La Pizza – eine kulinarische Zeitreise

Wenn wir in Italien Deutsches Fernsehen schauen, schalte ich bei der Werbung auf keinen Fall ab. Es ist ein herrliches Vergnügen zu sehen, wie eine Produktkategorie nach der anderen werbesprachlich italophilen Einflüssen zum Opfer fällt. Die Fantasie der Werbetexter kennt keine Grenzen des guten Geschmacks, wenn es darum geht, Produkten Made in Irgendwo mit Hilfe lustig klingender Markennamen mit Suffix-Kreationen wie -issimo, -ella, -eria, -essa den Charme des Dolce Vita verleihen zu wollen. Wenn das nicht reicht, engagiert man gleich noch einen Sprecher mit italienischem Akzent und südländischem Temperament. Aus jeder banalen Tiefkühlpizza wird so im Handumdrehen ein Abend wie in Italien oder zumindest wie beim Italiener.

Nach zwanzig Jahren, die ich nun schon in Pizzalandia lebe, interessierte mich, wo und wann ich mit dem Kultnahrungsmittel und Italiensymbol Numero Uno erstmals in Kontakt kam. Oder mit ähnlichem Gebäck, das diesen Namen trug. Kommt mit auf eine kulinarische Zeitreise!

Westdeutschland, 1990

Meine erste richtige Pizza aß ich in einem kleinen Städtchen in Baden-Württemberg, es muss 1990 gewesen sein. Unsere Westverwandten luden uns dazu in ein italienisches Ristorante ein. Von ihnen lernten wir auch, dass man sich eine Pizza teilen kann. Die sind schließlich viel zu groß. Diesen Hinweis gab uns Tante Erika vorsorglich, noch bevor wir begannen, die aufregend lange Liste zu studieren. „Das machen wir auch immer so.“ Dass die Schwaben ein sparsames Völkchen sind, erfuhren wir also direkt auf dem eigenen Teller. Tante Erika behielt Recht, für meine Mutter und mich reichte eine halbe Pizza vollkommen. Mein Vater durfte, so glaube ich mich zu erinnern, eine ganze Pizza allein essen. Wir weltfremden Ostbürger waren natürlich begeistert, bei einem echten Italiener einzukehren. Ich kann mich jedoch beim besten Willen nicht erinnern, was für eine Pizza ich hatte, noch, ob sie mir besonders schmeckte. Aber so ist das manchmal beim ersten Mal. Man ist viel zu aufgeregt und kann es gar nicht richtig genießen.

Ostdeutschland, 80er-Jahre

In der DDR gab es meiner Erinnerung nach überhaupt keine Pizza, obwohl ich jetzt im Internet lese, es hätte sogenannte „Krusta“-HO-Gaststätten in Berlin gegeben. Man musste damals allen westlichen Einflüssen einen anderen Namen verpassen, um zu zeigen, dass man eben nicht abkupferte, sondern eigene sozialistische Kreationen kreierte. Ich erinnere mich gut an den Hype um Grilletta (Hamburger) und Ketwurst (Hot Dog) am Berliner Alexanderplatz. Ich glaube, kurz nach der Wende kam die Mode auf, bei Feten (so nannten wir private Partys) eine waghalsige Komposition auf dem Backblech zu zaubern und Pizza zu nennen. Tatsächlich handelte es sich dabei um einen herzhaften, üppig belegten Blechkuchen. Welchen Teig man nahm, war vermutlich nicht so wichtig, ich denke aber, es war im Idealfall Hefeteig. Darauf kam alles, was der Kühlschrank hergab. In jedem Fall: Hackfleisch, geschnittene Wurst und/oder Salami, Käse, Tomatenketchup, Paprika oder anderes saisonales Gemüse. Erst wenn wirklich nichts mehr draufpasste, weil die Schichten über das Blech hinauszukriechen drohten, kam zum Abschluss ordentlich geriebener Käse darüber, und ab in den Ofen. Da fehlt noch was? Nein, ich möchte bezweifeln, dass jemand damals schon Dosenananas zur Krönung mit hineinmantschte. Ananas war für uns immer noch eine Delikatesse, solange wir die D-Mark nicht hatten und uns die konservierten Südfrüchte nicht im Supermarkt zu Westpreisen holen konnten.

Vereinigte Staaten, 80er- und 90er-Jahre

Ehe italienische Restaurants oder welche, die sich als solche ausgaben, bei uns in der brandenburgischen Provinz aufmachten, lernte ich auf meiner ersten großen Auslandsreise zunächst die amerikanische Interpretation des Italo-Klassikers kennen. Pizza Hut und Co. zeigten mir, wie fluffig weich und hoch ein Teig sein konnte, und auch dort geizte man nicht mit Belag, wenn auch kein Hackfleisch dabei war. Dabei gab es doch auch die echten Italiener in Amerika. Das wussten wir im Osten spätestens seit dem italienischen Kult-TV-Mehrteiler „Cenerentola´80“, der in der DDR als Spielfilm unter dem Titel „Cinderella ’80“ lief. Cindy, interpretiert von der zauberhaften Bonnie Bianco, beweist ihr italienisches Temperament in der Pizzeria ihres Vaters auf dem Stuhl tanzend und ein mitreißendes Loblied auf die Neapolitanische Pizza singend.

Bonnie Bianco – Pizza: „Pizza, pizza, how we love you. Una a me e una a te.

Ende der 80er-Jahre interessierte mich Teenagerin freilich mehr der atemberaubend schöne Prinz, interpretiert von Pierre Cosso, als die original italienische Gaumenfreude. Und es war mir schnuppe ‒ zumal ich es nicht ahnte ‒ dass ich bis zur knusprig dünnen Steinofenpizza in Italien meine Geschmacksnerven noch so mancher kulinarischen Mutprobe aussetzen würde.

Norditalien, heutzutage

Mittlerweile sind wir so verwöhnt, dass wir sogar in Italien mäkeln, denn glaubt bloß nicht, dass Pizzas überall und immer vorzüglich schmecken. Die Pizzeria mit Lieferservice wechseln wir alle paar Monate, weil wir immer irgendwann ein Haar in der Pizza finden, symbolisch gesprochen. Der Belag mal nicht so frisch, der Rand verbrannt, kann alles passieren. Einmal: Pazienza, nicht so schlimm. Zweimal: Nicht mit uns! Vielleicht haben wir einfach nur Pech in der nahen Umgebung. Mir ist manchmal auch die Auswahl zu groß. Ich brauche nicht hundert verschiedene Pizzas, das Ergebnis ist dann meist, dass ich, ohne zu lesen, einfach nach meiner Lieblingspizza frage (Mele e Zola – Mozarella, Gorgonzola, Apfelscheiben). Ein Phänomen, das ich bei den Mitmenschen beobachte: Je mehr Auswahl, desto wählerischer. So in der Art: Ich nehme die Pizza Pinco Pallino, aber … ohne Rucola, mit doppelt Mozzarella, mit Prosciutto Cotto statt Crudo, ohne Kapern … Ganz nach dem Motto: Das Leben ist eine Pizzaliste, man weiß nie, was man bekommt und riskiert womöglich einen Fehlgriff. Luxusprobleme.

Der Lieferkarton einer Pizzeria di Asporto in unserer Nähe, mit der wir gerade recht zufrieden sind.

Westdeutschland, vor ein paar Jahren

Nun muss ich euch noch erzählen, wie mein Mann den Kulturschock seines Lebens in Sachen „Was man im Ausland Pizza nennt“ erlitt. Wir waren mit dem Auto in Richtung Dresden oder Berlin unterwegs, es gab Stau, es wurde spät und allerhöchste Zeit fürs Abendessen. Aber immer, wenn wir in Deutschland irgendwo in Bayern oder Baden-Württemberg von der Autobahn abfahren, in den erstbesten Ort, haben Gasthöfe an diesem Tag Ruhetag, oder sie schließen schon um 19.30 Uhr die Küche. Einmal fanden wir eine Pizzeria Italiana, es war irgendwo in Bayern. Wir wollten, gerade in Deutschland eingereist, eigentlich nicht italienisch essen, hatten Lust auf ein ordentliches Schnitzel oder einen deftigen Schweinebraten. Doch als wir mit dem Chef ins Gespräch kamen und er sich als gebürtiger Italiener entpuppte, fassten wir Vertrauen. Mein Mann bestellte eine Pizza Quattro Formaggi. Die ist, wie der Name sagt, im Original mit viererlei Käse belegt: Mozzarella, Gorgonzola, Fontina und Parmigiano Reggiano, in der roten Variante mit einer Basis Tomatenpüree, in der weißen ohne. Die Käsesorten können regional variieren. Aber es sind vier. Und man schmeckt und sieht sie. Mein Mann bekam eine Pizza mit einem undefinierbaren Belag (wir wurden die Vermutung nicht los, es konnte gar so etwas wie Analog-Käse gewesen sein) und, haltet euch fest, einem Berg gebräunten Zwiebeln obendrauf. Das ist nicht nur nicht das, was er bestellt hatte. Viel schlimmer. Wenn mein Mann etwas hasst, dann sind es gebratene Zwiebeln. Ich sah ihn brodeln und ahnte, was in seinem Kopf vorging, als er den tonnenschweren ungewünschten Belag an den Tellerrand beförderte: Den knöpf ich mir vor! Wen denkt er, vor sich zu haben? Will der mich verarschen? Endlich war Antonio, so nennen wir ihn jetzt einfach mal, wieder in Reichweite. Mit gekonnter Geste zitierte mein Mann ihn zu uns an den Tisch.

