Damals: The Boss in East Berlin

Sommer 1988. Noch nicht der allerletzte Sommer der DDR, aber für ostdeutsche Musikfans der aufregendste. Im Rahmen des 5. Berliner Rocksommers der FDJ schmückten während der „Friedenswoche der Berliner Jugend“ im Juni bekannte Namen wie die britische Rockband Marillion, die Westberliner Rainbirds, der US-Amerikaner James Brown und der Kanadier Bryan Adams den Auftrittskalender. Sogar Joe Cocker stand auf der Bühne in Ostberlin. Das absolute Konzert-Highlight dieses heißesten Sommers der DDR ging zweifelsohne am 19. Juli 1988 über die Bühne. Bruce Springsteen, der sich wenige Jahre zuvor mit „Born in the U.S.A.“ in den Olymp der Weltstars katapultiert hatte, rockte den Osten auf der Berliner Radrennbahn Weiβensee.

Und ich war dabei.

Ich war sechzehneinhalb, wohnte in Strausberg bei Berlin und hatte gerade die POS, die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, abgeschlossen. Dass der amerikanische Rockstar „The Boss“ genannt wurde, wusste ich genauso wenig, wie es mir schnuppe war, dass der Titel „Konzert für Nikaragua“ vom Eintrittsticket nicht auf seinem Mist gewachsen war. In der Tat wurden entsprechende Transparente über der Bühne kurz vor dem Auftritt wieder entfernt.  

Ich habe dreißig Jahre später, 2018, als der Rocksommer 1988 und insbesondere dieses legendäre Konzert plötzlich in allen Medien war, selbst Dokumentationen geschaut und Erlebnisberichte gelesen. Da kamen die Fans zu Wort, die aus allen Ecken der Republik nach Berlin gekommen waren, Schwarzmarktpreise für die Karten bezahlt oder sich im allgemeinen Trubel ohne Karten an den FDJ-Ordnern vorbei auf das Konzertgelände gedrängt hatten. Fast schäme ich mich im Nachhinein, dass ich so ganz ohne eigenes Bemühen da war. Meine Freundin und ich hatten die Karten über die FDJ von der Schule bekommen. Eine Art Auszeichnung, so erinnert sich meine Mutter. Kostenlos versteht sich, was wäre es sonst für eine Auszeichnung. Ich war also, abgesehen von guten schulischen Leistungen und linientreuem Benehmen (oder was auch immer die Auswahlkriterien waren), wie die Jungfrau zum Kind zum Konzert der Superlative gekommen. 160.000 Karten hatte man offiziell verkauft, zum Preis von 19,95 Mark der DDR plus 5 Pfennig Kulturabgabe. (Anm. d. Red.: Einen Teil verschenkte man offensichtlich. Dieses System musste ja pleite gehen.) Heute liest man, dass 300.000, vielleicht sogar 400.000 Menschen aus der gesamten DDR gekommen waren und es das größte Konzert der Geschichte des Arbeiter- und Bauern-Staates gewesen sei. Der „Boss“ spielte inklusive Zugaben rund vier Stunden lang, es war eines der längsten Springsteen-Konzerte überhaupt.

Wenn ich mir die im Internet kursierenden Fotos anschaue, weiß ich in etwa, wo wir gestanden haben. Rechts von der Bühne, ziemlich weit hinten. So bekamen wir nicht nur wenig zu sehen und mäßig gut zu hören, wir hatten auch keine Chance, vom Star für „Dancing in the Dark“ auf die Bühne gerufen zu werden. Die junge Frau von damals hat es sich nach dem Erlebnis wohl nicht träumen lassen, im Filmmitschnitt dank des Internets auch „für alle Ewigkeit“ medial berühmt zu werden.

Wenn mir das passiert wäre? Was hätte der junge Mann gesagt, mit dem ich damals liiert war? Wir waren nicht so eng, dass wir alles gemeinsam machten. Bei Bruce Springsteen waren wir beide. Unabhängig voneinander. Als meine Freundin und ich ihn am Einlass trafen, waren wir genauso überrascht, wie darüber, dass er wenige Minuten später auch schon wieder verschwunden war. Wir sahen ihn während des ganzen Konzerts nicht mehr. Später verstand ich, dass er nicht mit einer anderen, sondern im Dienst da gewesen war. Er absolvierte die Wehrpflicht beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ in Berlin Adlershof, zu dessen Aufgaben die „Sicherung von Großveranstaltungen (auch in Zivil)“ (Quelle: Wikipedia) gehörte.

Im nächsten Jahr tourt der „Boss“ wieder durch Europa. Er wird auch im italienischen Monza spielen, das liegt von uns daheim nicht viel weiter als damals Berlin Weiβensee von Strausberg. Meine älteste Tochter wird dann exakt genauso jung sein, wie ich im Sommer 1988. Wie gerne würde ich mit ihr zu diesem Konzert am 25. Juli 2023 gehen. Als kostenlose Auszeichnung wird mir diesmal keiner zwei Eintrittskarten zustecken. Zwischen 85 und 130 Euro kosten die Stehplätze, ich würde auch mehr dafür bezahlen. Aber was soll ich euch sagen: Die Tickets sind schon alle weg.

Damals brauchte man Beziehungen oder „Schwein“, wenn man nicht im Auftrag dort war. Heute genug Geld und das richtige Timing. Damals geschahen einem Dinge, die man im Nachhinein kaum für möglich hält. Um es mit einem Schlager von Bärbel Wachholz zu sagen: „Doch wir waren viel zu jung, viel zu jung. Um unser Glück zu verstehn.“ Bärbel Wachholz – Damals

Quellen:

N-TV: Als Springsteen die Mauer wackeln ließ

DDR-Museum: Der „Boss“ spielt in Ost-Berlin – Bruce Springsteen 1988

MDR: Springsteen Special: 19. Juli 1988 Berlin, DDR

Titelbild: Credits Blueee77 bei Shutterstock

Vanille, Erdbeer, Schoko

Es gibt Tage, da läuft einfach nichts so, wie wir es gerne hätten. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die ein beleidigtes „Och nö“-Gefühl provozieren. Wie in diesem Moment, in dem die Eisverkäuferin ausgerechnet diejenige Sorte zuerst in die Waffel streicht, die wir als letztes genannt haben. Die Sorte, die oben sein sollte. Und das, nachdem wir eine gefühlte halbe Stunde in der Schlange gewartet und uns den Hals verrenkt haben, um die vielen Geschmacksrichtungen zu studieren und eine Wahl zu treffen.

