Ein Gänsehautfinale

… war es nicht. Jedenfalls nicht für die Italiener, die von einem zweiten Triumph in Folge geträumt hatten und deren Traum in den Tagen vor dem Contest bei diversen Wetten und auf Expertenkanälen weich gebettet lag. Aber es ist beim ESC eben doch auch ein bisschen wie beim Fußball. Der Ball ist rund und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wer in einem Jahr noch ganz oben schwamm, den kann es im nächsten auf die hinteren Plätze verschlagen. Oder andersrum, wie Großbritannien es bewiesen hat. Nur die Deutschen … ach lassen wir das lieber, ich möchte nicht den Finger in die Wunde legen. (Eine meiner Meinung nach reelle Einschätzung und Erklärung des Phänomens gibt es hier bei ESC kompakt zu lesen.) Am Ende entscheidet selbst bei einem fantastischen Song wie dem der Italiener auch die Tagesform der Interpreten. Deren gesangliche Leistung hat beim entscheidenden Auftritt eben nicht für die gewünschten positiven „Brividi“ Gänsehauteffekte gesorgt, sondern eher für Stirnrunzeln und betretenes Schweigen. So geschehen in unserem kleinen Private Viewing in der Ferienwohnung in Südtirol. Es fühlte sich ähnlich wie beim Geräteturnen an, wenn deine Favoritin im Finale auf dem zehn Zentimeter schmalen Zitterbalken bei der Landung eines geschraubten Doppelsaltos plötzlich wackelt. Du hattest sie hundertmal in Top-Form erlebt, dann geht es um Gold und zack, die Nerven. An ihrer Stelle taucht plötzlich wie aus dem Nichts eine bis dahin unbekannte Turnerin auf und meistert die Sache bravourös, auch weil auf ihren Schultern die Hoffnungen, nicht aber die überzogenen Erwartungen einer ganzen Turnernation lasten.

Mahmood und Blanco schafften es am Ende auf Platz sechs. Unter aller Sau, angesichts der in sie projizierten Erwartungen. Jammern auf hohem Niveau, werden die Deutschen sagen, die sich wohl fragen, warum ihr Land an der Veranstaltung überhaupt teilnimmt. Ich las irgendwo, dass die Jury sich bereits bei der letzten Probe ein Urteil zu den Songs bildet, womöglich hängt das Abschneiden unter den Erwartungen nicht ausschließlich mit den im Finale nicht perfekt getroffenen hohen Tönen zusammen. Vielleicht dachte man sich: Nicht schon wieder Italien! Oder die anderen Songs gefielen einfach besser. Die Leistung des Briten war genial, einen J.Lo-Abklatsch wie von den Spaniern hätte ich nicht so weit vorne gebraucht. Vom Sieger muss ich hier nicht sprechen, das war nicht nur klar, sondern auch verdient und eine Sache, die sich im Moment einfach nur richtig anfühlt. Beim mitreißenden Song der Ukrainer, der auch in meinem Radio jetzt regelmäßig läuft, drehe ich laut auf und pfeife mit. Trotzdem hoffe ich, dass sie auch „Brividi“ wieder ins Programm nehmen. Immerhin gab es für den Titel den Eurostory Best Lyrics Award für den besten Songtext, diese Ehrung ging damit bereits das dritte Mal in Folge an Italien. Und das mit gutem Grund. „Brividi“, (Gänsehaut) beschreibt ein Phänomen, das einfach allen unter die Haut geht, zumal wenn davon gesangstechnisch so brillant erzählt wird wie von Mahmood und Blanco. Was mich aber von Anfang an, seit ihrem Erfolg beim diesjährigen Sanremo Festival, überzeugte: Wann gab es eigentlich in der aktuellen Musiklandschaft zwei Männer, die im Duett von der Liebe singen? Das ist ziemlich neu und obendrein erstaunlich, denn es wäre doch längst an der Zeit gewesen. Und zwar ohne dabei gleichgeschlechtliche Beziehungen, Diversität oder ähnliche Anliegen explizit zu thematisieren. Ich las in einem Artikel bei ESC kompakt, dass die beiden, als sie den Song schrieben, sich der Besonderheit der Konstellation auf der Bühne gar nicht bewusst waren. Und das nehme ich ihnen ab, denn genau so kommt ihr Song auch rüber. Es geht schlicht und ergreifend um Liebe, um die Probleme einer unglücklichen Beziehung, die nicht so recht zu gelingen scheint. Jeder und jede von uns kennt das. Diese Zerrissenheit, die U2 schon in ihrem unsterblichen „With or withou you“ besangen: nicht mit und nicht ohne den anderen leben zu können. Da steht man manchmal wie nackt voreinander und hat Gänsehaut oder, in schwereren Fällen, Schüttelfrost, wie brividi auch übersetzt werden kann.

Nachdem es für Mahmood beim ESC 2019 nicht ganz gereicht und er mit „Soldi“ einen überraschenden und gerade deshalb fantastischen zweiten Platz nach Hause gebracht hatte, wollte er es jetzt noch einmal wissen. Es heißt, es war ein gekonnter Schachzug, den blutjungen Überflieger Blanco mit ins Boot zu nehmen, und für die italienischen Charts und Streamings mag das stimmen. Beim internationalen Publikum, zumal dem älteren, war ich mir nicht so sicher. Ich gebe gesenkten Hauptes zu, dass mir sein Name erstmal gar nichts sagte, als Blanco im März in Sanremo die Bühne betrat (das Alter). Nach entsprechenden Recherchen erkannte ich, dass mir einige seiner Erfolgstitel sehr wohl bekannt waren, so hatte „Mi fai impazzire“ auch unseren italienischen Sommerurlaub 2021 begleitet.  Dass es aber in Turin nach dem Erfolg von Måneskin 2021 in Rotterdam zu einem Wiederholungssieg für Italien kommen würde, das konnten wir hoffen, aber kaum erwarten. Es gab in der jüngeren Geschichte des ESC keinen solchen Triumph für das Gastgeberland. Zuletzt schaffte es in Irland der eigene Titel auf das Siegertreppchen, das war 1994.

Nun gut, es hat nicht sollen sein. Aber wenn ihr mich fragt, könnte „Brividi“ neben Titeln wie „With or withou you“ in den Olymp der schönsten tragischen Liebeslieder aller Zeiten einziehen.

