Lasciatemi parlare

Der Italiener und die Konversation

Wenn ihr erwartet, dass ich an dieser Stelle über das Palavern mit den Händen spreche, muss ich euch enttäuschen. Natürlich könnte ich die Gesten erklären, die den Italienern helfen, das Gesagte zu veranschaulichen (man weiß ja nie, ob das Gegenüber akustisch und/oder intellektuell folgen kann). Aber es gibt dazu bereits zahlreiche gut gemachte YouTube-Videos, ich könnte es nicht annähernd so treffend beschreiben. Mein Favorit: Der unvergessene John Peter Sloan, britischer Schauspieler und Pädagoge, der in Italien lebte und den Italienern auf humorvolle Art Englisch beibrachte, mit seiner grandiosen Parodie „Inglesi vanno in Italia ‒ Briten reisen nach Italien“.

Was ich in meinem Beitrag thematisieren möchte, ist das Gespräch, die Art des Fragens und Antwortens, des miteinander Redens. Darüber nachzusinnen und genauer hinzuhören, dazu hat mich folgender Text von Hanns-Josef Ortheil angeregt, den ich in seinem Buch „Italienische Momente“* las:

Das Italienische geht vollkommen anders als das Deutsche. Es ist ein Geben und Anbieten von Sätzen, die das Gegenüber dann wieder zurückgibt. Was der eine sagt, greift der andere auf, dreht es um eine Nuance und sagt dann den Satz leicht verändert noch einmal. Und so geht es weiter und weiter, ohne Pause. Es ist mit einem guten Duett zu vergleichen, mit Gesang und Gegengesang. Das Deutsche aber ist anders. Im Deutschen sagt einer einen Satz, um den Satz irgendwo in die Landschaft zu stellen und dort stehen zu lassen. Danach ist es still. Derjenige, der antwortet, sagt einen anderen Satz und stellt ihn in etwas größerer Entfernung ebenfalls in die Landschaft. So ist zwischen den Sätzen viel Raum und viel Schweigen.

Hanns-Josef Ortheil

Italienische Momente*, btb Verlag, 1. Auflage August 2020, Seite 18.

Ortheil, erklärter Italienliebhaber, beschreibt treffend, welch zauberhaftes Theater italienisch geführte Unterhaltungen sein können. Im Gegenzug kritisiert er die typisch deutsche Art der Gesprächsführung. Ich würde zu diesem Vergleich sagen, dass es auf den Kontext ankommt. Denke ich beispielsweise ans Büro, überkommen mich in Sachen italienische Konversation gemischte Gefühle. Was in der Kaffeepause angenehm unterhaltsam ist, kann in der Riunione (Meeting) schnell zum Albtraum werden. Wohl auch, weil ich die einzige Deutsche in der Runde bin. Gerade in Arbeitsbesprechungen merke ich, wie geschickt die Italiener mit ihrer Sprache agieren, um die anderen (den Chef) um den Finger zu wickeln und gegebenenfalls vom Thema abzubringen. Dann sitze ich da, mit meinen vorbereiteten Argumenten, und weiß nicht mehr, wie ich sie vorbringen soll. Auf Italienisch, wohlgemerkt. Im Deutschen würde ich rigoros ein- beziehungsweise überleiten. „Das ist sehr interessant, was Sie da sagen, aber lassen Sie uns bitte noch einmal auf das eigentliche Thema zurückkommen und versuchen, das Problem zu lösen.“ Und peng, würde ich meinen Vorschlag bringen, klar und deutlich, klipp und klar, undiplomatisch direkt. So, dass man eine Antwort darauf verlangen und niemand behaupten kann, er hätte nicht verstanden, worum es ging. Dann ist es auch überhaupt kein Problem, wenn eine Pause entsteht, in der die Gesprächspartner über ihre Antwort nachdenken. Stattdessen sitze ich wie auf Kohlen zwischen den Italienern, die sich gegenseitig Honig ums Maul schmieren, sich ohne Unterbrechungen ihre Worthülsen zuwerfen, die wohlklingen und begeistern, aber am Ende frage ich mich oft: Und, was machen wir nun? Dafür gibt es zum Glück auch im Italienischen einen Einwurf, den ich für den Notfall immer bereithalte:

E quindi? Und, was nun?

Ja, ich weiß, ich sollte mich auch im beruflichen Umfeld italienisieren, diplomatischer auftreten. Aber gerade dort fällt es mir schwer. Im Job bin ich für Klartext, eindeutige Aufgabenverteilung, verbindliche Ansagen. Schwadronieren, zum gegenseitigen Wohlgefallen, bringt bei der Arbeit nicht weiter. Insgeheim werden meine Kollegen es sicher schätzen, dass ich so bin. Ob es mir im privaten Umfeld besser gelingt, mich harmonisch in eine (schau)spielerische Konversation einzubringen? Ich denke: meistens. Mein Mann behauptet: selten. Was das Gestikulieren betrifft, riskiere ich allerdings hin und wieder, den Italienern die Show zu stehlen. Woher ich das habe, und ob ich schon früher in Deutschland mit den Händen geredet habe, das ist nicht eindeutig belegt. Ich muss unbedingt einmal nachforschen und bei meinem nächsten Besuch in der alten Heimat Gesprächspartner fragen, die mich vor Italien kannten.

*Werbung, unbezahlt.

Man soll nie nie sagen

Wie ich zur Bloggerin wurde, ohne dass ich wusste, wie mir geschah

Noch im Frühjahr vor einem Jahr hätte ich nicht im Traum daran gedacht, einen Blog zu starten. Dabei ist es nicht so, dass es mir keiner meiner Freunde je vorgeschlagen hätte. Aber ich sah (kurzsichtig, wie ich heute weiß) immer nur eine verkäuferische Absicht dahinter, all diese Reise-, Koch- und Hobby-Blogs, deren Betreiber am Ende per Werbeanzeigen, Affiliate Links oder dem Verkauf eigener Produkte irgendwo hoffen, davon leben zu können. Das interessierte mich nicht.

