Klischees und Pailletten

Wenn man vor einem Film bereits eine Rezension über ihn liest, birgt das die Gefahr, dass man vor lauter Vorurteilen keinen unbeschwerten Fernsehgenuss mehr hat. So ging es mir mit dem ZDF-Mehrteiler „Der Palast“. (Danke, liebe Barbara, für den Hinweis in deiner Kulturbowle!) Ich stieß bereits im Vorfeld auf einen Artikel im Spiegel, und so erwartete ich nicht, obwohl es der Titel verspricht, etwas über die wechselvolle Geschichte des berühmten Berliner Varieté-Theaters zu erfahren. Ich wusste, dass ein „Doppeltes Lottchen“ gespielt wird, und der Palast nur die Hintergrundkulisse liefert. Egal. Ich musste den Mehrteiler sehen, weil es da um Dinge geht, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben: Bühnentanz, (Ost-)Berlin, die Mauer. Meine Befürchtung, dass der Stoff „Ostfrau (Chris) trifft Westfrau (Marlene), die sich als ihre Zwillingsschwester entpuppt, woraufhin sie gemeinsam ihre politisch bedingte Familientragödie aufdecken“ viel Raum für Klischees lässt, wurde nicht enttäuscht. Natürlich spielt das Ganze kurz vor dem Fall der Mauer. Natürlich gibt es ein Happy End. Natürlich sind damit nicht alle glücklich. Wäre diese Geschichte auch anders zu erzählen gewesen? Ohne Klischees? Aber halt. Womöglich gerät uns der selbst schon abgedroschen erscheinende Begriff Klischee allzu schnell in den Mund und in die Feder, wenn wir ein Werk aburteilen, von oben herab, als Kritiker. Was, wenn man sich selbst in solchen sogenannten Klischeedarstellungen wiedererkennt, darin lebt oder gelebt hat? Soll man sich dann vor Gram und Scham einbuddeln, oder ist die Darstellung vielleicht doch realitätsnäher gelungen, als es der Kritiker (in uns) zugeben möchte?

Der Traum von der Bühne

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Ich war zur Zeit der Filmhandlung jünger als die erwachsene Protagonistin ‒ Solotänzerin beim Ensemble des Friedrichstadt-Palasts ‒ aber älter als ihre Tochter, die kleine Tanzmaus, die mit neun Jahren fleißig trainiert, um einmal in die Fußstapfen, hoppla, Steps, ihrer Mutter zu treten. Als die Mauer fiel, war ich siebzehn und hatte den Traum einer Karriere als Balletttänzerin längst freiwillig begraben. Die war mir von meiner Tanzlehrerin am Kinder- und Jugendtanzensemble der NVA Strausberg, bei dem ich zehn Jahre lang trainierte und auftrat, nahegelegt worden. Ich hätte mit damals dreizehn Jahren die normale Schule verlassen müssen und wäre an eine der staatlichen Ballettschulen in Berlin, Dresden oder Leipzig gegangen, für fünf Jahre. Ich wäre womöglich klassische Balletttänzerin am Theater oder, warum nicht, Showtänzerin am Friedrichstadt-Palast oder beim Fernsehballett geworden. Der klassische Tanz hat seine eigene, zeitlose Faszination, aber gerade für junge Mädchen wie mich war damals auch die Showbühne attraktiv. Sie verkörperte die moderne Version des Tänzerinnenlebens, die mit Pailletten und Glamour. Unser Tanzensemble hatte bei Auftritten im Berliner Palast der Republik Gelegenheit, mit dem Fernsehballett auf der gleichen Bühne zu stehen. Gemeinsam warteten wir Mädchen hinter dem Vorhang mit den Damen und Herren des Balletts auf den nächsten Auftritt. Wir bewunderten und beneideten die Showtänzer um ihre modernen, von der westlichen Popkultur inspirierten Choreografien und die fetzigen (ostdeutsch für „fesch“ oder „geil“) Kostüme. Und doch, als für mich die Option Ballettschule im Raum stand, wog ich ab und ließ mich bereits als Teenager zu Überlegungen hinreißen, wie sie die gestandene Ballettchefin im Film äußert, als sie mit dem Gast-Choreografen plötzlich Konkurrenz aus dem Westen bekommt. Verbittert stellt sie fest, ihr ganzes Leben dem Tanz, der Bühne, der Kultur gewidmet, und dafür auf eine Familie und Privatleben verzichtet zu haben. Und nun würde sie links liegen gelassen. Nur eins der vielen sogenannten Klischees im Film. Wie konnte ich, mit dreizehn, ähnliche Gedanken haben, vor die Entscheidung gestellt, ob ich es wollte, dieses Leben für die Kunst? Das lag womöglich auch daran, dass meine älteren Schwestern mir das normale Familienleben vorlebten, und sie offensichtlich eine Vorbildfunktion für mich hatten.  

Das Glück auf der Insel

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Im Film heißt es, Chris hatte es sich als Tänzerin wie auf einer Insel gut eingerichtet, als die Frage aufkommt, wie sie es denn in der schrecklichen DDR aushalten würde. Natürlich, ein Leben im Rampenlicht hilft über Schattenseiten im Privaten genau wie über Mängel im Alltag hinweg. Aber das galt und gilt zu allen Zeiten, unter allen Umständen. Was die DDR betrifft, so konnte sich jeder, der das Glück hatte, beruflich seiner Passion nachzugehen ‒ sei es als Künstler, Wissenschaftler, Arzt, Lehrer, Landschaftsgärtner, Konditormeister, was auch immer ‒ seine Insel schaffen. Solange er in der Reihe tanzte. Ich verbrachte meine Jugend vermutlich auch auf einer Art glücklicher Insel. Die Ausbildung am Tanzensemble war kostenlos und auch die weiterführende an einer staatlichen Ballettschule wäre es gewesen. Auch das wird im Film gesagt. Im Westen war und heute ist künstlerisches Schaffen nicht nur eine Frage des Talents, sondern des Geldes, das Eltern aufbringen können, um ihre Kinder zu fördern. Sicher spielten im Osten irgendwann auch Beziehungen und Parteizugehörigkeit eine Rolle, zumindest konnten sie nicht schaden. Aber sie waren nicht Voraussetzung, um seinen Leidenschaften nachzugehen. Wenn die Talentsucher für Sport in die Kindergärten und Schulen gingen, hatte jeder eine Chance. Auch in unserem Tanzensemble der Nationalen Volksarmee war, entgegen naheliegender Vermutung, die Mitgliedschaft in der Partei oder Zugehörigkeit der Eltern zu den Streitkräften keine Voraussetzung, um in den Genuss der Ausbildung und all der wunderbaren gemeinsamen Erlebnisse zu kommen. Ich weiß noch genau, wie ich die modischen Westklamotten meiner Tanzpartnerin bewunderte. Das Mädchen kam definitiv nicht aus staatsnahen Gefilden.

Die Sache mit der Mauer

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Die Berliner Mauer zieht sich als trennendes Bauelement und Grund allen Übels durch die sechs Teile des Fernsehfilms, aber an genau einer Stelle wird erklärt, wie man damit leben konnte. Und wie man sie im Osten und im Westen gesehen hat. Der West-Zwilling fragt die leibliche Mutter in Ostberlin, wie sie es in so einem Land, das seine Leute einsperrt, all die Jahre und immer noch aushalte. Ihre Antwort ließ mich zusammenzucken. Sie klingt nach den Gedanken unserer Eltern, hätte ein Zitat aus meinem Blog-Artikel vom 13. August sein können. Nur Klischees? Nein, viele Menschen hatten es ähnlich erlebt und sahen es so, dass das Experiment „Sozialistischer Staat auf deutschem Boden“, ein Leben mit sozialer Gerechtigkeit und ohne immer neue Kriege, damals, Anfang der sechziger Jahre, in Gefahr war und durch eine vorübergehende (!) Abriegelung geschützt werden sollte. Man wollte dem jungen Land eine Chance geben.

Alles hat seinen Preis

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Wie war das nun mit der großen Kunst und dem Verzicht, sie im goldenen Westen auszuüben? Auch dem Traum der jungen Osttänzer*innen von der Karriere im Westen werden im Film zwei, drei Szenen gewidmet. Bettina, Chris´ Konkurrentin um die begehrte Solostelle, wittert ihre Chance, als der West-Choreograph ausgerechnet in dem Moment die Bühne betritt, in dem Chris, oder vielmehr ihre Zwillingsschwester Marlene, gerade unpässlich ist und (natürlich, sie ist es ja nicht) nicht vortanzen kann. Bettina weiß sich zu verkaufen. Sie meint den Preis zu kennen, zu wissen, was zu tun ist, damit er sie nach Las Vegas bringt. Doch beim Verhandeln wird auch gerne getäuscht. Ganz so einfach läuft es dann doch nicht. „You have to sell it!“, spornt der neue Choreograf die Tänzer*innen bei den Proben an. Die ausrangierte Chefin hasst ihn dafür. Ging es nicht auch ohne Verkaufen? Mit Freude, Enthusiasmus und Können? Mit dem Fall der Mauer wird der Markt die Geschicke des Showballetts bestimmen, der SED-Funktionär vom Dienst muss seine Rolle abgeben.

