Große Erwartungen

„Die Fete stieg bei Carstens Bruder. Genau genommen in einem Kellerraum, als Gemeinschaftszimmer ausgebaut. Stühle und Tische waren auf den Gang platziert worden, drinnen wurde getanzt. Es gab roten Sekt aus grünen Plastebechern mit weißen Punkten. Und es wurde die lustigste Feier meines Lebens. Ungeplant war doch am besten! Nach Mitternacht, zu der es Küsschen von allen für alle gab, standen wir zum Raketengucken vor der Tür, in der einen Hand die Becher, die andere … eine in der anderen. Nico und ich. Klar doch, was dachtet ihr? Als er mich später nach Hause begleitete ‒ wir torkelten Arm in Arm die Philipp-Müller lang ‒ war ich so happy wie selten zuvor. Besoffen konnte die Welt ziemlich in Ordnung sein!“

Zitat aus meinem Roman Mensch, Manu! So war das nicht geplant, BoD, 2019. Seite 118.

Erinnert ihr euch noch, wie das war? Damals, als ihr der letzten Feier des Jahres entgegengefiebert und dieses Kribbeln gespürt habt. Ach, das ist bei euch immer noch so? Eine besondere Stimmung, anders vielleicht, aber doch präsent? Da bin ich erleichtert. Und ich dachte schon, es wäre normal, dass irgendwann die Abgeklärtheit alle Vorfreude und Erwartungen unter sich begräbt wie ein zäher, grauer Kleister.

Bei uns gestaltet sich das Thema Jahresende diesmal so: Zu der abgedroschenen Frage „Und was macht ihr Silvester?“, von Bekannten jedes Jahr spätestens ab Anfang Dezember gestellt, kommt jetzt noch unsere Kleine. Mein Mann und ich waren gerade dabei, kurz vor zu spät eine Reise über die Weihnachtsfeiertage zu organisieren, als sie schon weiterdachte.

Ma cosa facciamo a Capodanno?“ (Was machen wir denn nun Silvester?)

„Was willst du, das wir machen? Wir feiern ein bisschen.“

„Wieder nur zu Hause? Immer dasselbe, immer hier drinnen.“

„Du kannst auch auf den Balkon gehen.“

Unsere Große kam zwei Tage später mit dem Vorschlag, ihre Freundinnen einzuladen. Klar, kein Problem. Gern erklärten wir uns bereit, als Gastgeber zu fungieren. Da wussten wir noch nicht, dass sie meinte, wir würden die Wohnung für ihre Party räumen. Zum Glück fand sich eine Freundin, deren Eltern ohnehin planten, auswärts zu feiern, und die keine jüngeren Geschwister hat. Dieser Krug ist dieses Jahr noch einmal an uns vorbeigegangen.

Wird Silvester denn nie mehr, wie es früher war? Bleiben unsere ersten Feten, verklärt in der Erinnerung, für immer die besten? Als Teenager sprühten wir über vor Begeisterung, ins neue Jahr zu feiern, gab es doch Aufregendes zu erwarten. Nicht nur vom neuen Jahr. Auch vom allerletzten Abend des alten. Da durfte gerne improvisiert werden, mit Sekt aus grünen Plastikbechern mit weißen Punkten. Später, als junge Erwachsene, gab es dann noch eine Handvoll besonderer Jahreswechsel. Mit dem Partner, als Single mit der besten Freundin oder in großer Runde mit Kumpels und Kumpelinen. Ich denke gern an die nächtliche Schneewanderung im tschechischen Riesengebirge mit Sekt und Salzgebäck oben auf dem Berg zurück. Nie vergessen werde ich die theatralische Silvesternacht in Leipzig. Faust. Teil eins vor Mitternacht, Sektempfang in Auerbachs Keller, Teil zwei in den ersten Stunden des neuen Jahres und die letzte Szene auf dem Friedhof. Weil dieser Jahreswechsel mit Goethe auch ein besonderer, nämlich der zum neuen Jahrtausend war, ließen wir es uns nicht nehmen, um vier Uhr in der Früh noch selbst ein paar Raketen in den Himmel zu schicken. Das war das erste und letzte Mal, dass ich selbst mit Feuerwerkskörpern hantiert habe.

