Wenn man vor einem Film bereits eine Rezension über ihn liest, birgt das die Gefahr, dass man vor lauter Vorurteilen keinen unbeschwerten Fernsehgenuss mehr hat. So ging es mir mit dem ZDF-Mehrteiler „Der Palast“. (Danke, liebe Barbara, für den Hinweis in deiner Kulturbowle!) Ich stieß bereits im Vorfeld auf einen Artikel im Spiegel, und so erwartete ich nicht, obwohl es der Titel verspricht, etwas über die wechselvolle Geschichte des berühmten Berliner Varieté-Theaters zu erfahren. Ich wusste, dass ein „Doppeltes Lottchen“ gespielt wird, und der Palast nur die Hintergrundkulisse liefert. Egal. Ich musste den Mehrteiler sehen, weil es da um Dinge geht, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben: Bühnentanz, (Ost-)Berlin, die Mauer. Meine Befürchtung, dass der Stoff „Ostfrau (Chris) trifft Westfrau (Marlene), die sich als ihre Zwillingsschwester entpuppt, woraufhin sie gemeinsam ihre politisch bedingte Familientragödie aufdecken“ viel Raum für Klischees lässt, wurde nicht enttäuscht. Natürlich spielt das Ganze kurz vor dem Fall der Mauer. Natürlich gibt es ein Happy End. Natürlich sind damit nicht alle glücklich. Wäre diese Geschichte auch anders zu erzählen gewesen? Ohne Klischees? Aber halt. Womöglich gerät uns der selbst schon abgedroschen erscheinende Begriff Klischee allzu schnell in den Mund und in die Feder, wenn wir ein Werk aburteilen, von oben herab, als Kritiker. Was, wenn man sich selbst in solchen sogenannten Klischeedarstellungen wiedererkennt, darin lebt oder gelebt hat? Soll man sich dann vor Gram und Scham einbuddeln, oder ist die Darstellung vielleicht doch realitätsnäher gelungen, als es der Kritiker (in uns) zugeben möchte?
Der Traum von der Bühne

Ich war zur Zeit der Filmhandlung jünger als die erwachsene Protagonistin ‒ Solotänzerin beim Ensemble des Friedrichstadt-Palasts ‒ aber älter als ihre Tochter, die kleine Tanzmaus, die mit neun Jahren fleißig trainiert, um einmal in die Fußstapfen, hoppla, Steps, ihrer Mutter zu treten. Als die Mauer fiel, war ich siebzehn und hatte den Traum einer Karriere als Balletttänzerin längst freiwillig begraben. Die war mir von meiner Tanzlehrerin am Kinder- und Jugendtanzensemble der NVA Strausberg, bei dem ich zehn Jahre lang trainierte und auftrat, nahegelegt worden. Ich hätte mit damals dreizehn Jahren die normale Schule verlassen müssen und wäre an eine der staatlichen Ballettschulen in Berlin, Dresden oder Leipzig gegangen, für fünf Jahre. Ich wäre womöglich klassische Balletttänzerin am Theater oder, warum nicht, Showtänzerin am Friedrichstadt-Palast oder beim Fernsehballett geworden. Der klassische Tanz hat seine eigene, zeitlose Faszination, aber gerade für junge Mädchen wie mich war damals auch die Showbühne attraktiv. Sie verkörperte die moderne Version des Tänzerinnenlebens, die mit Pailletten und Glamour. Unser Tanzensemble hatte bei Auftritten im Berliner Palast der Republik Gelegenheit, mit dem Fernsehballett auf der gleichen Bühne zu stehen. Gemeinsam warteten wir Mädchen hinter dem Vorhang mit den Damen und Herren des Balletts auf den nächsten Auftritt. Wir bewunderten und beneideten die Showtänzer um ihre modernen, von der westlichen Popkultur inspirierten Choreografien und die fetzigen (ostdeutsch für „fesch“ oder „geil“) Kostüme. Und doch, als für mich die Option Ballettschule im Raum stand, wog ich ab und ließ mich bereits als Teenager zu Überlegungen hinreißen, wie sie die gestandene Ballettchefin im Film äußert, als sie mit dem Gast-Choreografen plötzlich Konkurrenz aus dem Westen bekommt. Verbittert stellt sie fest, ihr ganzes Leben dem Tanz, der Bühne, der Kultur gewidmet, und dafür auf eine Familie und Privatleben verzichtet zu haben. Und nun würde sie links liegen gelassen. Nur eins der vielen sogenannten Klischees im Film. Wie konnte ich, mit dreizehn, ähnliche Gedanken haben, vor die Entscheidung gestellt, ob ich es wollte, dieses Leben für die Kunst? Das lag womöglich auch daran, dass meine älteren Schwestern mir das normale Familienleben vorlebten, und sie offensichtlich eine Vorbildfunktion für mich hatten.
Das Glück auf der Insel