Das Leben könnte so einfach sein. Gäbe es nur Vanille-, Erdbeer- und Schokoeis. Die drei Klassiker waren die Lieblingssorten meines Vaters, er ist ihnen immer treu geblieben. Selbst hier in Italien riskierte er so gut wie nie, eine andere Geschmacksrichtung zu probieren. Die riesige Auswahl begeisterte ihn nicht, sie verunsicherte ihn.

Vanille, Erdbeer, Schoko sind wie ein Symbol für meine Kindheit, als das Leben noch übersichtlich war. Keine Qual der Wahl, sondern schlichte Freude. Damals, als auch die Welt noch einfacher zu interpretieren war, es noch Gut und Böse gab. Fast wie im Märchen. Heute ist alles hybrid. Sowohl als auch. Ein bisschen gut, ein bisschen böse. Und von allem zu viel.

Aber bleiben wir noch einen Moment an der Eis-Theke und betrachten wir sie als eine Art Stellvertreterort für das Leben. Eins ist klar: Umso mehr Auswahl es gibt, umso unzufriedener werden wir. Wie sagte Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt.“ Die Gefahr, enttäuscht zu werden, steckt in der Schachtel mit drin. Genauso, wie sie hinter der Glastheke der Gelateria mit zwanzig Milcheis- und zehn Fruchteissorten lauert. Zu süß, zu klebrig, zu fest, zu flüssig. Womöglich ist das Eis, das unsere Freundin nimmt, doch das leckerste. Und welche Sorte passt überhaupt zu der ersten, für die wir uns endlich entschieden haben? Mit den drei Klassikern wäre jede Wahl die richtige. Die Sorten Vanille, Erdbeer und Schoko harmonieren eine mit der anderen perfekt. Natürlich auch alle drei zusammen. Ach was, es war sogar noch einfacher in meiner Kindheit! Da gab es fast überall nur Softeis. Das quoll in zwei Strängen aus der Eismaschine heraus, entweder Vanille/Erdbeer oder Vanille/Schoko. Wem die Kombination nicht passte, der konnte es an einem anderen Tag versuchen. Wir waren dankbar, wenn wir uns eins kaufen durften und es nicht aus war, ehe wir drankamen.

Heute muss ich voller Rührung schmunzeln, denke ich an meinen Vater und seine unbeirrte Sturheit beim Eisessen zurück. Ich verstehe ihn gut. Trotzdem überwiegt bei mir die Neugier. Ich entledige mich der Qual der Wahl, indem ich ganz bewusst auf Risiko setze und gern vollkommen Neues ausprobiere, wenn es das gibt. Manchmal frage ich gar nicht, was sich hinter einem Namen verbirgt. Viele Eisdielen führen eine spezielle Rezeptur, die den Namen der Gelateria oder des Eigentümers trägt. Damit macht man selten etwas falsch. Und was das oben beschriebene Phänomen betrifft: Natürlich hat die erfahrene Eisverkäuferin gute Gründe, die Reihenfolge der Sorten selbst zu bestimmen. Das schwere Eis nach unten, das leichte, cremigere nach oben. Die Eistüte nach Konsistenz zu befüllen, garantiert eine ausbalancierte Konstruktion und unfallfreies Schleckvergnügen. Manchmal geht es nicht nach unseren Wünschen, und es ist trotzdem zu unserem Besten.

Titelbild: Credits HandmadePictures bei Shutterstock

Andere Sprache, anderes Leben

Nach Italien gegangen zu sein, bedeutet für mich mehr als einen gewagten Orts- und Kulturwechsel. Ebensowenig behaupte ich, da zu wohnen, wo andere Urlaub machen. Das ist schließlich relativ und nichts, worauf man stolz sein könnte. Wirklich glücklich bin ich über einen anderen Aspekt. Ich bin froh, neben Deutsch als meiner Muttersprache, nach Schul-Russisch und Berufs-Englisch, einem Semester Hobby-Französisch und sechs Jahren Leipscher Sächssch, eine weitere Sprache dann doch noch richtig gelernt zu haben. Aber was heißt hier gelernt? Nach einem Semester VHS in Deutschland und ein paar Monaten „Italiano per stranieri“ (Italienisch für Ausländer) in meinem ersten Wohnort war Schluss mit Studieren, der Alltag hatte die Schule ohnehin ersetzt. Ich bin dankbar, nach Deutsch noch eine weitere Sprache leben zu dürfen.

Ich habe bei zwei Autoren zu diesem Thema Sätze gefunden, die es nicht besser auf den Punkt bringen können:

„Moritz mochte den Effekt des Italienischen, diese Art zu sprechen und damit auch die Art, die Welt zu sehen und in der Welt zu sein. Eine neue Sprache, fand er, schenkt dir Flügel, auf denen du dich in jemand anderen verwandelst. Jemand, der schon immer in dir war, aber bisher keinen Weg gefunden hatte, sich zu zeigen. Manchmal führen uns andere Sprachen nicht in die Ferne, sondern näher zu uns selbst.“

Daniel Speck

Piccola Sicilia*, Roman. Fischer Taschenbuch, April 2020. Seite 296.

„Italienerin zu sein, beschränkt sich für mich auf die Tatsache, dass ich Italienisch spreche und schreibe. So dahingesagt, scheint das nicht gerade viel zu sein, dabei ist es sehr viel. Eine Sprache ist ein Kompendium der Geschichte und Geografie, des materiellen und geistigen Lebens, der Laster und Tugenden nicht nur dessen, der sie spricht, sondern auch derer, die sie im Laufe der Jahrhunderte gesprochen haben. Wörter, Grammatik und Satzbau sind wie ein Meißel, der das Denken formt.

Das Übersetzen ist unsere Rettung, es zieht uns aus der Grube, in die wir durch Geburt zufällig geraten sind. … Wir können viel mehr sein als das, was wir zufällig sind.“

Elena Ferrante

Kolumne „Sprachliche Nationalität“ in: Zufällige Erfindungen*, Suhrkamp Verlag Berlin, Erste Auflage 2021. S.33-35

In Anlehnung an eine bereits vieldeklinierte Redewendung würde ich so formulieren:

Das Leben ist zu kurz, um es nur in einer Sprache zu leben.

