei sich ist, sich freimacht von belastenden Einflüssen. War es der egozentrische Liebhaber, der einem nicht guttat (wie bei Giusy), oder der Stress der Sommer-Partys, auf denen man gar nicht tanzen wollte. Schluss machen, um neu anzufangen und das Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Auch wenn seit dem Erscheinen im Herbst 2008 einige Jahre vergangen sind, ist „Novembre“ von Giusy Ferreri mit ihrer starken, außergewöhnlichen Stimme ein Titel, der niemals aus der Mode kommt und bei mir in jedem Herbst wieder ganz oben auf der Playlist steht. Hoch lebe La voglia di rinascere, wie es darin heißt, die Lust auf Neubeginn. Hört mal rein, vielleicht reißt dieser musikalische Energy-Kick auch euch vom Sofa:

Titelbild: An einem Novembertag am Vareser See.

Wahlkampf

Ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt unter einer Amerikanischen Linde (Tiglio Americano ‒ American Lime), da, wo ich sowohl die Ankommenden als auch das hohe, schmiedeeiserne Tor gut im Blick habe. Nebenbei studiere ich die Plakette am Baumstamm und wundere mich, dass die Linde in ihrem Heimatland „Lime“ heißt. Nach dem dritten Durchlesen der wenigen Worte und bevor ich noch auf die Idee komme, zu prüfen, ob nicht doch Limetten an den Ästen hängen, drehe ich ein paar Schritte im Kreis. Wenn ich mich so umschaue, wer in Grüppchen, Gruppen oder allein wie ich wartend vor dem altehrwürdigen Gebäude steht, dann frage ich mich, ob ich bei der richtigen Veranstaltung bin. Es ist Ende Oktober, der Frauentag am 8. März lange vorbei und bis zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November ist es noch einen Monat hin. Warte ich auf den Einlass zu einem Gründerinnenseminar? Auf die Lesung einer Bestsellerautorin historischer Liebesromane? Nein, ich bin schon richtig hier. Es ist die Assemblea (Eltern- oder vielmehr Mütterversammlung) zum Auftakt des neuen Schuljahres. Da wir im Nachbarort wohnen und unsere Tochter dort auf die Grundschule ging, kenne ich hier an der Mittelschule noch keine Mütter. Es ist unangenehm, abseits zu stehen, aber wo soll ich mich dazugesellen? Und worüber sprechen? Ich könnte auf mein Smartphone starren, wie andere Alleinherumstehende. Ich schaue mich lieber weiter um und tue interessiert.

Endlich dürfen wir ins Schulgebäude. Das ist mir nicht fremd, schließlich hat unsere Große auch drei Jahre an diesem Ort absolviert. Zielsicher steuere ich den Klassenraum an. Zwei Lehrer und zwei Lehrerinnen stehen erwartungsvoll mit dem Rücken zur Tafel, während sich auf nur sieben der zweiundzwanzig Plätze unserer Kinder Mütter setzen. Erst viel später trudeln zwei Nachzüglerinnen ein. Am Ende sind wir neun. Von diesen neun sollen mindestens zwei, besser vier oder fünf, so wird uns erklärt, für das Amt der Elternvertretung kandidieren. Zwei müssen gewählt werden. Zum Glück hatte sich bereits eine Mutter im Vorfeld freiwillig gemeldet. Die kenne ich sogar, war sie doch schon in der Klasse unserer Großen Elternvertreterin gewesen. Damals hatten wir uns nur ein einziges Mal persönlich gesehen, wie heute in der ersten Assemblea. Dann kam die Pandemie, es gab DAD (didattica a distanza = Distanzunterricht) für die Kinder, und auch die mütterlichen Kontakte verlagerten sich ins Digitale. Dort, im Profilbild, zeigt sie ihr blondes Haar, sonst nichts. Ich bin stolz, sie jetzt wiederzuerkennen und nicke ihr zu. Mit gutem Gewissen würde ich für diese erfahrene Kandidatin stimmen und nicht nur, weil keine weiteren zur Wahl stehen. Ich ahne, dass es wieder ein Ziehen und Zerren, ein Eiern und Leiern werden würde, um eine zweite Bewerberin für den ehrenvollen Posten zu finden. Was ich nicht ahne, ist, dass man es diesmal auf mich abgesehen hat. Es ist ausgerechnet eine Nachzüglerin ‒ sie kennt mich nicht, genauso wenig wie ich sie ‒ die mich auf dem Kieker hat. Ihr genügte offenbar die Beobachtung, dass ich gegenüber dem Lehrergremium insistiert und um die Gelegenheit gebeten hatte, Fragen zu stellen, weil ich meine loswerden wollte, um sich jetzt grinsend vor mich hinzustellen und zu sagen: „Du scheinst mir ein aufgeschlossener Typ zu sein, komm, mach das mal!“ Scusa, wie bitte? Ausgerechnet ich?

Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts liegt mir ferner, als mich zu drücken, vor einer Handvoll Terminen im Jahr, an denen ich teilnehmen müsste. Ich bin einfach die am allerwenigsten geeignete Person für diese Rolle. Das werden die anderen am Ende der drei Jahre erkennen, wenn sie festgestellt haben, dass ich mich kaum in der Mütter-Chat-Gruppe zu Wort gemeldet haben werde, sondern nur bei relevanten Themen. Diskutieren um ungelegte Eier oder mutmaßliche Überstrenge der Lehrer oder nicht enden wollende Antwort-Tiraden der Art „Nein, Aurora hat das Buch von Edoardo nicht aus Versehen eingesteckt, aber ich frage sie nachher nochmal, wenn sie vom Reiten kommt, vielleicht weiß sie doch etwas“, gefolgt von Danksagungen, sind nicht mein liebstes Steckenpferd. Da würde ich das wenige Wichtige glatt übersehen, das ich als Vertreterin wo und mit wem auch immer klären müsste.

Das alles erzähle ich den anderen Müttern natürlich nicht. Zu meiner Verteidigung, dass ich der Ehre nicht gewachsen bin, führe ich wie üblich meine sprachlichen Defizite an. Denn tatsächlich gibt es immer wieder Termini, aus dem pädagogischen und vor allem dem administrativen Bereich, die ich nur vage verstehe. In hitzig geführten Debatten steige ich dann gern mal aus, wenn sie mich nicht wirklich interessieren. Fast bereue ich, vorher so selbstbewusst Fragen gestellt zu haben. Die bis dahin einzige freiwillige Kandidatin, meine gute Bekannte, reitet mich noch tiefer in die Misere, denn sie beteuert: „Mach dir keine Sorgen, die Versammlungsprotokolle schreibe ich, du musst nur mitkommen.“ Woraufhin mich meine selbsternannte Wahlhelferin triumphierend anschaut. Ha! Ich zappele im Netz, das immer enger wird. Alle stehen plötzlich um mich herum und meinen, ich sei die richtige Kandidatin. Ich brabbele etwas in Deutsch, damit man mir meine Ausrede glaubt, während ich hoffe und bange, dass sich in diesem engen Kreis noch eine Lösung finden würde, die nicht meinen Namen trägt. Nach zähen Minuten, in denen die ein oder andere noch Gründe aufführt, warum sie selbst nicht geeignet sei (keine Zeit), meldet sich die Frau, die bis dahin noch nichts gesagt hatte. Sie würde es machen, sie hätte Zeit, und wenn es keine andere gäbe, die unbedingt Wert darauf legte … Rumms! So ein großer Stein ist mir schon lange nicht vom Herzen gefallen. Wir sieben Drückebergerinnen bedanken uns überschwänglich bei den beiden Freiwilligen und schreiten guter Dinge zur Urne. So leicht kann man also eine Wahl gewinnen. Es reicht, dass man kandidiert. Das hätte ich auch haben können, denke ich und verschiebe es auf später, traurig zu sein ob der verpassten Chance.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Florenz, Toskana

„Nachhaltigkeit ‒ das ist eine Qualität, die wir heute in allen möglichen Bereichen des Lebens einfordern. Diese Biographie eines Jahrtausendbuchs handelt von einem ans Wunderbare grenzenden Fall von Nachhaltigkeit, nämlich von der erstaunlichen Wirkung, die nun schon seit 700 Jahren beinahe ununterbrochen von Dantes Göttlicher Komödie ausgeht und sich seit mehr als 100 Jahren über fast alle Teile unseres Globus erstreckt.“

Franziska Meier

Besuch in der Hölle*, Verlag C.H.Beck, 2021, Vorwort S. 7.