Che cos’è questo, mi scusi? Was soll das bitte sein?

Ob ihn nun doch das schlechte Gewissen plagte oder es ihm nur die Stimme verschlagen hatte, wer weiß, jedenfalls zeigte Antonio in die Karte und tippte auf Quattro Formaggi.

Con le cipolle dorate? Mit gebratenen Zwiebeln?

Antonio erklärte schulterzuckend:

Ai tedeschi piace così. Die Deutschen mögen das so.

An dieser Stelle fehlten nun allerdings meinem Mann die Worte. Er winkte theatralisch ab, wie es nur die Italiener können und Antonio es verstehen musste.

Liebe italienischstämmige Gastwirte! Lasst euch nicht verbiegen. Denkt nicht, ihr müsst es den Deutschen recht machen. Macht es einfach gut, ihr könnt es schließlich. Die Deutschen werden es schätzen und mögen. Sie sind lernfähig. Ja, tatsächlich! Bitte, tut ihnen Gutes und pfeift auf ihren Geschmack. Und wer gebratene Zwiebeln mag, der soll ins Wirtshaus gehen und nicht zum Italiener.

Dresden, nach der Wende und bis heute: Einer, der es richtig gemacht hat, ist Giuseppe Gagliardi aus Salerno, Gastwirt in Dresden. Im August haben wir ihn in seinem Lokal Il Girasole getroffen, ich probierte eine Pizza und sie war buonissima. Gagliardi war 1990 der Italiener, der die Pizza nach Dresden brachte. Lest hier das Interview, das ich mit ihm geführt habe.

Titelbild: Symbolbild von Pexels, Photo 5903233.

Die Schule des Lebens

Mamma, sono molto felice. Mi sento davvero grande e responsabile.“ (Mama, ich bin so glücklich. Ich fühle mich groß und voller Verantwortung.)

Unsere Tochter grinst wie ein Honigkuchenpferd und umarmt mich glückselig, was in dieser Phase ihres jungen Lebens selten vorkommt.

Nur einen Tag später ist das Hochgefühl einem Katzenjammer gewichen: „Mamma, non voglio più andare a questa scuola.“ (Mama, ich will nicht mehr zu dieser Schule fahren.)

Tränen kullern übers Gesicht, ich reiche Taschentücher und streiche ihr mitfühlend über die nasse Wange.

Aber der Reihe nach. Montag, der 13. September, war nach kurzen Sommerferien von nur drei Monaten der erste Schultag für vier Millionen italienische Kinder und Jugendliche. Für unsere Älteste war es viel mehr und alles auf einmal. Neue Schule, neue Klassenkameraden, neue Lehrer, aber vor allem: Schluss mit kurzen Wegen zu Fuß, Mama-Taxi und Schulbus. Mit Beginn der Superiore (Oberschule von der 9. bis zur 13. Klasse) heißt es für sie wie alle Vierzehnjährigen, unabhängig zu werden. Und dazu gehört der mutige Sprung ins kalte Wasser, sprich, den öffentlichen Nahverkehr. In ihrem Fall bedeutet das: mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug nach Varese und dort nochmal ein ganzes Stück zu Fuß. Im August konnte sie es kaum erwarten und ging mit ihren Freundinnen auf die Teststrecke. Den ersten verwegenen Versuch, einen Bus an unserer Haltestelle zu nehmen, brachen sie nach einer Stunde vergeblichen Wartens ab. Zwei Busse sollten in diesem Zeitraum fahren, keiner kam wirklich. Bei mir flackerten sofort Erinnerungen an meine Zeit ohne Auto auf, als tapfere Fußgängerin in der italienischen Provinz. Im August verkehrten schon damals nur die allerwenigstens Busse tatsächlich.

„Hast du denn die Fußnoten studiert?“, fragte ich ahnungsvoll.

„Was willst du? Der Plan gilt von Juni bis Anfang September!“, beharrte sie trotzig.

„Die Fußnoten, mein Kind, winzig kleingedruckt am unteren Rand“, erklärte ich und fand den Beweis für meine Vermutung auf der Internetseite des Busunternehmens.

Anfang September gelangen die ersten Testfahrten, wir fanden heraus, wie die Abonnements funktionieren, und zwei Tage vor dem ersten Schultag erschien sogar der neue Fahrplan online. Unsere Tochter war immer noch nervös, fühlte sich der Herausforderung aber gewachsen. Wie aufregend die erste Woche mit den Mezzi Pubblici, den öffentlichen Verkehrsmitteln, werden würde, ahnten wir freilich nicht. Die Leute reden viel Schlechtes, aber wie man weiß, wird gern übertrieben. Nichts liegt mir ferner. Und doch: Die Kombination der Ereignisse der ersten Woche bot schon fast alles, was man sich nicht gewünscht hatte. Die Fahrt mit den Öffentlichen wurde eine Achterbahnfahrt der Gefühle in sechs Episoden.

Tag eins: Glückliche Generalprobe

Der Montag, siehe oben, verlief wie am Schnürchen. Es war allerdings auch noch kein richtiger Tag, sondern ein Schulstart light: früh eine halbe Stunde später, eine Stunde eher Schluss. Da es jede Schule anders hielt, verteilten sich die jungen Fahrgäste über den ganzen Vormittag. Bus und Bahn? Ein Kinderspiel!

Tag zwei: Vermasselte Premiere

Das war der Tag, an dem der erste Eimer kaltes Wasser ausgeschüttet wurde. Am Dienstag begann der wahre Schulalltag. Jetzt fuhren alle, wirklich ALLE, mit demselben Zug. Eingeschüchtert stand unsere kleine große Tochter inmitten der Menschenmassen auf dem Bahnsteig, aber sie schaffte es, sich in den Zug zu drängen. Leider wurde sie an der ersten Haltestelle gleich wieder hinausgeschoben und entschied, nicht zu versuchen, wieder einzusteigen, obwohl sie eigentlich eine Station weiterfahren wollte. Nach der Schule verpasste sie ihren Zug knapp und musste wieder zum anderen Bahnhof zurücklaufen. Wie es ihr nach diesem Tag ging, habe ich euch eingangs beschrieben.

Tag drei: Ungeplanter Zwischenfall

Diesmal war unsere mutige Tochter fest entschlossen, nicht die anderen entscheiden zu lassen, wo sie aussteigen würde. Zielstrebig erklomm sie als eine der ersten den Zug und flitzte in die obere Etage. Als die meisten wieder an der ersten Haltestelle hinausströmten, blieb sie sitzen, um wie geplant weiterzufahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Zug bereits zehn Minuten Verspätung, und nun dauerte es ewig, bis er … Nein, er fuhr gar nicht weiter. Eine Durchsage klärte schließlich auf, dass der Zug wegen eines Defekts die Fahrt nicht fortsetzen würde. Also doch aussteigen. Schade nur, dass jetzt die Zeit knapp war und sie den nun längeren Weg rennen musste.

Tag vier: Fast schon Routine

Gut gewappnet und vermeintlich auf alles vorbereitet, verlief die Reise ohne besondere Vorkommnisse. Stolz erzählte unsere Oberschülerin am Nachmittag, es sei unterwegs sogar recht unterhaltsam: Im Bus, am Bahnhof, auf dem Weg träfe sie immer wieder ehemalige oder neue Klassenkameraden. Die Freude über den erfolgreich absolvierten Schulweg währte eine knappe Stunde, dann tobte sie schimpfend durch die Wohnung. Für den folgenden Tag gab es die unheilvolle Ankündigung:

Sciopero!!! (Streik)

Dass es früher oder später einige davon geben würde, war uns klar. Aber so früh, am Freitag der allerersten Schulwoche? Nun ja, streiken ist erst dann schön, wenn man die Fahrgäste so richtig ärgern kann. Nach Recherche im Internet und Ansagen im Radio stellte sich heraus, dass die Verbindungen am Morgen noch gesichert seien, für den Rückweg müsse man sich arrangieren.

Tag fünf: Wenn die Züge stillstehen

Der Papa übernahm am Tag des „Sciopero nazionale del trasporto pubblico locale“ (Nationaler Streik im öffentlichen Personennahverkehr) die Retterrolle und unterbrach die Arbeit, um seine Tochter mit dem Auto sicher nach Hause zu bringen. Nicht ohne sie bei dieser Gelegenheit auf eine Pizza auszuführen. Wie ließe sich einem Freitag, dem 17., ein köstlicheres Schnippchen schlagen?