Der Osten und der Westen. Und im Süden nichts Neues.

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Als der Zwillingsvater im Film die Zwillingsmutter und seine Töchter kurz vor dem Mauerbau in den Westen holen will, um ihnen ein Leben in Freiheit zu bieten, klärt er die Liebe seines Lebens auf, dass sie als seine Frau dann natürlich nicht arbeiten bräuchte. „Wie bitte? Was soll das heißen, nicht arbeiten, wozu habe ich denn studiert?“ So oder mit ähnlichen Worten reagiert die Physikstudentin aufgebracht. Auch dieses Klischee nickte ich ab. Ja, so war das wohl damals im Westen, zumal sie in eine Unternehmerfamilie eingeheiratet hätte. So war das. Damals? Ich habe eine deutsche Freundin hier im Ort, wie ich verheiratet mit einem Italiener, zwei Töchter im etwa gleichen Alter wie meine. So ähnlich unsere Situation scheint, so verschieden ist unser Leben. Sie, aus Bayern, hat sich seit der Hochzeit in ihrer Rolle als Hausfrau eingerichtet, nachdem sie jahrelang gearbeitet hatte. Ihr Mann, Unternehmer, möchte es so. Auch wenn sie es anders gewollt hätte, fügt sie sich in bekannte Rollenmuster. Sie kennt es so. Als Gattin und Mutter zuhause zu bleiben ist da, wo sie herkommt, ein anerkanntes Lebensmodell. Ich, aus dem Osten, bin berufstätig und es käme für mich nicht in Frage, mich ohne zwingenden und vernünftigen Grund in finanzielle Abhängigkeit zu begeben, auf persönliche Entwicklung und Anerkennung im Beruf zu verzichten. Das Konzept Hausfrau existiert für mich gar nicht, ich wäre und würde mich arbeitslos fühlen. Ein Begriff, mit dem ich meine Freundin nicht konfrontieren dürfte. Sie und ich, jede auf ihre Art, leben nach einem Muster, wir können nicht anders. Und indem wir das tun, schaffen wir wieder neue Muster, für unsere Kinder. Würde einer auf die Idee kommen, über uns und unser Leben mit italienischen Ehemännern eine Reality-Doku zu drehen, wäre die Kritik sofort zur Stelle, um angesichts der offensichtlichen Klischees ganz laut „Basta!“ zu rufen.

Dabei ist es doch so: Das Leben steckt voller Klischees. Es ist gewebt aus Mustern, in denen wir uns einrichten. Mal mehr, mal weniger freiwillig.

Aber zurück nach Berlin. Der Palast der Republik steht nicht mehr. Das Fernsehballett wurde aufgelöst. Doch den Friedrichstadt-Palast und die längste Girlreihe der Welt gibt es immer noch. Auch Corona hat dem größten Varieté-Theater der Welt nicht das Licht ausgeschaltet. Nach der Zwangspause geht es jetzt erst recht weiter. Gerade in schweren Zeiten hilft leichte Unterhaltung, die Menschen für ein paar Stunden dem Alltag zu entreißen und auf eine atemberaubende Reise in die Welt der Fantasie zu begleiten. The Show will go on!

Trailer der aktuellen Show im Friedrichstadt-Palast

Und jetzt sage beziehungsweise schreibe ich, so klischeehaft es sein und so abgedroschen es klingen mag: Es war nicht alles schlecht. Die Tanzausbildung und das kulturelle Versorgungsprogramm in der DDR waren Spitze. Und weil das so war ‒ VORSICHT, SPOILER! ‒, sitzt natürlich in der Abschlussszene des ZDF-Mehrteilers die neue Ost-West-Patchworkfamilie (ach nein, diesen Begriff gab es 1989 noch nicht) glücklich vereint auf den besten Plätzen im Palast und reicht sich das Opernglas weiter, um ihrer Lieblingstänzerin näher zu sein, die ihnen, und uns, aufmunternd zuzwinkert. 

Zum Anschauen:

Den Mehrteiler „Der Palast“ könnt ihr in der ZDF-Mediathek abrufen: https://www.zdf.de/serien/der-palast

Sehr zu empfehlen ist die begleitende Doku: Die Dokumentation

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Alles nur geklaut?

Oh oh oh … da ist schon wieder dieser Song! Es sind kaum zwanzig Minuten des neuen Jahres vergangen, im Fernsehen läuft die Rai mit „L’Anno che Verrà“ (Das kommende Jahr). „Amore“, rufe ich meinen Mann, der mit der Kleinen auf dem Balkon Wunderkerzen schwenkt. Ich drehe die Lautstärke hoch, aber der eingängige Sound erreicht die Ohren der Feiernden nicht. Es gibt auch diesmal wieder allerhand Feuerwerk in der Nachbarschaft und den umliegenden Orten, kaum weniger als in anderen Jahren.

Oh oh oh, oh oh oh … singe ich mit, lauter als es meiner bescheidenen Sangeskunst angemessen ist, aber kurz nach Mitternacht im neuen Jahr darf man das. Ich bin wieder zwölf und tanze auf der Disko im Ferienlager. Jener Sommer 1984 an der Ostsee war mein zweites Ferienlagererlebnis und das erste mit zarten Verwirrungen des Herzens. Jungsbesuch im Mädchenbungalow, abends, nachdem die Erzieherinnen ihren letzten Kontrollgang gegangen waren. Heimliches Knutschen auf dem Doppelstockbett. Nein, ich doch nicht, die anderen Mädchen. Albernes Getue. Ich hatte eine echte, heimliche Liaison. Mir gefiel der blonde Tim*. Und ich ihm. Das war klar wie der tägliche Malzkaffee zum Frühstück. Tim war nur zu schüchtern. Beweise gefällig? Also, wenn einer aus unserem Kleiderschrank steigt, in dem er sich vor der Erzieherin versteckt hatte, und einen Kleiderzipfel in der Hand hält, ein schmeichelndes „So ein schönes Kleid“ stammelt und dabei zu mir blickt. (Wie ihr euch denken könnt, war es mein Kleid). Oder wenn ich mit zwei anderen auf dem Doppelstockbett oben sitze, er liegt unten und soll gegen die Matratze treten, damit wir in der oberen Etage jauchzend in die Luft hüpfen. Wo tritt er zu? Na klar, genau an der Stelle, wo ich sitze. Romantisch, nicht wahr? Das waren nur zwei von vielen unverkennbaren Zeichen, aber leider fanden wir zwei Königskinder in diesem Sommer nicht zueinander. Da half es auch nicht, dass Laura Branigan täglich mehrfach aus dem Lager-Lautsprecher tönte und davon sang, ihre Self Control zu verlieren. Oh oh oh, oh oh oh. Es war unser Hit in diesen zwei aufregenden Wochen an der Ostsee, und Lauras betörende Stimme blieb mir für immer im Ohr.

Da staunte ich nicht schlecht, als ich viele Jahre später in Italien eine andere Version meiner Ferienlager-Hymne hörte, gesungen von einem Mann. Einem Italiener. Genau dem, der auch jetzt, in den ersten Minuten des neuen Jahres 2022, auf der Fernsehbühne steht und Self Control singt.

„Amore“, rufe ich nun etwas hartnäckiger, sonst ist der Titel gleich vorbei. „Hör doch mal, da ist schon wieder Raf, der dieses Lied geklaut hat.“ Mein Mann kommt rein und grinst mich kopfschüttelnd an.

Copiata? La cantante americana l’ha copiata da lui, non ti ricordi? Kopiert? Die US-amerikanische Sängerin hat es von ihm kopiert, weißt du das nicht mehr?

Verdammt, sollte ich mich schon wieder täuschen? Alle paar Jahre nur begegnet uns dieser Titel, in der einen oder der anderen Version, und jedes Mal kriegen wir uns wieder in die Haare. Ich bin überzeugt, dass es Laura Branigan war, die diesen Titel sang, und mein Mann behauptet, er war ursprünglich von Raf. Zum Glück gibt es heutzutage das schlaue Internet, mit dem man jeden Streit aus der Welt schaffen kann, noch ehe einer die Selbstkontrolle verliert. Und deshalb merke ich es mir jetzt ein für alle Mal und schreibe es an dieser Stelle sogar auf. Für euch und für mich: Niemand hat etwas geklaut. Self Control wurde vom italienischen Popsänger Raf (Raffaele Riefoli) zusammen mit Giancarlo Bigazzi und Steve Piccolo geschrieben. Der italienische Künstler Raf war damals nur in Europa bekannt, so dass sein Musikverlag den Titel auch Laura Branigan anbot, die bereits mit einem Cover von Umberto Tozzis Gloria internationalen Erfolg gehabt hatte. Ihre Coverversion von Self Control erschien nur kurze Zeit vor dem italienischen Original, beide waren 1984 zeitgleich in den Charts.**  

Ein ewig schwelender Familienstreit wurde in den ersten Stunden des Jahres 2022 friedlich und für beide Parteien zufriedenstellend beigelegt. Könnte ein Jahr besser beginnen? Und es ist doch auch beruhigend zu wissen, dass sowohl Männer als auch Frauen ein Lied davon singen können, wie es ist, die Selbstkontrolle zu verlieren.