Aber warum habe ich dann doch mit dem Bloggen angefangen?

Gute Frage.

Es ist mir einfach passiert.

Vielleicht war auch Corona schuld? Alles begann mit der Idee zu der Umfrage unter Deutschen und Italienern, die mir eines Tages im April 2020 nach zwei Monaten Lockdown kam, und die ich dann quasi über Nacht mit technischer Unterstützung meines Mannes umgesetzt habe. Es war so ein unbestimmter, aber starker Instinkt, dass dieses Thema ‒ persönliche positive Erfahrungen in einer negativ belasteten Ausnahmesituation ‒ es wert wäre, irgendwie festgehalten zu werden. Vielleicht dachte ich ursprünglich an eine eher literarische Form der Auswertung, an ein Buch, in dem ich die Geschichten und Erfahrungen verschiedener Menschen aufschreiben würde. So in der Art von „Der schönste und der furchtbarste Tag in meinem Leben“, dazu gab es mal eine interessante Veröffentlichung. Doch die Umfrage brachte zu wenig Stoff, sie war eher auf kurze, knappe Antworten ausgelegt. So hatte ich Mitte Mai etwa fünfzig ausgefüllte Fragebögen, aber war ratlos. Und jetzt? Was mache ich nun damit? Zu einem Buch, einer Statistik oder sonst etwas Offiziellem würde es nicht reichen, das gaben die Antworten nicht her. Aber ganz auf eine Auswertung verzichten? Schließlich hatten mich auch einige Teilnehmer darum gebeten, ihnen von den Ergebnissen zu berichten. Ich war es ihnen schuldig. Ich musste die Antworten irgendwie aufarbeiten, zusammenfassen, auswerten. Auf unterhaltsame Art. An einer Stelle, wo sowohl die Teilnehmer, aber auch andere Interessierte darauf zugreifen könnten. Also im Netz. Das hieß dann wohl, auf einer eigenen Seite. Und das wäre dann sowas wie … bingo, ein Blog.

Aber wie geht denn das? Es gibt doch so viele Systeme. Und was muss man da alles beachten? Und ja, ich habe es wohl doch Corona und der damit verbundenen freien Zeit zu verdanken, dass ich mich hineinstürzte in das Abenteuer Blogging. Learning by doing. Ende Juni waren wir in einem Agriturismo. Wir arbeiteten smart, hatten unsere Laptops dabei. So konnte ich mich auch dort, in traumhafter Umgebung, am Nachmittag nach der Arbeit meinem neuen Projekt widmen. Das nahm zwar Gestalt an, aber hundertprozentig sicher, ob ich wirklich damit online gehen würde, war ich mir zu jenem Zeitunkt noch nicht. Dementsprechend war es mir unangenehm, als mein Mann es den Betreibern des Agriturismo erzählte.

Ich werde die Frage nie vergessen, die mir als erste gestellt wurde:

„Ein Blog, interessant! Food oder Location?“

Ähm, weder noch. Ich versuchte, mein Vorhaben in passende Worte zu kleiden, aber ich rede nicht gern über unreife Trauben. Ich spürte eine Art Erklärungsnot, einen Blog gestalten zu wollen, mit dem ich nicht für irgendetwas werben würde oder etwas verkaufen wollte. Sondern einfach Geschichten erzählen, Gedanken teilen. Zu Italien, Deutschland, den Italienern, den Deutschen. Aus dem prallen Leben gegriffen oder im eigenen Hirn zusammengesponnen, je nachdem.

Klingt verrückt? Ist es auch.

Aber es funktioniert! Dank euch, meinen Lesern, und dank meines Enthusiasmus, einfach dranzubleiben, verbunden mit der Gelassenheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Genaugenommen hatte ich lediglich anderthalb Texte in der berühmten Schublade, ich zweifelte und fragte mich, was ich denn danach überhaupt schreiben würde. Aber siehe da, ich konnte gar nicht aufhören, es gab und gibt so viel zu erzählen. Und es macht mir heute so viel Freude wie damals in den ersten Tagen, als ich mich in das Abenteuer stürzte. Manchmal muss man einfach tanzen. Wenn man es in sich spürt. Die Musik wird dann schon irgendwo herkommen.

Fast genau auf den Tag vor einem Jahr, am 11. Juli 2020, ging der erste Blogpost zu meiner Umfrage online. Dieser Beitrag zum Jubiläum ist der vierundneunzigste. Und die Musik spielt fantastisch. Die Musik, das sind eure Kommentare, euer Interesse, eure Fragen. Es ist wunderbar, sich auszutauschen. Ich danke euch von ganzem Herzen und freue mich auf das nächste spannende Jahr. Mit Italien im Herzen und ohne meine deutschen Wurzeln zu leugnen, wählte ich damals den Titel Tutto paletti. Deutsch-italienisches Kauderwelsch, steht „Tutto paletti“ für eine Idee und ein Lebensgefühl: Es ist nicht alles perfekt, aber es kann gut sein. Es liegt an uns. Daran, wie wir die Dinge sehen, und wie wir mit ihnen umgehen. Daran, wie wir Anderen vom Anderen erzählen.

Schöner spielen: Forza, Azzurri!