Tag sechs: Alle Schleusen auf

Ja, ihr lest richtig. Auch samstags ist jetzt Schule. Der Wecker unserer Tochter klingelt wie in der Woche gnadenlos um 5.30 Uhr. Gleich am ersten Samstag wurde es ernst mit kaltem Wasser, nämlich in Form von Niederschlag. Nun ist es in diesen Zeiten leider oft so, dass es nicht einfach regnet, sondern schüttet. In Deutschland Starkregen genannt, sind es hier theatralische „Bombe d’Acqua“, die für Chaos sorgen. Bus oder Bahn kamen zum Glück (diesmal) nicht in Schwierigkeiten, aber der Fußweg wurde zum Fußbad und Schuhe und Socken trockneten kein bisschen während der vier Stunden Unterricht. (Unglaublich, dass es in der Schule keine Fußbodenheizung gibt!)

Es ist nun unsere dringende Mission, wasserfestes Schuhwerk zu besorgen. Dann dürfte unsere Große auf alles vorbereitet sein. Bis zu den ersten Schneeflocken. Da bricht erfahrungsgemäß jeglicher Verkehr zusammen, und viele Italiener bleiben einfach zuhause. Auch die Schüler? Wir werden sehen. Eins steht fest: In Italien ist die tägliche Fahrt mit Bus und Bahn eine wahre Schule des Lebens. Die fürs Praktische. Mit vierzehn ist es auch allerhöchste Zeit dafür, meint ihr nicht?

Unser Bahnhof. So schön leer war er nur zu Zeiten des Lockdowns, ich fotografierte ihn, als ich im März für meinen deutschen Reisepass nach Milano fuhr. Die Geschichte zu diesem spannenden Abenteuer könnt ihr hier nachlesen: Rosso Relativo oder mein verbotener Bummel durch Mailand.

Titelbild: Einen Schalterservice gibt es an unserem Bahnhof seit einigen Monaten nicht mehr. Self Service ist angesagt, verbunden mit der Hoffnung, dass der Fahrkartenautomat funktioniert und die Leute vor einem daran nicht den Verkehr aufhalten. Besser, man hat ein Abo und kann durchlaufen.

Glücksprognosen

Der Italiener und der Aberglaube

„Lasst uns umkehren“, meint unsere Große verschmitzt. „Il gatto nero porta sfortuna!

Tatsächlich hatte direkt vor unseren Augen ein schwarzer Kater die Straße überquert, keine zwanzig Meter vom Hotel entfernt, und wir waren mal wieder spät dran. „Wartet mal“, werfe ich ein, und meine damit nicht, die Fahrt zu unterbrechen oder gar den Ausflug nach Montepulciano abzublasen. Ich erinnere mich, dass es zumindest nach deutschem Aberglauben einen Unterschied macht, ob der schwarze Kater von links nach rechts (pechts) oder aber von rechts nach links (Glück bringts) einen Weg kreuzt. Triumphierend kläre ich auf, dass der Kater hier gerade von rechts aus dem Gebüsch gekrochen und über die Straße geflitzt war. Nach links. „Glück bringts!“, so heißt es in Deutschland. „Bei euch etwa nicht?“, frage ich die Italiener in meiner Familie. „Boh“, bekomme ich als schnodderige Antwort. So genau nimmt man es dann doch wieder nicht mit dem Aberglauben. Während wir unsere Fahrt gut gelaunt fortsetzen, fällt mir ein, dass es nicht der erste Gedanke dieser Art ist, der mich in diesem Urlaub ereilt. Unser burgähnliches Hotel liegt versteckt auf einer einsamen Anhöhe im Wald. Wir hatten bei der Anreise am Freitag einige Irrwege hinter uns bringen müssen, um es zu finden. Als ich dann unser Zimmer aufschloss, hatte ich mit gemischten Gefühlen auf die Messingziffer an der Tür gestarrt. Ausgerechnet die Dreizehn. Aber nein, in Italien war es statt der Dreizehn die Siebzehn, die als vermeintliche Unglückszahl besser keine Zimmernummer im Hotel oder Sitznummerierung im Flugzeug sein sollte. Seit ich in Italien lebe, kann ich an Freitagen, die auf einen 13. des Monats fallen, verunsichernde Gedanken getrost verwerfen. Betrifft mich nicht. Genauso behandele ich auch Freitage, die ein 17. sind und abergläubisch veranlagten Italienern zu schaffen machen. An diesen Tagen tröste ich mich damit, Deutsche zu sein. Ich bin fein raus.

Von einem besonders kuriosen Aberglauben der Italiener erfuhr ich kaum, dass ich mich richtig eingelebt hatte. Es geschah, als ich eines Morgens meinen nassen Schirm ins Büro brachte, um ihn neben dem Schreibtisch aufzuspannen. In einer halben Stunde wäre er getrocknet. Als pingelige, ordnungsliebende Deutsche war ich es so gewohnt. Es kam für mich nicht in Frage, einen Schirm klitschnass im Schirmbehälter oder wo auch immer zu lassen und am Abend im muffigen Zustand nach Hause zu tragen. Doch ich hatte meine Rechnung ohne Luisa gemacht. Luisa war eine Kollegin im Großraumbüro, kurz vor der Rente, und wohl auch pingelig. Dachte ich, als sie empört und in einer Lautstärke, dass es alle hörten, verlangte, ich solle augenblicklich den Schirm schließen. Sie war aber gar nicht pingelig, sondern abergläubisch, wie ich vom grinsenden jungen Schreibtischnachbarn erfuhr. „Non sai, che porta sfortuna aprire un ombrello in casa?“ Es brächte Unglück, einen Schirm in Innenräumen aufzuspannen. Nass oder trocken spielt dabei wohl keine Rolle. Luisa, mit der ich bis dahin noch nicht viel zu tun gehabt hatte, blieb mir unsympathisch. Es war nicht der irrwitzige Aberglaube, der mich auf Distanz zu ihr brachte, sondern die Entrüstung, mit der sie mich, ohne mir eine Erklärung zu geben, angegangen war.

Natürlich öffne ich weiter meinen Schirm, wo es mir passt. Allerdings erst, nachdem ich mich abgesichert habe, dass niemand etwas dagegen haben könnte. Auch wenn ich mich selbst gerne zu Gedanken der Art hinreißen lasse, dass Zufälle in Wirklichkeit Zeichen sind, lehne ich Aberglauben und seine negativen Implikationen aus tiefstem Herzen ab. Ich gehe mittlerweile sogar so weit, den ein oder anderen für mich persönlich ins Gegenteil umzukehren und als Glücksfall zu interpretieren. Spätestens, seit unsere Jüngste an einem Freitag, dem 17., zu uns auf die Welt kam, ist diese Konstellation ein offizieller Glückstag in unserer deutsch-italienischen Familie. Und wenn wir schon bei Glückszahlen sind: Wie haltet ihr es mit dem Lottospielen? Wenn es für euch nicht die 13 oder 17 sein soll, könntet ihr die Nummern aus euren Träumen ableiten. Wie das geht? Erfahrt ihr hier: Der Italiener und die Lottozahlen gemäß der Smorfia Napoletana. Viel Glück!

PS: Nun schulde ich euch aber noch eine Erklärung, was es mit dem Schirmöffnen auf sich hat und warum dieser Aberglaube entstanden ist. Wie immer gibt es verschiedene Ursprünge, von denen die folgenden zwei mich am ehesten überzeugen. Der erste stammt aus dem alten Rom, wo Regenschirme auch zum Schutz vor Sonne verwendet wurden. Wer einen Regenschirm im Haus öffnete, zollte dem Sonnengott keinen Respekt und brachte Unglück über seine Familie. In weniger ferner Vergangenheit dienten die Schirme oft dazu, Löcher im Dach der Häuser armer Leute zu stopfen, damit es nicht hineinregnete. Das unbegründete Öffnen des Schirms im Haus wurde mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleichgesetzt, die großes finanzielles Unglück heraufbeschwöre. Also, um noch mal auf Luisa zurückzukommen: Dass sie den Sonnengott nicht verärgern wollte, ist gut möglich, aber ich würde es eher verstehen, dass sie sich vor finanziellen Einbußen fürchtete. Da kann man schon mal wütend werden.

Titelbild: Symbolbild von Pexels, Photo 1510543.

Das Ende des Sommers 2001

Es war irgendwann zu dieser Zeit, zwischen Ende August und Anfang September, als ich vor zwanzig Jahren nach Italien kam, um zu bleiben. Das wusste ich freilich noch nicht, oder vielmehr hatte ich mir ein Hintertürchen offengelassen. Ich kam als Touristin, machte Urlaub bei der Familie meines Freundes und hatte einen etwas größeren Koffer mitgebracht, denn vom Süden aus ging es hoch in die lombardische Provinz. Dort hatte ich eine Stelle als deutsche Texterin bei einer amerikanischen Kosmetikfirma bekommen. Einen Praktikumsplatz zunächst, immerhin für ein minimales monatliches Gehalt. Ich weiß jetzt, dass es in Italien nicht Standard ist, auf einer Praktikantenstelle bezahlt zu werden. Obendrein hatte ich das Glück, bei Verwandten meines Freundes unterzukommen, die im Nachbarort wohnten. Meine Zelte in Deutschland hatte ich noch nicht abgerissen, es war ein Auswandern auf Probe. Diese allerersten waren aufregende Tage, im neuen Alltag im fremden Land, aber sie fühlten sich auch ein bisschen wie ein verlängerter Sommerurlaub an. Ich lebte weiterhin aus dem Koffer, in einem kleinen Zimmer zur Untermiete. Am Nachmittag nach der Arbeit ging es mit Kollegen auf einen Aperitivo oder eine Pizza. Wir waren Stammgäste in einer kleinen Bar im Ort, manchmal fuhren wir nach Como an den See. Die neue Tätigkeit entpuppte sich als etwas, das meinen Vorstellungen überraschend nahekam. Ich durfte schreiben. Der Schönheit dienende Produkte in schöne Worte packen, die Kundinnen verführen würden. Ich lernte alles auf einmal: das Texten dank einer professionellen Mentorin ‒ Werbetexterin aus Hamburg, die im Team gerade als Freelancerin aushalf, die neue Sprache dank der italienischen Kollegen, die heimischen Gepflogenheiten der Italiener dank meiner Gastfamilie. Es war eine fantastische, durch und durch positive und unbeschwerte Zeit. Bis zu jenem Tag …

Wenn man mich viele Jahre später fragte, wie lange ich schon in Italien lebe, zögerte ich manchmal mit der Antwort, schwankte zwischen 2000 und 2001, war einen Augenblick lang unsicher. Bis ich eine Eselsbrücke fand, indem ich mich an das Ereignis erinnerte, zu dem sich Menschen weltweit fragen:

Wo warst du damals, als …?