Kanntet ihr den Song von Raf? Hier sein Auftritt in der italienischen TV-Show Popcorn von 1984:

Aber sicher erinnert ihr euch an Laura Branigan? Hier das offizielle Musikvideo zu ihrem Cover, das ein Welthit wurde:

*Name von der Redaktion geändert. **Quelle:  Wikipedia

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Ein Kamel kommt selten allein

Am 6. Januar kommen sie zu dritt. Und auf ihnen reiten die Re Magi, die Heiligen Drei Könige.

Kennt ihr das auch? Ihr wollt einen Text schreiben, habt den Entwurf schon vor dem geistigen Auge, und dann erfahrt ihr erst beim Schreiben Dinge, die alles auf den Kopf stellen. Oder dem Thema eine andere Wendung geben. So geschah es mir heute. Ich wollte eigentlich nur davon erzählen, wie ich mich aufraffte, ein originelles italienisches Gebäck zu backen, welches es zum Feiertag Epifania am 6. Januar gibt. Auf der Suche nach einem einfachen Rezept stieß ich auf die Geschichte des Traditionsgebäcks und die überraschende Erkenntnis: Es handelt sich beim Cammello di pasta sfoglia (Blätterteig-Kamel) nicht um eine in ganz Italien gepflegte Backtradition, sondern um eine von Vareser Konditoren ersonnene Spezialität. Außerhalb des Varesotto, wie die Vareser Provinz auch genannt wird, sucht man es zumeist vergeblich. Mein Mann, gebürtiger Vareser, staunte nicht schlecht.

„Davvero? Non lo sapevo.“ Tatsächlich? Das wusste ich nicht.

Auch er hatte immer geglaubt, dass die Blätterteig-Kamele am 6. Januar überall in Italien die süße Krönung der Feiertage wären. Das mag daran liegen, dass weder er noch ich jemals an einem 6. Januar woanders waren als daheim. Man fährt über die Feiertage weg, oder zwischendurch, oder zum Jahreswechsel in eine andere Stadt. Spätestens zur Epifania ist man aber wieder zurück, eigentlich schon eher, da man meist gleich nach Capodanno, Silvester, wieder arbeiten geht. Wie sollte es ihm oder mir also aufgefallen sein, dass die Italiener im Rest des Landes ohne die leckeren Kamele auskommen.

Camello di sfoglia: Achtung, sie kommen in ganzen Horden.

Und weil es manchmal beim Schreiben anders kommt als gedacht, erzähle ich euch hier nicht von meinen mehr oder weniger gelungenen Backversuchen, sondern

Die Legende vom Kamel der Heiligen Drei Könige, Vareser Traditionsgebäck zur Epifania*

Der 6. Januar ist der Tag der Heiligen Drei Könige: Gaspar, Melchior und Balthasar kamen zur Krippe, das Jesuskind anzubeten, und brachten dazu Gold, Weihrauch und Myrrhe mit. Die mutmaßlichen sterblichen Überreste der drei Weisen gelangten erst im Jahr 1164 zu großer Berühmtheit, als sie in den Kölner Dom Einzug hielten, wo sie seither als Reliquien im goldenen Dreikönigsschrein des mittelalterlichen Meistergoldschmieds Nikolaus von Verdun verehrt werden. Bevor sie nach Köln kamen, befanden sich die Knochen in Mailand. Die Vareser Legende erzählt nun, dass die Überreste der Heiligen Drei Könige, die Kaiser Friedrich Barbarossa aus der Kirche Sant’Eustorgio in Mailand gestohlen und dem Erzbischof von Köln geschenkt hatte, auf ihrem Weg nach Köln durch das Gebiet von Varese transportiert wurden. Diese Erzählung regte die Fantasie an und inspirierte Vareser Konditoren, ein knuspriges, süßes Gebäck in Form eines Kamels, dem Reittier der Heiligen Drei Könige, zu kreieren. Es könnte die edle Version eines älteren, populäreren Kuchens aus Mürbeteig oder Brot sein.

Ob diese Legende nun wahr oder nur ein im Mittelalter verankerter Marketing-Gag ist, wen schert es. Fakt ist, wir haben dieser Geschichte der Reliquien eine beliebte Leckerei zu verdanken. Obwohl es viele Varianten mit Füllungen gibt, bleibt die simple Version des einfachen Blätterteiges, schon während des Backens mit Eigelb und Zucker vergoldet, der Klassiker schlechthin. Das „Gebiet des Kamels“ lässt sich nicht genau eingrenzen, aber man sagt, dass es in den Konditoreien außerhalb des Varesotto schwer zu finden ist. Wir machten die Probe aufs Exempel und fragten vor ein paar Tagen in Como nach. Unsere kleine, keinesfalls repräsentative Stichprobe ergab eine fünfzigprozentige Trefferquote. In zwei Konditoreien lächelte man nur kopfschüttelnd, in zwei anderen gehören Kamele überraschenderweise zum Angebot rund um den 6. Januar. Gutes wird von geschäftstüchtigen Konditoren irgendwann kopiert. Sogar die Comenser scheuen sich nicht, etwas von den Varesern abzuschauen.

Zum Weiterlesen, den italienischen Feiertag Epifania betreffend: Warum mir noch eine harte Nachtschicht bevorsteht, ehe auch ich morgen früh ein Kamel vernaschen kann? In meinem Beitrag vom letzten Jahr erfahrt ihr, was es mit der Nacht der Nächte auf sich hat.

*Quellen: Settenews: La leggenda del cammello dei Re Magi, il dolce preferito dai varesini, FAZ: Wie die Heiligen Drei Könige nach Deutschland kamen

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Ein Blick zurück nach vorn

Kein größerer Schmerz als sich erinnern glücklich heiterer Zeit im Unglück.

(Nessun maggior dolore che ricordarsi del tempo felice ne la miseria.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno I, 1-3

Für den letzten Beitrag im italienischen Dante-Jahr 2021 möchte ich mich doch noch eines Zitats des großen Dichters bedienen. Es passt leider so schön, könnte man meinen. Auch ich ertappe mich dabei, vom Jahr 2019 zu schwärmen. Da hatte mich eine neue Unternehmungslust gepackt, ich verreiste, traf alte Freunde wieder, suchte Orte der Erinnerung auf und schuf mir neue. Freunde und Erinnerungen. Und doch: Es hilft uns nicht, wehleidig zurückzublicken. Wir sollten Kraft schöpfen aus dem Erlebten, an den Ideen und Projekten festhalten, sie fortschreiben in die Zukunft. Was bleibt uns auch anderes übrig, das sinnvoll wäre im Privaten und für die Gesellschaft? Nun liegt es mir fern, über das Schicksal der Menschheit im Allgemeinen zu philosophieren, da gibt es kompetente Leute, die in diesen letzten Tagen des Jahres Prognosen abgeben. Erlaubt mir an dieser Stelle einen privaten Ausblick. Keine Sorge, es wird kein Rundumschlag. Der Italiener würde sagen: Chi se ne frega, wen interessiert das schon. Nur eine Sache, die womöglich eine Anregung, im konkreten oder übertragenen Sinne, bereithält. Wer sagt denn, dass es so, wie wir es immer gemacht haben, am besten für alle war. Umdenken, neu denken, besser denken. Im Jahr 2022 werde ich einen runden Geburtstag haben. Ich vermeide bewusst das Wort „feiern“, denn die Vorstellung, schon so alt zu sein … Da passt ein weiteres Zitat aus der Göttlichen Komödie, welches die meisten Italiener noch zitieren können, weil sie es in der Schule auswendig lernen mussten. Was dem Deutschen der Osterspaziergang oder der Erlkönig, ist dem Italiener der erste Vers von Dantes Jahrtausendwerk:

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

(Nel mezzo del cammin di nostra vita mi ritrovai per una selva oscura, ché la diritta via era smarrita.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno V, 121-123

Die Orientierung verloren? Oder finden wir sie gerade erst? Vielleicht waren wir kopflos unterwegs in dem irren Glauben ‒ Augen zu und durch ‒ es geht immer weiter. Wenn es plötzlich finster und unübersichtlich wird, muss man einen Moment stehen bleiben. Selbst wenn das nicht freiwillig geschieht, wie durch diese Pandemie, steckt immer auch eine Chance in dunklen Zeiten: innehalten, durchatmen, sich sammeln, und dann neu durchstarten. Und schon wieder gleite ich ab ins Philosophieren. Aber wie ließe sich das vermeiden, bei solchen Versen.