Hier noch einmal für euch, perfekt intoniert und interpretiert: Mahmood & Blanco mit BRIVIDI

Titelbild: Ich erinnere mich nicht, wann ich zum letzten Mal eine Fernsehzeitschrift gekauft habe. In Italien, so meine ich, noch nie. Diese hier, „Sorrisi“, lächelte mich in der vergangenen Woche am Zeitungskiosk an. 😎

Turin in Südtirol

„Grandioso, dann findet der ESC beim nächsten Mal in Mailand statt“, rief meine Tochter im Mai vor einem Jahr beim Sieg der italienischen Rockband Måneskin in Rotterdam. „Da fahren wir dann hin, Mama, und können live dabei sein!“ Sie sollte sich irren. In zweierlei Hinsicht. Erstens findet der ESC zwar im Land des Siegers statt, aber die Bewerbung um den Austragungsort hat Turin gewonnen. Und zweitens fahren wir nicht hin. Das abendfüllende Spektakel schaue ich mir lieber gemütlich auf der Couch sitzend an. Schließlich gilt es, bis weit nach Mitternacht durchzuhalten. Spannend wird es garantiert und dass der italienische Beitrag – Gewinner des diesjährigen Sanremo Festivals – wieder weit vorne mitmischen wird, ist eine sichere Wette. Mich interessiert in diesem Jahr freilich auch das ganze Drum und Dran. Ich möchte sehen und erleben, was Italien da auf die Beine stellt. Die Umsetzung des Mottos „The Sound of Beauty“, die Show, das Bühnenbild. Mit der kinetischen Sonne im Zentrum der Bühne hat es bei den Proben technische Probleme gegeben, aber wer wären denn die Italiener, wenn es nicht etwas zu improvisieren gäbe. Und natürlich freue ich mich auf die Moderation. Mit Laura Pausini, von der ich hier im Blog bereits schrieb, und Mika, libanesisch-britischer Sänger, Komponist und Produzent und einer der Starjuroren der italienischen Castingshow X Factor, sind wir ebenfalls auf der sicheren Seite, was ansprechende Unterhaltung auf internationalem Niveau betrifft. Und doch gibt es ein Problem: Ausgerechnet am Finalabend werden wir in Südtirol sein. Also immer noch in Italien. Da wir dort jedoch liebe Verwandte aus Deutschland treffen, werde ich wohl nicht die ganze Nacht durchhalten, zumal auf fremden Sitzmöbeln und vor einem – dem Foto auf der Webseite der Ferienwohnung nach zu urteilen – kleinen Fernsehgerät älteren Datums. Eigentlich kein Problem, wer fährt denn in den Urlaub, um fernzusehen. Aber diesmal ist es ein Dilemma. Und am Sonntagmorgen müssen wir in aller Herrgottsfrühe um halb zehn aus der Ferienwohnung raus, hieß es bei der Buchung. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Vielleicht überraschen mich die Südtiroler doch noch und haben irgendwo ein großes Public Viewing, wo wir Mahmood & Blanco anfeuern können. Nachts in den Bergen, draußen auf der Piazza – ähm, auf dem Marktplatz – sind „Brividi“ (Gänsehaut) garantiert. Dicke Pullover stecke ich vorsichtshalber ein. Mal sehen, ob und wie wir doch noch in Turin sein können.

Titelbild: Credits MikeDotta bei Shutterstock. Description: Eurovision Song Contest logo projected on the Mole Antonelliana. The 66th edition will be held in Turin in May 2022. Turin, Italy – January 2022.

Kostümwechsel

Es ist soweit: Auch in Norditalien tauscht man den Pyjama wieder gegen Bademode ein. Diese frohe Botschaft gibt der Unterwäsche- und Strumpfwarenhändler bei uns um die Ecke. Da sein gut sortiertes Geschäft recht versteckt auf einem Hinterhof liegt und vermutlich nur von Ortskundigen besucht werden würde, hat er eine große Werbetafel an der Hauptverkehrsstraße. Dort wechselt zur Frühjahr-/Sommersaison das austauschbare Schild „Pigiami“, welches im Herbst und Winter ins Geschäft locken soll, in „Costumi mare“. Raus aus den Federn, ab an den Strand!

Dazu fällt mir das Lied „Tutti al mare“ (Gabriella Ferri 1973) ein, interpretiert vom Komiker Pippo Franco im Film „Ricchi, ricchissimi … praticamente in mutande“ (1982). Mein Mann verbindet mit diesem, nun ja, „folkloristischen“ Sommerhit Erinnerungen an seine unbeschwerte Kindheit, als es in jedem Sommer wieder hieß: Tutti al mare a mostrar le chiappe chiare! Alle ab ans Meer und die blassen Hintern zur Schau gestellt!

Ich bleibe stur, stelle erstmal gar nichts zur Schau und trage noch ein paar Tage Schlafanzug.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Parksünden

Mit dem Parken ist es in Italien so eine Sache. Es braucht oft Geduld, einen Platz zu finden, nicht selten Geschick, sich da einzufädeln, und hin und wieder die Frechheit, sich auch mal in die zweite Reihe zu stellen. Nur für einen Moment, versteht sich. In Italien wird das Nervenkostüm deutscher Autofahrer in Parkplatzangelegenheiten ähnlich wie im Kreisverkehr ordentlich strapaziert. Ich erinnere mich gut an eine Episode mit Besuchern, als ich selbst erst kurze Zeit in Italien lebte und noch nicht Auto fuhr, also weder mit Ortskenntnis punkten konnte noch mit Parksitten Bescheid wusste. Ausgerechnet meinem Schwager wurde ein Abendessen am idyllischen Comer See zu einem magenverstimmenden Erlebnis. Man konnte von unserem Tisch aus den kleinen Hof, der zum Parken zur Verfügung stand, gut einsehen. Als Deutsche gehörten wir selbstverständlich zu den ersten Gästen im Lokal, also hatte er sogar die Wahl gehabt und bequem geparkt. Schnell waren die wenigen Autoplätze besetzt, aber die Plätze an den Tischen noch lange nicht. Peu à peu kamen weitere Besucher vorgefahren. Wo sollten sie parken? Natürlich hinter uns. Immer rein in die Einfahrt, einer geht noch, dachten sich die späten Gäste offensichtlich. Während meine Schwester und ihr Gatte zunächst besorgt waren, ein anderes Vehikel könnte dem ihren beim Manövrieren Kratzspuren zufügen, mussten sie schließlich mit ansehen, vollkommen zugeparkt zu werden. In Deutschland nennt man das wohl Freiheitsberaubung. Im Angesicht einer solchen war es um den kulinarischen Genuss geschehen. Nie zuvor waren meinem Schwager die Spaghetti so widerspenstig von der Gabel gerutscht, während er ungläubig den Kopf schüttelte. Ich versprach ihm, es würde sich schon eine Lösung finden, obwohl ich (damals) selbst verunsichert war. Wir ließen uns viel Zeit und dehnten das Essen aus. Erst nahmen wir einen Nachtisch, anschließend einen Espresso und wir Beifahrerinnen zu guter Letzt einen Amaro. Als der ausgetrunken war und wir zu fortgeschrittener Uhrzeit gerne aufbrechen wollten, blockierte nur noch ein Auto unseres. Der Kellner regelte das schnell.  