Zwei oder drei Wochen nach meinem Arbeitsbeginn in Italien saßen wir nachmittags im Büro, als eine Kollegin fassungslos den Telefonhörer auflegte. Sie hatte mit ihrer Freundin in Amerika gesprochen. Es war der 11. September 2001. Eine halbe Stunde später wurden wir aufgefordert, nach Hause zu gehen. AVON, als amerikanischer Konzern, ergriff diese Sicherheitsmaßnahme aus Furcht vor weltweiten Angriffen auf amerikanische Ziele. Wir verließen die Firma, aber kaum einer ging nach Hause. Wir waren viel zu irritiert, und eine Gruppe von Kollegen beschloss, nach Como zu fahren. Dort setzten wir uns in eine Hotellobby und sahen CNN. Die Bilder, die wir erst später oder wahrscheinlich nie wirklich begriffen. Ich weiß nicht mehr, ob unsere Büros gleich am nächsten oder erst am übernächsten Tag wieder öffneten, aber eine Zeit lang gab es Taschenkontrollen am Eingang und eine bis dahin nicht gekannte Verunsicherung schwebte in den Gängen.

2001, das Jahr der Veränderungen. Für mich persönlich waren es positive, mit einem gelungenen Neubeginn in einem fantastischen Land, mit netten Kollegen und einer Tätigkeit, die sich endlich richtig anfühlte. Für die Welt hingegen war es der Auftakt zu neuen politischen Krisen. Mich betreffend, habe ich beschlossen, jetzt einfach immer zu sagen, dass ich schon seit zwanzig Jahren in Italien lebe. So vermeide ich die Erinnerung an die Jahreszahl. Leider gibt es keine ähnlich einfache Lösung, damit die Welt endlich die Kurve kriegt und einen Weg findet, raus aus der allgegenwärtigen Angst vor Terrorismus, die damals gesät wurde. Auch der Sommer 2021 fand mitten im August ein abruptes Ende mit grauenhaften Bildern, die uns fassungslos vor den Bildschirmen sitzen ließen und der Hoffnung auf Entspannung einen neuerlichen Tritt in die Magengrube verpassten. Wie gerne hätte ich an dieser Stelle ein anderes, ein positives Resümee gezogen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels, Photo 1008155.

Fremdeln

Wenn ein Kleinkind sich hinter der Mutti versteckt, weil es den geliebten Opa nach knapp zwei Wochen kaum wiedererkennt, dann nennt man das Fremdeln. Klar, für das Kind sind zwei Wochen eine gefühlte Ewigkeit. In diesen Tagen ist auf das kleine Wesen so viel Neues eingestürmt, neue Gesichter, neue Worte, neue Gerüche, dass die Erinnerungen an Opa wie von einer jahrzehnteschweren Last überdeckt sind. Die muss Opa nun erstmal beiseiteräumen. Zum Glück geht das meistens sehr schnell, und er kann seinen Schatz wieder freudestrahlend in die Arme schließen.

Nun würde man meinen, in meinem schon beachtlich fortgeschrittenen Kleinkindalter sollte es solche Momente der Irritation nicht mehr geben, zumal wenn es nicht um eine bekannte Person, sondern um das Heimatland geht.

Doch ich muss gestehen: Je länger ich im Ausland lebe, um so öfter passiert mir gerade das. Ich fremdele. Mit meinem Land. Mit seiner Technik (und da meine ich nicht Windkrafträder wie auf dem Bild, die wir unterwegs in Germania immer mit kindlicher Freude bestaunen und in italienischer Babysprache scherzhaft Gira Gira nennen). Ich fremdele mit dem Verhalten mancher Menschen, mit neuen Redewendungen und ungewohnten Gepflogenheiten. Klar, das Leben ging weiter ohne mich, die Entwicklung ist nicht stehengeblieben. Auch wenn ich regelmäßig Deutschlands führende Nachrichtenseite und eure Blogbeiträge lese, mit Verwandten telefoniere, manchmal einen Fernsehfilm oder eine Dokumentation schaue, gehen große Teile der deutschen Wirklichkeit an mir vorbei. Und wenn ich dann in meiner alten Heimat zu Gast bin, gibt es Situationen, da fühle ich mich einen Augenblick lang fremd. So geschehen in diesem August in Dresden.

Mühsam

Shopping, so sollte man meinen, ist mittlerweile europaweit ein einheitliches Vergnügen. Wenn ich als stolze Member(in) (?) die App einer weltweit präsenten Modekette auf dem Handy habe, würde ich die Punkte auch in Deutschland zugeschrieben bekommen und von den Sonderangeboten exklusiv für Mitglieder profitieren. Meine Tochter schlug bei dieser Kette im Urlaub gewaltig zu, denn im Alltag daheim haben wir selten die Gelegenheit und in ihrem Alter wachsen Kinder nicht nur aus den Sachen, sondern auch aus den Moden schneller heraus, als Müttern lieb ist. Vollgepackt stehe ich an der Kasse und freue mich über die Schnäppchen. Mit Hilfe meiner Tochter gelingt es mir, die App zu öffnen und der Kassenangestellten triumphierend unter die Nase zu halten. Diese versucht mehrmals, den QR-Code zu lesen. „Haben Sie die App in Deutschland runtergeladen?“ „Nein, in Italien. Warum?“ „Ah, na dann geht das nicht.“ Es muss wohl mit den unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen zusammenhängen. Schade. Nix mit Punkten und Extrarabatt. Die stolze dreistellige Summe, die mich der Shoppingrausch meiner Tochter kostet, möchte ich gerne mit Karte begleichen. „Bancomat, ähm, EC-Karte heißt das bei Ihnen“, erkläre ich. „Kein Problem“, sagt die Kassiererin. Ich hingegen ahne es bereits. Ich werde aufgefordert, den Pin einzugeben. Vier Stellen stehen dafür zur Verfügung. „Sorry, ich habe einen fünfstelligen Pin, was mache ich da?“, frage ich und kann die Antwort voraussehen. „Oh, na dann geht es nicht.“ Schade. Zum Glück habe ich Bargeld dabei, ich schwitze, während ich es zähle und atme erleichtert auf, als ich gerade so auf die erforderliche Summe komme. Eis essen ist dann eben nicht mehr drin.

Regelfrei

Auch in diesem Sommer gibt es wieder Momente, in denen wir fragen möchten: Ihr habt hier wohl keine Pandemie? Wir besuchen ein Restaurant, in einem kleinen Ort außerhalb der Landeshauptstadt, und wie wir es seit nunmehr anderthalb Jahren gewohnt sind, betreten wir es mit Maske. Die Kellnerin kommt uns ohne Mund-/Nasenschutz entgegen und teilt lapidar mit: „Die können Sie abmachen.“ Das tun wir, aber wie es sich – unserer Meinung nach – gehört, erst, als wir am Tisch sitzen. Beim Verlassen des Lokals setzen wir sie bewusst wieder auf, auch wenn es nur drei Schritte bis zur Ausgangstür sind. Die Kellnerin grüßen wir dabei freundlich. Erinnerungen an den Sommer 2020 kommen hoch. Desinfektionsgel musste man damals in Berlin und Dresden suchen, mit unseren Masken wurden wir so manches Mal schief angeguckt. Wo kommen die denn her? Ich sprach mit meinen Kindern Italienisch, in jenen Momenten. Vor einem Jahr, im August 2020, hatte ich für die Deutschen fast Verständnis, dass sie so lax mit dem Thema umgingen. Sie hatten noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Trotzdem trafen mich überhebliche Bemerkungen in Sachen „Corona“ – mit Anführungszeichen gesprochen – unangenehm. Zurück in Italien, gingen wir traditionsgemäß in eine Pizzeria in unserem kleinen Ort. Dort erlebten wir wieder das gewohnte Prozedere: Temperaturmessen am Eingang, Hände desinfizieren. Der junge Kellner, wie das gesamte Personal mit akkurat sitzendem Mund-/Nasenschutz, servierte uns einen Begrüßung-Prosecco. Mir kamen die Tränen damals. Nicht wegen des Drinks.