Im Film heißt es, Chris hatte es sich als Tänzerin wie auf einer Insel gut eingerichtet, als die Frage aufkommt, wie sie es denn in der schrecklichen DDR aushalten würde. Natürlich, ein Leben im Rampenlicht hilft über Schattenseiten im Privaten genau wie über Mängel im Alltag hinweg. Aber das galt und gilt zu allen Zeiten, unter allen Umständen. Was die DDR betrifft, so konnte sich jeder, der das Glück hatte, beruflich seiner Passion nachzugehen ‒ sei es als Künstler, Wissenschaftler, Arzt, Lehrer, Landschaftsgärtner, Konditormeister, was auch immer ‒ seine Insel schaffen. Solange er in der Reihe tanzte. Ich verbrachte meine Jugend vermutlich auch auf einer Art glücklicher Insel. Die Ausbildung am Tanzensemble war kostenlos und auch die weiterführende an einer staatlichen Ballettschule wäre es gewesen. Auch das wird im Film gesagt. Im Westen war und heute ist künstlerisches Schaffen nicht nur eine Frage des Talents, sondern des Geldes, das Eltern aufbringen können, um ihre Kinder zu fördern. Sicher spielten im Osten irgendwann auch Beziehungen und Parteizugehörigkeit eine Rolle, zumindest konnten sie nicht schaden. Aber sie waren nicht Voraussetzung, um seinen Leidenschaften nachzugehen. Wenn die Talentsucher für Sport in die Kindergärten und Schulen gingen, hatte jeder eine Chance. Auch in unserem Tanzensemble der Nationalen Volksarmee war, entgegen naheliegender Vermutung, die Mitgliedschaft in der Partei oder Zugehörigkeit der Eltern zu den Streitkräften keine Voraussetzung, um in den Genuss der Ausbildung und all der wunderbaren gemeinsamen Erlebnisse zu kommen. Ich weiß noch genau, wie ich die modischen Westklamotten meiner Tanzpartnerin bewunderte. Das Mädchen kam definitiv nicht aus staatsnahen Gefilden.
Die Sache mit der Mauer

Die Berliner Mauer zieht sich als trennendes Bauelement und Grund allen Übels durch die sechs Teile des Fernsehfilms, aber an genau einer Stelle wird erklärt, wie man damit leben konnte. Und wie man sie im Osten und im Westen gesehen hat. Der West-Zwilling fragt die leibliche Mutter in Ostberlin, wie sie es in so einem Land, das seine Leute einsperrt, all die Jahre und immer noch aushalte. Ihre Antwort ließ mich zusammenzucken. Sie klingt nach den Gedanken unserer Eltern, hätte ein Zitat aus meinem Blog-Artikel vom 13. August sein können. Nur Klischees? Nein, viele Menschen hatten es ähnlich erlebt und sahen es so, dass das Experiment „Sozialistischer Staat auf deutschem Boden“, ein Leben mit sozialer Gerechtigkeit und ohne immer neue Kriege, damals, Anfang der sechziger Jahre, in Gefahr war und durch eine vorübergehende (!) Abriegelung geschützt werden sollte. Man wollte dem jungen Land eine Chance geben.
Alles hat seinen Preis

Wie war das nun mit der großen Kunst und dem Verzicht, sie im goldenen Westen auszuüben? Auch dem Traum der jungen Osttänzer*innen von der Karriere im Westen werden im Film zwei, drei Szenen gewidmet. Bettina, Chris´ Konkurrentin um die begehrte Solostelle, wittert ihre Chance, als der West-Choreograph ausgerechnet in dem Moment die Bühne betritt, in dem Chris, oder vielmehr ihre Zwillingsschwester Marlene, gerade unpässlich ist und (natürlich, sie ist es ja nicht) nicht vortanzen kann. Bettina weiß sich zu verkaufen. Sie meint den Preis zu kennen, zu wissen, was zu tun ist, damit er sie nach Las Vegas bringt. Doch beim Verhandeln wird auch gerne getäuscht. Ganz so einfach läuft es dann doch nicht. „You have to sell it!“, spornt der neue Choreograf die Tänzer*innen bei den Proben an. Die ausrangierte Chefin hasst ihn dafür. Ging es nicht auch ohne Verkaufen? Mit Freude, Enthusiasmus und Können? Mit dem Fall der Mauer wird der Markt die Geschicke des Showballetts bestimmen, der SED-Funktionär vom Dienst muss seine Rolle abgeben.
Der Osten und der Westen. Und im Süden nichts Neues.