Meine Fan-Karriere zwischen Mannschaft und Squadra Azzurra

Bei Fußballspielen schaltete ich in den vergangenen Jahren immer erst dann zu, wenn der Ball auf dem Rasen einer Weltmeisterschaft rollte. Diesmal ‒ da bin ich nicht allein ‒ zieht mich sogar die Europameisterschaft in ihren Bann. Nach der langen Abstinenz von Freude und Begeisterung lechzen wir danach, irgendwo mitzufiebern. Und während es bei den bevorstehenden Olympischen Spielen aufgrund der Zeitverschiebung schwierig werden wird, die Wettkämpfe live zu verfolgen, ist die ebenfalls ein Jahr später stattfindende Fußball-Europameisterschaft mit ihren zuschauerfreundlichen Spielzeiten perfekt. Ich gebe zu ‒ und hoffe, meine deutschen Leser nehmen es mir nicht übel ‒ dass ich bei dieser EM erstmals direkt von Anfang an den Italienern mein Herz geschenkt habe. Ich sah auch die deutschen Spiele, und ich wünschte meinen Landsmännern Erfolg, aber sie überzeugten mich nicht. Das war in der Vergangenheit anders! Alle vier Jahre, zur Fußball-WM, fühlte ich mich deutscher denn je. Ich brüllte bei jedem Tor der Mannschaft, dass es meinem Gatten peinlich war, den vermeintlich mithörenden Nachbarn gegenüber. Der heikelste Moment unserer deutsch-italienischen Beziehung war zweifelsohne das WM-Halbfinale 2006. Die folgenschwere Begegnung der beiden Teams stellte unsere gerade zwei Wochen junge Ehe auf eine ballharte Bewährungsprobe. Schiedsrichterentscheidungen, Foul, Elf-Meter, Abseits, jedes nur mögliche anzuzweifelnde Detail, führten zu fieberhafter Diskussion. Glaubt mir: Wer wie ich in Italien für Deutschland brüllt, und dazu mangels Regel-Kenntnissen argumentationstechnisch benachteiligt ist, hat keine guten Karten. Aber unsere Liebe war ein starker Torhüter für die Nerven und am Ende sagte ich mir: Egal, wer gewinnt, es bleibt in der Familie. Meine sportliche Einstellung half mir über die deutsche Niederlage hinweg, während meine Landsleute vor den Scherben ihres Sommermärchens hockten. (Viele kamen jahrelang nicht über die Schmach hinweg, wie Jan Göbel gerade im Spiegel erzählte.)

Womöglich bin ich mittlerweile zur Italienerin mutiert, was den sportlichen Nationalstolz betrifft. Nach mittlerweile zwanzig Jahren in meiner neuen Heimat ist das eine nur allzu natürliche Konsequenz. Dabei begann mein Interesse an den Azzurri bereits im letzten Jahr der DDR. Meine allererste Erinnerung an die italienische Fußballnationalmannschaft geht auf den Sommer 1990 zurück. Richtig, es war die WM in Italien. Obwohl ich mich, Asche auf mein greises Haupt, an den Austragungsort und alles weitere Drum und Dran persönlich nicht erinnere. Von jener WM blieben mir als jugendlicher Fußball-Laiin nur zwei Ereignisse in Erinnerung: das Spiel um den dritten Platz am Samstag, dem 7. Juli, welches ich gemeinsam mit Freunden im Fernsehen verfolgte, und der Sieg Deutschlands im Finale am Sonntag, oder vielmehr die jubelnden Fans auf dem Heimweg danach. Ich selbst war in jener Zeit vollkommen indifferent. In der DDR hatte ich mit Fußball nichts am Hut gehabt, zumal unsere Ost-Elf bei wichtigen internationalen Turnieren nicht mehr mitgespielt hatte. 1974 war ich gerade zwei Jahre alt gewesen, und selbst wenn ich fröhlich juchzend „Ballaballa“ gerufen haben sollte, als Sparwasser sein berühmtes Tor schoss, kann ich mich daran beim besten Willen nicht mehr erinnern. Aber zurück zum Spiel um den dritten Platz Italien – England 1990. Irgendwer in unserer Truppe, vermutlich einer der Jungs, hatte entschieden, dass wir den wertvollen Samstagabend auf der Couch mit Fußballgucken vergammeln sollten. Wir Mädels trösteten uns mit Rotkäppchen-Sekt oder Grüne Wiese (was man damals so trank im Osten), und guckten uns weniger das Spiel, als vielmehr die Spieler an. Nun macht es selbst als Fußball-Muffel keinen Spaß, ein vermeintlich wichtiges Spiel zu verfolgen, ohne dabei eine der beiden Mannschaften anzufeuern. Also wählte ich … die schöneren Spieler. Ganz besonders einer hatte es mir bei den Italienern angetan, und ich merkte mir seinen Namen und seine Trikotnummer. Piero Baldo*, dunkelhaarig und für einen Südländer hochgewachsen, passte perfekt in mein Beuteschema. Ich schwärmte meinen Freundinnen flüsternd ins Ohr, aber laut genug, dass es auch mein Freund hören konnte. Der zuckte kaum mit der Wimper, ließ sich nicht ablenken und fieberte weiter für England. Vielleicht gerade deshalb klammerte ich mich gedanklich umso stärker an meinen Lieblingsspieler, um bei jeder weiteren (seltenen) Gelegenheit, bei der ich in den darauffolgenden Monaten die italienische Nationalelf auf dem Bildschirm sah, nach ihm Ausschau zu halten. Nun war im Sommer 1990 die Mauer gerade erst ein halbes Jahr zuvor gefallen, und auch wenn uns theoretisch plötzlich die Welt offenstand, hatte ich es zu jenem Zeitpunkt nicht weiter als bis nach Westberlin geschafft. Ich dachte nicht im Traum daran, irgendwann einmal nach Italien zu reisen. Geschweige denn, dort zu leben. Geschweige denn, diesen Halbgott in Kniestrümpfen eines Tages beinahe persönlich kennenzulernen.