Zurück zum konkreten, persönlichen Thema. Meinen Geburtstag ‒ mit Optimismus betrachtet die Mitte des Lebens ‒ möchte ich feiern. Und zwar viele Male. Und das ist auch neu gedacht. Ich werde kein großes Treffen für alle organisieren, weil das ein logistischer Riesenaufwand ist, für mich und die Gäste. Ich lebe hunderte Kilometer entfernt von der Familie in Deutschland und auch von Freunden, die es teilweise sogar in andere Länder verschlagen hat. Da kommt mir die Ausrede gerade recht, solange wir Corona nicht endgültig hinter uns gelassen haben, kein solches „Groß-Event“ zu planen, keine Absage im letzten Moment riskieren zu müssen. Die Idee, statt einer großen lieber viele kleine Feiern zu machen, gefällt mir. So kann ich mich jedem einzelnen persönlich widmen. Wir unternehmen etwas zusammen, es muss ja nicht immer das klassische Kaffeetrinken und Abendessen sein. Vielleicht ein Theaterbesuch mit einem Glas Wein danach, ein Spaziergang an der Spree, eine Bootstour auf der Elbe, ein Picknick am Kalterer See, eine Radtour um den Lago di Varese oder was auch immer es sein wird, auf das wir und meine Gäste an diesem Tag oder Abend Lust haben. Zusammensein, reden, lachen, in Erinnerungen schwelgen und über die Zukunft plaudern. Ja, die Zukunft. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird es 2022 noch nicht das Paradies, das müssen wir uns erst wirklich verdienen. Ich hoffe und wünsche, dass Corona endlich seinen Schrecken verliert und wir damit ungehen können, mit den leidigen Streitereien darum reicht es dann mal. Die Menschheit hat andere Probleme zu lösen, oder nicht? Dem Vorhof zur Hölle, in den wir uns weitgehend selbst hineinmanövrieren, dem lasst uns bitte entkommen. Wenn wir alle am gleichen Strang ziehen, sollte das möglich sein. Ein bisschen weniger „Was macht das mit uns?“, ein bisschen mehr „Wo steht das Klavier? Packen wir es an!“ Damit wir gemeinsam darauf spielen, dazu summen, singen und tanzen können, jeder, was er mag und am besten kann. Ich bleibe zuversichtlich. Ihr doch hoffentlich auch? Haltet die Ohren steif und freut euch auf die Abenteuer, die vor uns liegen.

Auguri e BUON ANNO 2022!

Und zu guter Letzt, weil es so schön passt, noch ein Bild vom Dezember in Rom, wo die Piazza di Spagna mit Lichtern und einem hoffnungsvollen Zitat ‒ von Dante, wem denn sonst ‒ geschmückt ist. Es ist der letzte Vers vom Inferno, der Schritt aus der Hölle.

Quelle: corriere.it 16. Dezember 2021

Von dort traten wir hinaus und sahen wieder die Sterne.

(E quindi uscimmo a riveder le stelle.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno XXXIV, 139

Titelbild: Motiv an einer Hauswand, fotografiert im Sommer 2021 in Florenz.

Oh Ostpaket

Natale und Weihnachten zusammen. Geht nicht? Und ob! Genau das ist die Herausforderung, der ich mich jedes Jahr gerne stelle. In meiner ersten Zeit in Bella Italia hatte ich die fantastische Gelegenheit, in Kalabrien einem süditalienischen Natale wie es im Buche steht beizuwohnen. So ein Natale, wo man am 24. Dezember gegen 17.00 Uhr mit einem Aperitivo anfängt und mit dem Essen und Trinken nicht vor dem Abend des 26. Dezembers aufhört. Zwar gab es zum Cenone della Vigilia (großes Abendessen am Heiligen Abend) alles auf Basis von Fisch, und am 25. und 26. Dezember dann hauptsächlich Fleisch, für Abwechslung war gesorgt, aber …  Es war alles köstlich, nicht, dass wir uns falsch verstehen. Von der hausgebackenen Spezialität Pitta ʼmpigliata schwärme ich noch heute. Aber es war schlicht zu viel. Als ich einige Jahre später in der Lombardei meine eigene kleine Familie gründete, stand fest: Den 24. Dezember würden wir in meiner deutschen Tradition mit gemütlichem Kaffeetrinken, anschließendem Spaziergang und Bescherung am frühen Abend feiern. Zum Abendessen sollte es, wie ich es von daheim kannte, Würstchen mit Kartoffelsalat geben. An den folgenden Feiertagen würde dann gespeist wie in Italien. Am 25. Dezember, il Pranzo di Natale, zuhause. Am Santo Stefano, dem in Deutschland zweiter Weihnachtsfeiertag genannten 26. Dezember, könnte man ins Restaurant gehen. Im Laufe der Jahre habe ich meinen Mann dazu gebracht, nicht auf alle Gänge zu bestehen. Auch er sah ein, dass man nach Aperitivo, diversen nicht gerade leichten Antipasti, Risotto oder Ravioli kaum noch Appetit auf das Secondo, den Hauptgang hat. Dabei hat ein mühevoll zubereiteter Braten Genuss und Wertschätzung verdient. So wie in Deutschland der Gänsebraten.

Doch zurück zum Heiligen Abend und meiner Idee, ihn in (ost-)deutscher Tradition zu begehen. Würstchen und Kartoffelsalat. Spätestens da fangen die Probleme an. Einen Stollen fürs festliche Kaffeetrinken kann man notfalls auch selbst backen. Aber ordentliche Würstchen? Gibt es hier nicht. Ich habe all den italienischen sogenannten „Wuster“ verschiedener Hersteller ihre Chance gegeben. Es war zum Heulen, eine geschmackliche Irrfahrt in den Katakomben der fleischverarbeitenden Industrie. Irgendwann stieß ich auf ein Südtiroler Produkt. Vorübergehend keimte noch einmal Hoffnung in mir auf. Was soll ich sagen: Sie schmeckten schon etwas besser, aber … Nun kann und will ich hier nicht behaupten, dass es in ganz Italien keinen Fleischer gibt, der ein anständiges, knackiges und geschmacklich zufriedenstellendes Würstchen herzustellen vermag. Aber in unseren örtlichen Supermärkten kaufe ich keine mehr. Diese Würstchenmisere hatte mir, so bedauerlich es war, die Lust auf das legendäre Festtagsmahl Würstchen und Kartoffelsalat genommen. Bereits die Zubereitung eines Kartoffelsalats stellt die deutsche Hausfrau in Italien vor gewisse Probleme, wenn sie nicht die richtigen festkochenden Pellkartoffeln hat, von Fleischsalat und Spreewälder Gewürzgurken ganz zu schweigen. Es ist eine logistische Herausforderung, aber sie ist nicht unlösbar. Man kann improvisieren, sich dem Ideal zumindest annähern. Bei den Würstchen jedoch stößt die Improvisationskunst an ihre Grenzen. Die muss man einfliegen lassen. Und deshalb ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr das heute bei uns eingetroffene, liebevoll gepackte Ostpaket. Mit Halberstädter Würstchen* und ein paar anderen Leckereien, die mir hier in Italien so abgehen. Meine Schwester und mein Schwager haben es mir in Dresden zusammengestellt und auf den Weg gebracht. Das musste schnell gehen, denn erst am zweiten Advent hatte ich meiner italienischen Familie übermütig versprochen: Am 24. Dezember gibt’s diesmal wieder Kartoffelsalat und Würstchen. Man macht vor Weihnachten gerne mal so großspurige Versprechungen. A Natale puoi heißt es schließlich in einem populären italienischen Weihnachtssong, ursprünglich als Werbejingle für einen Panettone kreiert. Weihnachten kannst du all das machen, was du sonst nie hinbekommst. Meine Schwester half mir diesmal dabei, indem sie den rettenden Weihnachtsengel spielte und die fehlenden Zutaten für einen Heiligabend nach ostdeutscher Tradition besorgte. Bis vor einigen Jahren waren es noch meine Eltern, die diesen verantwortungsvollen Auftrag übernahmen und uns jeden Dezember ein Paket schickten. Ein Carepaket aus Ostdeutschland nach Italien, das hätte man uns mal vor vierzig Jahren prophezeien sollen.