Sinnlos

Im Auto hören wir in Sachsen gerne Radio PSR. Der guten Musik wegen. Ich lache auch über die Moderatorensprüche. Manchmal erwischen wir einen Beitrag von Sinnlos-Telefon. Ihr ahnt es: Ein fingierter Anruf, der Angerufene wird verarscht, bis der Arzt kommt beziehungsweise der Moderator die Sache aufklärt. Mein Problem ist es dann, den übertrieben sächselnden Sprechern zu folgen und für den interessierten Italiener an meiner Seite möglichst simultan zu übersetzen. „Cosa dicono, was sagen sie?“, fragt er in freudiger Erwartung, einen guten Witz abzugreifen. „Warte doch mal“, spanne ich ihn auf die Folter, denn ich würde gern erstmal selbst alles richtig verstanden haben. Diesmal akzeptiert er meine Hinhaltetaktik nicht. „In Italien, was denn, che cavolo dicono di Italia, was verdammt sagen sie über Italien?” „Nun ja, also“, hole ich Schwung für meine Zusammenfassung. „Es geht darum, dass ein Kunde im Geschäft anruft, in dem er vor zwei Wochen einen Schlafsack gekauft hatte. Den haben sie ihm im Urlaub in Italien geklaut. Er verlangt das Geld zurück, schließlich hat er keinen Schlafsack mehr, aber er hatte ihn doch bezahlt. Sie haben sein Geld, er nicht die Ware.“ Die Telefondiskussion zieht sich eine Weile hin, nicht ohne mehrmals zu wiederholen, in welchem Land sich das tragische Eigentumsdelikt ereignet hatte. Mein Mann lächelt gequält. Da tröstet es ihn wenig, dass auch die Sachsen selbst noch ihr Fett wegbekommen. „Nur weil ich aus der DDR bin, helfen Sie mir nicht“, jammert der sächselnde Jammerossi zum Schluss.

Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt auf der Rückfahrt. Kurz nach dem Sinnlos-Telefon lief ein aktueller Titel von Tim Bendzko* bei PSR:

Ich gehör‘ nicht hier her … Bitte lass uns jetzt gehen … Kein Problem, kein Problem.

Kein Problem

Nein, das ist es tatsächlich nicht. Nicht, dass ihr etwas falsch versteht. Aber unser Urlaub, den wir oft zur Hälfte in Deutschland, zur Hälfte in Italien verbringen, wirbelt meine Gefühle jedes Jahr mehr durcheinander. Man spricht von Jetlag und damit verbundenen Orientierungsproblemen, wenn man sehr weit fliegt. Zwischen Deutschland und Italien liegen – in unserem Fall – neun Stunden Autofahrt, aber manchmal kommt es mir vor, als wäre ich diese neun Stunden geflogen. Und dann ganz weit weg. Dort, wo ich herkomme, und dann auch wieder dort, wo ich nun lebe. Auch in Italien fühle ich anschließend zuweilen Verwirrung. Ich schiebe es mal auf die Ausnahmesituation Urlaub, die einen aus der Bahn wirft. Zum Glück bin ich mittlerweile längst wieder im Büro, mit Arbeit gut eingedeckt und mental geerdet. In der Schweiz, auf fast neutralem Boden. Fast neutral, denn meine Kollegen im Büro sind … esattamente: Italiener.

*Apropos Tim Bendzko. War das nicht der, der vor ein paar Jahren noch die Welt retten wollte? Jetzt ist es ihm egal, ob die Welt untergeht, solange er in seiner eigenen lebt … Und da soll ich mich noch auskennen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels, Photo 122101.

Mittag

Wer nicht muss, geht nicht raus um diese Zeit. Es sei denn, er ist Tourist und zum Herumlaufen hergekommen. Ich laufe mit meiner Tochter im Gänsemarsch durch Florenz, immer dicht an den Häuserwänden entlang auf der richtigen Seite. Die richtige Seite ist Mitte August die, die gerade im Schatten liegt. Es ist Mittagszeit, die Temperaturen sollen heute Rekordwerte von bis zu 40 Grad erreichen. Florenz steht auf der Liste der italienischen Städte mit Hitzewarnung. Previsioni da codice rosso. Höchste Warnstufe Rot. Wir wählen von Touristen verschmähte Gassen, eine erhoffte Abkürzung, um vom Hotel auf dem kürzesten Weg zu den Uffizien zu gelangen. So haben wir die schattige Straßenseite für uns und kommen obendrein in den Genuss, ein Gefühl vom wahren Leben der Stadt, vom Alltag seiner Menschen zu erhaschen. Wir hören Teller klappern, Fett in der Pfanne brutzeln. Typische Mittagsdüfte von Pasta, Pancetta und Pomodoro umschmeicheln unsere Nasen. Im Telegiornale sprechen diese Tage alle von leichter, frischer Kost, die sie bei extremer Hitze zu sich nehmen. Die Realität sieht anders aus. Nichts geht über einen ordentlichen Teller Pasta zum Pranzo. Wollen wir irgendwo klopfen und fragen, ob wir uns dazugesellen dürfen? Meine Tochter spricht aus, was ich denke: „Sind sie nicht typisch italienisch, diese Küchengeräusche aus geöffneten Fenstern?“ Ich grübele angestrengt nach, auch ich kann mich nicht erinnern, es irgendwann einmal in Deutschland beim Spazierengehen zur Mittagszeit aus allen Fenstern klappern und brutzeln gehört zu haben. „Die Leute kochen dort nicht“, mutmaßt meine Tochter. Sie knufft mir augenzwinkernd in die Seite, als sie hinzufügt: „Du bist das beste Beispiel.“ 

Olympia auf der Autobahn

Oft empfinde ich es wie ein Privileg, als Deutsche in Italien zu leben. Und wenn es nur die Möglichkeit ist, in bestimmten Momenten wählen zu können, für wen man sich ausgibt. Die italienische Carta d’Identità zu verwenden oder den deutschen Reisepass, wie es gerade besser passt. In Italien kann ich die Ausländerin spielen, wenn es mir gelegen kommt. Beispielsweise dann, wenn ich mit aufdringlichen Botschaftern zweifelhafter Vereine nicht diskutieren mag. In Deutschland entschuldige ich mich zuweilen mit der Ausrede, dass ich in Italien lebe, wenn mir ein aktueller Begriff nicht einfällt oder ich frage: „Wie funktioniert das hier, helfen Sie mir mal bitte!“

Es ist manchmal praktisch, wählen zu können, wer man sein möchte. Aber als Olympia war und ich mit meiner Familie auf der Autobahn zwischen Italien und Deutschland, fühlte ich mich plötzlich ausgeschlossen. Von beiden Seiten. Das ging schon los, als ich im Autoradio bei einem deutschen Sender ganz nebenbei vom spektakulären Sieg Marcell Jacobs’ über 100 Meter erfuhr.

„Du, ich glaube, ein Italiener hat den Sprint gewonnen“, informierte ich sofort meinen Mann.

Er, der links von mir saß und über die deutsche Autobahn sprintete, vermutete, ich würde von der Qualifikation im Halbfinale sprechen. Die Nachricht war nur eine unter vielen, er hatte sie nicht herausgehört.

„Nein, richtig gewonnen, im Finale“, beharrte ich auf dem, was ich gehört zu haben glaubte.

Grande! Ein Italiener, der schnellste Mann der Welt!“

Und der Mann neben mir trat aufs Gaspedal, als wolle auch er einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen oder zumindest der schnellste Italiener auf der deutschen Autobahn im Sommer 2021 sein.

Später im Hotel ‒ wir gönnten uns trotz Rekordgeschwindigkeiten auf dem Weg nach Sachsen einen Zwischenstopp in Bayern ‒ überflog ich in meinem News-Feed die anderen Olympianachrichten. Auch im Hochsprung der Herren hatte es Gold für Italien gegeben. Meine Mailänder Freundin zeigte in ihrem WhatsApp-Status bereits ein Bild von den beiden überglücklichen Azzurri d’oro, den italienischen Goldjungen des Tages. Ich reagierte sofort, wie, um mich zu entschuldigen, dass ich all das verpasst hatte. „Hast du gesehen, wie er ausgerastet ist vor Freude“, schrieb sie im selben Augenblick zurück. Nein, nichts hatte ich gesehen. Ich würde mir das Video jetzt nachträglich online anschauen, das den Moment zeigt, in dem Barshim und Tamberi sich einigen und das Hochsprung-Gold teilen. Aber Rai Sport, vor unserer Abreise in Italien mein treuer Berichterstatter, war plötzlich nicht abrufbar. Mir kamen erste Zweifel, ob mein Plan für den nächsten Morgen aufgehen würde. Ausgerechnet 10.50 Uhr, um eine Zeit, in der wir wieder auf der Autobahn wären, würde unsere Geräteturnerin Vanessa Ferrari im Bodenfinale antreten. Zum Wettkampf ihres Lebens. Es war die vierte Olympiateilnahme der italienischen Ausnahmeathletin, die im zarten Alter von knapp sechzehn Jahren bei der WM 2006 im Mehrkampffinale das erste Turn-Gold der Geschichte für die italienischen Damen geholt hatte. Nach weiteren Erfolgen bei Europa- und Weltmeisterschaften, aber nach zwei undankbaren vierten Plätzen am Boden bei Olympia, nach Verletzungen und Rückschlägen, wollte sie es mit mittlerweile dreißig Jahren noch einmal allen zeigen und endlich die ersehnte Olympiamedaille erkämpfen. Diesen Moment nicht live zu verfolgen, kam für mich und meine geräteturnende Tochter einem Verrat am italienischen Turnverband gleich. Aber wie und wo würden wir die Liveübertragung sehen können? Wir spielten alle Möglichkeiten durch. Das Streaming der Sportschau, klar! Was ich in Italien nicht sehen konnte, würde jetzt abrufbar sein. Stattdessen die Nachricht: Inhalt aus rechtlichen Gründen nicht verfügbar.  Aber wir waren doch auf deutschem Boden. Und ich eine Deutsche. Mein Smartphone erkannte mich also als Italienerin oder vielmehr als Person mit italienischem Internetzugang.