Wenn man die Möglichkeit hat, ist eine weitere Sprache eine unendlich wertvolle Bereicherung.

Titelbild: Symbolbild von Openverse.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Denk mal anders

Oder: Wenn das Leben dir Limonen schenkt

… dann bist du vielleicht in Cannero Riviera am Lago Maggiore. Und ich wette, es ist ein fantastisches, zuckersüßes Erlebnis. Mir hat es am vergangenen Sonntag fast die Sinne vernebelt, als wir bei einem spontanen Ausflug in dem uns bisher unbekannten Ort im Piemont landeten. Eine zauberhafte Lokalität mit dem südlichen Flair der Amalfiküste, nur kleiner und intimer. Beinah hätte ich das Schiff zurück nach Luino verpasst. Mit Absicht. Von mir aus hätte aus dem Sonntagsausflug eine ganze Urlaubswoche werden können.

So stelle ich mir das viel gerühmte Dolce Vita vor: ein traumhaftes See-Panorama mit den Burgruinen der Castelli di Cannero, Berge am Horizont, der blaue Himmel über allem, die originellen Sitzgelegenheiten direkt in der Mauer an der Seepromenade, teils herrschaftliche Villen, eine frische Brise trotz sommerlicher Höchsttemperaturen. Dazu der berauschende Duft farbenprächtiger Blüten. (Jetzt im Juli sind es vor allem Hortensien und Jasmin, im Frühjahr ist der Ort für seine Kamelien und Zitrusfrüchte berühmt). Bei einem eisgekühlten Spritz im Schatten habe ich eine Vision: Auf dem Balkon des Hotels direkt an der Uferpromenade sehe ich eine weißhaarige Dame, die am Tischchen sitzt und eifrig den Kugelschreiber über einen Bogen Papier führt. Mein Mann muss natürlich frotzeln, sie würde die ordnungsgemäße Einnahme der Medikamente für regelmäßigen Stuhlgang protokollieren. Ich sehe etwas anderes in ihr. Mich. Also nein, ich sehe eine Schriftstellerin in ihr. Und ihr Bild weckt den Wunsch, mich hier für ein paar Tage zurückzuziehen, von Büro und Familie, um mich in diesem wunderbaren Versteck mit Blick auf den See und die schaukelnden Boote ganz dem süßen Nichtstun und meinen Leidenschaften hinzugeben. Zu lesen, zu träumen, und wenn der Funke zündet, zu schreiben. Das wird nicht gehen? Ihr habt recht. Zunächst einmal nicht, aber ich behalte die Idee im Hinterkopf. Unsere Tochter hat eine andere Vorstellung, praktisch und konkret, nach sofortiger Umsetzung schreiend. So tickt die Jugend.

„Mama, fährst du uns am nächsten Sonntag hierher, damit wir einen Tag am Strand und auf der Liegewiese verbringen können?“

„Euch?“

„Na, mich und meine Freundinnen.“

Ich lächele angestrengt. Leider bin ich selbst keine von denen, die gerne den ganzen Tag in der Sonne abhängen. Aber ich könnte sie fahren und mir ein Plätzchen im Schatten suchen. Dumm nur, dass sich die direkte Autoanfahrt zwei Stunden in die Länge zieht, da wir erst auf die andere Seite des Sees gelangen müssen, von der Lombardei ins Piemont. Ich werde die Überfahrt mit dem Schiff noch einmal prüfen, die Anfahrt, das Parken, das Timing. Puh. Spontane Entdeckungen sind immer noch die besten. Rein in die Schifffahrtsanlegestelle, fragen, wo es als nächstes hingeht, zahlen, zack. Sich einfach überraschen lassen. Ich argwöhne, beim nächsten, akribisch durchgeplanten Ausflug wird das Schiff klein und der Strand überfüllt sein und das Wetter nach einer Stunde umschlagen.

Rückfahrt von Cannero Riviera (Piemont) nach Luino (Lombardei)

Dieses Mal haben wir das Boot auf der Rückfahrt fast für uns allein. Wir genießen es, lassen uns auf dem Oberdeck den Wind in die Haare wehen und fühlen uns ein bisschen schön und reich. Da soll Mr. Alan Howard derweil am Comer See in der Villa Olmo, die er für schlappe 1,3 Millionen Euro einen ganzen Monat lang gemietet hat, die opulenteste Hochzeit des Jahres feiern, schöner kann er es da auch nicht haben. Nur teurer.   

Titelbild: Kein Denkmal, sondern die Skulptur Piramide di Limoni in Cannero Riviera am Lago Maggiore, Region Piemont.

No Stress, Baby!

Stau, schon einen halben Kilometer vor der Grenze. Das wird wohl wieder nichts mit pünktlich stechen. Gestern, heute, jeden Morgen das Gleiche. Dabei fahre ich gern ins Büro. Anderthalb Jahre und dann noch mal zwei Monate Homeoffice haben mir die Einsicht gebracht: So gut es sich am Anfang anfühlte, einen auf Freelancer zu machen, die Zeit selbst einzuteilen, zwischendurch mal schnell Wäsche aufzuhängen und sich dafür am Nachmittag nochmal an den Schreibtisch zu setzen. Am Ende war es nur noch zum Mäuse melken. Ich war genervt, frustriert, hart an der Grenze zur Depression. Da nutzte die schöne Aussicht aus dem Fenster auch nicht mehr viel. Jetzt, in physischer Gesellschaft der Kollegen, läuft es wieder rund. Wir sind ein Team, ich kann mitreden und diskutieren, gemeinsam Ideen schmieden, statt nur kryptisch formulierte Aufträge abzuarbeiten in der Hoffnung, dass sich bis zur Abgabe des Textes nicht schon wieder das Layout oder gar das Thema geändert hat. Ich arbeite wieder, wie es sich gehört, ich gebe und bekomme Feedback. Live und in Farbe. Da nehme ich auch gern die Autofahrt in Kauf. Theoretisch sind es nur zwanzig, fünfundzwanzig Minuten für eine Strecke. Die richtige Zeit, um auf dem Hinweg vom Familienkram abzuschalten und auf dem Rückweg die letzten Gedanken zum neuen Projekt zu Ende zu denken.