Das Schönste an Weihnachten sind bekanntlich die Erinnerungen. An die eigene Kindheit, an das Fest mit der Familie. Seit ich in Italien lebe und solange es ihnen möglich war, kamen uns meine Eltern immer im Sommer besuchen, da war die Bahnreise angenehmer für sie. Einmal kamen sie aber auch zu Weihnachten, darauf hatte ich bestanden. Oma machte damals mit unserer Großen, die klein und noch ein Einzelkind war, Kartoffelsalat. Der war fantastisch. So wie früher. Wahrscheinlich zählen ja nicht nur die „richtigen“ Zutaten, sondern vor allem die Hände, die ihn zubereiten. Ich gebe mir Mühe, auch morgen wieder. Aber ich weiß schon, dass er nie so sein wird wie in meiner Erinnerung. Wie der meiner Mutter.

*Werbung, unbeauftragt und unbezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Von Redensarten und Lebenskunst

Der Italiener und die Kunst, sich zu arrangieren

An einige italienische Redewendungen, die ich als frisch nach Italien eingewanderte Deutsche bei jeder Gelegenheit hörte und die mir seltsam vorkamen, erinnere ich mich genau. Ich konnte mir ihre wahre Bedeutung nicht erklären, war irritiert und wusste nicht, was ich davon zu halten hatte.

Ich hörte ständig „fare finta“ (so tun, als ob, oder auch etwas vorgeben, was nicht der Wahrheit entspricht). Überall taten die Italiener so, als ob. Oder sie taten so, als sei überhaupt nichts. Dann sagten sie „fare finta di niente“. Und von „fare finta di niente“ ist es gar nicht mehr weit, dann sind wir auch schon beim legendären „arrangiarsi“ gelandet. Man arrangiert sich eben.

Mein preußischer Sturkopf rebellierte. Wie konnte man es für richtig halten, sich zu arrangieren, mit vermeintlichen Ungerechtigkeiten, schwachsinnigen Umständen, unbequemen Prozeduren. Obgleich ich mich von Anfang an von Herzen wohlfühlte in Italien, fand ich diese Redewendungen befremdlich. Wie konnten sie nur so ticken, die Leute, und es auch noch zugeben?

Erst im Laufe der Zeit und auch mit den Zeiten, die sich änderten, bekam ich nach und nach mit, in welchen Situationen so tun, als ob, und sich arrangieren gar keine schlechte Idee ist.

Wenn ich beispielsweise einen neongrünen Schal geschenkt bekomme, modisch der letzte Schrei aber meinem vorteilhaften Aussehen eher abträglich, was der Schenkende wissen müsste, faccio finta di niente und bedanke mich brav. Vielleicht kenne ich jemanden, dem er gut zu Gesicht stehen wird. Wenn ein lieber Gast vor Wiedersehensfreude gleich vom Treppenhaus ins Wohnzimmer stürzt und vergisst, die Schuhe im Flur auszuziehen, faccio finta di niente. Was würde es bringen, die Nase zu rümpfen, die Augenbrauen hochzuziehen oder gar empört aufzuschreien. Bringt uns beiden nur Unbehagen. Also unterdrücke ich meine spontane Reaktion und tue so, als sei alles gut. Diplomatie nennt man das wohl. Wenn der Besucher gegangen ist, kann ich meinen heiligen Boden ratzfatz wischen. War ja vielleicht sowieso mal wieder fällig.

Die berühmte „L’arte di arrangiarsi“, die Kunst, sich zu arrangieren, half den Italienern auch durch den ersten und knallharten Lockdown im Frühjahr 2020. Wie konnten sie sonst eine derart befremdliche und beängstigende Situation so pragmatisch und ohne großes Murren durchstehen. Wenn ich da an die deutsche Berichterstattung ein paar Wochen später denke und die selbstmitleidige Frage „Was macht das mit uns?“, die sich in den Medien schneller als das Virus im echten Leben verbreitete. Das waren Artikel, die den zweiten Tag im Homeoffice zum Thema hatten. Ich hätte meinen Landsleuten oder vielmehr den schreibenden Kollegen zurufen mögen: Arrangiert euch, macht das Beste draus, tut so, als wäre das jetzt gar nicht so schlimm. Die Italiener gingen zu jenem Zeitpunkt schon länger überhaupt nicht aus dem Haus, oder nur noch im Umkreis von 200 Metern (!) mit dem Hund, wenn sie einen hatten. Sie arrangierten sich und rissen im Netz Witze zu den irrwitzigen Umständen.

Ob jede der Maßnahmen damals bis ins letzte Detail sinnvoll war, bleibt dahingestellt. Dass sie in diesem Moment, in dem uns keine anderen Mittel zur Eindämmung des Virus zur Verfügung standen, der einzige Weg waren, dem Sterben Einhalt zu gebieten, das war den Menschen klar. Und es reichte, sich Krieg, Erdbeben oder ähnliche Katastrophen vor Augen zu führen, mit denen es uns schlechter gegangen wäre. Wir saßen im Warmen, schützten uns und die anderen vor Ansteckung. Man arrangierte sich. Und hoffte, es wären nur wenige Tage oder Wochen, dass sich die Disziplin auszahlen und der Spuk vorbei sein würde.

Eine Grundvoraussetzung für das Vermögen, sich mit Umständen, auf die man selbst keinen Einfluss hat, abzufinden und das Beste daraus zu machen, ist es wohl, nicht immer recht haben zu wollen. Ich gebe zu, dass ich mich selbst schwer damit tue. Ich urteile schnell, bin voreingenommen, meine zu wissen, wie es besser gehen würde. Ist aber nicht so.   

Vielleicht haben wir Deutschen mit unserem „Recht haben wollen“ nicht immer recht. Sondern verpassen dabei die Freude am Leben.

Daniel Speck bringt es in seinem Roman „Piccola Sicilia“ so schön auf den Punkt, wenn er das Leben im italienischen Einwandererviertel von Tunis in den Jahren vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges beschreibt. Eine kleine Welt, in der Juden, Christen, Moslems, Italiener, Franzosen und Araber kulturellen Unterschieden und religiösen Überzeugungen zum Trotz in gegenseitigem Respekt und aus Freude am Dasein einträchtig zusammenlebten.

„Alle liebten das Leben zu sehr, um immer recht zu haben. Recht haben ist anstrengend. Du kannst entweder recht oder Spaß haben, aber nicht beides zugleich.“

Daniel Speck, Piccola Sicilia, Roman. Fischer Taschenbuch, April 2020. Seite 70.

Übrigens ein vielschichtiges und spannendes Buch, das ich empfehlen kann. Vielleicht noch einmal mehr dazu an anderer Stelle.

Die Aromen des Lebens

Mögt ihr Porree? Oder Lauch, wie es neualtdeutsch wieder heißt. Ich mag das Gemüse mit dem würzigen Geschmack, viel zarter und milder als die Zwiebel. Bei uns zu Hause gab es Porree in einer cremigen Soße manchmal als Beilage zu Fleisch und Kartoffeln. In Italien begegnen mir die Stangen seltener auf dem Teller und im Gemüseregal lasse ich sie links liegen, weiß ich doch, dass mein Mann sie nicht mag. Und doch habe ich es geschafft, ihn zu einem Abendessen zu überreden, dessen erster Hauptgang ausgerechnet ein Risotto „Riso e Porri“, Reis und Lauch war. Fad und nüchtern, urteilte er anschließend. Cremig, delikat, köstlich und genau richtig gewürzt, wenn ihr mich fragt. „Du bist verschnupft“, warf ich ihm vor. „Du kannst die köstlichen Aromen nicht angemessen würdigen.“

Aber von vorn. Auf den Schriftsteller Piero Chiara kam ich in diesem September, vielleicht nicht wie die Jungfrau zum Kind, aber wie eine ausgehungerte Kulturliebhaberin zu einem köstlichen Happen Literaturgenuss. Bei einem musikalisch-literarischen Abend im Innenhof des schönen Castello di Monteruzzo im benachbarten Ort Castiglione Olona, entwarfen Textausschnitte aus Chiaras Erzählungen „Cartoline dal Lago Maggiore“, Ansichtskarten vom Lago Maggiore. Diese Ausschnitte machten mich neugierig, und ich holte mir in der Bibliothek mehr von seinem Lesestoff, der zum großen Teil am Lago Maggiore und speziell in Luino (wo Pierino Angelo Carmelo 1913 geboren worden war), in Varese und im Schweizerischen Tessin angesiedelt ist. Freilich dachte ich dabei auch an meinen Blog und die Kategorie „Literarische Orte“. Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Beitrag zu Chiaras Erzählung „La mano di Dio“. Auf den darin beschriebenen Sacro Monte blicke ich, während ich hier am Schreibtisch vor dem Fenster sitze, das in Richtung Varese geht.

Zufall oder nicht, lagen in unserer Bibliothek zu jenem Zeitpunkt kleine Heftchen aus. Sie bewarben den Literaturwettbewerb „Il festival del racconto premio Chiara“ und eine Ausstellung in Varese, die dem Schriftsteller und seinen Passioni unter dem Titel „La belezza del vivere“ gewidmet ist. Obwohl neben Reisen, Segeltouren und Kartenspiel auch gutes Essen und Billard zu Chiaras Leidenschaften gehörten, die mein Mann durchaus teilt, ging ich lieber mit einer befreundeten und literaturbegeisterten Arbeitskollegin in die Ausstellung.