Also die Rai, juchhai. Denkste! Ci dispiace, il video non è disponibile nel suo paese. Leider ist das Video in Ihrem Land nicht verfügbar. Wie bitte? Die Italiener erkannten, dass ich mich nicht auf ihrem Territorium befand, da nützte mir mein italienischer Anschluss plötzlich weniger als niente. Ihr könnt euch die Nervosität nur annähernd vorstellen, die sich in meinem Innersten zusammenbraute. Wer war ich? Ein Niemand, auf der Reise zwischen den Welten, ohne Berechtigung, in der einen oder der anderen Welt einen Videoinhalt bzw. Livestream abzurufen.

Meine letzte Hoffnung: die ARD. Das gute, alte Fernsehen. Würden wir eben eine Stunde später losfahren und noch in der Unterkunft die Übertragung sehen. Am Morgen nahm ich allen Mut zusammen und trug mein Anliegen der netten Gastgeberin vor. Sie war sogar noch netter, als ich sie bis dahin bereits kennengelernt hatte. Unser Zimmer benötigte sie sofort, dafür stellte sie uns fürs Fernsehen ein anderes kostenlos zur Verfügung. Am liebsten hätte ich sie umarmt. Aber das ging ja nicht, Abstandsregeln im Besonderen und Anstand im Allgemeinen verboten es mir. In freudiger Erwartung saßen wir also, fast wie im Kino, vorm Fernseher unseres Bonuszimmers. Noch zehn Minuten. Noch fünf Minuten. Mir schwante Schreckliches. Die ARD brachte zwar Olympia, aber nicht Geräteturnen. Statt des erhofften Turnquadrats stand die Radrennbahn im Rampenlicht, da waren schließlich gerade die deutschen Damen am Start.

„Schatzi, kannst du nicht irgendetwas zaubern?“, versuchte ich es in letzter Minute verzweifelt bei meinem Mann.

Er konnte. Fragt mich nicht, welche Einstellungen mein Held an seinem Smartphone vorrübergehend änderte, um uns die Rai-Übertragung doch noch sehen zu lassen. Um 10.51 Uhr platzierte ich mit zittrigen Fingern das Handy auf einem Buch vor dem Fernsehbildschirm, damit wir es alle sehen konnten. Vai, Vanessa! Für alle, die mit Geräteturnen nichts am Hut haben, aber vielleicht schon mal eine Eiskunstlaufkür mitverfolgt und dabei einem Favoriten die Daumen gedrückt haben: So spannend fühlt es sich an. Denn jeder Sprung und jede Landung, jede Drehung und jeder Überschlag müssen sitzen. Perfekt. In diesem einen Versuch. Ein kleiner Wackler, ein Fuß, der einen Zentimeter hinter der Linie absetzt, und der Traum ist geplatzt. Zehntel-Punkte entscheiden bei der Platzvergabe, viele Konkurrentinnen sind beinahe gleichstark. Eine Medaille, wenigstens Bronze, bitte! Die Anspannung stieg ins Unermessliche, als Vanessa nach tadellosem Vortrag zu den Klängen von Andrea Bocellis „Con te partirò“ auf dem zweiten Platz lag und alles nur noch von den nach ihr an den Start gehenden Athletinnen abhing. Drei Turnerinnen waren es, jede konnte sie theoretisch überholen. Es folgten Minuten wie eine Zitterpartie, eine kaum auszuhaltende Ewigkeit. Dann die Erlösung: Alle blieben knapp hinter ihr, die Silbermedaille ging nach Italien. Bei all der Aufregung verzieh unsere Tochter ihrem Vater sogar großzügig seine unqualifizierten Kommentare zum Wettkampfgeschehen. Nur ihm hatten wir es schließlich zu verdanken, dass wir diese Dreiviertelstunde mitfiebern durften und die Spannung und Freude live teilen konnten. Grazie, Vanessa, und grazie, amore mio! Manchmal ist es ein Privileg, ausgerechnet einen technikversierten Italiener zum Mann zu haben. Daheim und auf Reisen.

Die Highlights aus dem Bodenfinale in Tokio. Ab Minute 2.22 die Silbermedaillengewinnerin Vanessa Ferrari.

Die Berliner Mauer. Eine Zeitreise.

Geschichte, persönlich erlebt: eine Reise durch sechs Jahrzehnte von Ostberlin bis nach Norditalien

Vor sechzig Jahren wurde in der Mitte Europas, im Herzen Berlins, damit begonnen, eines der unrühmlichsten Bauwerke der Geschichte zu schaffen. Es sollte nur 28 Jahre stehen, und zwei Monate zuvor hatte es noch geheißen, es wäre nicht einmal geplant gewesen. Vor allem aber spricht man immer von dessen Fall im November 1989. Dazu habe ich sogar einen kleinen Roman geschrieben, aber heute möchte ich weiter zurückblättern. Zu der Zeit, als die Mauer gebaut wurde, und als sie eine Realität war, die ich als Kind gar nicht in Frage stellte. Anlass ist der sechzigste Jahrestag des im Vergleich zum 9. November 1989 nur halb so berühmten Datums 13. August 1961. Wie ihr es bei mir gewohnt seid, stöbere ich nicht in Geschichtsbüchern, als vielmehr in persönlichen Erinnerungen.

1961, Niederlehme bei Berlin

Meine Eltern, beide noch nicht dreißig Jahre alt, erlebten als junge Familie den Bau der Berliner Mauer. Wie sie damals mit diesen über Nacht geschaffenen und bald darauf steinharten Fakten umgingen, interessiert mich sehr. Meinen Vater, der aus Schlesien stammte und bei Kriegsende nach Dresden umgesiedelt worden war, kann ich leider nicht mehr dazu befragen. Meine Mutter, als waschechte Berlinerin, hatte zwangsläufig gemischte Gefühle, wohnten doch in Westberlin Verwandte und Freunde, die Stadt war ihr im Ganzen gut vertraut. Verständlich ist, dass es schwer war, das historische Geschehen zu bewerten. Damals, weil man wenig wusste und nicht fragen sollte. Heute, weil alles schlicht aus der umgekehrten Perspektive dargestellt und auch wieder vereinfacht wird. Zeitgeistig würde man sagen, dass das Thema Mauerbau in meiner Jugend totgeschwiegen wurde. Dabei war die Mauer für uns, die wir in den siebziger Jahren geboren wurden, einfach Realität und „schon immer dagewesen“. Ich fragte als Heranwachsende nicht groß nach einem Warum. Die Welt war so, wie sie war. Wie man sie uns erklärte. Es gab die Guten, und es gab die Bösen. Und ein „antifaschistischer Schutzwall“ war gebraucht worden, weil unser Land sonst ausgeblutet worden wäre, der Westen uns vereinnahmt und sein kapitalistisches, antihumanistisches System übergestülpt hätte. Ich kannte keinen Begriff wie „Soziale Marktwirtschaft“. Ich hörte von Drogentoten und hoher Arbeitslosigkeit, von Bettlern auf den Straßen und wenigen Reichen, die auf Kosten der einfachen Leute, die ständig in Angst um ihren Arbeitsplatz lebten, im Überfluss schmarotzten. Naiv? Selbstverständlich war es das. Es war kein komplettes Bild gesellschaftlicher Zustände, es war ein Ausschnitt, in politischer Absicht zurechtgeschnitten. Und wer wie ich in diese konstruierte Darstellung hineingeboren worden war, sicher abgeschirmt von „feindlicher“ Ideologie, der sah die Welt so. Auch auf der anderen Seite wurde vereinfacht, wie man weiß. Ebenso absurd, so finde ich, war es doch, die Annahme zu verbreiten, in der DDR wäre das Leben nur grau in grau, hätte es nur das Allernötigste zu essen gegeben und alle hätten von Bananen und Reisen in den Süden südlicher als Bulgarien geträumt. Beim Recherchieren zu diesem Artikel stieß ich bei LeMO (Lebendiges Museum Online, Haus der Geschichte) auf folgende Beiträge, wie der Mauerbau damals in Ost und West in den Medien kommentiert wurde. Im Originalton und mit dem Originalvokabular beider Systeme wird klar, wie knallhart Ideologie eine differenzierte Sicht auf die Dinge erschwerte und wie von beiden Seiten das Feindbild konstruiert wurde.