Was dem einen seine Hölle, das ist dem anderen sein Paradies, denke ich zuweilen. So kann es in den Sommerferien noch so heiß sein, als Urlauber nimmt man es gelassen. Touristen wie wir laufen sogar Mitte August bei an die 40 Grad durch die Altstadt von Florenz. Auch wenn man dort an jeder zweiten Ecke an Dantes Inferno erinnert wird, sei es durch Tafeln mit Zitaten aus der Göttlichen Komödie oder Lokale, die des Dichters oder seines Werkes oder der Hölle Namen tragen, nimmt man es leicht und fühlt sich wie im Paradies. Es ist schließlich alles so göttlich schön, historisch wertvoll und in der ganzen Welt berühmt. Und man ist im Urlaub. Im Jahr 2021 ‒ von jenem Sommer berichte ich hier ‒ feierte Italien das Dante-Jahr, zu Ehren des 700. Todestages des florentinischen Dichters. In Deutschland veröffentlichte die Romanistin Franziska Meier zu diesem Anlass ihre „Biographie eines Jahrtausendbuchs“, in der sie zu ergründen sucht, was den unerklärlichen Erfolg der Göttlichen Komödie erklärbar macht. Ein Ruhm, der im Mittelalter begann und sich bis in die Gegenwart fortsetzt, über Italien und Europas Grenzen hinaus in aller Welt. „Besuch in der Hölle“ ist ein reiβerisch anmutender Titel. Aber er liegt nahe, wird Dante doch vor allem mit dem Inferno assoziiert, selbst von Menschen wie mir, die das Werk nie gelesen haben. In welcher Übersetzung auch, da fängt das Dilemma schon an. Da ich nur einzelne Zitate und Anspielungen kenne, wollte ich mir zumindest einen kulturellen Zugang verschaffen und besorgte mir auf eine Empfehlung hin Meiers Buch. Vielleicht kann es auch meinen Töchtern einmal von Nutzen sein. Da jedes der 14 Kapitel einen bestimmten Aspekt beziehungsweise eine Epoche der Rezeption des Werkes behandelt, können sie unabhängig voneinander gelesen werden. Franziska Meier schreibt unterhaltsam und macht es auch Nicht-Literaturwissenschaftlern leicht, sich mit diesem kulturellen Phänomen von literarischer Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.

Aus heutiger Sicht könnte man fragen: Welcher moderne Dichter (Poetry Slammer) würde sich nicht gern dem Traum hingeben, dass seine Verse (Texte) noch in hunderten von Jahren Geisteswissenschaften, elitäre genau wie populäre Kultur weltweit inspirieren und prägen werden. Und sei es nur, dass jemand eine Urlaubsreise mit den Handlungsorten seines Textes in Verbindung brächte. Wie in unserem Fall im Dante-Jahr. Waren die Fußmärsche unter der sengenden Mittagssonne in Florenz noch eine Art Fegefeuer, hin- und hergerissen zwischen Jammern ob der Hitze und Frohlocken ob der göttlichen Schönheit der Kunststadt, gestaltete sich die Rückfahrt im Auto streckenweise zu einer Höllentour. Als wir uns wegen Unfällen auf der Autobahn in den Hügeln über der Stadt wiederfanden, auf nur in der Theorie zweispurigen Wegen immer dicht am Abgrund entlang, da hoffte ich, dass wir dieser brenzligen Situation unbeschadet entkämen. So war es dann auch, aber selbst unser erfahrener Chauffeur, mein tapferer Gatte, gab zu, dass ihm mulmig zu Mute gewesen war und er höllisch hatte aufpassen müssen.

Hölle heute geschlossen

Viel später als geplant näherten wir uns am Abend heimatlichen lombardischen Gefilden. In Aussicht auf einen leeren Kühlschrank hielten wir an einer Pizzeria am Weg. Ratet, welchen Namen sie trug? Richtig: Paradiso. Wir riefen vorher an: „Buonasera, Paradiso …“, meldete sich die nette Wirtin. „Buonasera, c’è ancora posto da voi?“, fragte mein Mann und wir mussten grinsen. Schließlich hatten wir gerade im Paradies angerufen und gefragt, ob dort noch Platz für uns sei. Das Lokal stand an diesem Abend in besonderer Gunst der Anwohner, und so setzte man uns nicht wie erhofft in den Bar-Bereich, in dem wir uns bei früheren Besuchen wohlgefühlt hatten, sondern in einen Nebenraum. Das war ein lieblos bestuhlter Saal mit Neonlicht und ratternder Klimaanlage und der Akustik einer Schulmensa. Uff! Die Ankunft im Paradies hatte ich mir anders vorgestellt. Und dachte mit Wehmut an die infernalische Sonne und dantesk betitelte Lokale in Florenz zurück. Aber wir nahmen es gelassen, denn wir wussten ja, dass es den Himmel auf Erden nur in uns selbst gibt und er nicht von einem improvisierten Abendessen auf dem Heimweg aus dem Urlaub abhing.