Viel mehr großartige Erinnerungen an Jahreswechsel habe ich nicht. Seit ich in Italien lebe schon gar nicht. Einmal wollten mein Mann und ich uns etwas gönnen. Meine Eltern schauten mit der Großen, die damals unsere Kleine war, den ganzen Abend Barbapapa, und wir zwei gingen feiern. Dachte ich. Doch das Feiern in Italien nennt sich zum Jahreswechsel „Cenone“ und ist auch nichts anderes als ein unsäglich in die Länge gezogenes, kostspieliges Abendessen mit viel zu vielen Gängen. Ein andermal geschah uns ähnliches ausgerechnet in Bologna, meiner Lieblingsstadt, wovon ich hier bereits schrieb. Also kein Restaurant mehr. Feiern zuhause? In Italien feiert man mit Italienern, und die erwarten, ihr ahnt es, ein Cenone. Soll ich ein solches bei mir zu Hause ausrichten, wo ich nicht nur viel zu viel essen muss, sondern anschließend auch die vielen Reste am Hals habe? Man darf doch nicht zu spärlich auftischen.

Non facciamo figure, per favore. (Wir wollen uns doch nicht blamieren.)

In der Familie würde ich gerne feiern, das ja. Aber wer reist schon freiwillig in dieser unfreundlichen Jahreszeit aus Deutschland bis zu uns nach Italien? Das letzte Mal, als wir uns auf meine Schwester und ihren Mann freuten, mussten die beiden alles abblasen und ich flog stattdessen nach Dresden. Meinem Vater ging es zum Auftakt des Jahres, in dem er starb, plötzlich schlecht, ich besuchte ihn im Krankenhaus und verbrachte den letzten Abend des Jahres mit den Tränen kämpfend bei meiner Schwester auf der Couch.

Ich gebe zu: Ausgerechnet ich, die hier immer unter dem Motto „Tutto paletti“ ganz entspannt positive Botschaften unter die Leute bringt, bin ratlos. Wo sind die großen Erwartungen im Hinblick auf das neue Jahr geblieben? Die Begeisterung? Die Feier-Freude ist nur noch Vergangenheit. Damit muss ich wohl leben. Je älter ich werde, desto mehr kämpfe ich ohnehin mit der Betroffenheit angesichts all dessen, was außerhalb des eigenen Mikrokosmos geschieht. Beinah möchte ich mich mit dem Wunsch zufriedengeben, dass alles nicht noch schlimmer wird. Dabei sollte es besser werden. Frieden in Europa, das ist die große Hoffnung fürs neue Jahr. In der Ukraine, in unserer Gesellschaft. Und Gesundheit für die Familie, auch die steht auf dem Wunschzettel. Alles andere lässt sich regeln.

Zum Glück weiß ich: In den ersten Tagen des neuen Jahres schleicht sie sich doch wieder ein, die Vorfreude. Ganz unerwartet, beim Autofahren, kribbelt es wieder. Dann kreisen meine Gedanken plötzlich um noch unausgereifte Vorhaben, neue Ideen, verheißungsvolle Perspektiven. Die ich nur erkennen und beim Schopf greifen müsste.  So war es in den letzten Jahren. So wird das auch dieses Mal.

Ihr Lieben! Kommt bitte gut ins neue Jahr, ob nun ausgelassen feiernd oder gemütlich daheim, besoffen oder besinnlich. Es geht nicht um diesen einen Abend. Überraschend Positives kann uns an jedem neuen Tag erwischen. Und das hängt nicht davon ab, wie erlesen der Sekt ist, mit dem wir um Mitternacht zwischen dem einen und dem anderen Jahr anstoßen. Roter süßer Schaumwein aus grünen Plastikbechern tut es auch.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Liebeserklärung

„Du gefällst mir besser als meine Turnschuhe.“ Na, wenn das keine Liebeserklärung ist.

Naiv und von vorgestern, wie ich bin, dachte ich, da war ein junger Romeo in unserem Ort besonders originell, als er diese Worte an eine Mauer schrieb. Meine Tochter klärte mich auf: Aber Mama, das ist doch aus einem Song. Überall schreiben sie jetzt solche Textzeilen an die Wände.

Wieder etwas gelernt. Und stimmt, den Song kenne ich sogar, er läuft auch in meinem Radio.

Titelbild: Graffiti. Bei uns im Ort, Dezember 2022.

Weihnachts-Zitat: Wünsche

Es könnte doch auch sein, dass da jemand ist, mit dem man reden kann. Aber ich weiß ja, dass es nie zu was führt, wenn man sich zu viel von Weihnachten wünscht.