Mit der Zeit und mit Erfahrung lernte ich, das Parken entspannter zu sehen. (Solange ich nicht selbst verzweifelt einen freien Platz suche.) Das hält mich freilich nicht davon ab, entsprechende Situationen zu kommentieren. Wenn man selbst fein raus ist ‒ beziehungsweise schon irgendwo drinsteht ‒ kann man die anderen armen Sünder köstlich kritisieren. Es ist beispielsweise ein Unding (ihr Deutschen gebt mir vermutlich recht), ganz oder zur Hälfte auf einem Fußweg zu parken. Macht der Italiener aber, wenn sonst alles besetzt ist. Wer geht schon zu Fuß? Und selbst wenn, dann ist es nicht des Autofahrers Problem. Eine nette Begegnung mit peinlichem Auftakt werde ich in diesem Zusammenhang nie vergessen. Ich holte meine Tochter abends aus der Palestra (Turnhalle) vom Geräteturnen ab. Um diese Zeit gibt es immer reichlich Autogedränge vor der Halle. Ich fahre dann entsprechend weiter, bis sich im Umkreis ein legaler Platz am Straßenrand bietet. Die paar Schritte tun mir gut und meiner Tochter werden sie, obwohl sie beim Training schon genug geleistet hat, auch nicht schaden. Allerdings sehen das nicht alle Abholenden so, es wird auf Gedeih und Verderb so nahe an der Turnhalle wie möglich geparkt. Einmal ging ich also mit meiner Tochter an der Hand in Richtung unseres entfernt geparkten Autos, als ein Wagen vor uns stand und den Fußweg versperrte. Ich wollte mich aufregen, schließlich musste ich mit meiner Kleinen auf die Fahrbahn ausweichen und in einem Moment des allgemeinen Vor- und Abfahrens ist das nicht die angenehmste Sache. Um meinem Unmut angemessenen Ausdruck zu verleihen, sagte ich zu ihr in Deutsch, so würde mich keiner verstehen:

„Nun gucke mal, wie dieser Idiot hier geparkt hat.“

Meine Tochter antwortete nicht. Sie enthielt sich wie üblich der Stimme, denn ihre Mutter hat ja immer was zu meckern. Stattdessen hörte ich hinter mir sagen:

„Das bin ich.“

Irritiert drehte ich mich um und sah, dass diese drei perfekt ausgesprochenen deutschen Worte aus dem Mund eines italienischen Vaters kamen, der genau wie ich seine Tochter an der Hand führte.

„Ähm, buonasera!“, stammelte ich. „Sie sprechen deutsch?“

Der Falschparker grinste: „Ja. Sie auch, wie ich höre. Adesso vado subito via, mi scusi.“ (Ich fahre sofort weg, entschuldigen Sie bitte.)

An dieser Stelle wollte ich liebend gern die Geschichte des Deutsch sprechenden Italieners, den ich in unserem Nachbarort und in diesem Umfeld nicht erwartet hatte, erfahren. Es schien mir nicht der richtige Moment. Ich lächelte verlegen, wünschte noch einmal einen guten Abend und verschwand im Halbdunklen. Die Gelegenheit, meine Neugier zu befriedigen, bot sich an einem der folgenden Abende, als wir gemeinsam im Vorraum der Turnhalle warteten. Es stellte sich heraus, dass er Italiener, aber in Deutschland geboren und erst vor kurzem nach Italien gezogen war. Wie spannend. Noch spannender fand ich seine Reaktion, als er mich fragte, wie es mir denn in Italien gefalle. Natürlich lobte ich das Leben hier in den höchsten Tönen, doch er schaute mich ungläubig an. „Tatsächlich?“ Er würde sofort wieder nach Deutschland zurückgehen, wenn es nach ihm ginge. Es war seine italienische Frau gewesen, die ihn zum Umzug überredet hatte. So kann es gehen. Ich hätte gern noch mehr erfahren, von meinem neuen Bekannten mit deutsch-italienischen Wurzeln. Und von meiner Sicht der Dinge erzählt, wenn es ihn interessiert hätte. Leider wechselte seine Tochter kurz darauf den Sportklub und ich traf ihn nie wieder. Aber, wie sagt der Italiener: Non si sa mai. Man kann nie wissen. Vielleicht liest er das hier und kontaktiert mich? Das wäre nett. Eins versichere ich an dieser Stelle gern: Sein nicht ganz korrektes Parken habe ich ihm längst verziehen.

Titelbild: Credits Bilanol bei Shutterstock

Frühstück ist fertig!

„Warum gibt es dieses Bauernfrühstück bei uns eigentlich immer am Abend?“, fragt unsere Kleine beim Abendessen. Die Leib- und Magenspeise meines Vaters ist eine der wenigen deutschen Gerichte, die ich meiner italienischen Familie regelmäßig serviere.  Einfach, praktisch, lecker. Nicht superschnell, aber auch nicht allzu aufwändig. Alles passt in eine Pfanne. So ein Hauptgericht gelingt sogar mir, die in unserer Familie nur den Titel einer Contornista (Beilagenköchin) tragen darf. Und es gelingt mir offensichtlich gut, meinen Italienern schmeckt es. Ich schaue unsere Tochter an, freue mich, dass sie mir inmitten unseres italienischen Tischgesprächs eine Frage auf Deutsch stellt. Sie hat also über den Namen des Gerichtes „Bauernfrühstück“ nachgedacht.

„Ich fürchte, dass Italienern eine herzhafte und dazu dermaßen üppige Speise aus Kartoffeln, Speck und Eiern am frühen Morgen im Hals stecken bleiben würde“, antworte ich grinsend. Dann erzähle ich ihr meine Vermutung, dass dieses Gericht wohl früher auf dem deutschen Land ein Frühstück gewesen sein muss. Eins, das die nötige Energie vor schwerer Arbeit auf dem Feld lieferte. Mittlerweile ist es ein normales Essen, das in traditionellen deutschen Restaurants mittags und abends auf der Karte steht.