Ankunft im Paradies

*Werbung, unbeauftragt und unbezahlt.

Die letzten Gäste

Es ist oft leichter gesagt als getan, am Wochenende Touristen vor der eigenen Haustür zu spielen. Alle paar Monate unterbreite ich meiner Familie den enthusiastischen Vorschlag, einen Sonntag im wunderschönen Como zu verbringen. Ganz entspannt, ohne lange zu planen oder zu reservieren. Wenn wir im Urlaub sind, machen wir das schließlich auch so. Wir sind da, gehen los und haben einen schönen Tag. Nun sind wir leider in Como noch nicht da, wir müssen hinfahren. Alle paar Monate stelle ich wieder fest, dass das mit dem schönen Sonntag in Como nicht so einfach ist. Wenn man mit dem Auto anreist, endet es regelmäßig damit, endlose Runden durch die Touristenhochburg zu drehen, auf der Suche nach einem Parkplatz. Da ist es mitunter von Vorteil, nicht in einem bestimmten Restaurant reserviert zu haben.

Es war im Spätsommer dieses Jahres, da hatte das herrliche Wetter nicht nur uns auf die Idee gebracht, einen Sonntagsausflug zu unternehmen. Als in Como absolut keine Möglichkeit zum Parken zu finden war, versuchten wir es entlang des Sees in Richtung Menaggio. Leider war bereits Mittagszeit, und das Parkplatzangebot in den kleinen Orten noch bescheidener. Zumal alle mit Blick auf den See im Ristorante saßen und sicher nicht vor um drei, halb vier aufbrechen würden. Aussichtslos. Nicht mal „Amico Giorgio“ trafen wir an, bei dem wir in Laglio gern einen Nespresso getrunken und den Wagen vorübergehend in seiner Villa abgestellt hätten. Wir wollten schon aufgeben, als in Argegno eine Parklücke frei wurde. Mittlerweile war es kurz nach 14 Uhr. Da hatten wir Glück, noch ein Lokal zu finden, das uns gern bewirtete. Ihr müsst wissen, dass in Italien die warme Küche oft bereits um 14 Uhr, allerspätestens 14.30 Uhr schließt und keine neuen Mittagsgäste mehr akzeptiert werden. Essen, wenn einem danach ist? Pustekuchen! Mittags von 12 bis 14 Uhr, abends ab 19.30 Uhr, gern bis spät. Aber warmes Essen um 16 Uhr? Gibt’s nur bei den Teutonen. Darüber lästern zwar meine Italiener zu Besuch in Deutschland gern, hin und wieder nehmen sie die uhrzeitunabhängige Gastfreundschaft aber selbst gern in Anspruch. An diesem Sonntag in Argegno genossen wir unser spätes Mittagessen als letzte Gäste jedenfalls sehr. Anschließend bummelten wir durch den netten kleinen Ort, den wir bis dahin nur als Ausgangspunkt für ein Fahrt mit der Seilbahn kannten. Und sollte ich in ein paar Monaten wieder auf die Idee kommen, einen Ausflug nach Como vorzuschlagen, dann nehmen wir den Bus.

Argegno 1: Freier Parkplatz? Nur, wenn gerade einer rausfährt!
Argegno 2: Besser, man reist mit dem Hubschrauber an.
Argegno 3: Auch per Schiff hat man kein Parkplatzproblem.