Berichterstattung im Osten:

Ausschnitte aus der DDR-Wochenschau „Der Augenzeuge“: Der Bau der Berliner Mauer sei notwendig, um einen bewaffneten Überfall der Bundesrepublik auf die DDR und einen Krieg zu verhindern.

Berichterstattung im Westen:

Die UFA-Wochenschau berichtet über den Bau der Berliner Mauer: In der Nacht zum 13. August 1961 riegelt das SED-Regime die Sektorengrenze nach West-Berlin ab.

In den achtziger Jahren, an die ich mich bewusst erinnere, unterhielten wir uns in meiner Familie sehr wohl über die Zeit, in der die Mauer gebaut worden war. Ich weiß, dass man mir erzählte, wie mein Vater bei der NVA (Nationale Volksarmee, die Streitkräfte der DDR) in Gefechtsbereitschaft und tagelang nicht zu Hause gewesen war. Zum Glück kam es nicht zu einem militärischen Konflikt. Meine Mutter reimte sich aus den Nachrichten im Radio zusammen, was der Grund für seine Abwesenheit war. Sie waren gerade am Renovieren, mein Vater hatte Urlaub, und seine Hilfe wäre dringend benötigt worden. Doch dann kam eines Morgens der Befehl, sich sofort in der Dienststelle zu melden. Er blieb ein paar Tage weg, aber das kam öfter vor. Meine Eltern wohnten damals mit meinen beiden Schwestern, gerade fünf und drei Jahre alt, in Niederlehme bei Berlin. Niedaheeme. So nannten mein Vater und seine Soldaten scherzhaft ihren Wohnort. Meine Mutter war es gewohnt, dass ihr Mann nicht da war. Auch, dass sie keine Fragen stellen sollte. Militärgeheimnisse, klar. Der Feind hörte mit. Der Feind war auch immer zu nah, bei offener Grenze. Und nicht nur das. Der kapitalistische Gegner, in Gestalt des mit den Jahren immer goldener glänzenden Westens, lockte qualifizierte Arbeitskräfte und junge Leute aus der DDR ab, die dann beim Aufbau des Sozialismus fehlten. Dem musste, so argumentierte man, ein Riegel vorgeschoben werden. Dass dieser Riegel ein physischer aus Stacheldraht und Mauersteinen sein musste, das hatte noch im Juni, ganz genau am 15. Juni 1961, Walter Ulbricht höchstpersönlich der Presse gegenüber strikt verneint. Aber vielleicht ahnte er wirklich nichts, der Arme, und der Befehl kam dann überraschend vom großen Bruder, der Sowjetunion, oder direkt von Towarischtsch Chruschtschow.

2021, Vedano Olona, Norditalien

Unsere Tochter, die fast genau auf den Tag sechzig Jahre später in Italien, am 11. Juni 2021, ihr Examen der Terza Media hatte (die Mittelschule schließt in Italien nach der achten Klasse mit einem Examen ab), konnte mit Ulbrichts Zitat und dessen Übersetzung die Prüfungskommission beeindrucken. Die Berliner Mauer, als Symbol des Kalten Krieges und Konfliktes zwischen Ost und West, wurde im italienischen Geschichtsunterricht in der achten Klasse zwar behandelt, aber lediglich angeschnitten. Dass meine Tochter das Thema als Aufhänger ihrer Präsentation wählte, war nicht meine Idee gewesen. Ihr gefiel es, mit persönlichen Aspekten ein Stück Authentizität in ihren Vortrag zu bringen und die eigenen deutschen Wurzeln einfließen zu lassen.

So eröffnete sie die Präsentation mit Fotos unseres Besuches am Check Point Charly vor einigen Jahren. Mit dem Ausgangsthema konnte sie in ihrem Vortrag dann verschiedene Unterrichtsfächer verbinden: Geschichte, Kunst (Kunst an der Mauer, Street Art, East Side Gallery), Naturwissenschaften (Klimawandel, ausgehend von einem Mauerkunstwerk). Einen Teil trug sie in englischer Sprache vor. Sie baute auch Diagramme und Statistiken ein, so dass der Mathe-Prof ebenfalls auf seine Kosten kam.

1989, Strausberg bei Berlin und Varese, Norditalien

Ich war siebzehn, als die Mauer am 9. November 1989 fiel. Mein Mann, Italiener und zwei Jahre jünger als ich, behauptet, zuhause in Varese mit seinen Eltern in der Nacht vom 9. zum 10. November die Liveberichte aus Berlin im Telegiornale verfolgt zu haben. Ich denke, er irrt sich und sah alles am Tag nach jener historischen Nacht, aber er besteht darauf.

Ma ti facevano guardare la tele fino a così tardi? Sag bloß, sie ließen dich so spät abends noch fernsehen?

Mit dem Argument seines zarten Alters und dass er doch schon hätte im Bett liegen müssen, versuche ich meine Skepsis augenzwinkernd zu begründen. Wahrscheinlich kratzt es mir an der Ehre, dass ich in jener Nacht daheim in Strausberg tief und fest und ahnungslos schlief, und erst am Freitag, dem 10. November, erfuhr, was geschehen war und dazu (DDR-)Fernsehen schaute. Dabei wohnte ich nur eine Stunde Autofahrt vom Brennpunkt des internationalen Interesses entfernt. Schon damals war man womöglich aus der Ferne, dank jederzeit einsatzbereiter Journalisten, näher dran, als wenn man sich persönlich fast vor Ort befand, aber das Ereignis schlicht und ergreifend verpennte. Noch am 6. Oktober 1989, dem Vorabend des vierzigsten und letzten Geburtstages der DDR, war ich beim Fackelzug der FDJ dabei gewesen und mit meiner elften Klasse an der Tribüne mit Honecker und den Gästen aus den sozialistischen Brüderstaaten vorbeimarschiert. Ob ich auch „Gorbi, Gorbi!“ rief, wie jetzt behauptet wird, dass es alle taten? Nein, auch niemand aus meiner Klasse. Wir sahen Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost skeptisch. Nicht verurteilend. Eher abwartend. Ihn aber als den Helden und Befreier unserer Gesellschaft anzurufen und zu feiern, das kam uns nicht in den Sinn. Mein Vater war beim ersten, enthusiastischen Fackelzug zur Gründung der DDR 1949 dabei gewesen, ich vierzig Jahre später, beim letzten organisierten Aufmarsch. Verunsichert war ich dabei, wir hatten Angst vor Zwischenfällen, wie es sie in jenen Tagen in Berlin gegeben hatte. „Rowdies, Unruhestifter“ waren unterwegs, so hatte es geheißen. Ich war damals froh, als wir am Ende der Veranstaltung wieder in unserer Unterkunft waren. Damit schließt sich der Kreis, was die erlebte Geschichte unserer Familie betrifft. Am Anfang der gute Glaube an eine bessere Gesellschaft, den Aufbau eines Lebens, in dem Kriege und Armut für immer der Vergangenheit angehören würden. Am Ende die Einsicht, dass Theorie und Praxis zu weit auseinanderklafften, das System sich in den Ruin gewirtschaftet hatte.

2021, Vedano Olona, Norditalien

Meiner Tochter erzähle ich heute von damals und versuche, der Komplexität der Dinge gerecht zu werden. In ihrer Prüfung zeigte sie passend zum Thema mein FDJ-Hemd. Sie ist jetzt vierzehn, wie ich, als ich es erstmals trug. Ihre Examensnote: eine fette 10*, Volltreffer. Stolzer könnte man als Mutter nicht sein.  Ich wünsche mir für sie und alle jungen Menschen, dass sich irgendwann der am Ende ihres Vortrags präsentierte Wunsch, von einem Künstler an die Berliner Mauer geschrieben (East Side Gallery, Jolly Kunjappu: Dancing to Freedom), erfüllt:

„Nie mehr Krieg. Keine Mauern mehr. Eine geeinte Welt.“

Naiv? Ja, und wie. Aber aus tiefstem Herzen und im vollen Bewusstsein der Widersprüchlichkeiten gesellschaftlicher Zustände und Systeme. In Hoffnung auf einen Triumph der Menschlichkeit. In Hoffnung auf eine Welt, die ohne Mauern auskommt, um humanistische Werte zu pflegen und vor Angriffen aus welcher Richtung auch immer zu schützen. In der niemand sein Leben verliert, nur weil er gern im Nachbarland leben möchte. In Hoffnung auf eine Gemeinschaft, die gegensätzliche Interessen und daraus geschürten Hass überwindet und einen vernünftigen, guten Weg geht.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Zum Weiterlesen: Ein aktueller Artikel beim Spiegel geht der Frage nach, warum die Menschen in der DDR nicht massenhaft gegen die Grenzschließung protestierten, sich arrangierten und sogar ein großer Teil den Mauerbau als „aus damaliger Sicht richtig“ bezeichnete.

*In Italien ist 10 die höchste Schulnote, in Deutschland der 1 entsprechend. Mit einer 5 hat man nicht bestanden.