Mein Blick schwenkt von unserer Tochter, die diese Erklärung offensichtlich überzeugt, zu meinem Mann. Auch er hat seine Portion deutschen Kartoffelschmaus verdrückt und leckt zufrieden die Gabel ab. Ich muss daran denken, wie er mich das allererste Mal auf eine Reise nach Deutschland begleitete. Damals war er noch nicht mein Mann, sondern der Fidanzato. Das bedeutet so viel wie fester Freund, auch wenn die wörtliche Übersetzung „Verlobter“ wäre. Ein Eheversprechen hatten wir uns nach drei Monaten noch nicht gegeben. Mein italienischer fester Freund hatte seine kulinarische Feuerprobe beim ersten Frühstück auf deutschem Boden. Wir übernachteten auf der Fahrt nach Dresden in einem bayerischen Landgasthof in der Nähe der Autobahn. Es gab, als wir spätabends dort anhielten, nur noch ein freies Zimmer, ein Einzelzimmer. Darin stand ein traditionelles Bauerneinzelbett aus Holz. Die Bauern müssen zu den Zeiten, als man solche Betten baute, nicht nur kleiner gewachsen, sondern wegen ihrer schweren Arbeit auch recht mager gewesen sein. Uns Frischverliebten machte es nichts aus. Vielleicht räumte mein Fidanzato irgendwann gentlemanlike das Feld beziehungsweise Bett und verbrachte den Rest der Nacht auf dem Bettvorleger neben mir. Ich kann es nicht mehr genau sagen. Was ich aber nie vergessen werde, ist das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen. Es war derart üppig, voll frischer, verlockender Speisen, dass einem Deutschen kein Wunsch offengeblieben wäre. Es gab einfach alles. Bis auf eins, das hatte ich nach eingehender Inspektion auch der entlegensten Winkel mit Sorge feststellen müssen. Bis auf das, was mein Fidanzato üblicherweise zum Frühstück hatte. Es gab keine Biscotti (Kekse). Nachdem ich meine Runde gedreht, mich selbst bedient hatte und mit meinem Tablett an unseren Tisch kam, wünschte ich ihm augenzwinkernd „Auguri!“(Herzlichen Glückwunsch!). Ich hoffte, die Situation mit Humor vorsorglich zu entschärfen. Innerlich brodelte es jedoch heftig in mir, und die ersten Trennungsängste schlichen sich in meinen noch leeren Magen. Was, um Himmels willen, sollte er Passendes finden? Er würde verzweifelt Biscotti suchen, und irgendwann vorwurfsvoll und mit leeren Händen an den Tisch zurückkehren … 

Ich hatte die Rechnung ohne meinen aufgeschlossenen Italiener gemacht. Es dauerte gar nicht lange, und er kam freudestrahlend anstolziert, mit vollem Tablett und geschwollener Brust wie von einer erfolgreichen Jagd.

Ci voleva anche la birra, ma purtroppo devo ancora guidare.” (Es hätte ein Bier dazugehört, aber leider muss ich ja noch fahren.)

Ahnt ihr jetzt, was er auf dem Teller hatte? Wir waren in Bayern. Richtig: Weißwürste und Brezen. Anbei noch eine große Portion Bratkartoffeln. Seinen Cappuccino ließ er sich an den Tisch bringen, nachdem er den deutschen Filterkaffe als Aqua sporca (schmutziges Wasser) bezeichnet, bei mir gesehen und probiert hatte.

Den deutschen Frühstücks-Test hatte mein zukünftiger Mann also bravourös gemeistert. Es sollten ihn noch weitere kulinarische Kulturschocks erwarten, aber das sind wieder andere Geschichten. Daheim bevorzugt er bis heute ein italienisches Frühstückchen, mit Brioche, Biscotti oder Fette Biscottate con Marmellata (Zwieback mit Marmelade). Auch deshalb serviere ich Bauernfrühstück ‒ den Namen missachtend, aber wie aus meiner alten Heimat gewohnt ‒ lieber abends oder auch mal als Mittagessen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels. Mein Bauernfrühstück war nicht so fotogen, um als Titelbild durchzugehen.

Unter Glyzinen, April in Italien

„An jene, die Glyzinen und Sonnenschein zu schätzen wissen. Kleines mittelalterliches Castello an der italienischen Mittelmeerküste für den Monat April möbliert zu vermieten. Notwendiges Personal vorhanden. Z, Postfach 1000, The Times.

Das war der Augenblick der Empfängnis; aber wie es so oft der Fall ist, war die Empfangende in diesem Augenblick selbst ahnungslos.“

Elizabeth von Arnim

Verzauberter April*, insel Taschenbuch 1538, 1. Auflage 1993, Seite 7.

Glyzinen. Oder Glyzinien. Wie ist es richtig? Sollte eine orthografische Fachsimpelei mich davon abhalten, von dieser wunderbaren blasslila Blütenpracht zu schreiben, die den italienischen April verzaubert? Ich meine nicht. Am Anfang war genaugenommen dieses Foto. Das musste in den Titel. Und dann fiel mir wieder ein, dass ich vor vielen Jahren, als ich noch nicht einmal ahnte, irgendwann nach Italien zu ziehen, ein zauberhaftes Buch gelesen hatte. Darin ging es um Italien und um … genau: Glyzinen. (Ich entscheide mich jetzt für diese Schreibweise. Nicht, weil sie um einen Buchstaben kürzer ist und ich es prägnant mag, sondern weil diese der im Roman verwendeten Version entspricht.) Also suchte ich das Buch heraus, um es noch einmal zu lesen, und nach den ersten Seiten stand fest: Ich muss es euch empfehlen. Und es ist mir schnuppe, ob der Beitrag genau in diese Kategorie passt, die ich „Literarische Orte“ genannt habe. Aber natürlich passt ein wundervoller Roman über Italiens Zauber hierher. Ich muss euch schließlich nicht verraten, dass ich das Titelbild nicht in Ligurien, wo der Roman spielt, sondern (immerhin im April, das sehr wohl!) in Südtirol fotografiert habe. Jetzt habe ich genau das doch getan. Egal! Das Foto hätte genauso gut von hier in der Lombardei sein können, aufgenommen in einem nahegelegenen Restaurant, wo man zu dieser Jahreszeit draußen unter einer von Glyzinen umrankten Pergola speist. Als ich „Verzauberter April“ nun zum zweiten Mal las, stellte ich mit Vergnügen fest, dass der Name des Schauplatzes in Ligurien denselben Namen trägt wie der Ortsteil, in dem ich wohne. Zwar ist mein San Salvatore kein blumenumranktes mittelalterliches Castello und wir haben auch keinen Blick auf das Meer. Das liegt nicht mal in der Nähe. Wir blicken dafür in ein grünes Meer, bemerke ich in jedem Frühjahr wieder voller Begeisterung. Und auf die Alpen am Horizont. Aber ich schweife ab. Vielleicht fehlen mir die Worte, um den reizenden Roman „Verzauberter April“ (Originaltitel „The Enchanted April“) zu beschreiben. Ihr müsst ihn einfach lesen. Als Urlaubslektüre während der nächsten Italienreise oder zur Vorfreude darauf. Die amüsante Geschichte erzählt von vier zufällig aufeinandertreffenden Frauen, die im grauen und verregneten Frühjahr im London der zwanziger Jahre auf das eingangs zitierte Inserat stoßen, das Castello spontan mieten und einen Monat gemeinsam im Paradies verbringen. Dort lernen sie nicht nur den Zauber Italiens, sondern vor allem sich selbst kennen. Die so grundverschiedenen Charaktere, ihr Interagieren und ihre Verwandlung in diesen gemeinsam verbrachten Tagen beschreibt Elizabeth von Arnim auf köstliche Weise. Ein Roman zum Schmunzeln und zum Träumen, aber auch zum Nachdenken über sich selbst, die anderen, das Leben. Lest „Verzauberter April“! Ihr werdet verzaubert sein.