Hans Weber, Alter Schwede*

*Werbung unbeauftragt und unbezahlt.

Hintergrund: Dieser wunderbare Roman des leider früh verstorbenen Schriftstellers Hans Weber (1937-1987) ist ein antiquarischer Neuzugang in meinem Bücherschrank. Ich las ihn das erste Mal als Teenager Ende der 80er-Jahre. Er erzählt die Geschichte von einem Mann um die Fünfzig, dessen Leben ohne große Höhen und Tiefen dahinplätschert, bis er einen dreizehnjährigen Jungen aus dem Heim über Weihnachten in seiner Familie aufnimmt. (Im Zitat spricht der Junge, in Erwartung der Feiertage in einer unbekannten Familie.) Der Text hat mich damals sehr inspiriert, ich schrieb mir viele Zitate heraus. Leider ging dieses Buch wie andere im Laufe der Jahre bei den Umzügen meiner Eltern verloren. Als ich dann in meinem eigenen Roman „Mensch, Manu!“ (Leseprobe: Weihnachten 1989) daraus zitieren wollte, freute ich mich, dass es „Alter Schwede“ aus zweiter Hand zu bestellen gab. Ich kann nach erneuter Lektüre über dreißig Jahre später bestätigen, dass der Roman für mich nichts von seiner literarischen Kraft verloren hat. Eine besondere Empfehlung für alle, die Gutes aus einer anderen Zeit kennenlernen wollen.

Ich wünsche euch von Herzen frohe Feiertage, mit vielen anregenden Gesprächen!

Titelbild: Symbolbild von Pexels

Weihnachts-Zitat: Showtime

Die Weihnachtsvorbereitungen in Italien fallen entschieden bescheidener aus als bei uns. Eigentlich merkt man erst an Heiligabend, dass die Geburt des Heilands bevorsteht. … Überall in dem kleinen Bergstädtchen zirpt und leuchtet und funzelt es bunt hinter den Fensterscheiben – und drinnen gibt es Schweinefüβe und mit Oliven gefüllte Krapfen, während im Fernsehen Nikoläusinnen in gut gefüllten roten Bikinis Showtreppen hinuntergehen.

Jan Weiler, Maria, ihm schmecktʼs nicht!*

*Werbung unbeauftragt und unbezahlt.

Titelbild: Symbolbild von Pexels

Campioncini

Manchmal bekommt man die Antwort auf eine lang gehegte Frage unerwartet und nebenbei. So ging es mir gestern in der Farmacia (Apotheke) im Nachbarort. Bei der kaufe ich nur ein- oder zweimal im Jahr, wenn ich gerade in der Gegend bin und wir etwas brauchen. In meiner Stammapotheke beim Supermarkt hingegen lasse ich richtig viel Geld, für all die Medikamente und Hilfsmittelchen, die man ohne Rezept kaufen muss oder möchte. Was mich in den ersten Jahren in Italien enttäuschte, waren nicht nur die im Vergleich zu meiner alten Heimat höheren Preise für banale Hustensäfte oder Handcremes, sondern vor allem, dass ich nie Campioncini (Pröbchen) dazubekam, wie ich es aus Deutschland kannte. Als die Kinder noch klein waren, schwörte ich auf einen deutschen Hustensaft und deckte mich in jedem Urlaub damit ein. Als man mir dort regelmäßig Cremeproben und Taschentücher und Lutschtabletten und Traubenzucker als Werbung dazupackte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, würde ich doch nicht wiederkommen. Wo, verdammt, so fragte ich mich, blieben die Samples in Italien? Die Vertreter würden sie doch auch hier dalassen, um ihre Kosmetika und Gesundheitsmittel mit Hilfe der Apotheken unter die Leute zu bringen. Natürlich wagte ich mich nie, eine so vertrauliche Frage unserem Apotheker des Vertrauens zu stellen. Was sollte er antworten? An seiner Stelle antwortete mir nun viele Jahre später die Kollegin im Nachbarort. Ich selbst wollte nur ein Rezept einlösen, aber eine ältere Kundin war schon länger im Gespräch am anderen Bedientisch. Es ging um Haarpflegemittel. Sie hatte offensichtlich Beratungsbedarf und zeigte sich unentschlossen, vermutlich spielte auch der stattliche Preis eine Rolle dabei. Die Apothekerin, die mich bediente, war mit einem Ohr bei den Verkaufsverhandlungen ihres Kollegen und mischte sich schließlich ein. Als die Kundin noch einmal fragte, ob dieses Shampoo wirklich gut sei, bestätigte sie:

Sì, sì, è buono, molto nutriente. Lo ho usato anch’io.“ (Ja, es ist gut, sehr reichhaltig. Ich habe es auch schon benutzt.)