Als der Zwillingsvater im Film die Zwillingsmutter und seine Töchter kurz vor dem Mauerbau in den Westen holen will, um ihnen ein Leben in Freiheit zu bieten, klärt er die Liebe seines Lebens auf, dass sie als seine Frau dann natürlich nicht arbeiten bräuchte. „Wie bitte? Was soll das heißen, nicht arbeiten, wozu habe ich denn studiert?“ So oder mit ähnlichen Worten reagiert die Physikstudentin aufgebracht. Auch dieses Klischee nickte ich ab. Ja, so war das wohl damals im Westen, zumal sie in eine Unternehmerfamilie eingeheiratet hätte. So war das. Damals? Ich habe eine deutsche Freundin hier im Ort, wie ich verheiratet mit einem Italiener, zwei Töchter im etwa gleichen Alter wie meine. So ähnlich unsere Situation scheint, so verschieden ist unser Leben. Sie, aus Bayern, hat sich seit der Hochzeit in ihrer Rolle als Hausfrau eingerichtet, nachdem sie jahrelang gearbeitet hatte. Ihr Mann, Unternehmer, möchte es so. Auch wenn sie es anders gewollt hätte, fügt sie sich in bekannte Rollenmuster. Sie kennt es so. Als Gattin und Mutter zuhause zu bleiben ist da, wo sie herkommt, ein anerkanntes Lebensmodell. Ich, aus dem Osten, bin berufstätig und es käme für mich nicht in Frage, mich ohne zwingenden und vernünftigen Grund in finanzielle Abhängigkeit zu begeben, auf persönliche Entwicklung und Anerkennung im Beruf zu verzichten. Das Konzept Hausfrau existiert für mich gar nicht, ich wäre und würde mich arbeitslos fühlen. Ein Begriff, mit dem ich meine Freundin nicht konfrontieren dürfte. Sie und ich, jede auf ihre Art, leben nach einem Muster, wir können nicht anders. Und indem wir das tun, schaffen wir wieder neue Muster, für unsere Kinder. Würde einer auf die Idee kommen, über uns und unser Leben mit italienischen Ehemännern eine Reality-Doku zu drehen, wäre die Kritik sofort zur Stelle, um angesichts der offensichtlichen Klischees ganz laut „Basta!“ zu rufen.
Dabei ist es doch so: Das Leben steckt voller Klischees. Es ist gewebt aus Mustern, in denen wir uns einrichten. Mal mehr, mal weniger freiwillig.
Aber zurück nach Berlin. Der Palast der Republik steht nicht mehr. Das Fernsehballett wurde aufgelöst. Doch den Friedrichstadt-Palast und die längste Girlreihe der Welt gibt es immer noch. Auch Corona hat dem größten Varieté-Theater der Welt nicht das Licht ausgeschaltet. Nach der Zwangspause geht es jetzt erst recht weiter. Gerade in schweren Zeiten hilft leichte Unterhaltung, die Menschen für ein paar Stunden dem Alltag zu entreißen und auf eine atemberaubende Reise in die Welt der Fantasie zu begleiten. The Show will go on!
Und jetzt sage beziehungsweise schreibe ich, so klischeehaft es sein und so abgedroschen es klingen mag: Es war nicht alles schlecht. Die Tanzausbildung und das kulturelle Versorgungsprogramm in der DDR waren Spitze. Und weil das so war ‒ VORSICHT, SPOILER! ‒, sitzt natürlich in der Abschlussszene des ZDF-Mehrteilers die neue Ost-West-Patchworkfamilie (ach nein, diesen Begriff gab es 1989 noch nicht) glücklich vereint auf den besten Plätzen im Palast und reicht sich das Opernglas weiter, um ihrer Lieblingstänzerin näher zu sein, die ihnen, und uns, aufmunternd zuzwinkert.
Zum Anschauen:
Den Mehrteiler „Der Palast“ könnt ihr in der ZDF-Mediathek abrufen: https://www.zdf.de/serien/der-palast
Sehr zu empfehlen ist die begleitende Doku: Die Dokumentation
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.