Ein paar Jahre später ‒ wie das Leben spielt und der Ball rollt ‒ zog ich nach Italien. In den ersten Monaten wohnte ich bei Verwandten meines Freundes im kleinen Ort Villa Guardia in der Provinz Como. Zio Giuseppe*, war Interista (Fan des Clubs Inter Mailand). Seine Mannschaft trainierte nur wenige Kilometer entfernt, in Appiano Gentile. Er war oft beim Training zuschauen gewesen. Stolz zeigte er mir Fan-Artikel und ein Foto: Zio Giuseppe*grinst darauf mit stolzgeschwellter Brust in die Kamera, neben ihm sein Idol … bingo, Piero Baldo*. Mir blieb der Mund offenstehen. Zu diesem Zeitpunkt, 2001, spielte mein Schwarm nicht mehr bei Inter. Wäre ich nur drei Jahre eher in die Gegend gekommen und einmal mitgegangen zum Training, wer weiß. Aber, wie beim Fußball, so in der Liebe: Knapp daneben ist auch vorbei und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich glaube, ich behielt bei dieser zweiten „Begegnung“ meine Gedanken für mich, denn mit Süditalienern wie meinem damaligen Freund, der ‒ Zufall oder nicht ‒ auch Piero* hieß, ist in Sachen Eifersucht wirklich nicht zu spaßen. Obendrein war er Milanista (Fan des Clubs AC Mailand). Das hätte doppelt Ärger gegeben. Elf Jahre früher, 1990 in Ostberlin, konnte ich lauthals schwärmen. Einerseits waren Italien und die Italiener unserer Vorstellung nach unerreichbar, andererseits war mein Freund ein abgeklärter, in jeder Hinsicht entspannter Deutscher.

Heute freue ich mich wie eine Italienerin, dass unsere Azzurri am Sonntag im Finale stehen. Dass es ausgerechnet eine Begegnung mit England ist, nehme ich als gutes Omen, schließlich gewann mein Favorit mit seiner Squadra 1990 das Spiel. Diesmal ist kein italienischer Spieler dabei, der es mir besonders angetan hätte. Gut so, denn die meisten von ihnen könnten dem Alter nach meine Söhne sein. Unsere Tochter ging übrigens als Siebenjährige während der WM 2014 stolz mit einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft in den Campo Estivo (Ferienspiele) und schwärmte vom blonden Martin Maier*. Es sind wohl immer die Gewinner, die uns Frauen magisch anziehen.

*Namen von der Redaktion geändert.

Titelbild: Roberto Baggio (Italien, rechts) und Des Walker (England), 7. Juli 1990. Fußball-WM in Italien Spiel um Platz Drei Italien – England in Bari, Italien. Credit: IMAGO/ AFLOSPORT

Torri del Benaco, Gardasee

„Das Berauschende an der Liebe rührt aus dem, was man weiß; die späteren Wunden aus dem, was man sieht.“

Bodo Kirchhoff

Die Liebe in groben Zügen*, Roman, dtv, 5. Auflage 2016. Seite 232.

Es war im Sommer 2020. Mein Mann und ich arbeiteten im Homeoffice, unsere Töchter waren nach einem halben Schuljahr Distanzunterricht nun in den sogenannten Schulferien daheim. Für Ferienspiele gab es in diesem ersten, so tragisch verlaufenem Corona-Jahr in Italien kaum Angebote. Was also tun, um der Enge der eigenen vier Wände vorübergehend zu entfliehen und dabei den Wünschen aller Beteiligten gerecht zu werden? Wir fuhren, als das Reisen innerhalb Italiens wieder möglich war, für ein Wochenende in einen Agriturismo zwischen Gardasee und Verona. „Wir nehmen unsere Laptops mit, vielleicht bleiben wir einfach eine ganze Woche!“, verlangte mein Mann, und ich stimmte ungläubig zu. Wie sollte man arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen? Es funktionierte fantastisch, wir hatten Glück und waren fast die einzigen Gäste, fanden beide ein ungestörtes Plätzchen zum Arbeiten, während die Mädchen mit den Töchtern der Gastgeberin spielten. Eine nahezu perfekte, wunderbare Erfahrung und ein Durchatmen nach dem langen Lockdown im Frühjahr 2020.   

Diesen Ausnahmezustand hatte ich zuvor genutzt, mich endlich Büchern zu widmen, die schon viel zu lange fordernd im Regal gestanden hatten. Keine Zeit war plötzlich kein Argument mehr gewesen. Bodo Kirchhoffs „Die Liebe in groben Zügen“ hatte ich bereits einmal zuvor in den Urlaub mitgenommen, aber da waren die Mädchen noch kleiner und forderten den lieben langen Tag unsere Aufmerksamkeit. Spielen statt Lesen, hieß damals das Programm. Am Abend fehlte mir dann die Muße, in anspruchsvolle Literatur einzutauchen. Ich hatte wohl die ersten drei Seiten angelesen, war aber steckengeblieben. Kirchhoffs Beziehungsroman ist keine leichte Sommerlektüre für nebenbei. Ich will nun nicht sagen, dass erst die Pandemie ausbrechen musste, damit ich mich an anspruchsvolle Literatur heranwage. Aber eine besondere Situation wie diese, zwangsweise losgelöst vom gewohnten Alltagstrott, lud dazu ein. Auf Kirchhoff war ich zuerst durch seine Novelle „Widerfahrnis“* gestoßen, die 2016 den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Ihr genialer Titel, der Schauplatz (Italien), und natürlich die Auszeichnung, hatten mein Interesse geweckt. Und zu Recht: Lesegenuss auf höchstem Niveau. Sätze, so durchdacht formuliert, dass man sie sich auf der Zunge zergehen lässt, nach ihrer Bedeutung forscht, um am Ende einen Haken zu setzen, oder ein Fragezeichen, oder ein Vielleicht … spannend! Mit diesem Vorgeschmack hatte ich entsprechend hohe Erwartungen an den Roman mit dem vielversprechenden Titel, der 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gestanden hatte.   

Liebe auf den zweiten Anlauf

Sechshundertsiebzig Seiten. Ein Wälzer, würde man sagen. Einer, der voller Inspirationen steckt, zum Reflektieren einlädt, anregt, über das Leben in allen seinen Facetten nachzudenken. Und natürlich über die Liebe. Über das, was wir dafür halten und das, was wir daraus machen.