Der Trailer zum Film.

*Na, wenn das keine Werbung ist. Natürlich wie immer aus freien Stücken, unverlangt und unbezahlt.

Sag, dich schickt Antonio

Der Italiener und der Spezialist seines Vertrauens

Was uns in der DDR das sogenannte Vitamin B war, das ist in Italien Vitamina F. Dabei stand B für Beziehungen, F steht für Fiducia (Vertrauen).

Nur leben wir hier allerdings nicht in einer staatlichen Plan- und daraus resultierenden Mangelwirtschaft. In einer funktionierenden Marktwirtschaft müsste man als Kunde doch eigentlich König sein, egal, ob man den Inhaber oder einen Angestellten des Ladens kennt oder nicht. Dass dem in Italien nicht immer so ist, habe ich im Laufe der Jahre in den verschiedensten Situationen erfahren.

Eigentlich wollte ich als Titelbild für diesen Beitrag ein großes Werbeschild in unserer Gegend fotografieren, aber ich habe mit dem Fotografieren so lange gewartet, bis es nicht mehr da war. Es hing jahrelang an der Hauptstraße, und immer amüsierte es mich. Da ich keine Fensterläden brauchte, bin ich dem Rat nie gefolgt:

Di che ti manda Antonio!“ (Sag, dass dich Antonio schickt.)

Und du wirst bevorzugt behandelt? Und du bekommst einen Rabatt? Oder wirst du dann lediglich nicht über den Tisch gezogen, wie alle anderen? Schade, ich hätte die originelle Reklame gern mit euch geteilt. Nun seht ihr im Titelbild einen Gärtner. Auch das ist ein klassischer Beruf für den Spezialisten des Vertrauens, an den sich der Italiener wendet, wenn er einen Auftrag zu vergeben hat. Ich muss mir regelmäßig ein lautes Lachen verkneifen, wenn mein Mann daherkommt und sagt: „Chiamo il giardiniere / imbianchino / elettricista / idraulico di mia fiducia.“ (Ich rufe den Gärtner / Maler / Elektriker / Klempner meines Vertrauens an.) Oder er geht eine Besorgung machen. Mal nicht im Supermarkt, sondern beim „macellaio / fruttivendolo / pescivendolo / panettiere di fiducia“ (Fleischer / Gemüsehändler / Fischverkäufer / Bäcker des Vertrauens).

Die Händler, Handwerker oder ganz allgemein Spezialisten, denen der Italiener sein Vertrauen schenkt, sind entweder direkte Bekannte oder von Bekannten empfohlen worden. Kontaktiert man sie zum ersten Mal, muss man erklären, wer einen schickt. Das ist mit der Hoffnung verbunden, den Termin eher, die bessere oder frischere Ware und vor allen Dingen, einen besseren Preis zu bekommen. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, einen Vorteil daraus ziehen zu wollen, dass man den Anbieter einer zu erwerbenden Leistung kennt. Beim berühmt-berüchtigten Vitamin B ging es in der DDR darum, überhaupt an bestimmte Waren (die sogenannte Bückware, die unter dem Ladentisch versteckt war) oder Dienstleistungen heranzukommen. Hier in Italien geht es um die bevorzugte Bedienung und einen Freundschaftspreis. Benissimo, warum eigentlich nicht. Vorteile dieser Art lässt man sich gefallen. Die Freundschaft hört allerdings auf, wenn uns nonchalant das Angebot unterbreitet wird, keine Rechnung auszustellen. Das Missbehagen, durch unsere Ablehnung auf beiden Seiten ausgelöst, kann meist freundschaftlich überwunden werden. Man räuspert sich, und die Sache ist vergessen.

Sogar in der Zahnarztpraxis erlebte ich kürzlich, was es heißt, als Kunde, ähm, Patient, Vorzüge zu genießen, die auf einem vermeintlichen oder tatsächlichen Freundschaftsstatus beruhen. Nachdem ich die Zahnärztin unseres Vertrauens ‒ die Frau eines Jugendfreundes meines Mannes ‒ verlassen hatte, da der Anfahrtsweg zu ihr doch sehr weit war und sie irgendwann mein Vertrauen offensichtlich nutzen wollte, um eine unnötig große Umbauarbeit an meinem Gebiss vorzunehmen, war ich in das neue Ärztehaus bei uns um die Ecke gegangen. Fünf Minuten zu Fuß, so habe ich es am liebsten. Neben Vertrauen kann bei mir nämlich auch Bequemlichkeit eine geschäftliche Fedeltà (Treue) begründen. Es handelte sich diesmal um eine größere Arbeit für den Dottore, und so wurde mir der Kostenvoranschlag nicht am Empfang in Gegenwart der anderen Patienten vorgelegt. Man begleitete mich in ein separates Büro.

„Venga con me, Signora, ne discuteremo con calma.“ (Kommen Sie, Signora, das besprechen wir ganz in Ruhe.)

Ich ahnte, dass es sich um eine vierstellige Summe handeln würde. So musste es sich anfühlen, in einer Bank um einen Kredit vorzusprechen. Aber nur dann, wenn man als Kreditkunde attraktiv und profitbringend scheint. Ich bin nicht der Bittsteller, sondern man macht mir ein besonders attraktives Angebot.

Das Gespräch unter vier Augen, den geplanten stomatologischen Eingriff betreffend, begann mit der Einleitung:

„Sie sind doch eine Freundin oder Bekannte von Alessia …“

Ja, ich erinnere mich, dass ich damals mit der Mutter eines Klassenkameraden meiner Tochter gesprochen hatte, die als Zahnarzthelferin in der Praxis arbeitet.

„Bei den letzten Behandlungen haben Sie 20 Prozent Preisnachlass bekommen.“

Stimmt, aber nicht als Freundin von Alessia, sondern weil ich den geforderten Preis für eine simple Versiegelung der kindlichen Backenzähne, die in 15 Minuten erledigt war, für unverschämt hielt, und das zum Ausdruck gebracht hatte.