Und dann:

Avevo dei campioncini.“ (Ich hatte Pröbchen davon.)

Natürlich hatte mein Mann, dem ich das Ganze brühwarm berichtete, eine Erklärung parat. Es seien die Hersteller, die in italienischen Apotheken sparen, indem sie nur wenige Samples für die Verkäufer dalassen, die dann als Testimonials auftreten könnten. Hm, ich weiß nicht, welcher Interpretation ich Glauben schenke: meinem Argwohn oder der freundschaftlichen Version unter Landsleuten.

Nun ist es aber nicht so, dass wir von unserer Stammapotheke als treue Kunden gar nichts bekommen. Zu Weihnachten gibt es alle paar Jahre mal ein Gadget. Der Einkaufswagenchip kam letzten Dezember genau zur richtigen Zeit, war meiner doch gerade kaputtgegangen. Mit Namen und Adresse der Apotheke darauf habe ich immer vor Augen, wo ich kaufen soll. Bei teuren Cremes und Wässerchen für die Schönheit halte ich mich allerdings zurück. Die würde ich gerne vorher testen. Da bleibt mir nur der Weg in die Parfümerie, denn dort gibt es Campioncini. Manchmal.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Weihnachts-Zitat: Bäume

Wenn Weihnachten naht, das Fest der Gemütlichkeit schlechthin, werden überdimensionale Tannen in die Wohnungen geschleppt, deren abgetrennten Stamm ein Christbaumständer hält. … Am Abend vor Weihnachten schmücken die Erwachsenen heimlich, ohne Wissen der Kinder, den Baum. … Ich habe nie recht verstanden, weshalb meine deutschen Gäste mein Bäumchen, an das meine Kinder schon eine Woche vor Weihnachten Kugeln gehängt hatten, was wegen seiner geringen Größe leicht möglich war, mit Abscheu betrachteten. … Ich selbst habe immer mit einer Mischung aus Bewunderung und Ärger zugesehen, wie unmenschliche Anstrengungen unternommen werden, um einen riesigen Baum zu schmücken, der zehn Tage lang in den überheizten Wohnungen langsam vor sich hin welkt und sich anschließend in Weihnachtssperrmüll verwandelt.

Antonella Romeo, La deutsche Vita*

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Titelbild: Symbolbild von Pexels

Leider aktuell

Rock- und Popmusik offenbart oft erst Jahre nach der Veröffentlichung ihre wahre Genialität. Gute Melodien sind zeitlos, starke Texte von unvergänglicher Poesie. Unterhaltungsmusik wird dann zu Kunst, wenn sie damals wie heute berührt, inspiriert, motiviert.

Als mir meine Schwester im Herbst in Dresden den Besuch eines Theaterabends vorschlug, bei dem „die größten AMIGA-Hits“ Revue passieren sollten, war ich skeptisch. Klar gab es gute Musik, damals in der DDR, ich besitze selbst einige CDs mit besonders schönen Songs. Aber mussten sie nun auf einer Theaterbühne nachgesungen werden? Auch der Titel der Aufführung, „Die Legende vom heißen Sommer“*, hat in diesem Jahr 2022 plötzlich einen bitteren Beigeschmack. Aber das Stück wurde bereits zum 30. Jahrestag des Mauerfalls inszeniert, kam im Herbst 2019 auf die Bühne. Wie anders war da noch unser Leben, unsere Welt. Vor gerade mal drei Jahren. Den zeitlichen Aufhänger nicht mehr vor dem geistigen Auge, irritierte mich das Entree mit „Looking for Freedom“. Ich mochte ihn nicht, den Amerikaner, der Silvester 89/90 mal kurz vom Strand aus nach Berlin geflogen war, um sich mit seiner Freiheits-Schnulze an der Mauer feiern zu lassen. Zum Glück wurde die Inszenierung schnell besser und dann sogar so gut, dass ich euch das Stück unbedingt empfehlen möchte. Gegen Ende standen die Zuschauer reihenweise auf, als einfaches Mitklatschen der Euphorie nicht mehr gerecht wurde. Die Interpreten spielten und sangen sich die Seele aus dem Leib, ganz besonders begeisterte Julia Henke als Helga. Gar nichts war peinlich, es gab viele großartige Interpretationen und rührende Momente. Und der Titel hat natürlich auch seinen Hintergrund. Das Wortspiel erinnert an zwei große Filmhits der DDR: „Die Legende von Paul und Paula“ (die Puhdys lieferten den Soundtrack) und „Heißer Sommer“, mit dem damaligen Traumpaar der ostdeutschen Schlagerszene Frank Schöbel und Chris Doerk.