Ich gebe zu, ich bin kein Freund von sogenannten „Spannungsromanen“, allem, was allein von der Handlung getrieben ist, in einem Zug durchzulesen, weil man wissen will, wie es ausgeht. Ich mag nachdenkliche, anregende, Fragen aufwerfende Texte, die auch am Ende noch nicht zu Ende sind. Die nachwirken. So geschehen bei „Die Liebe in groben Zügen“. In meinem Fall eine Liebe auf den zweiten Anlauf, die ich in der Ruhe des Daheimseins nicht hastig verschlungen, sondern intensiv genossen habe. Und darin so schöne Sätze gefunden habe, wie den eingangs zitierten.

Im unten verlinkten Interview erklärt der Schriftsteller sinngemäß zu seinem Werk: Es geht um das große Drama unserer Zeit, angesichts der allgemein dominierenden Banalität Beständigkeit zu leben, die Suche nach Halt und Sinn, wenn um uns herum alles zu zerfallen scheint.

Die Liebe ist ein ewiges Thema, das nie zu Ende gedacht werden wird. Für mich waren vor allem die Anregungen wertvoll, die den Mut und die Mühe beschreiben, an der Liebe festzuhalten, über viele Jahre, verbunden mit unweigerlichen Phasen des sich Annäherns und des Auseinanderdriftens. Wer hat keine eigenen Erfahrungen dieser Art gemacht, mit mehr oder weniger Erfolg?

Doch zurück zu dem Tag, an dem das Titelfoto entstand. Auf der Rückfahrt vom Agriturismo bestand ich darauf, in Torri del Benaco am Gardasee Station zu machen. Ich begründete meinen Wunsch damit, dass wir mit dem Ort Erinnerungen an unsere Hochzeitsreise verbinden. Unsere Große war als kleine Bohne in Mamas Bauch schon mit dabei gewesen. „Wir zeigen euch, wo wir damals die schönen Bilder am Hafen fotografiert haben!“ Dass gleich am Hafen auch das Hotel und Restaurant Gardesana liegen musste, in welchem einige Szenen des Romans spielen, war mein heimlicher Hintergedanke. Ihr wisst ja, dass mich literarisch verankerte Orte, zumal die in Italien, magisch anziehen. Der Eckbalkon direkt über dem Restaurant gehört zu dem Zimmer, in welchem Bühl, einer der Protagonisten aus „Die Liebe in groben Zügen“, absteigt, um an einem Roman über Franz von Assisi zu schreiben. Und um in der Nähe von Vila zu sein, die mit ihrem Mann Renz ein paar Meter weiter ein Haus am See hat, in welchem sie die Sommermonate verbringen. So wie Kirchhoff selbst. Der Roman spielt zum großen Teil in Torri del Benaco, wo der deutsche Schriftsteller aus Frankfurt am Main im Sommer gemeinsam mit seiner Frau lebt und schreibt. Wenn man die Gegend kennt, hat es einen besonderen Reiz, den Romanhelden zu folgen, neben ihnen her durch die Gassen Torris zu schlendern, am Tag, wenn Markt ist. Mit ihnen am Hafen zu sitzen, mit Blick auf den Gardasee, der manchmal ein Meer ist.

Natürlich hielt ich bei unserem kurzen Besuch in Torri insgeheim nach Kirchhoff Ausschau, war mir aber angesichts der leeren Stühle schnell sicher, dass der Schriftsteller nicht gerade bei einem Cappuccino unter dem berühmten Balkon im Gardesana saß. Womöglich liebt er diesen Ort auch eher zum Abendessen, wie Vila und Renz in seinem Roman.

Mehr zum Thema:

„Ich schreibe über Dinge, die ich weiß.“ Wer mehr über Bodo Kirchhoff und sein Schreiben erfahren möchte, dem empfehle ich dieses Interview, das anlässlich des Erfolgs seines Romans „Die Liebe in groben Zügen“ bei Deutsche Welle ausgestrahlt wurde.

Kirchhoffs Werke beim Deutschen Buchpreis hier auf einen Blick.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Kein Montag wie immer

Es ist Ende Juni, die Kinder sind bereits seit drei Wochen in den Ferien, und für mich beginnt der Ernst des Lebens. Ich nehme genau dieselben Straßen, die ich seit Ewigkeiten tagtäglich wie im Schlaf gefahren bin. Es gab in all den Jahren wenige Unterbrechungen, für kurze Ferien und einmal länger, für die Geburt und die ersten zehn Monate unserer zweiten Tochter. Es sind Straßen, auf denen nichts Neues mehr geschehen konnte und ich immer achtgeben musste, dass ich nicht vor lauter Gewohnheit einen Fußgänger übersah, der plötzlich wie aus dem Nichts an einer unpassenden Stelle, zum Beispiel direkt am Kreisverkehr, auftauchte. Diesmal bin ich hellwach, geradezu nervös, und fühle mich wie auf dem Weg zu einem neuen Lebensabschnitt. Ich fahre eine Straße, die ich an jeder zweiten Ecke nicht wiedererkenne. Noch ein Kreisverkehr mehr. (Von diesem italienischen Phänomen berichtete ich bereits.) Als links ein nagelneuer Supermercato auftaucht, zucke ich zusammen. Habe ich mich verfahren?

An der Grenze zur Schweiz keine Frage. Ein „Wo waren Sie so lange?“ wäre doch nett gewesen. Schade, ich hatte das Finestrino auf der Fahrerseite vorsorglich heruntergekurbelt. Früher wäre mir das nicht im Traum passiert.

Im Büro sorgt mein T-Shirt für Aufsehen. Wie geplant. Ich grinse vor mich hin und zucke nur vielsagend mit den Schultern. Was soll ich sagen. Ein bisschen Motivation braucht es schon, wenn man nach 16 Monaten wieder an seinen Schreibtisch kommt.