Aber egal. Jetzt zählte, wie ich Patientin in dieser Praxis geworden war, nämlich über den Kontakt zu einer Angestellten. Deshalb würde man mir nicht nur 20, sondern sogar 30 Prozent, den höchsten Rabatt einräumen, den man überhaupt bekommen könne. Soso. Leider hängt in einem Arztstudio gewöhnlich keine Liste mit Standardpreisen aus. Was sie mir als diesen Preis aufzeigen, um dann den Rabatt zu gewähren, bleibt ihnen überlassen und meine Begeisterung, gar erwartete überschwängliche Dankbarkeit, hält sich in Grenzen. Ich lasse mir nichts vormachen. Einen Moment überlege ich, ob ich den Kostenvoranschlag nicht sofort unterschreibe, sondern tatsächlich Angebote in anderen Praxen einhole. Dann siegt wieder, ihr ahnt es, die Bequemlichkeit. Die Sache muss gemacht werden, und zwar nicht erst in ein paar Monaten, da ich bereits leichte Beschwerden habe. Ich nuschele einen selbst für mich unverständlichen Kommentar in meinen Mund-/Nasenschutz und nicke das Angebot ab. Wäre nicht Pandemie, hätte mir die Geschäftsfrau der Zahnarztpraxis womöglich zum erfolgreichen Vertragsabschluss die Hand geschüttelt. So bleibt mir das erspart und ich verlasse mit einem bitteren Beigeschmack, aber erhobenen Hauptes ihr Büro. Als ich anschließend am Empfang noch einen Termin mit einem anderen Spezialisten im Ärztehaus mache und vorsichtig nach dem Preis für diese erste Visite frage, denke ich angestrengt nach, ob ich nicht auch dessen Assistentin kenne. Leider zählt die Zahnarzthelferin Alessia beim Besuch des Physiotherapeuten nicht.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Der letzte Pfeffer

Ma è questo l’ultimo pepe?“, ruft mein Mann aus der Küche.

Der letzte Pfeffer? Ich eile an den Ort des Geschehens, um mir das Problem aus der Nähe anzusehen. Fragend und ein bisschen vorwurfsvoll streckt der Chefkoch mir das Glasfläschchen mit integrierter Pfeffermühle im Deckel entgegen. Tatsächlich langweilen sich darin nur noch wenige Körner des wertvollen Gewürzes. Ich lasse mir die Frage noch einmal auf der Zunge zergehen und habe prompt eine passende Antwort parat: „Se cerchi il primosale, l’ho comperato ieri al supermercato. Un ultimopepe non c’èra.” Wenn du einen Primosale (erstes Salz) suchst, den habe ich gestern im Supermarkt gekauft. Ultimopepe (letzten Pfeffer) gab es nicht.

Primosale ist ursprünglich ein typischer sizilianischer Pecorino-Käse aus frischer Schafsmilch. Mittlerweile wird er aber auch im Norden und auch aus Kuhvollmilch hergestellt. Wie der, den ihr auf dem Foto seht, produziert von Fattorie Osella* im Piemont. Das Besondere an diesem Rohmilchkäse ist, dass er sofort in Salzlake gesalzen wird und bereits nach einigen Stunden verzehrfertig ist. Ihr müsst ihn euch als milden, schnittfesten Frischkäse vorstellen, ideal für leichte Vorspeisen oder als sommerliche Zutat an Salaten.

Zum Glück reichte der verbliebene Pfeffer heute noch für den Sonntagsbraten. Ich habe sofort einen neuen „letzten Pfeffer“ auf die Einkaufsliste gesetzt. Sonst gibt es das nächste Mal richtig Ärger mit dem Chefkoch.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Luino, Lago Maggiore

„Der Frühling kam vorzeitig an den See. Die Tage wurden zusehends länger und die von heftigen Märzstürmen gereinigte Luft wirkte gegen Ende des Monats glasklar. Das Wasser des Sees änderte allmählich seine Farbe: vom winterlichen Stahlgrau hin zu einem hellen Himmelblau.“

„La primavera arrivò in anticipo sul lago. Si allungavano visibilmente le giornate e l’aria, ripulita dalle burrasche di marzo, divenne verso la fine di quel mese un lucido vetro. L’acqua del lago cambiava lentamente colore e passava dal grigio ferro dell’inverno a un celeste leggero.“

Piero Chiara

Eigene Übersetzung des italienischen Originalzitats aus: „La spartizione“*, Oscar Mondadori, 1. Auflage Oscar classici moderni April 2007. Seite 86.

Schöne Verhältnisse

Wer nach dem Eingangszitat glaubt, Chiaras Roman „La spartizione“ (deutsch: „Die Teilung“) sei eine endlose Huldigung des Lago Maggiore und seiner Naturschönheiten, dem kann ich Entwarnung geben. Es geht im Kern sogar um das Gegenteil von Schönheit oder vielmehr um die, die in den Augen des Betrachters liegt. In seinem 1964 publizierten Roman, der in den dreißiger Jahren in Luino am Lago Maggiore spielt, beschreibt und analysiert Chiara auf amüsante Weise das Seelenleben der drei Schwestern Fortunata, Tarsilla und Camilla Tettamanzi. Sie gehen auf die Vierzig zu, ohne ihre Leidenschaft ausgelebt zu haben, und sind ‒ das ist in ihren Augen und denen ihrer Mitbürger das eigentliche Problem ‒ noch unverheiratet. Bei einer Erbschaftsangelegenheit lernen die Schwestern den attraktiven Emerenziano Paronzini kennen, Kriegsinvalide und Erster Archivar des Amtes für Steuern und Staatsvermögen, seinerseits auf Brautschau und eine „Gute Partie“ anstrebend. Fortunata, Tarsilla und Camilla sind auf den ersten Blick unscheinbar, gar hässlich, aber jede von ihnen ist auch mit einer individuellen körperlichen Anziehungskraft gesegnet (Fortunata hat üppiges Haar, Tarsilla endlos lange Beine, Camilla feine Hände). Bald konkurrieren sie mehr oder weniger offenherzig um den zunächst zögernden Freier. Der erkennt die Gunst der Stunde und erläutert seine Erkenntnis beim sonntäglichen Mittagessen im Hause der Schwestern am Beispiel dreier Äpfel. Jeder einzelne hat einen Makel oder gar faulige Stellen. Säuberlich schneidet er von jedem Apfel das unversehrte Stück heraus und setzt damit aus drei Teilen eine perfekte Frucht zusammen.   

