… war es nicht. Jedenfalls nicht für die Italiener, die von einem zweiten Triumph in Folge geträumt hatten und deren Traum in den Tagen vor dem Contest bei diversen Wetten und auf Expertenkanälen weich gebettet lag. Aber es ist beim ESC eben doch auch ein bisschen wie beim Fußball. Der Ball ist rund und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wer in einem Jahr noch ganz oben schwamm, den kann es im nächsten auf die hinteren Plätze verschlagen. Oder andersrum, wie Großbritannien es bewiesen hat. Nur die Deutschen … ach lassen wir das lieber, ich möchte nicht den Finger in die Wunde legen. (Eine meiner Meinung nach reelle Einschätzung und Erklärung des Phänomens gibt es hier bei ESC kompakt zu lesen.) Am Ende entscheidet selbst bei einem fantastischen Song wie dem der Italiener auch die Tagesform der Interpreten. Deren gesangliche Leistung hat beim entscheidenden Auftritt eben nicht für die gewünschten positiven „Brividi“ Gänsehauteffekte gesorgt, sondern eher für Stirnrunzeln und betretenes Schweigen. So geschehen in unserem kleinen Private Viewing in der Ferienwohnung in Südtirol. Es fühlte sich ähnlich wie beim Geräteturnen an, wenn deine Favoritin im Finale auf dem zehn Zentimeter schmalen Zitterbalken bei der Landung eines geschraubten Doppelsaltos plötzlich wackelt. Du hattest sie hundertmal in Top-Form erlebt, dann geht es um Gold und zack, die Nerven. An ihrer Stelle taucht plötzlich wie aus dem Nichts eine bis dahin unbekannte Turnerin auf und meistert die Sache bravourös, auch weil auf ihren Schultern die Hoffnungen, nicht aber die überzogenen Erwartungen einer ganzen Turnernation lasten.
Mahmood und Blanco schafften es am Ende auf Platz sechs. Unter aller Sau, angesichts der in sie projizierten Erwartungen. Jammern auf hohem Niveau, werden die Deutschen sagen, die sich wohl fragen, warum ihr Land an der Veranstaltung überhaupt teilnimmt. Ich las irgendwo, dass die Jury sich bereits bei der letzten Probe ein Urteil zu den Songs bildet, womöglich hängt das Abschneiden unter den Erwartungen nicht ausschließlich mit den im Finale nicht perfekt getroffenen hohen Tönen zusammen. Vielleicht dachte man sich: Nicht schon wieder Italien! Oder die anderen Songs gefielen einfach besser. Die Leistung des Briten war genial, einen J.Lo-Abklatsch wie von den Spaniern hätte ich nicht so weit vorne gebraucht. Vom Sieger muss ich hier nicht sprechen, das war nicht nur klar, sondern auch verdient und eine Sache, die sich im Moment einfach nur richtig anfühlt. Beim mitreißenden Song der Ukrainer, der auch in meinem Radio jetzt regelmäßig läuft, drehe ich laut auf und pfeife mit. Trotzdem hoffe ich, dass sie auch „Brividi“ wieder ins Programm nehmen. Immerhin gab es für den Titel den Eurostory Best Lyrics Award für den besten Songtext, diese Ehrung ging damit bereits das dritte Mal in Folge an Italien. Und das mit gutem Grund. „Brividi“, (Gänsehaut) beschreibt ein Phänomen, das einfach allen unter die Haut geht, zumal wenn davon gesangstechnisch so brillant erzählt wird wie von Mahmood und Blanco. Was mich aber von Anfang an, seit ihrem Erfolg beim diesjährigen Sanremo Festival, überzeugte: Wann gab es eigentlich in der aktuellen Musiklandschaft zwei Männer, die im Duett von der Liebe singen? Das ist ziemlich neu und obendrein erstaunlich, denn es wäre doch längst an der Zeit gewesen. Und zwar ohne dabei gleichgeschlechtliche Beziehungen, Diversität oder ähnliche Anliegen explizit zu thematisieren. Ich las in einem Artikel bei ESC kompakt, dass die beiden, als sie den Song schrieben, sich der Besonderheit der Konstellation auf der Bühne gar nicht bewusst waren. Und das nehme ich ihnen ab, denn genau so kommt ihr Song auch rüber. Es geht schlicht und ergreifend um Liebe, um die Probleme einer unglücklichen Beziehung, die nicht so recht zu gelingen scheint. Jeder und jede von uns kennt das. Diese Zerrissenheit, die U2 schon in ihrem unsterblichen „With or withou you“ besangen: nicht mit und nicht ohne den anderen leben zu können. Da steht man manchmal wie nackt voreinander und hat Gänsehaut oder, in schwereren Fällen, Schüttelfrost, wie brividi auch übersetzt werden kann.
Nachdem es für Mahmood beim ESC 2019 nicht ganz gereicht und er mit „Soldi“ einen überraschenden und gerade deshalb fantastischen zweiten Platz nach Hause gebracht hatte, wollte er es jetzt noch einmal wissen. Es heißt, es war ein gekonnter Schachzug, den blutjungen Überflieger Blanco mit ins Boot zu nehmen, und für die italienischen Charts und Streamings mag das stimmen. Beim internationalen Publikum, zumal dem älteren, war ich mir nicht so sicher. Ich gebe gesenkten Hauptes zu, dass mir sein Name erstmal gar nichts sagte, als Blanco im März in Sanremo die Bühne betrat (das Alter). Nach entsprechenden Recherchen erkannte ich, dass mir einige seiner Erfolgstitel sehr wohl bekannt waren, so hatte „Mi fai impazzire“ auch unseren italienischen Sommerurlaub 2021 begleitet. Dass es aber in Turin nach dem Erfolg von Måneskin 2021 in Rotterdam zu einem Wiederholungssieg für Italien kommen würde, das konnten wir hoffen, aber kaum erwarten. Es gab in der jüngeren Geschichte des ESC keinen solchen Triumph für das Gastgeberland. Zuletzt schaffte es in Irland der eigene Titel auf das Siegertreppchen, das war 1994.
Nun gut, es hat nicht sollen sein. Aber wenn ihr mich fragt, könnte „Brividi“ neben Titeln wie „With or withou you“ in den Olymp der schönsten tragischen Liebeslieder aller Zeiten einziehen.
Hier noch einmal für euch, perfekt intoniert und interpretiert: Mahmood & Blanco mit BRIVIDI
Titelbild: Ich erinnere mich nicht, wann ich zum letzten Mal eine Fernsehzeitschrift gekauft habe. In Italien, so meine ich, noch nie. Diese hier, „Sorrisi“, lächelte mich in der vergangenen Woche am Zeitungskiosk an. 😎