Auch auf dem Rückweg sehe ich Neues. Strahlend weiße Einfamilienhäuser. Vendesi. Zu verkaufen. Zwei oder drei von ihnen sind bereits bewohnt. Beruhigend zu sehen, dass das Leben nicht stehen geblieben ist. Wo gebaut wird, gibt es Zukunft.

Und dann, zurück in der Wohnung, die wirkliche Überraschung. Die Wiederentdeckung eines verloren gegangenen Gefühls: nach Hause kommen. Gar nicht so übel. Wenn ich mich jetzt am Nachmittag mit dem Laptop auf den Balkon setze, dann nennt sich das wieder Freizeit. Es war alles etwas durcheinandergeraten in den letzten anderthalb Jahren.

Eine königliche Pracht

Die Königsblumen des Frühsommers, der bei uns in Italien für gewöhnlich ein plötzlich hereinbrechender Hochsommer ist, sind für mich nicht, wie man vielleicht erwarten würde, die Rosen. Es sind die Hortensien. Wenn sie zu blühen beginnen, ist der Geburtstag unserer Jüngsten nicht weit. Spätestens eine Woche nach ihrem Fest stehen sie in voller Blütenpracht. Diese Zeitverankerung in meinem geistigen Kalender geht zehn Jahre zurück, damals kamen wir Mitte Juni von der Entbindungsstation heim und der Garten hinterm Haus präsentierte sich gepflegt und mit blauen und violetten Farbtupfen, wie auf dem Foto zu sehen:

Vielleicht hätte ich mein Kind Hortensia nennen sollen. Im Italienischen Ortensia. Ein fantasievoller Name, zugegeben weniger gebräuchlich als Rose oder Rosa, aber zu Unrecht, meint ihr nicht? Zur Bedeutung und Herkunft habe ich gefunden: Hortensia bedeutet „die Gärtnerin“, „die im Garten spazieren geht“ oder „die gerne im Garten ist“ (von lateinisch „hortus“ = Garten)*. Ein schönes Gleichnis für ein unbeschwertes, naturverbundenes Leben. Vielleicht steht der Name erst vor seinem Durchbruch. Angesichts der Tendenz zur Rückbesinnung auf die Natur würde es mich nicht wundern.

Aber ich schweife ab. Zurück zu persönlichen Erinnerungen, in denen ich mich sicherer bewege als in pseudo-wissenschaftlichen, onomatologischen Voraussagen. Zugegeben: Den wohlklingenden Begriff „onomatologisch“ − von Onomatologie (Namensforschung) − habe ich ergoogelt, er gehörte nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Aber man möchte beim Bloggen schließlich auch noch etwas dazulernen.

Wenn ich in den letzten Jahren nach Deutschland kam, sah ich auch dort vereinzelt Hortensien in den Vorgärten. Ich vermag nicht zu sagen, ob das schon früher so war, meine aber, dass ich diese zauberhaften Blumen erst in meiner neuen Heimat bewusst wahrnahm, dem Charme der üppigen ballrunden Blütenpracht hier in Norditalien erlag. In unserer Gegend zwischen Como und Varese zieren Hortensienbüsche fast alle öffentlichen Grünanlagen. Im Park der Villa Peduzzi in meinem ersten Wohnort Olgiate Comasco leisteten mir einzelne Exemplare während einsamer Joggingrunden Gesellschaft. Sie schienen mir augenzwinkernd Beifall zu klatschen, als ich sonntags in der Mittagshitze (ich nannte es: nach dem Frühstück) unbeirrt meine Runden lief. Jahre später in Malnate, im Parco Primo Maggio, säumte ein königliches Spalier von blauen Blüten den Waldweg, sich förmlich vor mir verneigend, und ich fühlte mich wie eine Königin, die ihre erstgeborene Prinzessin im Kinderwagen spazieren fuhr.

Mein zweitgeborenes Königskind plante ihren Erdenauftritt perfekt und kam mit der Hortensienblüte zur Welt. Mit ihr fuhr ich in jenen ersten Tagen nicht in den Parco Primo Maggio, dazu hätte ich das Auto nehmen müssen. Es war einer der besonders heißen Sommer, und ich genoss die Blüten im Garten, mit der Kleinen im Arm im Schatten auf unserem Balkon sitzend.

Mammi, guarda, i miei fiori!“ „Mami, schau mal, meine Blumen!“

So rief sie bereits als Kleinkind immer begeistert, wenn wir beim Spazierengehen Hortensien erblickten. Ich hatte ihr die Fotos von unseren ersten gemeinsamen Tagen daheim gezeigt und erklärt.

Selbst in diesen außergewöhnlichen Zeiten lassen uns unsere Lieblingsblumen nicht im Stich und sorgen für besondere Erinnerungen. Im Juni 2020 wagten wir eine Woche Smart Working in einem Agriturismo in der Nähe des Gardasees. Dort latschten, nein, stiegen wir am späten Nachmittag nach getaner Arbeit die Stufen zur Piscina (Swimming Pool) hinauf, umschmeichelt und hofiert von einem rosafarbenen Blütenmeer. Wer weiß, warum, aber auf diesen Stufen kam mir schon damals Dante und eins seiner berühmten Zitate aus der Göttlichen Komödie in den Sinn: „Geh deinen Weg, und lass die Leute reden.“ In diesem Jahr kann es einem in Italien übrigens öfter passieren, über Dante zu stolpern. 2021 wird anlässlich des 700. Todestag des großen Dichters offiziell als Jahr des Dante Alighieri gefeiert.

Ob unsere Jüngste, auch wenn sie nicht Hortensia heißt, sich womöglich irgendwann der Gartenarbeit widmen wird? Derzeit gehört ihre volle Leidenschaft noch ausschließlich dem Gesang. Kürzlich hatte sie ihren Saggio, den Abschlussvortrag am Ende des Musikschuljahres. Die Musikschule befindet sich an einem Park in unserem Nachbarort, und ihr ahnt, welche Blüten dort gerade die Spaziergänger bezaubern. Ihre Farbe tendiert an diesem Ort zu Fuchsia, der Lieblingsfarbe unserer kleinen Sängerin.