Wenn da nicht dieser leidige Stau unmittelbar vor und nach der Grenze wäre. Ich verstehe die Schweizer, dass sie schon diverse Maßnahmen auf den Weg gebracht haben, um die Grenzgängerpendelei und das damit verbundene Verkehrsaufkommen zu reduzieren. Gern würde ich mein Car sharen, wenn mein Wohnungsnachbar nicht nur denselben Weg, sondern auch dieselben Arbeitszeiten hätte. Es ist leider immer alles einfacher gesagt als getan. Ich stecke fest und werde hibbelig. Zum Glück bin ich in guter Gesellschaft. Mein Radio hält mich mit aktuellen Songs wach und bei Laune. Marco Mengoni singt gerade immerzu „No stress“. Die Textzeilen „Hey, baby, no stress, no, no, no …“ werden mich wie eine Hymne begleiten, solange es jeden Morgen im Schritttempo vorwärtsgeht. Auch mein Auto gibt auf mich Acht. Ich schrieb hier bereits einmal von den vielen netten Signalen, die es mir sendet. Noch nie bekam ich die Empfehlung, eine Kaffeepause einzulegen. Klar, ich fahre nur Kurzstrecken, solche Meldungen sind vermutlich für lange Fahrten programmiert. Dachte ich. Gestern früh auf dem Weg zur Arbeit lese ich plötzlich: Consigliato fare sosta. Und darunter das Symbol einer Tasse mit dampfendem Heißgetränk.

Wie konnte mein Auto wissen, dass ich am Morgen keinen Kaffee hatte, weil unsere Maschine mal wieder streikt? (Sie muss wohl ihrem italienischen Markenstolz gerecht werden!) Ja, ich war müde und genervt. Aber es war bei weitem nicht so, dass ich eingenickt wäre. Allerdings … wartet mal … stimmt! Eine meiner Gesten war ungewöhnlich. Einen Moment lang hatte ich den Ellbogen auf das Lenkrad aufgestützt. Nur so, beim Stehen im Stau, aus langer Weile. Ich schätze, das war die kritische Aktion, bei der mein smartes Vehikel mich durchschaute. Ich hätte den netten Vorschlag gerne befolgt, zog es aber doch vor, so schnell wie bei Stau eben möglich ins Büro zu kommen und mir dort den Caffè am Automaten zu holen. Meine Kollegen staunten nicht schlecht, als ich ihnen von der Feinfühligkeit meines Autos erzählte. Das war ihnen auf dem Weg zur Arbeit noch nicht passiert. Wir lachten und scherzten. So bekam dieser Tag, der mit Stress begann, wieder den richtigen Drive.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Termin bei Rosi

Neulich habe ich euch unser kleines Kaff beschrieben, in dem ich mich wie am A der Welt oder wie in der herrlichsten Urlaubsgegend fühle. Es gibt außer Grundschule und Kindergarten, Oratorio und, ich vergaß, einer Autowerkstatt, keine Einrichtungen öffentlichen Interesses, in oder vor denen man sich die Zeit vertreiben könnte. Zum Glück gibt es Rosi. Sie bedient mein Sehnen nach ein bisschen Stadtgefühl, nach einem Hauch dekadentem, neuzeitlichem Luxus. Rosi führt den kleinen Friseursalon bei uns gegenüber. Habe ich einen Termin, ziehe ich fünf Minuten vorher die Wohnungstür hinter mir ins Schloss. Das ist so bequem, dass ich mir in letzter Zeit angewöhnt habe, einmal die Woche zur Piega zu gehen. Aber was heißt hier neuzeitlicher Luxus. Mich erinnert es an die DDR, als ich meine Mutter immer freitags zum Friseur begleitete. Man nannte es Waschen und Legen. Es roch penetrant nach Dauerwelle im Salon, dafür nebenan beim Bäcker nach frischem Brot und Spritzkuchen. Damals ging, zumindest in meinem persönlichen Umfeld, die gesamte weibliche Bevölkerung einmal die Woche zum Friseur und einmal im Monat zur Kosmetik. Beides kostete aus heutiger Sicht lächerlich wenig. Sich mit einer frischen Föhnfrisur und einer pflegenden Gesichtsbehandlung etwas Gutes zu tun, gehörte zum Selbstverständnis der werktätigen Frauen. Im volkseigenen Betrieb meiner Schwester gab es sogar eine hauseigene Kosmetikerin, die Frau bequem während der Arbeitszeit besuchen konnte. Da ich auch werktätig bin und es mit fortschreitendem Alter etwas mehr braucht, um mich gutgelaunt aus dem Haus zu trauen, schätze ich ein professionelles Föhnstyling sehr. Mein eigenes Können mit Haartrockner und Rundbürste hält sich leider in Grenzen. Es gab mal eine Phase, ich war Anfang zwanzig, da drehte ich mir jeden Abend Schlafwickler ins Haar. Offensichtlich stellte mich das Ergebnis damals zufrieden. Ich trug einen hohen Zopf, und der war dann eben lockig. Heutzutage bin ich froh, wenn ich angesichts von Nackenschmerz und sonstigen Wehwehchen überhaupt schlafen kann, da würden mir solche Dinger auf dem Kopf nur den Rest geben. Auch das Resultat der Prozedur lässt für den heutigen Geschmack zu wünschen übrig, einmal habe ich die Wickler tagsüber probiert. Nein, da lasse ich lieber den Profi ran, und zwar nicht nur, wenn es gar nicht mehr geht mit Schnitt oder Farbe, sondern einmal pro Woche. Es ist auch jetzt und hier im Vergleich günstig. Rosi zahlt weniger Miete als ein Salon in der Stadt. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen und will ihr mehr geben, aber das gleiche ich mit meinen regelmäßigen Terminen hoffentlich aus. Zumal Rosi unsere Haus- und Hoffriseurin ist, die ganze Familie geht zu ihr. Unsere Töchter saßen beide schon im zarten Alter von einem Jahr kerzengerade und ohne mit der Wimper zu zucken, in einen großen Umhang gehüllt, bei ihr auf dem Stuhl. Sie schwärmt heute noch von den braven kleinen Kundinnen. Sicher gibt es Fälle, da will nur die Mutter, dass dem Kind die Haare geschnitten werden, und die Prozedur gerät zu einer emotionalen Achterbahnfahrt.