Im Rahmen derselben und als Abschluss des Literaturfestivals gab es am 26. November 2021 ein Benefiz-Dinner mit einem Menü, inspiriert von den kulinarischen Vorlieben Chiaras. Das Dinner fand im ehrwürdigen Palace Grand Hotel von Varese statt, mit dem mein Mann Erinnerungen an Kindheit und Jugend verbindet. Das war mein Glück, denn so konnte ich ihn leicht überzeugen, mich zu begleiten. Der Abend im historischen Ambiente war auf ganzer Linie den gastronomischen Leidenschaften Piero Chiaras gewidmet. Zwischen den Gängen lasen Kuratoren des Literaturpreises kulinarische Geschichten aus der Feder des Schriftstellers.

Ja, doch, das ist mein Platzkärtchen. Ihr wisst ja, dass Anke für die Italiener eigentümlich klingt und eigentlich kein Name ist. Man sieht, dass mein Mann bei der Reservierung nicht anständig buchstabiert hatte. Annie ist natürlich herzallerliebst, ich habe nicht auf eine nachträgliche Korrektur bestanden.

Nach einer kleinen Vorspeise aus eingelegter Trotta Salmonata (Lachsforelle), gab es das eingangs genannte Risotto „Riso e Porri“, von Piero Chiara wie folgt beschrieben: „Reis und Lauch ist ein wunderbares Gericht. Ich behaupte, dass Risotto nicht allzu schmackhaft sein sollte, da es einen sonst schnell anwidert und die Lust auf die folgenden Speisen nimmt. Es ist ein Einstiegsgericht, es muss den richtigen Geschmack haben, moderat gewürzt sein.“* Leider war das anschließend servierte Hauptgericht mit gegartem Forellenfilet, gedämpften Kartoffeln und Gemüse geschmacklich auch sehr moderat. An unserem Tisch wurde gewitzelt, es erinnere an eine Mahlzeit im Krankenhaus. Der Vergleich mag insofern passen, dass die Speise in ihrer Einfachheit und gesunden Zubereitung unsere heutzutage so überreizten Geschmacksnerven wohl nicht mehr trifft. Wann gibt es heute schon mal patate lesse (gedämpfte Kartoffeln) in italienischen Restaurants? Es dominieren allerorts die patate al forno (im Ofen geröstete Kartoffelstücken), knusprig golden und mild gewürzt im besten, fetttriefend, zerkocht und versalzen im schlimmsten Fall. Piero Chiara muss heimliche deutsche Wurzeln gehabt haben, so schwärmte er in einem Interview vom traditionellen Grundnahrungsmittel der Deutschen: „Ich mag Kartoffeln mehr denn je, in Wasser gekocht, ganz natürlich. Wenn sie gut ist, ist die Kartoffel auch so köstlich, mit einem Spritzer Olivenöl, sogar mit ein wenig Essig, in einem Salat, in welchem sie ihr volles Aroma entfalten kann.“* Chiara schätzte die ursprüngliche, einfache Küche, ohne viel Schnickschnack. Im selben Fernseh-Interview, das auch in der Ausstellung gezeigt wurde, gab er zu, dass ihn die Vorstellung, dass die Lebensmittel zu stark mit den Händen bearbeitet worden sind, abschreckte. Lieber genoss er eine unberührte, ordentliche Pellkartoffel, die er sich selbst am Tisch mundgerecht zubereiten konnte. Mit Sorge beobachtete Chiara seinerzeit die Tendenz zu Fertiggerichten und anzurührenden Koch- und Backmischungen. Das waren in den sechziger und siebziger Jahren die Anfänge der heute als „Convenience Food” beworbenen industriell verarbeiteten Nahrungsmittel, die auch in italienische Küchen Einzug hielten. Da wurde nicht mehr gekocht, da wurde ein Pulver angerührt, kommentierte Chiara, wie handschriftliche Notizen und Zeitungsausschnitte in der Ausstellung dokumentieren.

Erkennt ihr das Jahr auf dem Espresso-Tässchen des Palace Grand Hotels? Der herrschaftliche Jugendstilbau wurde 1913 in Varese eröffnet, im selben Jahr, in dem Piero Chiara ein paar Kilometer weiter nördlich in Luino zur Welt kam.

Heute, fünfunddreißig Jahre nach dem Tod des Schriftstellers im Jahr 1986 in Varese, scheint es, dass man wieder wegkommt von zu viel Lebensmittelchemie auf dem Teller. Geklärt werden muss noch die Frage, wer das gesunde und abwechslungsreiche Kochen in Familien übernimmt, in denen beide arbeiten. Wer es sich leisten kann, kauft vom „Banco“ (Theke) im Supermarkt oder in der „Rosticceria“ (Feinkostladen), wo täglich frisch gekocht wird. Kochen lassen, wäre das auch im Sinne Chiaras? Ich denke schon, denn jeder sollte seinen ureigensten Leidenschaften frönen. Was dem einen die Küche, ist dem anderen die Kunst, der Sport, die Handarbeit. In dieser individuellen Wahl und deren Genuss besteht doch am Ende „La bellezza del vivere“, die Schönheit des Lebens. Das gute und gesunde Speisen gehört zweifelsohne dazu. In unserer Familie kocht der Hausherr. Gott, oder vielmehr meinem Mann, sei Dank. Ich backe hin und wieder, aber meine wahre Leidenschaft, wie ihr wisst, ist das Texten. „I sapori del vivere“, die Aromen, der Wohlgeschmack des Lebens, möchten schließlich auch beschrieben werden. Was das Risotto mit Lauch betrifft, so würde ich es liebend gern einmal nachkochen und mich dazu freiwillig die nötige Zeit an den Herd stellen. Mein Mann, und ich fürchte auch die Kinder, lassen mich leider nicht. Der geschmacklichen Bedenken im Hinblick auf Porree wegen. Habt ihr Lust, es für mich auszuprobieren?

Rezept Risotto mit Lauch, für 4 Portionen (übersetzt von https://blog.giallozafferano.it/piattiprontiinunattimo/risotto-ai-porri/)

Zutaten: 1 Stange Lauch (mittelgroβ), 360 g Risottoreis, 100 g Parmesan, 50 g Butter, 1 Liter Gemüsebrühe, 1 Prise Muskatnuss, 1 Bund Petersilie, Salz, Pfeffer.

  1. Eine mittelgroße Pfanne auf kleiner Flamme erhitzen, die Butter hineingeben und vollständig schmelzen lassen.
  2. Während die Butter schmilzt, das Lauch waschen und putzen, den dunklen Teil entfernen, den weißen Teil in sehr dünne Ringe schneiden und diese in der geschmolzenen Butter 5 Minuten bei mittlerer Hitze glasig dünsten.
  3. Anschließend den Reis dazugeben und etwas Gemüsebrühe unterrühren.
  4. Wenn der Reis halb gar ist, den geriebenen Parmesan in die Pfanne geben und weiterrühren, bei Bedarf Gemüsebrühe hinzufügen.
  5. Ein wenig Muskatnuss und etwas Petersilie in die Pfanne geben und unter Hinzugabe von Brühe den Reis so lange weiterrühren, bis er gar ist.
  6. Das Lauchrisotto mit einem Stängel Petersilie dekoriert servieren. (Im Palace Grand Hotel zierte das Risotto eine Veilchenblüte, das ist natürlich vornehmer.)

*Zitate übersetzt aus diesem Artikel bei Varese News.

Pippi, che magia!

Alle Jahre wieder. Die gleiche Frage. Gestern war sie sogar mit einem vermeintlichen Verbesserungsvorschlag verbunden. „Kommt Pippi eigentlich wieder abends oder kannst du sie schon früh kommen lassen, bevor ich aufstehe?“ Meine Tochter zwinkerte mir zu, und als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sah, ergänzte sie schnell: „Nun komm schon, ich weiß doch längst, dass du Pippi bist, Mama!“

Nun töne ich mir zwar seit ein paar Wochen die Haare rot, aber nicht in einem knalligen Orangeton wie das schwedische Frollein, mit dem ich jetzt verglichen werde. Meine Haarfarbe ist ein edles Burgundy. Warum soll man einen guten Rotwein nur trinken, wenn man ihn auch auf dem Kopf tragen kann.

Zu der frechen Behauptung meiner Tochter lächelte ich schnell, auch um die aufsteigende Panik zu überspielen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass meine große Kleine wieder auf den Pippi-Adventskalender bestehen würde. Wie schon seit einigen Jahren ging ich davon aus, ihn endlich ersetzen zu können. Ich habe mir diesmal sogar erlaubt, einfach für jedes Familienmitglied einen bereits gefüllten Kalender einer Süßwarenmarke zu kaufen, die es bei uns in Italien nun auch gibt. Aber es gleicht einem Fluch, Pippi lässt mich nicht mehr los. Vielleicht hat das mit meiner ursprünglichen Verweigerung zu tun, damals, in den Sommerferien am Storkower See?  