*Quelle: CharliesNames.

Titelbild: Jedes Jahr am 1. Samstag im Juli öffnet die Gärtnerei im Tessiner Castel San Pietro ihre Türen zum „Tag der Hortensien“. Dort konnten wir uns 2019 nicht sattsehen und haben herrliche Fotos wie dieses aufgenommen. Wenn ihr einmal Anfang Juli in der Gegend seid, lohnt sich ein Besuch: https://www.vivaio.ch

Zeig mir, wie du blinkst …

… und ich sage dir, ob du reif bist für den italienischen Straßenverkehr.

Gestern habe ich mich doch tatsächlich im Auto dazu hinreißen lassen, wie ein waschechter Italiener wild zu gestikulieren, um das Verhalten des Fahrers vor mir zu kommentieren. Ich wünschte mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als eine automatische Kamera im Auto zu haben, denn ich hätte liebend gern auf den Auslöser gedrückt, um das Geschehen für euch festzuhalten. Habe ich aber nicht, deshalb müsst ihr mir einfach glauben. Vor mir fuhr der Wagen einer Scuola Guida (Fahrschule), der einem Motorradfahrer folgte. Ich tuckerte schon eine Weile hinter den beiden her. Um den Prüfling nicht zu irritieren, verzichtete ich respektvoll auf ein Überholmanöver. Dann ging es in die Rotonda, den Kreisverkehr, und ich wagte zu hoffen, das Gespann nähme eine andere Ausfahrt und ich würde endlich das Gaspedal durchtreten dürfen. Ihr müsst wissen, dass ich das Verhalten der anderen Fahrer im Kreisverkehr insgeheim analysiere und mich je nach meiner mentalen Tagesverfassung aufrege oder amüsiere. Es geht insbesondere um das Blinken. Und der Fahrschulwagen blinkte … na wie, was meint ihr? Ihr kommt nicht drauf! Er blinkte LINKS. Ich verzieh auf einen Schlag all den armen italienischen Verkehrsteilnehmern, die ich immer kritisiert hatte. Wenn sie es so lernen, dann können sie doch gar nichts dafür.

Zu diesem erhellenden Vorfall fiel mir spontan mein Blogbeitrag vom September „Der Italiener und der Kreisverkehr“ ein, auf den ich hier gern verlinke. Er hat einen Relaunch verdient, war er doch der erste Artikel, den ich einfach so auf meinen Blog ohne Follower und damit ins World Wide Web setzte, ohne dass ihr, meine lieben Leser, schon gemeinsam mit mir unterwegs wart. Habt ihr Lust auf eine Runde im italienischen Kreisverkehr? Dann bitte gut anschnallen, Nerven behalten, und hier entlang! Viel Spaß!  

Ein langes Frühjahr mit Happy End

Heute ist kein Donnerstag wie immer. Mein Mann und ich stehen am Morgen zeitiger auf, um unsere Arbeit im Homeoffice bis zwölf Uhr mittags erledigen zu können. Anschließend haben wir uns freigenommen, dem Anlass entsprechend.

Wir haben einen Tisch reserviert, nur für uns zwei, am See. Nicht an irgendeinem See, nicht in irgendeinem Restaurant. Es ist der Lago di Varese, es ist unser Restaurant. Fünfzehn Jahre ist es nun her, dass wir dort gemeinsam mit Familie und Freunden den schönsten Tag unseres Lebens verbrachten. Einige von ihnen sind schon nicht mehr unter uns, andere sind andere Wege gegangen. Fünfzehn Jahre sind länger, als man denkt.

Buongiorno, sposini!

Mauro begrüßt uns strahlend, während wir die Hände mit Desinfektionsgel einreiben. Seine Kollegin steht mit dem Fieberthermometer bereit, um an unserer Stirn die Temperatur zu messen. Vor fünfzehn Jahren hätte man eine solche Prozedur für ein nettes Gesellschaftsspiel gehalten. Mauro bleibt zwei Schritte vor uns stehen. Seit vergangenem Jahr ersetzt der angedeutete Stoß mit dem Ellenbogen den traditionellen Handschlag unter alten Bekannten.

Ma era ieri, che voi due …  Es war doch erst gestern, dass ihr zwei …

Mauro, der charmante Schmeichler, hatte damals alles mit uns besprochen und geplant.

„In realtà, non è ancora oggi.” Ehrlich gesagt, ist es noch nicht heute, bemerkt mein Mann, und ich ziehe die Schultern hoch und verdrehe die Augen.

Non oggi? Nicht heute?

No, la settimana prossima. Nein, nächste Woche.

Allora siete qua per la prova del menu! Ach, dann seid ihr hier, um das Menü zu testen, scherzt Mauro, während er uns zum Tisch im Garten begleitet.

So könnte man sagen. Mein Mann drückt meine Hand unter dem Tisch und lächelt mir aufmunternd zu. Zwei Flaschen Wasser, una naturale, una gassata, eine still, eine mit Sprudel. Die junge Kellnerin bringt sie automatisch. Ihr nehmt immer den Gewürztraminer von Helena Walch*, richtig? Es ist keine Frage, der Kugelschreiber fliegt schon über den Notizblock. Mauro kennt uns.

No, grazie, oggi meglio di no. Nein danke, heute lieber nicht. Ich ernte einen strafenden Blick meines Mannes.

Wir werden nicht jünger und wir müssen dann noch …, versuche ich zu erklären.

Noch arbeiten, ergänzt Mauro meinen unvollständigen Satz. Wie schade, an so einem sonnigen Tag. Ich verstehe, nur eine Mittagspause. Aber ein Gläschen Prosecco dürfen wir doch offerieren? Mauro schaut uns mitleidig herausfordernd an.

Schnell nickt mein Mann, bevor ich etwas Gegenteiliges hätte sagen können.