Alles andere als leicht fiel die Auswahl der Stücke, an die auf der Bühne erinnert wird. Das berichtet der letzte AMIGA-Chef Jörg Stempel im Programmheft. Man musste sich auf 50 Titel beschränken. „Popularität, musikalische Vielfalt und dramaturgische Gesichtspunkte“ spielten eine Rolle, schließlich sollte mit Unterstützung der Musikauswahl auch eine Geschichte erzählt werden. Nicht fehlen durften die „Sieben Brücken“ und der klassische Streit, ob es nun ursprünglich Peter Maffays Titel war (falsch!) oder ein Song der DDR-Rockband Karat (richtig!). Von denen gab es auch den „König der Welt“ auf der Bühne des Boulevardtheaters, weil es in der Geschichte ‒ wie könnte es anders sein ‒ um Liebe geht. Karat, eine der erfolgreichsten Rockbands der DDR, hätte noch so viele Stücke beisteuern können. Mir kam beim anschließenden Stöbern in der DDR-Musikgeschichte ganz besonders ein Werk aus dem Jahr 1982 wieder in den Sinn. „Der blaue Planet“ schaffte es 2019 nicht in die enge Auswahl fürs Bühnenstück. Wäre die Wahl 2022 anders ausgefallen? Ich meine ja. „Der blaue Planet“ gehört unbedingt dazu, wenn es um Gänsehaut provozierende Aktualität der Musik aus einem Land geht, das es nicht mehr gibt. Auch wenn man sich wünschte, dass genau dieser Titel gar nicht mehr aktuell sein würde.

„Uns hilft kein Gott, unsere Welt zu erhalten.“

Mehr erfahren: Alles zum Theaterstück am Dresdner Boulevardtheater lest ihr hier. Interessante Hintergründe zum Erfolg des Titels „Der blaue Planet“ von Karat erfahrt ihr in diesem FAZ-Artikel.

*Werbung unbeauftragt und unbezahlt. Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Weihnachts-Zitat: Bescherung

Am Abend sitzen wir dann in halbwegs festlicher Stimmung vor dem Weihnachtsbaum. Der Baum hat leider so gut wie keine Nadeln mehr. Nachdem wir die Elvis-Weihnachtsplatte gehört haben, tausche ich mit meinen Eltern Umschläge aus. Sie schenken mir fünfzig Euro. Ich habe ihnen sechzig Euro geschenkt. Scheiße.

Sebastian Lehman, Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück.*

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Titelbild: Symbolbild von Pexels

Italien gegen das restliche Europa

Nein, das ist keine politische Kampfansage. Ich berichte euch heute von einem wunderbaren Fest. Jedes Jahr im November, sozusagen als Abschlussball nach den großen nationalen und internationalen Wettkämpfen, feiert sich die italienische Gymnastik-Bewegung, zu der Rhythmische Sportgymnastik, Geräteturnen, Akrobatik und Aerobic zählen. Der Fastweb Grand Prix di Ginnastica fand diesmal in Busto Arsizio in der Provinz Varese statt, einen Katzensprung von uns entfernt. Wer wie meine Tochter und ich zu Welt- und Europameisterschaften bis nach Stuttgart und München fährt, der kann sich ein Turnfest vor der eigenen Haustür nicht entgehen lassen. Also sicherten wir uns rechtzeitig die besten Plätze (das war gut so, denn die Halle war ausverkauft), und erlebten am vergangenen Samstag einige unserer Turnstars ein weiteres Mal hautnah. Zum Auftakt der Show traten erstmals auch behinderte Sportler und Sportlerinnen auf. Eine Geste mit Symbolkraft: Diversität will im Sport nicht nur toleriert, sondern angemessen gefeiert werden.