Das perfekte Timing mit Rosis Dienstleistung hatte ich heute vor elf Jahren. Hochschwanger, saß ich gegen 16.00 Uhr bei ihr, um für den Restaurantbesuch am Abend ‒ wenn schon unförmig ‒ wenigstens gut frisiert zu sein. Ich hatte ein Date mit meinem Mann, es war unser Hochzeitstag. Der letzte Teller war noch nicht abgeräumt, da wurde ich urplötzlich an die mir zugedachte Aufgabe erinnert. Von Glückwünschen und Applaus begleitet verließen wir das Lokal und fuhren direkt ins Krankenhaus, wo kurze Zeit später ‒ der nächste Tag war noch nicht zwei Stunden alt ‒ unsere zweite Tochter geboren wurde. Und da fiel die Sache mit dem perfekten Timing auf: Ich war die bestfrisierte junge Mutter auf der Station, alle machten mir Komplimente. Jedes Jahr, wenn ich zu diesem Jubiläum bei Rosi bin, erinnern wir uns lachend an damals und bedauern, wie die Zeit verfliegt. War es nicht gestern? Rosi betreibt ihren kleinen Salon seit zwanzig Jahren. Seit siebzehn Jahren, solange ich hier wohne, bin ich ihr nur einmal untreu geworden. Wenn man das in diesem Fall überhaupt so sagen kann. Als Rosi im Frühjahr 2020 von einem Tag zum anderen für den ersten Lockdown mehrere Monate schließen musste, habe auch ich nach ein paar Wochen wohl oder übel selbst Hand angelegt und den Pony nachgeschnitten. Der Rest war egal, im Homeoffice ohne Zoom-Meetings. Zurück im Büro und sie im Salon, holte ich alles nach und bleibe dabei. Zu meinem Mann sage ich augenzwinkernd: Faccio la Signora. (Ich mache einen auf Dame.) Gerade komme ich wieder von meinem wöchentlichen Termin, frisch gelegt oder vielmehr geföhnt. Ich hab die Haare schön und bin höchstens enttäuscht, dass mich auf den paar Schritten nach Hause niemand sieht. Ich sag ja, wir wohnen in einem kleinen Kaff. Da gibt es nicht viel. Zum Glück gibt es Rosi.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Der Duft nach Sommer

Wenn der weiße Flieder … nein, Jasmin, wieder blüht, dann denke ich an mein allererstes Italienerlebnis zurück. Es war Mitte der 90er-Jahre, als ich im Juni zwei Wochen Urlaub auf der Insel Elba verbrachte. Der süßliche, fast vanilleartige Duft prägte sich damals tief in meine olfaktorische Erinnerung ein. Wir wohnten in einer Bungalowsiedlung am Meer, Villagio heißt das hier, und der Weg, der am Swimmingpool vorbeiführte, war von duftendem Gelsomino gesäumt. Ein Duft nach Sommer. Nach einem Sommer im Süden, so wie ich ihn bis dahin nicht kannte. Ganz anders als der modrig waldige Seegeruch, der meine Kindheitssommer am brandenburgischen Straussee geprägt hatte. Jasmin entfaltet seinen betörenden Duft vor allem in den frühen Abendstunden, aber vielleicht war es dort am Meer anders und er duftete auch schon am Morgen. Dann nämlich, wenn ich mit klopfendem Herzen zum kleinen Negozietto (Tante-Emma-Laden) lief, um frische Panini zu holen. Bestimmt hatten sie dort auch Brioche und andere süße Teilchen, aber wir Deutschen kannten diese Art des Frühstückens nicht und bestanden darauf, unser gewohntes Brot mit Aufschnitt und Marmelade zu essen. Die großen Kaffeetassen (die vermutlich für Tee oder Cappuccino gedacht waren), bekamen wir gefüllt, indem wir mehrere Durchläufe Caffè mit der Moka kochten. Ich hatte mir für diesen Urlaub ein kleines Taschenwörterbuch gekauft und vorgenommen, die Grundbegriffe Italienisch zu lernen. Als ich am ersten Morgen das Lädchen betrat, grüßte ich stolz in der Landessprache. Mein „Buona sera!“ sorgte für Erheiterung. Das missglückte Entree verunsicherte mich, aber meine Urlaubsgefährten bestanden weiter darauf, dass ich den Einkauf erledigen sollte. Sie trauten mir, der Jüngsten im Team, wohl eine geschicktere Kommunikation mit den Einheimischen zu. Es waren allerdings hauptsächlich Handzeichen, Kopfnicken oder Kopfschütteln, mit denen ich mich verständlich machte. Mit der italienischen Sprache war es in jenem Sommer noch nicht so weit her bei mir. Es gab kaum Gelegenheit, sie einzusetzen. Ich war mit Schwester und Schwager unterwegs, ein rätselaufgebendes teutonisches Trio, an das sich kein Italiano herantraute. In dieser Konstellation war ich abgeschirmt von Annäherungsversuchen in „Ciao Bella!“-Manier, jedenfalls kann ich mich an solche nicht erinnern. Vielleicht war das auch besser so, denn so hatte ich zwei Jahre später den Mut, allein einen Kurztrip ins schöne Bologna zu wagen. Was mir dort passierte, habe ich für den Blog in eine kleine Fortsetzungsgeschichte gepackt. (Für Nachzügler oder Wiederholungsleser: Teil 1: Also, wenn Sie mich fragen, Teil 2:  Alles kann passieren!, Teil 3: Neuer Tag, neues Glück, Teil 4:  Wie das Leben spielt)

Aber ich wollte vom Jasmin erzählen. Jedes Jahr im Juni, immer, wenn mir dieser Duft im Vorbeigehen begegnet, muss ich innerlich schmunzeln und vergesse für einen Augenblick den schnöden Alltag mit seinen Problemchen und Sorgen. Ich bin wieder im Urlaub auf Elba, jugendlich unbeschwert und glücklich, den Sommer im Süden zu erleben. Seit ein paar Jahren haben wir einen kleinen Jasmin auf dem Balkon. Dafür, dass er in seinem Kübel nur wenig Platz hat, erfreut er uns jedes Jahr mit herrlichen Blüten. In Nachbars Garten gedeihen ganze Hecken. Neulich am See fotografierte ich vor unserem Lieblingsrestaurant traumhafte Bögen. Ihr seht: Für süße Momente und das Schwelgen in Erinnerungen ist optisch und vor allem olfaktorisch bestens gesorgt.