Der Titel des Romans steht für die Lösung, auf welche sich die drei nicht mehr taufrischen Jungfern mit dem an ihrem Haus, ihrem Vermögen und ihren verborgenen weiblichen Vorzügen interessierten Junggesellen nach ersten Verwicklungen und Verstrickungen einigen: Sie teilen sich den Mann. Die Gerüchteküche der Stadt brodelt. Die drei Schwestern sind gottesfürchtig und engagieren sich in katholischen Einrichtungen der Stadt. Sie sind hin- und hergerissen zwischen dem öffentlichen Anschein, den sie aufrechterhalten müssen, und privaten Wünschen, die sie befriedigen möchten und die Emerenziano offensichtlich befriedigen kann. Sollen die Leute reden! Es ist ein perfektes Arrangement für die Beteiligten. Und alle dürfen sehen, wie der Gentleman seine offizielle Angetraute genau wie seine Schwägerinnen abwechselnd an der Seepromenade spazieren führt. Nachdem ein unbequemer Nebenbuhler ausgeschaltet und die von ihm umworbene Tarsilla wieder mit Geist und Körper ins traute Heim zurückgekehrt ist, könnte für die Vier fortan alles nach der Formel „Und sie lebten glücklich und zufrieden …“ laufen. Doch leider hat Signor Paronzini die Rechnung ohne sein schwaches Herz gemacht. Drei Frauen, die ihre besten Jahre verpasst und einiges nachzuholen haben, mit bürokratischer Akribie und kalendermäßig organisierten nächtlichen Besuchen glücklich zu machen, übersteigt seine Manneskräfte.

Auch wenn die Geschichte im Luino vor fast einhundert Jahren angesiedelt ist, kann der Einheimische in Chiaras Beschreibungen noch heute viele Orte wiedererkennen: die Seepromenade, das Caffè Clerici, die Kirche San Pietro, die Via Dei Mercanti (heute Via Cavallotti), das Restaurant Elvezia. Selbst ich als Deutsche, mit rein touristischer und ein wenig kulinarischer Ortskenntnis, aber nach immerhin zwanzig Jahren, in denen ich hier in der Nähe der norditalienischen Seen lebe, konnte mir die beschriebenen Szenen und die gesellschaftlichen Verhältnisse sehr gut vorstellen. Auch ich habe die Lektüre dieses modernen Klassikers genossen. Ein amüsanter, nur einen Hauch frivoler Roman, der ein detailreiches Bild der italienischen Provinz in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zeichnet und in gewissen Punkten ‒ wage ich zu behaupten ‒ keineswegs veraltet ist, was Klatsch und Tratsch und Sein und Schein betrifft.

Piero Chiaras Roman wurde 1970 mit Ugo Tognazzi in der Hauptrolle verfilmt: „Venga a prendere il caffè da noi“, deutscher Titel: „Schwestern teilen alles“. Der Stoff wurde hierzu in die sechziger Jahre transferiert und das Ende abgewandelt. Leider geht, wie oft bei Literaturverfilmungen, viel vom Anspruch des Originals und speziell von Chiaras feinsinniger Ironie verloren. Sehenswert ist der Film allemal, allein schon wegen der großartigen Schauspielkunst von Ugo Tognazzi und Milena Vukotic. Fun-Fact am Rande: Der Schriftsteller Piero Chiara hat selbst eine kleine Nebenrolle übernommen.

Szenen der genannten und zwei weiterer Romanverfilmungen Piero Chiaras, gedreht vor dem Caffè Clerici in Luino.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Francobolli

Ich gebe zu, in manchen Dingen altmodisch zu sein. So schreibe ich hin und wieder Briefe und Karten, um sie auf schrecklich traditionellem, postalischem Weg zu versenden. Meine selbstgeschriebene Post möchte ich ins Ausland schicken, nach Deutschland zu Verwandten oder in andere europäische Länder, wo es einige Freundinnen hin verschlagen hat. Der Kauf von Francobolli (Briefmarken) gestaltet sich in Italien allerdings immer wieder zu einem wahren Schauspiel. Ich glaube, anfangs gab es noch welche in der Tabaccheria (Zeitschriften- und Tabakwarenhändler) gleich um die Ecke. Aber irgendwann führten die keine mehr oder zumindest nicht die teureren fürs Ausland. Eigentlich auch verständlich, schließlich ist unser Provinzkaff keine Touristenhochburg, und wo es keine Ansichtskarten zu kaufen gibt, braucht auch niemand Briefmarken dazu. Außer eine wie ich, die noch diesem antiken Hobby des Postverschickens frönt. So eine wie ich muss nun jedes Mal aufs Postamt. Dort spielen sich immer wieder hanebüchene Szenen am Schalter ab, wenn ich meinen ungewöhnlichen Wunsch vortrage.

Vorrei comperare dei francobolli per favore, se possibile.” (Ich möchte bitte Briefmarken kaufen, wenn das möglich ist.)

Ich formuliere immer angestrengt freundlich, denn mittlerweile weiß ich, dass mein Anliegen Unglauben hervorruft. Oft kommt prompt der Gegenvorschlag: „Aber Sie können den Brief doch hier bei uns am Schalter aufgeben.“ Nein, ich möchte meine Post direkt in einen Postbriefkasten werfen. Schließlich gibt es die noch.

Das letzte Mal, es muss Mitte Februar gewesen sein, war die Aktion „Briefmarken besorgen“ besonders amüsant, ich möchte sie euch gern beschreiben. Und glaubt mir: Nichts ist hinzugedichtet, es hat sich genau so zugetragen.