Abbildungen: Aus der Prüfungs-Präsentation unserer Tochter zum „Esame di Terza Media“, Juni 2021. Quellen im Einzelnen: Titelbild: focus.it / Zitat Walter Ulbricht: bundesregierung.de / Mauerfall: euronews / Eastside Gallery Berlin: Dancing For freedom, Jolly Kunjappu. 

Blogpause: Chiuso per ferie.

Der August steht vor der Tür, und während in Deutschland die ersten Schüler schon wieder das neue Schuljahr beginnen, fröhne ich guter alter italienischer Tradition. Im August heißt es seit jeher fast überall:

Chiuso per ferie ‒ Wegen Urlaub geschlossen

Auch wenn wir erst vor wenigen Tagen gebucht haben, stand eins für mich schon lange fest:  Im Sommer 2021 werde ich weniger online sein und mal wieder richtig leben. Analog. In Familie. Neue Bekanntschaften machen. Auf Erkundungstouren gehen. Abhängen. Eis schlecken. Durch Orte schlendern. Kunstwerke bestaunen. Auf Hügel klettern. Am Meer spazieren. Eine Parkbank besetzen. Was auch immer es genau wird. Alles, nur nicht vorm Bildschirm hocken. Deshalb verabschiede ich mich für die nächsten Wochen auch in eine Blogpause. Es wird lediglich einen Beitrag geben, zu gegebenem Anlass, ihr werdet sehen. Ich melde mich spätestens im September zurück, wie es in Italien üblich ist. Dann ist allerorts Rientro. Die allgemeine Rückkehr an den Arbeitsplatz. Im August träumen die Italiener gemeinschaftlich von einem Leben als Urlauber.

2018 gab es dazu den passenden Sommerhit von Lo Stato Sociale: Una vita in vacanza. Darin die Fragen: Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben? Warum tut ihr euch das eigentlich alles an? Wie wäre es, für immer in Urlaub zu gehen? Keine Rolle spielen, keine Funktion erfüllen, in keine Schublade passen. Kein Chef, der nervt und ohne Angst, zu versagen. Ohne Angst, rauszufliegen aus dem Spiel, das unser tägliches Leben ist.

Gute Fragen, verpackt in einen sympathischen Ohrwurm:

In diesem Sinne: Buone vacanze, schöne Ferien allerseits! Und wer keine mehr hat, soll trotzdem den August maximal genießen. Ciao, a presto!

Titelbild: Strand „Ultima Spiaggia“, Chiarone Marina, Capalbio in der Provinz Grosseto, Toskana.

Mein erstes Mal

Es regnet immer noch. Das hatte ich geahnt oder vielmehr befürchtet. Ich hetze vom Büro nach Hause. Im Laufschritt. Der Regen wird noch stärker. Autos tauchen im Affenzahn durch die Pfützen, als gäbe es keine Fußgänger. Da haben sie auch recht, von meiner Wenigkeit einmal abgesehen. Außer Atem nehme ich die vier Stufen zu der eleganten, freistehenden Villa und öffne die Tür. Elena, das junge Mädchen am Empfang, grinst mich an.

Beh, hai scelto il giorno giusto! Na, da hast du dir ja den richtigen Tag ausgesucht!

Ich grinse verunsichert. Sie wird mir doch jetzt nicht die Hoffnung rauben, dass wir die Sache verschieben können. Bei solchem Wetter ist es eine Zumutung. Und gefährlich. Für beide Beteiligte, mich und Giovanni.

Aber nein, Giovanni kommt mir bereits entgegen und klatscht aufmunternd in die Hände. Da bist du ja. Andiamo! Los gehts, der Wagen steht schon im Hof bereit.

Hai esperienza di guida, giusto? Du hast doch schon Fahrpraxis, oder?

Wie jetzt? Das ist meine erste Fahrstunde, und ich soll schon alles können? Meine skeptischen Gedanken äußere ich nicht, sondern antworte wahrheitsgemäß:

Nun ja, also, mein Freund, der hat mich schon mal rangelassen. Sonntags auf dem leeren Parkplatz.

Perfetto, allora partiamo! Perfekt, dann kann es ja losgehen.

Der Wagen, ausgerechnet ein Peugeot. Mein Freund hatte mich gewarnt: Wenn es ein Franzose ist, liegt der Rückwärtsgang andersrum. Na prima. Irgendwie geht es dann doch und ich ‒ oder vielmehr mein Beifahrer, der wohl in den entscheidenden Momenten eingreift ‒ also wir, stürzen uns in den prallen Feierabendverkehr im Zentrum von Olgiate Comasco. Es gießt in Strömen. Stop and go. Nichts einfacher als das. Ich weiß nicht, ob mein T-Shirt noch nass vom Regen ist oder mir der Angstschweiß aus allen Poren kriecht. Der wird mich gleich rausschmeißen, denke ich noch, aber Giovanni scheint gar nicht so entsetzt angesichts meiner rudimentären Fahrkünste, oder er weiß es gut zu verbergen. 

Ich ahnte damals, an jenem verregneten Abend im Frühjahr 2004, noch nicht, dass die erste Fahrstunde die gefährlichste von allen gewesen sein sollte. Zum einen hatte ich bei den folgenden Stunden mehr Glück mit dem Wetter, aber vor allem fuhr ich kaum noch durchs Ortszentrum. Vornehmlich hielten wir uns für die zu erlernende Praxis in einer ruhigen Wohngegend auf, die vor allem zwei klassische Übungssituationen bot: das Anfahren am Berg (aushilfsweise an einer leicht ansteigenden Straße) und das Einparken im Rückwärtsgang auf einem kleinen Parkplatz, der aber keine baulichen Hindernisse wie Absperrungen, Trennsäulen oder dergleichen bot. (Später, mit meinem eigenen Auto, sollte ich derartige Gemeinheiten noch aus der Nähe kennenlernen.) Genau diese beiden Fahrsituationen waren dann auch die Schwerpunktthemen bei der Prüfung am 28. Juli, die ich, wie nicht anders zu erwarten, im ersten Anlauf meisterhaft bestand.

Patente di guida, Führerschein: Rückseite mit Datum der bestandenen Prüfung.

Ich erinnere mich auch vage an die zuvor absolvierte Prüfung in Sachen Theorie. Man zeigte mir unter anderem das dreieckige Warnschild mit der Kuh. Sie hatten wohl ein Nachsehen mit mir Straniera, der Ausländerin. Im Fall des Schildes mit dem Wildtier hätte ich vermutlich länger nach dem passenden Begriff suchen müssen.

Den Führerschein in der Tasche, hielt mich nichts und niemand auf. Ich kaufte la mia prima macchina, mein erstes eigenes Auto. Der kleine, feine, silberfarbene Lancia Y mit roséfarbenen Sitzbezügen war wie für mich gemacht. Natürlich war es ein Gebrauchtwagen, und ich hängte ‒ meinen besonderen Umständen entsprechend ‒ ein großes P wie Principiante, Anfänger, ins Rückfenster. Nur soviel: Als ich das erste Mal zum Einkaufen in einen bis dahin für mich als Fuβgängerin unerreichbaren Supermarkt fuhr, musste ich am Ortsrand in einen zweispurigen (!) Kreisverkehr. Aiuto! Hilfe! So weit raus hatten wir es in den Fahrstunden nie geschafft. Da hatte es höchstens mal eine kleine einspurige Rotonda gegeben. Jetzt versteht ihr, warum ich mich später nie im Auto nach Mailand getraut habe und nur selten nach Como oder Varese.

Dabei hatte ich Glück, dass die ersten Wochen eigener Fahrpraxis in den August fielen. Auf fast verkehrsfreien Straßen konnte ich so viele Anfängerfehler machen, wie ich wollte, ohne andere in Gefahr zu bringen. Ich enthalte mich schweren Herzens der Versuchung, die größten Knaller hier zum Besten zugeben, das würde mich nachträglich noch den Führerschein kosten. Dazu kam, dass es ein sehr heiβer Sommer war und mein kleiner Wagen schick, doch ohne Klimaanlage. Ich kämpfte mit dem Verlangen, das Fenster runterzukurbeln und die Hand rauszuhalten. Wie die Italiener es immer alle taten, bevor Klimaanlagen zur Grundausstattung gehörten. Aber nein, so südländisch entspannt war ich in den ersten Tagen leider nicht. Auch wenn mich der perfekte Song im Autoradio begleitete. Meine persönliche Hymne als frischgebackene Ritterin der italienischen Landstraβe im Sommer 2004 war diese hier:

(Ci vuole) Calma e sangue freddo von Luca Dirisio.

Der passende Groove für entspanntes Autofahren für Anfänger. Denn dazu braucht es – genau wie im Video beim Verfolgen der Angebeteten ‒ calma e sangue freddo, Gelassenheit und ruhig Blut.

Zum Weiterlesen:

  • Von meiner glorreichen Zeit als Fußgängerin in der italienischen Provinz erzähle ich hier.
  • Worauf sich Deutsche gefasst machen müssen, wenn sie in Italien mit dem Auto eine Runde im Kreisverkehr drehen wollen, lest ihr hier.

Titelbild: Symbolbild, zu dem ihr euch noch den Regen vorstellen müsst. Dafür war es kostenfrei bei Pexels, Photo 191842.