Urlaubsgefühle

Ich lebe in einem kleinen Kaff. Genauer gesagt, in einer kleinen Siedlung am Rand eines kleinen Ortes, von ihm getrennt durch einen waldigen Naturpark „Parco Locale di Interesse Sovracomunale“ (Lokalpark von überkommunalem Interesse). Eine Pista Ciclabile (Radweg) führt mitten durch das waldige Tal. Der Blick von unserem Balkon lässt uns eintauchen in ein grünes Meer, das von Hügel zu Hügel in verschiedenen Farbschattierungen wogt. Im Winter, wenn das Grün erst Gelb und Braun geworden und schließlich von den Laubbäumen gefallen ist, eröffnet sich eine Sicht auf die Alpen mit dem majestätischen Monte Rosa. Morgens wecken uns die Hühner, die ein Nachbar im Garten hält. Alltagstauglich für Familien ist unser Quartier dank Kindergarten und Grundschule. Das habe ich immer besonders geschätzt. Raus aus der Tür, ein paar Schritte an der frischen Luft, nochmal winken und zack, ist das Kind an seinem Bestimmungsort. Unserer Jüngsten wurde vielleicht erst jetzt vor dem Wechsel an die Mittelschule klar, wie gut wir es in all den Jahren hatten. Neulich sahen wir gemeinsam eine ZDF Doku, in der Grundschüler einer deutschen Großstadt erzählen, dass sie für den Schulweg eine Stunde mit Bahn und Bus brauchen. „Hast du das gehört?“, fragte ich, um Zustimmung heischend. „Weißt du überhaupt, wann diese armen Kinder aufstehen müssen, um pünktlich in der Schule zu sein?“ Ich erntete nur ein müdes Schulterzucken. Unserer Großen hingegen fehlt die Compania, gemeinsam mit Freundinnen durch die Stadt zu schwänzeln, sie ist jetzt in dem Alter. Im Wald spazieren gehen ist nett, aber für junge Mädchen wenig attraktiv und für ihre Mütter mit Bauchschmerzen verbunden. Doch auch mir fehlt manchmal die Stadt, in der ich schon wegen des chaotischen Verkehrs nie wohnen wollte. Ich träume davon, nachmittags oder abends spontan eine Runde schlendern zu gehen, auf einen Schaufensterbummel, einen Caffè oder Aperitivo. Ich könnte mich wie im Urlaub fühlen und hätte einen Grund, ordentliche Sachen anzuziehen. Es würde mich nicht stören, dass es immer die gleichen Geschäfte wären. Die wechseln schließlich hin und wieder ihre Auslagen. Aber hier? Für den Fahrradweg und zwei Straßen ums Haus lohnt es sich nicht, die Freizeithose gegen etwas Anständiges zu tauschen. Notfalls kann man so tun, als würde man joggen gehen. Wenn es in unserem Viertel wenigstens einen Bäcker geben würde, oder eine Cafeteria. Ich würde jeden Morgen frische Brötchen holen. Nun ja, vielleicht auch nur am Wochenende. Von einer Gelateria habe ich immer geträumt und Pläne geschmiedet, an welcher Ecke ich selbst eine eröffnen könnte. Am Spielplatz vor der Schule. Oder gleich neben unserem Wohnblock, auf der freien Fläche, die keinem gehört und wo deshalb nur selten der Rasen gemäht wird, zur Freude der Insekten. Mein Mann holt mich jedes Mal wieder in die Realität zurück, indem er mich daran erinnert, dass man bei uns im Grünen mit dem Umsatz nie auf einen grünen Zweig käme. Und doch reizt es mich, fantasievolle Genusstempel zu planen. Immer, wenn ich die Runde um den Kindergarten drehe, komme ich am Oratorio (Kinderfreizeiteinrichtung der katholischen Kirche) vorbei. Dort tummeln sich selten jauchzende Kinder, vielleicht war das früher mal anders. Derzeit verfällt das Gebäude und wird nur in den Sommerferien und selten für private Kindergeburtstage genutzt. Eine brachliegende Oase. Das Gebäude hat eine gepflasterte Terrasse, von altehrwürdigen Nadelbäumen gesäumt und deshalb im Sommer angenehm schattig. Ein Traumambiente für einen Biergarten! Ich habe es noch nicht gewagt, das dem Prete (Pfarrer) vorzuschlagen. Er könnte meinen unkonventionellen Vorstoß womöglich übelnehmen, zumal er mich außer zum Anlass einer Beerdigung noch nie in seiner kleinen Kirche gesehen hat.

Es ist nicht viel los hier in unserem Ortsteil. Nicht mehr. Bis vor ein paar Jahren gab es im Juni immer drei Wochen lang ein kleines Sommerfest, mit Musik und Tanz, Gekochtem und Gegrilltem, Ausgeschenktem und guter Laune. Urlaubsstimmung eben. Auch wir gingen manchmal hin, über die Straße und einmal um die Ecke bis zum Spielplatz, neben dem das Festzelt aufgebaut war. Man saß dicht an dicht auf Holzbänken und kam mit den Nachbarn ins Gespräch. Erst neulich kramte ich die Fotos raus, auf denen unsere Große, gerade den Windeln entwachsen, gemeinsam mit einer feschen Seniorin eine flotte Sohle aufs Parkett legt. Einmal trat sogar ein national bekannter Künstler bei unserem Volksfest auf. Der Abend mit Gianni Drudi wird uns als Event in Erinnerung bleiben und immer wieder zum Grinsen bringen. Den kennt ihr nicht? Besser so, es wäre mir peinlich, gewisse Titel zu zitieren oder gar zu übersetzen, aber es gab da im Italien der frühen Neunziger Jahre wohl gewissen Anklang für anzügliche Stimmungslieder. Malle am Strand von Rimini oder so ähnlich. Mein Mann und ich hatten trotzdem unseren Spaß bei diesem Kulturerlebnis und sangen später noch vom Balkon aus mit, bis die Nachbarin tadelnd zum Fenster herausschaute und um Ruhe bat. Damals hatten wir noch keine Kinder und sie das gute Argument, dass ihre schlafen müssten. (Als Mutter wurde mir später klar, dass vermutlich sie selbst es gewesen war, die ihre Ruhe haben wollte. Die Kleinen schlafen beim größten Lärm – Beispiel Silvesternacht – oft am allerbesten.) Leider gab es irgendwann organisierten Protest der direkten Anwohner und das jährliche Sommerfest wurde abgeblasen. Heute ist tote Hose hier, und auf den immer gleichen Spazierrunden ums Haus bekommt man selten etwas Neues zu Gesicht. Ein kleines Kaff eben. Kein Laden, keine Bar, kein Garnix. Obwohl, das stimmt so nicht ganz. Zum Glück gibt es Rosi. Von ihrem Geschäft und dem kleinen Luxus, den ich mir dort regelmäßig gönne, erzähle ich euch ein anderes Mal mehr.

Während ich das schreibe, sitze ich auf dem Balkon, schaue auf unser grünes Meer, höre unten auf dem Nachbargrundstück die Jungs Fußball spielen und in der Ferne einen Hahn krähen. Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen weht, und es duftet nach den Robinien, die rund ums Haus in voller Blüte stehen. Deshalb trägt das grüne Meer gerade cremefarbene Schaumkronen, die sanft im Wind schaukeln. Wie in einem Ferienhaus, würde mein Mann sagen, wenn er jetzt neben mir säße. Ich nippe am frischgebrühten Caffè aus der Moka. Unsere Große steckt den Kopf durch die Balkontür und informiert mich, dass sie morgen nach der Schule mit ein paar Freundinnen noch ein wenig in der Stadt bleibt. Die Kleine geht runter, um mit den Jungs zu kicken. Ich mag unser kleines Kaff und von Frühjahr bis Herbst auf dem Balkon das Gefühl von Urlaub im Alltag. Wir leben gern hier. Wer sagt eigentlich, Urlaub sei das, was man nicht jeden Tag hat?

Änderung im Abendprogramm: Pfingsten 1982

Eigentlich sollte ich um diese Zeit bereits im Bett liegen, aber ich stehe im Schlafanzug in der Wohnzimmertür und ziehe meinen Abgang in die Länge. Schließlich muss ich am nächsten Morgen nicht in die Schule. Nur noch einen Moment, die „Aktuelle Kamera“ ist gleich zu Ende. Ich möchte noch allzu gern sehen, was es danach Spannendes für die Erwachsenen gibt. Bei der letzten Ansage des Nachrichtensprechers geht es nicht um die Planerfüllung der LPG-Bauern in der Landwirtschaft oder eine neue Friedens-Initiative der Werktätigen im Halbleiterwerk. Die Mitteilung lautet, dass eine bekannte Schauspielerin gestorben sei. Eine, von der ich noch nie gehört hatte. Sie sei in Paris gestorben, und sie war erst 43 Jahre alt. Wunderschön war sie. Man hatte kurzfristig das Abendprogramm geändert und würde im Anschluss an die Nachrichten einen ihrer Filme zeigen. „Ach Mami, darf ich noch ein wenig aufbleiben?“, versuche ich es mit zuckersüßer Stimme. Als die ersten Sequenzen über den Bildschirm laufen, schüttelt meine Mutter energisch mit dem Kopf. Da sonnt sich eine Frau nackt im Gras, bis ein Papierdrachen abstürzt und genau auf ihrem Hinterteil landet. Das ist kein Film für dich, mein Kind. Geh bitte ins Bett.  

Es war Pfingsten 1982 und ich mit den Eltern zu Besuch bei meiner Schwester, die damals in Cottbus wohnte. Ich war zehn Jahre alt, erinnere mich bis heute an diese Nachricht im DDR-Fernsehen und die ersten Szenen des Psychothrillers von Claude Chabrol „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“. Am 29. Mai 1982, vor vierzig Jahren, starb Romy Schneider in Paris. Vielleicht an zu vielen Tabletten und Alkohol, oder einfach an gebrochenem Herzen, knapp ein Jahr nach dem tragischen Tod ihres damals 14-jährigen Sohnes David. Als einige Jahre später das DDR-Fernsehen der Schauspielerin eine Mittwochsreihe widmete, durfte ich ihre Filme sehen. Ich weiß nicht mehr genau, welche Beiträge in der Reihe gezeigt wurden. „Die Dinge des Lebens“ sicherlich, und „Das Mädchen und der Kommissar“ ‒ ihre besten Filme mit dem Regisseur Claude Sautet. Vielleicht auch „Das alte Gewehr“ (hiervon gab es die in der DDR synchronisierte Originalfassung, während für die BRD unter dem Titel „Abschied in der Nacht“ unliebsame, zu brutale Stellen geschnitten und sogar extra anders gedreht wurden – interessanter Hintergrund dazu auf Wikipedia.) Ich bilde mir ein, dass auch der frühe bittersüße Film „Monpti“ mit Horst Buchholz dabei war. Eventuell auch „Der Swimmingpool“ mit Alain Delon, Romys spektakuläres Comeback nach der Geburt ihres Sohnes und dem Versuch, ein bürgerliches Hausfrauenleben an der Seite des deutschen Regisseurs Harry Meyen im Berliner Grunewald zu führen. In der Mittwochs-Filmreihe lief keiner der drei Sissi-Filme. Die sah meine Mutter erst in der Wendezeit nachmittags beim ZDF. Auch daran erinnere ich mich genau: Ich kam aus der Schule, und da liefen diese Schmonzetten. Wären sie nicht mit Romy gewesen, hätte ich meine arme Mutter, die nur krankheitsbedingt Zeit zum nachmittäglichen Fernsehen hatte, womöglich angepflaumt, dass sie sich so schnell von der platten westdeutschen Unterhaltung einlullen lasse. Irgendwann sah ich die Sissi-Trilogie auch, natürlich. Und ratet mal, mit welcher Rolle mein Mann in Italien meine Lieblingsschauspielerin verband, als ich sie ihm gegenüber erstmals erwähnte.

Ah sì, anche mia madre guardava sempre Sissi.“ Ach ja, meine Mutter hat auch immer Sissi geschaut.

Mit der Mittwochsreihe ohne Sissi-Filme entflammte Ende der 80er-Jahre in der DDR mein Romyfieber. Mein Vater besorgte mir ‒ über gute Beziehungen zu den Angestellten in der Buchhandlung ‒ das große, reichbebilderte Buch „Romy Schneider Bilder ihres Lebens“*, das in der DDR anlässlich ihres fünften Todestages 1987 erschienen war. Im Laufe der Jahre sah ich nicht nur fast alle ihre Filme, bis auf zwei oder drei, die ich nirgends auftreiben konnte. Ich las dutzende Bücher, besuchte Ausstellungen, das Haus ihrer Kindheit im Mariengrund in Schönau bei Berchtesgaden, vertiefte mich in das Leben dieser einmalig begnadeten Schauspielerin, die im Privaten vom Pech verfolgt war und an ihrem übergroßen Glücksanspruch und der Suche nach immerwährender Intensität scheiterte. Als ich auf einer Parisreise in den 90er-Jahren den Ausflug nach Versailles verpasste, überzeugte ich meinen bedauernswerten Begleiter, stattdessen die Straße und das Haus aufzusuchen, in der Romy zuletzt gewohnt hatte und am Morgen des 29. Mai 1982 im Wohnzimmer von ihrem Lebensgefährten Laurent Pétin tot aufgefunden worden war. Die Adresse hatte ich vor der Reise vorsorglich aus meinem Romy-Buch* herausgeschrieben. Was mir noch fehlt, ist die Villa am Luganer See, wo Romy und Delon ‒ auf Anordnung von Romys Stiefvater Hans-Herbert-Blatzheim ‒ am 22. März 1959 eine Verlobung feierten, um ihre Beziehung dem deutschen Anstand gemäß zu legalisieren. Ob die Villa Maro in Morcote bei Lugano, deren Adresse ich nie ausfindig machen konnte (wer da etwas weiß, der melde sich bitte bei mir), noch existiert? Überhaupt: Lugano in der Schweiz. Als ich als Teenager in der DDR die schwarz-weißen Aufnahmen des Traumpaares anhimmelte, hätte ich wer weiß was gegeben, um einmal dort in dieser Gegend sein zu können. Lugano war so unerreichbar für mich wie der Mond. Jetzt lebe ich in Norditalien und arbeite im Tessin ganz in der Nähe, aber wir fahren trotzdem nur alle Jubeljahre mal hin. So ist das.

Romy Schneider Denkmal in Schönau am Königsee. Bis zu ihrem 19. Geburtstag lebte Romy Schneider mit ihrer Mutter Magda im Haus „Mariengrund“ in der Schönau.

In den letzten Jahren, nach unserem Urlaub in Schönau, habe ich es mit Romy und ihrem Andenken etwas schleifen lassen. Heute Abend schicken wir unsere Kinder ins Bett, und ich werde mir mit meinem Mann „Gli innocenti dalle mani sporche“ (Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen), eine französisch-italienisch-deutsche Koproduktion (FSK 16) ansehen.

Filmen – das ist für mich das wahre Leben … Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand.

Romy Schneider

* Zitiert aus: „Romy Schneider Bilder ihres Lebens“, entworfen von Renate Seydel und gestaltet von Bernd Meier, Henschelverlag Berlin 1987.

Romy Schneider im TV: Der ORF III widmet der 1938 als Tochter des österreichisch-deutschen Schauspielerehepaares Wolf Albach-Retty und Magda Schneider in Wien geborenen Künstlerin den heutigen Samstagabend mit zwei Dokumentationen. Und bei arte gibt es am Mittwoch „Die Spaziergängerin von Sans-Souci “, Romys letzten Film an der Seite von Michel Piccoli, der 1982 ein halbes Jahr nach ihrem Tod in die Kinos kam. Noch mehr aktuelles Programm mit und über Romy findet ihr hier und hier.

Bitte Platz nehmen!

Mit Staunen und Anerkennung verfolge ich auf Ilkas Blog die Serie „Stühle“. Ilka begegnet auf Spaziergängen und Reisen an jeder Ecke ausgesetzten Stühlen. Es muss sich um ein brandenburgisches Phänomen handeln, oder gar eins aus der Potsdamer Gegend. So angespannt ich Ausschau halte, hier in Norditalien stolperte ich bislang über kein herrenloses Sitzmöbel in freier Wildbahn. Ich musste im vergangenen Sommer bis nach Montepulciano reisen, um endlich eins zu erwischen. Da stand er, der kleine bastbezogene Stuhl, wohlwollend positioniert am Rande eines gut besuchten Parkplatzes und gleichzeitig am Ende des vermutlich mühseligen Aufstieges zu der auf einer Anhöhe gelegenen Touristenhochburg. Bleibt offen, ob die Einladung, hier Platz zu nehmen, an die verschwitzten Wanderer gerichtet war oder doch an gestresste Autotouristen auf der Suche nach einer Parkmöglichkeit. Bei nahe vierzig Grad in der Sonne im Auto zu sitzen, um auf einen freiwerdenden Platz zu warten, kann schnell lebensgefährlich werden. Besser, man steigt aus, lässt sich ein laues Lüftchen um die Nase wehen und wartet auf dem bereitstehenden Stuhl. Da wir zu viert unterwegs waren und um den einen Platz gestritten hätten, gaben wir nach kurzer Zeit auf und gingen anderswo auf die Suche. Fragt nicht, wie und nach wie langer Zeit, aber wir fanden einen Parkplatz. Nicht direkt am Tor zum historischen Ortskern wie der Kollege aus Deutschland, dessen staubige Karre mir vollkommen unbeabsichtigt vor die Linse kam. Dafür erkannte man bei unserem Wagen noch die Lackfarbe. Das ist in der Toskana im trockenen Hochsommer aber eher nebensächlich. Was zählt, ist die schöne Aussicht. Ob nun vom Stuhl, aus dem Auto, oder, endlich am Ziel angelangt, von der Aussichtsplattform.