Der Italiener und die Konversation
Wenn ihr erwartet, dass ich an dieser Stelle über das Palavern mit den Händen spreche, muss ich euch enttäuschen. Natürlich könnte ich die Gesten erklären, die den Italienern helfen, das Gesagte zu veranschaulichen (man weiß ja nie, ob das Gegenüber akustisch und/oder intellektuell folgen kann). Aber es gibt dazu bereits zahlreiche gut gemachte YouTube-Videos, ich könnte es nicht annähernd so treffend beschreiben. Mein Favorit: Der unvergessene John Peter Sloan, britischer Schauspieler und Pädagoge, der in Italien lebte und den Italienern auf humorvolle Art Englisch beibrachte, mit seiner grandiosen Parodie „Inglesi vanno in Italia ‒ Briten reisen nach Italien“.
Was ich in meinem Beitrag thematisieren möchte, ist das Gespräch, die Art des Fragens und Antwortens, des miteinander Redens. Darüber nachzusinnen und genauer hinzuhören, dazu hat mich folgender Text von Hanns-Josef Ortheil angeregt, den ich in seinem Buch „Italienische Momente“* las:
Das Italienische geht vollkommen anders als das Deutsche. Es ist ein Geben und Anbieten von Sätzen, die das Gegenüber dann wieder zurückgibt. Was der eine sagt, greift der andere auf, dreht es um eine Nuance und sagt dann den Satz leicht verändert noch einmal. Und so geht es weiter und weiter, ohne Pause. Es ist mit einem guten Duett zu vergleichen, mit Gesang und Gegengesang. Das Deutsche aber ist anders. Im Deutschen sagt einer einen Satz, um den Satz irgendwo in die Landschaft zu stellen und dort stehen zu lassen. Danach ist es still. Derjenige, der antwortet, sagt einen anderen Satz und stellt ihn in etwas größerer Entfernung ebenfalls in die Landschaft. So ist zwischen den Sätzen viel Raum und viel Schweigen.
Hanns-Josef Ortheil
Italienische Momente*, btb Verlag, 1. Auflage August 2020, Seite 18.
Ortheil, erklärter Italienliebhaber, beschreibt treffend, welch zauberhaftes Theater italienisch geführte Unterhaltungen sein können. Im Gegenzug kritisiert er die typisch deutsche Art der Gesprächsführung. Ich würde zu diesem Vergleich sagen, dass es auf den Kontext ankommt. Denke ich beispielsweise ans Büro, überkommen mich in Sachen italienische Konversation gemischte Gefühle. Was in der Kaffeepause angenehm unterhaltsam ist, kann in der Riunione (Meeting) schnell zum Albtraum werden. Wohl auch, weil ich die einzige Deutsche in der Runde bin. Gerade in Arbeitsbesprechungen merke ich, wie geschickt die Italiener mit ihrer Sprache agieren, um die anderen (den Chef) um den Finger zu wickeln und gegebenenfalls vom Thema abzubringen. Dann sitze ich da, mit meinen vorbereiteten Argumenten, und weiß nicht mehr, wie ich sie vorbringen soll. Auf Italienisch, wohlgemerkt. Im Deutschen würde ich rigoros ein- beziehungsweise überleiten. „Das ist sehr interessant, was Sie da sagen, aber lassen Sie uns bitte noch einmal auf das eigentliche Thema zurückkommen und versuchen, das Problem zu lösen.“ Und peng, würde ich meinen Vorschlag bringen, klar und deutlich, klipp und klar, undiplomatisch direkt. So, dass man eine Antwort darauf verlangen und niemand behaupten kann, er hätte nicht verstanden, worum es ging. Dann ist es auch überhaupt kein Problem, wenn eine Pause entsteht, in der die Gesprächspartner über ihre Antwort nachdenken. Stattdessen sitze ich wie auf Kohlen zwischen den Italienern, die sich gegenseitig Honig ums Maul schmieren, sich ohne Unterbrechungen ihre Worthülsen zuwerfen, die wohlklingen und begeistern, aber am Ende frage ich mich oft: Und, was machen wir nun? Dafür gibt es zum Glück auch im Italienischen einen Einwurf, den ich für den Notfall immer bereithalte:
E quindi? Und, was nun?
Ja, ich weiß, ich sollte mich auch im beruflichen Umfeld italienisieren, diplomatischer auftreten. Aber gerade dort fällt es mir schwer. Im Job bin ich für Klartext, eindeutige Aufgabenverteilung, verbindliche Ansagen. Schwadronieren, zum gegenseitigen Wohlgefallen, bringt bei der Arbeit nicht weiter. Insgeheim werden meine Kollegen es sicher schätzen, dass ich so bin. Ob es mir im privaten Umfeld besser gelingt, mich harmonisch in eine (schau)spielerische Konversation einzubringen? Ich denke: meistens. Mein Mann behauptet: selten. Was das Gestikulieren betrifft, riskiere ich allerdings hin und wieder, den Italienern die Show zu stehlen. Woher ich das habe, und ob ich schon früher in Deutschland mit den Händen geredet habe, das ist nicht eindeutig belegt. Ich muss unbedingt einmal nachforschen und bei meinem nächsten Besuch in der alten Heimat Gesprächspartner fragen, die mich vor Italien kannten.
*Werbung, unbezahlt.