Noch nicht die Welt, wie sie uns gefällt

Es war Anfang der 80er-Jahre, im Juli oder August. Zwei Wochen Familienurlaub in einer Bungalowsiedlung südöstlich von Berlin. Den ganzen Tag an der frischen Luft, im Wald, am See. Federball spielen, Himbeeren sammeln, Ruderboot fahren, schwimmen. Bei schlechtem Wetter gingen wir Kinder manchmal in den sogenannten Gemeinschaftsraum, eine Runde Tischtennis oder Karten spielen. Ein Fernseher stand auch darin, und wenn uns gar nichts anderes mehr einfiel, schalteten wir ihn ein. Nachmittags gab es Kinderfernsehen, meist lief ein Märchen oder irgendein altersgerechter DEFA-Film. Einmal kam einer von uns auf eine andere Idee. „Lasst mich mal ran, ich weiß was Besseres.“ Der Junge kletterte auf einen Stuhl und drehte am verbotenen Knopf. „Beim ZDF kommt Pippi Langstrumpf, das fetzt.“ Was der sich traute. Mir war unwohl bei der Sache, schließlich war Westfernsehen verboten, in einem Ferienobjekt der Nationalen Volksarmee. Ich wagte nicht, laut zu protestieren. Schon gar nicht gegenüber den frechen Jungs, die auch noch älter waren als ich. Stattdessen schlich ich mich heimlich und leise, eine Ausrede brummelnd, von dannen. Dabei hätte ich lieber mit ihnen gespielt. Um diese komische Fernsehsendung tat es mir nicht leid. Mit Westpropaganda wollte ich nichts am Hut haben, ob die nun für Kinder in Gestalt einer bezopften Rothaarigen daherkam oder wie auch immer. Auf keinen Fall konnte ich damals ahnen, dass ich im Leben noch mehr als genug von Pippi Langstrumpf bekäme, nur auf Italienisch.

Pippi, Pippi, Pippi, che nome, fa un po‘ ridere*

Pippi Calzelunghe war jahrelang DER Dauerbrenner bei meinen Töchtern. Erst konnte sich die Große nicht sattsehen, und als sie aus dem Pippi-Fieber raus war, fing die Kleine damit an. Wir hatten die Serie auf DVD, wenn sie nicht gerade sowieso im Fernsehen lief. Dazu kamen bald Bücher, Puzzle, Memory. Pippi round the clock, bis es uns Eltern zu den Ohren herauskam. Ich nahm es mit Humor und irgendwann lud ich sogar den italienischen Titelsong als Klingelton auf mein Handy. So hatten meine Kollegen im Büro auch etwas davon.

Im Advent wird Pippi magisch

Vor acht Jahren war es wohl, da schenkte uns meine Schwester einen Adventskalender von Pippi Langstrumpf, mit dem sie als Tante natürlich einen Volltreffer landete. Seitdem hing jedes Jahr die blaue Kordel am Bettgestell im Kinderzimmer. An jedem Tag im Dezember, vom 1. bis zum 24., kam schwuppdiwupp ein neues Tütchen dran, in dem eine Süßigkeit, Nüsse oder andere Kleinigkeiten steckten. Das Tütchen erschien auf magische Art, kurz bevor die Kinder aus dem Kindergarten oder dem Hort nach Hause kamen. Am Wochenende war es zuweilen schwierig für Pippi, einen unbeobachteten Moment zu finden, um ihre Magie walten zu lassen.

Und in diesem Jahr? Heute Morgen hing noch kein Tütchen an der Kordel, die unsere Kleine diesmal eigenhändig angebracht hat, um auf Nummer Sicher zu gehen. „Warte mal ab, vielleicht heute Abend“, tröstete ich sie. Dabei unterdrückte ich ein Kichern und summte leise vor mich hin: „Forse non lo sai, ma io qualche volta divento magica.”**

*Pippi, Pippi, Pippi, was für ein Name, er ist ein bisschen komisch. **Vielleicht weißt du es nicht, aber manchmal entwickle ich magische Fähigkeiten … So heißt es im italienischen Lied von Pippi Calzelunghe. Hört mal rein, allein die Stimme der kleinen Sängerin ist ein Spettacolo!

Titelbild: Motiv unseres Adventskalenders.

Mein Elbflorenz

Schön, nicht wahr? Dieses stimmungsvolle Panorama ziert den Bildschirm meines Bürocomputers. Es zeigt die deutsche Stadt, der ich mich, obwohl ich selbst nie dort gelebt habe, am stärksten verbunden fühle: Dresden. Im Jahr 2019, in dem ich viel reiste, war mir die Idee gekommen, meinen Bildschirmhintergrund jeweils mit einem Foto des nächsten Reiseziels zu aktualisieren. Motivation im Arbeitsalltag nennt man das wohl. Anfang März 2020 hatte ich Dresden auf dem Schirm, wir wollten über Ostern meine Mutter und meine Schwester besuchen.

Warum Dresden? Nun, da spielt die Geschichte meiner Familie die Hauptrolle. Mein Vater war im Sommer 1945 mit seinen Eltern und seiner Schwester von Schlesien in die zerbombte Stadt umgesiedelt worden. Er verbrachte dort seine Jugend, bevor er aus beruflichen Gründen in die Berliner Gegend zog. Das war auch gut so, sollte er doch in Berlin die Liebe seines Lebens, meine Mutter, treffen. Seine Eltern blieben in Dresden, und so kam es, dass ich schon in meiner Kindheit regelmäßig in die schöne Stadt an der Elbe fuhr, um meine Großeltern zu besuchen. Später zog auch meine Schwester der Liebe wegen nach Dresden, und als ich schon auf dem Sprung nach Italien war, taten es ihr meine Eltern gleich.

In meiner neuen Wahlheimat südlich der Alpen wurde ich ständig gefragt, besonders vor Weihnachten: „Vai a casa?“ Bald wurde es zur Routine, dass ich klarstellte: Ich fahre zu meinen Eltern, zu meiner Familie. Aber nicht nach Hause. In Dresden habe ich nie gewohnt. Diese Konstellation klingt für die traditionell geprägten Italiener seltsam. Eltern bleiben doch in der Regel dort, wo man selbst geboren wurde. Und wenn man schon von ihnen wegziehen musste, dann besucht man sie regelmäßig, in den Sommerferien und zu den Feiertagen am Jahresende. Man fährt nach Hause. Ich erinnere mich auch gut, wie meine Kollegen mitfühlten, als am 13. August 2002 die italienischen Abendnachrichten mit den Bildern des Dresdner Hauptbahnhofs eröffneten, aus dessen Eingang heraus das Wasser der Weiβeritz wie eine Sintflut in die Stadt strömte. Wie geht es deinen Eltern? Fährst du jetzt nach Hause? Als ob es in jenem Moment möglich gewesen wäre oder etwas gebracht hätte, nach Dresden zu fahren. Meinen Eltern ging es gut, außer langem Stromausfall hatten sie keine Schäden zu beklagen. Sie wohnten nur ein paar Meter von der Weißeritz entfernt in Löbtau, aber auf der ansteigenden Seite, das Wasser floss in den anderen Stadtteil.

Aber zurück ins Jahr 2020. Für Ostern hatten wir rechtzeitig den Flug gebucht, ein Hotel reserviert, Karten für die Semperoper besorgt. Als ich am Freitag, dem 6. März 2020 im Büro meine Sachen packte, um vorübergehend ins Homeoffice zu ziehen, schaltete ich den PC aus, und mit dem Bild von Dresden vor Augen lachte ich nur, als meine Kollegin mir zum Abschied „Schöne Ostern!“ wünschte. Ha, das wäre doch erst in fünf Wochen, bis dahin … Mit meiner Schwester telefonierte ich und berichtete, was wir von dem Geschehen in Italien und speziell in unserer Region, der Lombardei, persönlich mitbekamen. Auch sie scherzte und meinte: „Ach, kein Problem. Wenn ihr Ostern hier seid, müssen wir ja keinem sagen, wo ihr herkommt. Dir merkt man es ohnehin nicht an, und dein Mann muss einfach mal in der Öffentlichkeit den Mund halten und Bier trinken.“

Dass alles anders kam, und niemand zu Ostern irgendwohin fuhr, wisst ihr selbst. So blieb das Dresden-Panorama auf meinem coronabedingt stillgelegten Bürocomputer, und als ich ihn knapp anderthalb Jahre später wieder einschaltete, passte es immer noch perfekt. Als wäre die Zeit zwischendurch stehengeblieben. Im Sommer 2021 fuhren wir tatsächlich nach Dresden. Nach Elbflorenz, oder Florenz des Nordens, wie die sächsische Stadt auch genannt wird. Diesmal hatten wir sogar den direkten Vergleich, denn im Anschluss an Dresden verbrachten wir ein paar Tage im „echten“ Florenz. Und was soll ich euch sagen?