Wenn der Postmann zweimal nachfragt

Bereits während ich die Geburtstagskarte für meine Freundin in den Umschlag stecke, schwant mir, dass ich keine Briefmarke mehr habe. Bei der Weihnachtspost Mitte Dezember hatte ich schweren Herzens drei potentiellen Empfängern einen selbstgeschriebenen Gruß verwehrt, weil ich keine Lust hatte, inmitten der rapide ansteigenden Omikronwelle in eine überfüllte, stickige Postfiliale zu gehen. Nun gibt es keine Ausrede mehr. Dieser Geburtstag naht und es folgen weitere. Ich brauche einen neuen Vorrat an Briefmarken und mache mich mehr kurz als wild entschlossen auf den Weg. Es ist ein nervenaufreibendes Vorhaben und langes Zögern bringt erfahrungsgemäß keinen Vorteil. Die erste Hürde nach dem Betreten der Poststelle hat die Gestalt eines Touch-Screen- Automaten, an dem man sich anmelden und derzeit auch seinen Green Pass (Impfzertifikat) scannen muss. Nachdem mir das nach drei Anläufen gelungen ist, wähle ich die Art der Dienstleistung aus und darf am Ende des Vorgangs – vorausgesetzt, ich habe die richtigen Symbole berührt – eine Nummer ziehen. Mit dieser begebe ich mich in den Wartebereich, der aus zwei Stuhlreihen mit Blick auf die vier Schalter besteht. Auf einer elektronischen Anzeigetafel sehe ich die aktuellen Nummern, die vor mir im Rennen sind. Da es aber nicht einfache Nummern, sondern Kombinationen aus verschiedenen Buchstaben und Zahlen sind, ist es meist schwer einzuschätzen, wie weit vorn man dabei ist. An welchem Schalter welcher Vorgang bearbeitet wird, ist nicht verständlich, lediglich ganz links sieht es nach klassischem Postservice aus, Päckchen aufgeben und dergleichen. Vielleicht auch Briefe? Ich schaue mich um. Außer mir warten nur zwei weitere Kunden, anscheinend hat keiner von ihnen die Buchstaben-Zahlenkombination, die über dem Paketschalter angezeigt wird. Der Bedienstete dahinter tut aber keinesfalls so, als ob er Kundschaft erwartet. Er sitzt regungslos vor seinem PC, starrt auf den Bildschirm, und es sieht auch nicht danach aus, dass er die Tastatur oder Maus bedient. Da es an den anderen Schaltern länger zu dauern scheint, trete ich vor, positioniere mich gut sichtbar vor dem Paketschalter und wedele mit meinem Brief. Vielleicht hat der gute Mann nur vergessen, die nächste Nummer aufzurufen? Das kann schließlich mal passieren. Dumm wäre, wenn ich in einer Stunde noch warten würde, während er so tut, als ob er etwas tue, weil er ja keinen Kunden hat. Nicht mit mir!

Der Schaltermensch, nennen wir ihn Postmann Eins, wendet für mich zwar nicht seinen Blick vom Bildschirm, aber er hebt die linke Hand und zeigt mit dem Finger auf seine Kollegen. Die würden mich bedienen. Aha. Kleinlaut ziehe ich mich zurück und murmele etwas wie „Man wird ja wohl noch fragen dürfen“ in meine Maske.

Während ich Postmann Eins vor seinem PC sitzend betrachte, assoziiere ich: Sein Posten bei der Post musste so ein heiß begehrter „Posto Fisso“ (Festanstellung) sein, wie ihn Checco Zalone im Film „Quo vado?“ verzweifelt verteidigt. (Deutscher Trailer: Der Vollposten).

Endlich wird ein Schalter frei. Tatsächlich stellt Postmann Zwei die Anzeige über seinem Sportello (Schalter) weiter. Bingo, ich bin dran. Entschlossen trete ich vor, zeige brav den Zettel mit meiner Nummer, bevor ich denselben in das dafür bereitstehende Körbchen werfe, und schiebe zunächst den Brief durch die Luke.

„Ich möchte den hier aufgeben und dann bitte noch Briefmarken kaufen.“

„Briefmarken?“

Da war er wieder, dieser ungläubige Gesichtsausdruck des Postangestellten. Ich fürchte, dass in meiner Antwort eine gewisse Nervosität mitschwingt. Das kann freilich nur derjenige verstehen, der weiß, dass es hier jedes Mal so oder ähnlich abläuft.

„Ja, Briefmarken bitte. Für Europa.“

Postmann Zwei dreht sich hilfesuchend zu seinen Kollegen um. Ich habe mittlerweile Blickkontakt zu dem Kunden am Nebenschalter aufgenommen und signalisiere ihm mit den Augen über der Maske ein „Na das kann ja heiter werden!“, bevor ich etwas wie „Warum, ist das ein Problem?“ in den Mundschutz nuschele. Postmann Zwei schaut nun wieder zu mir und fragt: „Wie viele Briefmarken brauchen Sie denn?“

Oha, es waren also nicht genug da. Trotzdem traue ich mich und sage mit fester Stimme: „Zehn Stück bitte!“

Worauf sich Postmann Zwei wieder an seine Kollegen wendet, die jetzt zu dritt beraten. Leider kann ich hinter der Scheibe und dem Umstand geschuldet, dass alle Masken tragen, kein Wort verstehen.

Ich warte. Mir wird heiß. Warum muss der Heizlüfter seine viel zu warme Luft ausgerechnet an diesem Schalter und direkt über meinem Kopf ausstoßen? Ich versuche, dem unangenehmen Gebläse auszuweichen, indem ich einen Schritt zurücktrete. Eine gefühlte halbe Stunde später (sicher waren es nur wenige Minuten) erhebt sich überraschend Postmann Eins, der bis dahin vor seinem PC festgenagelt schien, und begibt sich nach „hinten“. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Angestellten für Briefmarken den Raum verlassen müssen und sie aus einem Nebenzimmer holen. Womöglich sogar aus dem Keller, denn es dauert immer eine gewisse Zeit, ehe der Beauftragte zurückkommt. So auch heute. Postmann Zwei wartet derweil ergeben und schaut dabei auf seinen Bildschirm, so ähnlich, wie es sein Kollege zuvor getan hatte. Der taucht schließlich wieder auf und trägt eine Art Briefmarkenalbum vor sich her, in der die kostbaren Francobolli aufbewahrt werden. Postmann Zwei nimmt die Mappe ehrfurchtsvoll entgegen.

„Welche Marken brauchen Sie?“, fragt er mich zur Sicherheit noch einmal.

„Solche für Europa. Also Deutschland, Österreich, aber auch Großbritannien“, versuche ich so präzise wie möglich zu antworten.

Postmann Zwei blättert in der Mappe und studiert deren Inhalt. Dann blättert er wieder zwei Seiten zurück. Ich halte den Atem an.

Ah, eccoli.“ (Ach, da sind sie ja.)

Nun trennt er die Marken säuberlich ab, zählt zweimal mit dem Finger nach, ob es auch zehn Stück sind. Vielleicht hätte ich doch gleich ein paar mehr nehmen sollen, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich verzichte lieber darauf, Postmann Zwei jetzt aus dem Konzept zu bringen. Denn nun folgt die wichtigste Angelegenheit: Er muss den Vorgang „Zehn Briefmarken der Preisklasse 1,15 Euro für den Verkauf umbuchen“ ins System eingeben. Zum Glück funktioniert im Anschluss auch der neben seinem PC stehende Drucker beinahe sofort und ich erhalte den Kaufbeleg überreicht, den ihr im Foto rechts zusammen mit den kostbaren Briefmarken seht.  

Vollkommen verschwitzt, aber erleichtert – schließlich habe ich auch diesmal am Ende meine Francobolli bekommen – verlasse ich das Postamt. Eins ist klar: Beim nächsten Mal nehme ich zwanzig Stück.

Ich weiß nicht, warum, aber bei meinen (zum Glück seltenen) Besuchen im Postamt muss ich immer an folgende Szene aus Zoomania denken: