Sommer 1988. Noch nicht der allerletzte Sommer der DDR, aber für ostdeutsche Musikfans der aufregendste. Im Rahmen des 5. Berliner Rocksommers der FDJ schmückten während der „Friedenswoche der Berliner Jugend“ im Juni bekannte Namen wie die britische Rockband Marillion, die Westberliner Rainbirds, der US-Amerikaner James Brown und der Kanadier Bryan Adams den Auftrittskalender. Sogar Joe Cocker stand auf der Bühne in Ostberlin. Das absolute Konzert-Highlight dieses heißesten Sommers der DDR ging zweifelsohne am 19. Juli 1988 über die Bühne. Bruce Springsteen, der sich wenige Jahre zuvor mit „Born in the U.S.A.“ in den Olymp der Weltstars katapultiert hatte, rockte den Osten auf der Berliner Radrennbahn Weiβensee.
Und ich war dabei.
Ich war sechzehneinhalb, wohnte in Strausberg bei Berlin und hatte gerade die POS, die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, abgeschlossen. Dass der amerikanische Rockstar „The Boss“ genannt wurde, wusste ich genauso wenig, wie es mir schnuppe war, dass der Titel „Konzert für Nikaragua“ vom Eintrittsticket nicht auf seinem Mist gewachsen war. In der Tat wurden entsprechende Transparente über der Bühne kurz vor dem Auftritt wieder entfernt.
Ich habe dreißig Jahre später, 2018, als der Rocksommer 1988 und insbesondere dieses legendäre Konzert plötzlich in allen Medien war, selbst Dokumentationen geschaut und Erlebnisberichte gelesen. Da kamen die Fans zu Wort, die aus allen Ecken der Republik nach Berlin gekommen waren, Schwarzmarktpreise für die Karten bezahlt oder sich im allgemeinen Trubel ohne Karten an den FDJ-Ordnern vorbei auf das Konzertgelände gedrängt hatten. Fast schäme ich mich im Nachhinein, dass ich so ganz ohne eigenes Bemühen da war. Meine Freundin und ich hatten die Karten über die FDJ von der Schule bekommen. Eine Art Auszeichnung, so erinnert sich meine Mutter. Kostenlos versteht sich, was wäre es sonst für eine Auszeichnung. Ich war also, abgesehen von guten schulischen Leistungen und linientreuem Benehmen (oder was auch immer die Auswahlkriterien waren), wie die Jungfrau zum Kind zum Konzert der Superlative gekommen. 160.000 Karten hatte man offiziell verkauft, zum Preis von 19,95 Mark der DDR plus 5 Pfennig Kulturabgabe. (Anm. d. Red.: Einen Teil verschenkte man offensichtlich. Dieses System musste ja pleite gehen.) Heute liest man, dass 300.000, vielleicht sogar 400.000 Menschen aus der gesamten DDR gekommen waren und es das größte Konzert der Geschichte des Arbeiter- und Bauern-Staates gewesen sei. Der „Boss“ spielte inklusive Zugaben rund vier Stunden lang, es war eines der längsten Springsteen-Konzerte überhaupt.
Wenn ich mir die im Internet kursierenden Fotos anschaue, weiß ich in etwa, wo wir gestanden haben. Rechts von der Bühne, ziemlich weit hinten. So bekamen wir nicht nur wenig zu sehen und mäßig gut zu hören, wir hatten auch keine Chance, vom Star für „Dancing in the Dark“ auf die Bühne gerufen zu werden. Die junge Frau von damals hat es sich nach dem Erlebnis wohl nicht träumen lassen, im Filmmitschnitt dank des Internets auch „für alle Ewigkeit“ medial berühmt zu werden.
Wenn mir das passiert wäre? Was hätte der junge Mann gesagt, mit dem ich damals liiert war? Wir waren nicht so eng, dass wir alles gemeinsam machten. Bei Bruce Springsteen waren wir beide. Unabhängig voneinander. Als meine Freundin und ich ihn am Einlass trafen, waren wir genauso überrascht, wie darüber, dass er wenige Minuten später auch schon wieder verschwunden war. Wir sahen ihn während des ganzen Konzerts nicht mehr. Später verstand ich, dass er nicht mit einer anderen, sondern im Dienst da gewesen war. Er absolvierte die Wehrpflicht beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ in Berlin Adlershof, zu dessen Aufgaben die „Sicherung von Großveranstaltungen (auch in Zivil)“ (Quelle: Wikipedia) gehörte.
Im nächsten Jahr tourt der „Boss“ wieder durch Europa. Er wird auch im italienischen Monza spielen, das liegt von uns daheim nicht viel weiter als damals Berlin Weiβensee von Strausberg. Meine älteste Tochter wird dann exakt genauso jung sein, wie ich im Sommer 1988. Wie gerne würde ich mit ihr zu diesem Konzert am 25. Juli 2023 gehen. Als kostenlose Auszeichnung wird mir diesmal keiner zwei Eintrittskarten zustecken. Zwischen 85 und 130 Euro kosten die Stehplätze, ich würde auch mehr dafür bezahlen. Aber was soll ich euch sagen: Die Tickets sind schon alle weg.
Damals brauchte man Beziehungen oder „Schwein“, wenn man nicht im Auftrag dort war. Heute genug Geld und das richtige Timing. Damals geschahen einem Dinge, die man im Nachhinein kaum für möglich hält. Um es mit einem Schlager von Bärbel Wachholz zu sagen: „Doch wir waren viel zu jung, viel zu jung. Um unser Glück zu verstehn.“ Bärbel Wachholz – Damals
Quellen:
N-TV: Als Springsteen die Mauer wackeln ließ
DDR-Museum: Der „Boss“ spielt in Ost-Berlin – Bruce Springsteen 1988
MDR: Springsteen Special: 19. Juli 1988 Berlin, DDR
Titelbild: Credits Blueee77 bei Shutterstock



