Ich weiß jetzt, warum die Städte an der Elbe und am Arno miteinander verglichen werden. Weil es in beiden gar nicht so leicht ist, in Ruhe ein gepflegtes Eis zu essen, wie man das im Sommerurlaub gerne täte. Bei rund zwanzig Grad Temperaturunterschied (Anfang August waren es um die zwanzig in Dresden, Mitte August vierzig in Florenz) hatten wir mit dem Eis essen in beiden Touristenhochburgen ein Problem: In Dresden saßen wir am Neumarkt gegenüber der Frauenkirche. Die Eisbecher waren gerade serviert, da fing es zu regnen an. Wir rückten unter dem einzigen Schirm, den wir dabeihatten, zusammen und löffelten so schnell es ging, weil mit dem Regen auch ein kalter Wind aufgekommen war. Und, als ob das schlechte Wetter nicht schon Ärger genug gewesen wäre, musste ich Beschwerde einlegen, dass man in meinem Becher offensichtlich den Kirschlikör „vergessen“ hatte. Ich bin kein Tourist, der hier einmal und nie wieder auftaucht, hätte ich dem Italiener gerne in seiner Muttersprache ins Ohr gezischt. Seine Gelateria machte dem Land mit der besten Eiscreme der Welt so jedenfalls keine Ehre. Ein paar Tage später in Florenz war es unverschämt teuer, hätte man die heiß ersehnte Erfrischung an einem der Tische mit Blick auf die Piazza della Signoria im Sitzen konsumieren wollen. Schon eine Eistüte am Stand kam annähernd so viel wie der Becher in Dresden. Und wieder mussten wir uns beeilen. Diesmal angesichts der infernalen Hitze in der Geburtsstadt Dantes, in der einem das farbenprächtige Gelato schneller wegschmolz, als man es für den Schaut-her-wo-wir-gerade-sind-und-wie-gut-es-uns-geht-Status fotografieren konnte.

Natürlich gibt es für den naheliegenden Vergleich der sächsischen Landeshauptstadt mit der Hauptstadt der Toskana weitere und ernsthaftere Gründe, die man im Stadtbild und anhand meiner Fotos sehen kann. Dresdens barocke Bauten sind unverkennbar von Italien inspiriert und von der florentinischen Architektur beeinflusst. Das Paradebeispiel ist die nach der Wende wieder aufgebaute Dresdner Frauenkirche, die wie die Kathedrale Santa Maria del Fiore von Florenz eine steinerne Kuppel hat. Es verwundert nicht, dass der unter dem Namen Canaletto berühmte italienische Maler Bernardo Bellotto einige seiner schönsten Stadtansichten (Vedute) in Dresden und Florenz schuf. Hier habe ich mal unverfroren seine Gemälde und meine Fotos gegenübergestellt:

Der Canaletto-Blick in Dresden: Die Vedute von Bellotto (1748), ein Foto an gleicher Stelle von 2005.
Florenz, Piazza della Signoria: Die Vedute von Bellotto (1735–1745), Teilansicht der Piazza im Foto vom August 2021.

Übrigens, ich war gerade noch einmal in Dresden. Mitte November und wenige Tage, bevor die Hotels schließen mussten. Der Striezelmarkt, der zum zweiten Mal nicht stattfindet, war diesmal schon fast vollständig aufgebaut. Ich hatte meiner Mutter, die mittlerweile im Altersheim lebt, im Sommer versprochen, sie zu ihrem Geburtstag zu besuchen. Im August waren wir zuversichtlich, was den bevorstehenden Herbst betraf. Wieder kam es anders. Ich konnte nicht wie geplant bei meiner Schwester übernachten, da sie gerade einen Erstkontakt festgestellt und sich als Geimpfte freiwillig in Isolation begeben hatte. Ein offizieller PCR-Test war nicht vorgesehen in ihrem Fall. Ich musste an das verpatzte Ostern 2020 denken. Nach meiner Rückkehr sagte ich in Mailand lieber nicht, wo ich gerade herkam.

Zum Weiterlesen:

Elbflorenz: https://dresden.sehenswuerdigkeiten-online.de/infos/elbflorenz.html

Bernardo Bellottos Meisterwerk „Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke“: https://gemaeldegalerie.skd.museum/ausstellungen/canaletto/

My Radio

„Anke, in Varese ist es jetzt 8.00 Uhr.“

Ich bin mit dem Auto auf dem Weg ins Büro und starre entgeistert aufs Display im Cockpit. Das kann doch nicht, … der weiß doch wohl nicht, … die haben doch nicht etwa mich gemeint? Längst ist der Sprecher zu den Nachrichten übergegangen, denen ich kaum Gehör schenke, so sehr bin ich fasziniert und erschrocken zugleich. Da gibt es jetzt also auch schon personalisierte Radioansagen. Mich wundert ja gar nichts mehr, bei dem Affentempo, das der digitale Fortschritt vorlegt. Nur schwer gewöhne ich mich an die Bevormundung durch mein Auto, das mir ständig etwas mitzuteilen hat. Fahr langsamer, fahr schneller. Wach endlich auf du Penner, der Wagen vor dir fährt weiter. Bremse, du Idiot, sonst fährst du gleich auf. Achtung, Glatteisgefahr (bei 4 Grad Celsius Außentemperatur). Wenn ich eine Kurve fahre, steuert das Lenkrad hinterlistig dagegen. Es traut mir wohl nicht zu, dass ich sie kriege. Würde man alle Nachrichten und Anzeigen auf den diversen Displays ständig im Blick haben wollen, käme das einem Blindfahren gleich. Man schaut praktisch nicht mehr auf die Straße. Verrückt! Aber ich lasse mich nicht verrückt machen. Mein Auto weiß natürlich, wo wir gerade fahren. Dass es nun aber diese Daten, und sogar meinen Namen, ohne meine Erlaubnis an Dritte weitergibt, das geht doch wohl zu weit. Warum muss der verdammte Radiomoderator mich mit Namen ansprechen? Sicher sind auch die Werbeeinspielungen längst personalisiert. Obwohl, da hapert es noch. Oder meinen die im Ernst, sie müssten mir als Deutscher erklären, dass man den Markennamen der Waschmaschine, die ich mir zulegen soll, miele* schreibt und MIELE** spricht. Und dass sie mir ständig von der Wissenschaft inspirierte Boxer-Unterhosen für 7,99 um die Ohren hauen, ist vielleicht ein dezenter Hinweis darauf, dass ich meinem Mann endlich mal neue kaufen sollte? Vermutlich ist durchgesickert, dass er in Business Intelligence unterwegs ist und smarte Unterhosen, die mitdenken, zu schätzen wüsste.

Ich kapituliere. Was hilft es, sich aufzuregen. Wir sitzen nun mal alle im selben Auto (früher sagte man Boot), und wo die Reise hingeht, haben wir kaum noch selbst in der Hand. Das übernimmt die Technik für uns. Und vielleicht kann ich mich sogar anfreunden mit dem Gedanken, dass der nette Moderator ganz genau mich gemeint hat, als er die Uhrzeit durchsagte. Eine nette Stimme hat er ja. Den Rest denke ich mir dazu. Hach, ich freue mich jetzt jeden Morgen aufs Autofahren, denn es gibt jemanden, der mich begleitet. Meinem Mann erzähle ich besser nichts davon. Ob er womöglich eine Radiosprecherin hat, die ihn über den Äther grüßt? Aber mein Mann heißt nicht Anke, mit seinem Namen könnte es schwieriger werden …

Sicher ahnt ihr schon, dass meine Einleitung ein fakultativer Irrglaube und die ganze Geschichte mit der heimlichen Liebelei zum Moderator nur eine schöne Fantasie ist. In Wirklichkeit nennt er jedes Mal andere Orte, an denen es soundso viel Uhr ist. Bekannte oder weniger bekannte kleine Orte irgendwo auf Sizilien, im Piemont, in Ligurien. Und das liegt nicht an Fehlern bei der Übertragung meiner GPS-Standortdaten. Ich weiß natürlich auch, dass er mich nicht beim Namen nennt. Wenn die Aussprache eines Wortes bei anderer Schreibweise die gleiche ist, hängt alles nur an einem Komma. Das habe ich oben dazu gedichtet. Ohne Komma und mit dem italienischen anche (auch), das wie Anke gesprochen wird, hört sich die Ansage zum Beispiel so an:

Anche a Pieve Ligure sono le ore 8:00. Auch in Pieve Ligure ist es 8.00 Uhr.

*Das italienische Wort für Honig wird „mjɛle“ ausgesprochen. **Werbung weil Markenerwähnung, weder beauftragt noch bezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.