Zum Feiern laden sich die Italiener jedes Jahr illustre Gäste ein. Europäische Spitzenturner*innen und Gymnastinnen sind dabei, um sich in einer direkten Challenge mit der italienischen Konkurrenz zu messen. Dieser Wettkampfteil nennt sich dann „Italien gegen das restliche Europa“. Den Rest von Europa vertraten in diesem Jahr: Viktoriia Onopriienko, Rhythmische Sportgymnastin aus der Ukraine, Ilias Geōrgíou, Geräteturner aus Zypern (Barren und Reck), Courtney Tulloch, Geräteturner aus Großbritannien (Ringe) sowie ‒ darüber freuten wir uns besonders ‒ die Deutsche Elisabeth Seitz (Balken und Stufenbarren). Eli Seitz lieferte sich die Challenge an ihrem Paradegerät Stufenbarren erneut mit unserer Italienerin Alice D’Amato, welche sie bei ihrem Sieg bei der EM in München ganz knapp auf den zweiten Platz verwiesen hatte. Natürlich schlagen in unserer deutsch-italienischen Mischfamilie die Herzen für beide Sportlerinnen. Zumal, wenn sie gleichwertige Leistungen zeigen. Am Samstag lieferten sowohl Alice als auch Eli erneut eine brillante Übung ab und wurden dafür beide mit der Traumnote 14,6 belohnt. So ging in diesem Duell ein Punkt sowohl an das Gastgeberland als auch an die Gäste.

Den Pokal des Grand Prix gewann am Ende das italienische Team. Die „Azzurri“ hatten ein absolutes Staraufgebot antreten lassen, allen voran die diesjährige vierfache Weltmeisterin der Rhythmischen Sportgymnastik Sofia Raffaeli. Mit der Wertung der (internationalen) Jury stimmte das Publikum überein, nur an den Ringen gab es lautstark bekundetes Unverständnis, als auch an diesem Gerät der Italiener gewann. Dort hatte es Courtney Tulloch (Mannschaftsgold und Bronze an den Ringen bei der letzten WM in Liverpool) vielleicht ein wenig übertrieben, das Publikum während seiner eindeutig höherwertigen Übung mit einer originellen Extra-Pose unterhalten zu wollen. Ich verstand seine Geste gut. Mir kam das Ganze weniger wie ein bierernster Wettbewerb, sondern vielmehr wie ein Freundschaftsturnier vor. Ein Fest eben. Auch Eli Seitz war sichtlich gut gelaunt, selbst nach ihren Patzern am Balken. Wir beobachteten, wie sie sich anschließend mit ihrer Konkurrentin Giorgia Villa angeregt unterhielt, wobei die Hände der beiden stark zum Einsatz kamen. Wie dumm von uns, dass wir nicht daran gedacht hatten, uns zum Übersetzen anzubieten. Diesen Dienst hätte ich liebend gern, aber sicher noch lieber meine Tochter übernommen. Dann wäre auch ein persönliches Autogramm drin gewesen. Auf das extremsportliche Gerangel am Ausgang, wo die italienischen Nationalturnerinnen (Team-Gold bei der EM in München) am Ende signierten, verzichteten wir. Es wäre ein „Wir gegen die restlichen Fans“ geworden. Vom freundschaftlichen Sportsgeist beseelt, ließen wir den vielen jungen Autogrammjäger*innen den Vortritt.

Weihnachts-Zitat: Geschenke

Weihnachten war im Osten der neunziger Jahre ein eigenartiges Fest. Schon nachmittags gegen zwei Uhr, der Baum stand noch verpackt im Garten, konnte es passieren, dass man über die riesengroßen, überall im Haus verteilten Einkaufstüten flog und dabei sehr unsanft auf die Herkunft der noch verpackten Geschenke hingewiesen wurde: Diesmal waren die Eltern also bei Globus gewesen, und uns Kindern wurde wieder einmal klar, dass sie diese Tempel des schlechten Geschmacks, die auf den grünen Wiesen zwischen Rostock, Sonneberg und Görlitz binnen weniger Monate wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, wie nichts auf der Welt zu lieben schienen und nicht einmal am Weihnachtsfest auf sie verzichten wollten. Je nach Sonderangebotslage stellte sich so der Gabentisch zusammen. … Allein und völlig erschöpft, es war noch nicht einmal drei Uhr, stand ich vor dem riesigen Berg mit Geschenken, die niemand brauchte und keiner wollte, und wünschte mich weit weg.

Jana Hensel, Zonenkinder*

*Werbung unbeauftragt und unbezahlt.

Titelbild: Symbolbild von Pexels