Titelbild: Das Restaurant in Argegno hatte entgegenkommende Öffnungszeiten: „Meistens öffnen wir um 9 oder 10, hin und wieder auch um 7, aber an manchen Tagen nicht vor um 12. Wir schließen etwa um 19.30 Uhr, gelegentlich gegen 16 Uhr oder um 17 Uhr, aber auch erst um 23 Uhr oder 24 Uhr. Vormittags oder nachmittags sind wir zuweilen gar nicht anzutreffen, in der letzten Zeit hatten wir aber praktisch immer geöffnet. Bis auf die Zeiten, in den wir woanders sind, aber eigentlich müssten wir immer hier sein.“

Eine gute Partie

Spielen, so drückte es einmal der amerikanische Autor und Forscher Joseph Chilton Pearce aus, sei der Königsweg zu kindlichem Glück und zu einem brillanten Erwachsenendasein.*

Das gibt mir zu denken, muss ich doch zugeben, kein großer Freund des Spielens zu sein. Ich bin heilfroh, dass die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und mich nicht mehr dauernd fragen, ob ich mit ihnen Vater-Mutter-Kind, Verstecken, Fange oder anderes Kaspertheater spiele. Auch bin ich nicht traurig, dass, zumindest in meinem Umfeld, dieses notorische Gesellschaftsspiele Spielen der 90er-Jahre nicht mehr angesagt ist. Ich sage nur: Ohne Moos nix los. Mir laufen Gruselschauer über den Rücken. Obwohl ich mich erinnere, dass mir als junge Erwachsene gewisse Spiele im Freundeskreis gefielen. Ich mochte all die Wettbewerbe, bei denen man etwas interpretieren, zeichnen oder singen musste. Talente, die ich nicht besitze. Welch ein Vergnügen, sich zum Affen zu machen. Wenn alle mitspielen. In jedem Fall waren solche Aktivitäten ein gutes Training für die Bauchmuskeln, die beim Kaputtlachen ordentlich im Einsatz waren.

All diese jugendlichen Verfehlungen und Belustigungen sind Erinnerung. Eigentlich bleibt nur das Kartenspiel, das als Klassiker die Jahre überdauert und zu dem ich mich gern breitschlagen lasse. Dazu kommt es im Familienkreis regelmäßig. Nach einigen Jahren Mau-Mau (neudeutsch und italienisch: Uno) sind nun auch die Kinder in einem verständigen Alter, dass wir sie in unser ultimatives, seit Generationen gepflegtes Kartenspiel der Kartenspiele einführen konnten: Rommé.

Gefällt euch das wunderbare Blatt mit Kunstleder-Etui im Titelbild? Wie oft nörgelte mein Mann, wir sollten doch endlich neue Karten kaufen, diese wären so abgegriffen. Das taten wir dann auch, als wir sie im Urlaub einmal vergessen hatten. Und doch spiele ich am liebsten mit den traditionellen Altenburger Spielkarten meiner Eltern. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Sie erinnern mich an meinen Vater, der die Sonderausgabe mit guten Beziehungen besorgt hatte, an meine Schwester in ihrer Jugend, wenn ich das kokette junge Frollein auf der Rückseite betrachte, und an die vielen gemeinsam verbrachten Stunden im Familienkreis. Da sind die teils schon leicht vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen meine Großeltern über den Brillenrand hinweg in die Karten gucken, dann die immer noch schwarz-weißen, aber bewegten 8mm-Aufnahmen von unseren legendären Rommé-Turnieren im Sommer vorm Bungalow am See. Ob mich meine Eltern absichtlich gewinnen ließen? Ich konnte mich jedenfalls oft über den Gesamtsieg und die damit verbundene Geldprämie freuen. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt, wenn Mutti dem Vati ein Trinkgeld bezahlt hätte oder andersrum. Für mich, die einzige Nichtverdienerin in der Familie, kam es nur recht.

Ist euch auch aufgefallen, dass es beim Rommé unendlich viele Spielvarianten gibt? Das macht es nicht einfach, wenn Verwandte aus mehreren Haushalten zusammenkommen. In jedem gibt es einen Bestimmer, der die Regeln für die Kernfamilie festgelegt hat. Kommt man in gemischter Runde zusammen, muss jedes Mal neu verhandelt werden. Darf man Klopfen, oder nicht. Werden doppelte Karten getauscht, oder nicht. Darf man als erster Spieler in der ersten Runde rauslegen, oder nicht. Darf man die abgelegte Karte aufnehmen, wenn man noch nicht draußen ist, oder nicht … Die Reihe ließe sich fortsetzen. Aber wisst ihr was? Es genügt, sich vorher zu einigen. Es könnte auch im Leben so einfach sein. Als ich, die dritte Tochter unserer Ursprungsfamilie, mich im Ausland verbandelte, war meine deutsche Sippe skeptisch, ob der italienische Mitspieler denn mitspielen könne. Kennt der das denn? Nun, er kennt es in der Version „Scala Quaranta“. Bei der darf man im Gegensatz zum Rommé erst mit einer Reihe von vierzig Punkten statt mit dreißig rauslegen. Nessun problema! Kein Problem, und auch die anderen traditionellen Regeln unserer Familie waren schnell erklärt. Die Integration funktionierte prima. Nach Jahren bilateraler Rommé-Praxis schlägt mittlerweile sogar der jüngste italienische Zuwachs vor, sich statt des allabendlichen Fernsehprogramms, auf das man sich in deutsch-italienischer Runde nur mit Mühe einigen kann, gemeinsam an den Tisch zu setzen. „Spielen wir Rommi?“, fragt sie, und ihre große Schwester korrigiert, wobei sie manchmal ein klein wenig mit den Augen rollt: „Das heißt Rommeee, wann lernst du das endlich?“ Aber egal, ob Rommi oder Rommeee, Hauptsache, das Spiel macht allen Freude. Manchmal stolpern wir noch über sprachliches Begriffswirrwarr. Wie heißt der junge Typ, der vor der Dame und dem König liegt? Junge? Bube? Fante! Oder auch Jack! Der Joker ist ein Jolly. Im Zusammenhang mit der beliebtesten aller Karten wurde mir von Familiengenerationen berichtet, die ich gar nicht mehr selbst kennengelernt habe. Mein Großvater mütterlicherseits soll immer gesagt haben: „Da habta den Kaschpa!“ Er nannte den Joker Kasper. In Gedanken sehe ich meinen unbekannten Großvater, den ich mir mangels fotografischer Erinnerungen wie den Bruder meiner Mutter, also seinen Sohn, vorstelle, mit am Tisch sitzen. Schön, dass unser Familienspiel Rommé nicht nur Generationen, sondern auch Preußen und Sachsen und nun schon in der zweiten Generation Italiener zusammenbringt. Das Spiel bietet genau die richtige Mischung aus Glück und Strategie, Konzentration und Zerstreuung. Zu lachen gibt es, wenn einer einen Fehler macht oder nicht aufpasst und verpennt, wenn er dran ist. Das passiert Alten wie Jungen, und wer die beste Ausrede parat hat, ist ein weiterer beliebter Wettbewerb.

Ein bisschen geht es beim Rommé auch zu wie im richtigen Leben: Jede Runde ist wie ein neuer Tag, eine neue Woche, ein neues Jahr und man kann hoffen, (doch noch) ganz groß rauszukommen. Dazu empfiehlt es sich, ein glückliches Händchen zu haben, aber auch Intelligenz, Geduld und Menschenkenntnis sind hilfreich. Rommé ist immer eine gute Partie. Vielleicht kann ich mich damit sogar aus der Affäre ziehen, was den eingangs zitierten Königsweg zum Glück betrifft.

*Freie Übersetzung des italienischen Zitats „Il gioco è la stradamaestra per la felicità dell’infanzia e la brillantezza degli adulti.“, gefunden auf frasicelebri.it.

Duft(n)ostalgie

In der Werbung ist es gerade Trend, auf Nostalgie und die gute alte Zeit zu setzen, Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend heraufzubeschwören. Man lädt uns ein, uns olfaktorisch in eine Zeit zurückzuversetzen, als die Welt unter der Dusche noch in Ordnung war. Hm, schwierig. Eine Dusche hatten wir bei uns zu Hause nicht. Und auch nicht die Produkte der westdeutschen Marke, vielleicht wisst ihr, welche ich meine. Ich fühlte mich trotzdem inspiriert, die Augen zu schließen und noch einmal ins Badezimmer meiner Kindheit zurückzukehren. Wie duftete es da? Allzu viel Auswahl an parfümierten Mittelchen gab es in der realsozialistischen Körperpflege nicht. Die Dufterinnerungen sind dafür womöglich stärker, weil das Erlebnis anhaltend und eindrücklich war.

Photo by Felipe Monteiro on Pexels.com

Beinah rührselig wird mir zumute, wenn ich an die Reinigungsmilch meiner Mutter denke. Gurkenreinigungsmilch. Ich muss sie als Teenager auch verwendet haben, denn ich spüre noch die zart-cremige Konsistenz und den milden Gurkenduft rund um die Nase, wenn ich sie über das Waschbecken gebeugt mit den Fingerspitzen auftrug. In die Badewanne (die hatten wir!) kam Badusan. Ich höre den Schaum knistern, puste Schaumwölkchen über den Wannenrand und entspanne mich bei würzigem Koniferen-Aroma. Duschbad stand in meiner Erinnerung keins bei uns zu Hause. Vermutlich, weil wir keine Dusche hatten? Seife gab es am Stück, und die Reste wurden in einem netzartigen Säckchen aus Kunststoff gesammelt, mit dem man sich in der Badewanne abreiben konnte. Sanfter Peeling-Effekt inklusive (von dessen Existenz wir damals freilich noch nicht wussten). Ich erinnere mich auch, obwohl es schon sehr lange zurückliegt, an den nur bedingt angenehmen, medizinischen Geruch des Haarwaschmittels gegen Kopfläuse. Ob meine Mutter es vorsorglich verwendete oder es nur im akuten Fall zum Einsatz kam? Ein Satz aus meinen Kindergartentagen wurde jedenfalls oft zitiert: „Ich habe keinen einzigen Laus!“, soll ich meinen Eltern stolz wie Bolle zugerufen haben, nachdem auf den Kinderköpfen eine Läuse-Inspektion stattgefunden hatte.

Photo by Sora Shimazaki on Pexels.com

Die intensivste Dufterinnerung aber habe ich an „Grüner Apfel“. Frisch und knackig. So wollte man ausschauen und duften. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, in welchem Produkt er steckte. Bei der Recherche im Netz stieß ich auf eine Ost-Marke mit Namen Undine. Die wird’s gewesen sein. Vielleicht Seife, oder Shampoo. Oder war es das Deo? Egal. Ein Duft, den ich wieder kaufen würde, würde er neu aufgelegt. Genau wie die Gurkenreinigungsmilch von damals. Sicher gibt es auch heute welche, aber ich habe noch keine davon probiert, um meine ursprüngliche Erinnerung nicht zu verlieren. Es wird nicht dasselbe sein.

Photo by cottonbro on Pexels.com

Manchmal frage ich mich, welche Dufterinnerungen meine Kinder einmal mit unserem Badezimmer verbinden werden. Ich denke, eine gute Chance auf das Siegertreppchen hat die Glyzerin-Flüssigseife, die ich bereits viele Jahre lang konsequent in unsere Flüssigseifenspender für die Hände fülle. Sie hat so etwas bodenständig Ehrliches. Kostengünstig ist sie obendrein. Positiv überrascht war ich von der Reaktion meiner Schwester. Neugierig und anerkennend fragte sie, welche fantastische Seife ich im Spender hätte. Dabei ist sie eine, die selbst immer Seifen und Waschgels mit den allerneuesten und exklusivsten Düften verwendet. Bei uns in Italien gibt es auch ein paar Marken, aber lange nicht so viele mögliche und unmögliche Wellness-, Wohlfühl-, Entspannungs-, Erlebnis-, Gutenmorgen- , Schönertag- und Gutenacht-Düfte wie in Deutschland. Ich finde es immer sehr spannend in ihrem Bad. Aber wie man sieht, gelingt es angesichts überbordender Duftangebote gerade einer einfachen „Arme-Leute“-Seife wie meiner, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Und zwar einen angenehmen. Wie schön.

*Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Ende September, irgendwo, irgendwann

„Kennst du diese Momente im Herbst, in denen man plötzlich meint, es sei Frühling?, fragte ich, als wir wieder aus dem Wald traten. Ich weiß nicht, woran es liegt, an einem Geruch, dem Zwitschern der Vögel, dem tiefen Stand der Sonne. Es ist ein Gefühl des Übergangs, das ganz plötzlich auftaucht und gleich wieder verschwindet.“

Peter Stamm

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt*, Roman, S. Fischer, 5. Auflage Dezember 2018. Seite 117.

Es war im September 2020. In jenem Jahr, in dem gar nichts mehr war. In einem lichten Moment jedoch, nicht mehr Sommer und noch nicht Herbst, fand in Bellinzona im schweizerischen Tessin das Babel „Festival di letteratura e traduzione“ (Festival für Literatur und Übersetzung), statt. Bellinzona liegt mit ein wenig Gutem Willen praktisch vor unserer Haustür, und so buchte ich kurzentschlossen eine Eintrittskarte für die Veranstaltung mit Peter Stamm. Von dem hatte ich schon viel gehört aber bis dahin nichts gelesen. Sein Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ war gerade von Gabriella de’Grandi für den Tessiner Verlag Edizioni Casagrande ins Italienische übersetzt worden (Titel: „La dolce indifferenza del mondo“). Mit ihr plauderte der Schriftsteller auf der Bühne aus dem Leben, von der literarischen Arbeit und über die gemeinsame Erfahrung mit der Übersetzung. Für Stamm, deren Werke in mehr als dreißig Sprachen übersetzt worden sind, fast schon Routine, aber doch jedes Mal spannend. Das Thema Literaturübersetzung fasziniert mich, nachdem ich einmal selbst die Übertragung eines Romans aus dem Italienischen ins Deutsche gewagt hatte und meine Version anschließend mit der veröffentlichten vergleichen konnte. Es ist ein weites Feld! Es braucht Technik und sprachliche Kreativität, und es braucht den Mut zu Kompromissen. Jede Version soll für sich brillant sein und funktionieren, ohne sich von den Intentionen des Ursprungstextes zu weit zu entfernen. Dabei gibt es einfach Dinge, die man in einer Sprache auf eine andere Art versteht und interpretiert als in der anderen, in der man nur annähernd auf denselben Punkt kommt. Hut ab vor all denen, die sich der unsagbar schwierigen Kunst der Literaturübersetzung widmen.

Auf der Bühne v.l.n.r.: Moderatorin und Übersetzerin Marina Astrologo, Autor Peter Stamm und Literaturübersetzerin Gabriella de’Grandi. Foto: eigene Aufnahme.

Wir wenigen Gäste der Veranstaltung am 19. September 2020 saßen mit Mund-/Nasenschutz und in großen Sicherheitsabständen voneinander in den Reihen des Teatro Sociale von Bellinzona. Das gab dem Ganzen etwas Exklusives und ich war dabei. Welch ein Glück, denke ich im Nachhinein, wo ich weiß, dass im Herbst und Winter 2020 wieder absolut nichts ging in Sachen Kultur.

Nach dem Bühnengespräch signierte der Schriftsteller neben dem Theater seine Bücher. Zu meiner Freude gab es den besprochenen Roman auch im deutschen Original. Stolz trug ich ihn heim und stürzte mich sofort in die Lektüre, die anregend und verwirrend zugleich war. In Erinnerung ist mir vor allem das oben genannte Zitat geblieben. Weil ich schon beim Lesen wusste, dass ich diese Momente kannte. Und weil mir flugs in jenen Tagen genau solch ein Moment wieder passierte, ein paar Schritte vor der eigenen Haustür. Das konnte geschehen, weil die Szene Ende September spielt, genau zu der Jahreszeit, in der ich den Roman las.

Wie der Ich-Erzähler im Roman rätsele auch ich jedes Mal, wie es möglich ist, dass für einen Augenblick dieser Hauch von Frühling da ist, obwohl der Herbst doch eigentlich so ganz anders, kaminverraucht und nebelig, daherkommt. Und ich gebe zu, dass sich die Empfindung Frühling für mich sehr konkret anfühlt. Ich rieche, sehe, fühle in diesem magischen Augenblick Ende September wie in jenen entfernten Tagen Ende März, als ich das erste Mal verliebt war. Vor mehr als dreißig Jahren, tausend Kilometer nördlich von hier. Es liegt ein Zauber in der Luft, ein Vorgeschmack auf etwas, das beginnt. Wo doch im Herbst der Sommer endet, die Natur ihren Rückzug in den Winterschlaf einleitet. Es bleibt ein unerklärliches Phänomen. Aber es widerfährt mir. In jedem verdammten September.

Zum Weiterlesen:

Eine Buchvorstellung zu „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ gab es unter anderem beim Deutschlandfunk Kultur.

Mehr über den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erfahrt ihr auf seiner Website.

*Werbung, wie immer unverlangt und unbezahlt.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.