Wir lassen uns die gemischten Vorspeisen und gegrillten Branzino (Wolfsbarsch) mit köstlich knusprigen Patate al Forno (Röstkartoffeln aus dem Ofen) schmecken und erinnern uns an den Tag im Juni vor fünfzehn Jahren. Auch damals war es sommerlich warm, nicht zu heiß und für unsere deutschen, österreichischen und britischen Gäste ein italienischer Traumurlaub.

Die raffinierten Kuchen zum Nachtisch sind ein verlockendes Angebot, aber die Zeit wird knapp. Wir nehmen nur due caffè, zwei Espresso.

Una grappa, la prendi? Einen Grappa nimmst du doch? Mauro lacht und zwinkert meinem Mann zu. Ich, die Spielverderberin, werfe diesem einen warnenden Blick zu und schaue demonstrativ auf die Uhr.

La prossima volta! Beim nächsten Mal!

Wir buchen den Tisch für unseren Hochzeitstag nächste Woche und laufen noch ein paar Schritte am Seeufer entlang. Komm, lass uns noch ein Foto machen. Du tust ja so, als wäre heute ein feierlicher Anlass, bemerke ich lachend. Dabei knuffe ich meinen Mann in die Seite, um mich selbst ein wenig aufzumuntern. Die Bank am Ufer ist wie für uns reserviert. Ich könnte ewig hier sitzen und auf den See schauen. Aber es ist Zeit. Fünf vor drei, gleich haben wir unseren Termin. Wir gehen schweren Herzens vom See hinüber zum weithin sichtbaren grün-weißen Zeltkomplex. Es ist kein Festzelt heute, wie es sonst an der Schiranna ‒ so heißt das Seeufer hier ‒ während der traditionellen Sagre (Feste rund um ein kulinarisches Thema) aufgebaut wird.

Wir holen unsere Dokumente heraus. Hand in Hand nähern wir uns dem Eingang, wo uns das routinierte Einlasspersonal pflichtbewusst trennt. Abstand halten, klar.

Ciao, amore, a dopo! Ciao Amore, bis gleich!

Zehn Minuten später stehen wir mit einem Pflaster auf dem linken Oberarm wieder draußen.

In Deutschland krempelt man die Ärmel hoch. Die Italiener sind weniger rational aufklärend, dafür umso emotionaler an die Herausforderung des Frühjahrs 2021 herangegangen. In ihrer Werbung fürs Impfen heißt es: 

L’Italia rinasce con un fiore. Italien wird wiedergeboren, mit einer Blume.

Die Primel, die im Frühling neue Hoffnung bringt, ist das Symbol der italienischen Impfkampagne. Mittlerweile sind es Hortensien und Rosen, aber Hoffnung und Zuversicht blühen. Was mit den Primeln begann, ist zu voller Blüte gekommen. Es geht voran.

Die italienische Anti-Covid-Impfkampagne. Idee und Umsetzung waren umstritten. Aber vielleicht lässt sich auf der Gefühlsebene manchmal mehr erreichen als über den Verstand, wenn es um das Leben und die Gesundheit geht?

*Werbung, leider unbezahlt und ohne Gratisflaschen.

Von kleinen Tabellen und hohen Titeln

Ci hanno dato un problema, mamma. Sie haben uns vor ein Problem gestellt, Mama.

Vor ein Problem? Euch Kinder in der dritten Klasse? Das finde ich aber gar nicht nett. Sollten sie euch nicht Lösungen aufzeigen?

No, mamma, ci fanno solo problemi. Nein, Mama, sie machen uns nur Probleme.

Na, zeig mal her!

Meine Tochter schiebt mir das kleinkarierte Schulheft rüber, ich hole tief Luft, bemüht, mir meine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, und fange an zu lesen. Bald wird mir klar: Probleme, so nennen sie in Italien die Text- bzw. Sachaufgaben in Mathematik.

Schon zuvor war ich während einer Elternversammlung einmal arg in Bredouille geraten, als plötzlich alle Mütter und sogar zwei Väter angeregt über Tabelline diskutierten. Die kleinen Tabellen. Ich grinste vor mich hin und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, dass ich kaum etwas wusste von dem, was meine Kinder gerade lernten, da sie ihre Hausaufgaben im Hort erledigten. So richtig schlau wurde ich während der Versammlung nicht, worum es ging und warum alle Anwesenden bei diesem Thema so aufgeregt taten, ließ es mir aber nicht anmerken. Zuhause fragte ich dann doch meine Tochter: Sag mal, das mit den kleinen Tabellen, hast du das schon richtig im Griff? Na klar, Mami, das ist doch Babykram. Willst du die Tabellina del due? Hör zu: Ein mal zwei ist zwei, zwei mal zwei ist vier, drei mal zwei ist sechs, vier mal zwei ist acht … Sie meinten das Einmaleins! Mir fiel ein Stein vom Herzen, da konnte ich also doch noch folgen.

Und wie es sich für das sangesfreudige Italien gehört, gibt es auch für die kleine Tabelle der Zwei ein lustiges Lied:

La canzoncina della tabellina del 2

Ganz ohne Musik in der Mathematik kommen die Schüler in der Terza Media, dritte Klasse Mittelschule (das entspricht der achten Klasse) aus. Ich habe es da bereits wirklich schwer, denn italienischsprachige Fachbegriffe und andere Herangehensweisen legen mir zuweilen Stolpersteine in den Weg der Erkenntnis. Gott sei Dank erledigt die Große alles allein, aber hin und wieder will sie mir etwas zeigen. Ich lobe sie für den langen Lösungsweg und kritisiere, dass sie das Ergebnis nicht ordentlich zweimal unterstreicht. Das kreise sie immer freihändig ein. Und was sagt deine Lehrerin ‒ genervter Seitenblick meiner Tochter ‒ ach Entschuldigung, die Prof, dazu? Jeder soll das Ergebnis hervorheben, wie er mag. Ich schüttele angewidert den Kopf. Der Sittenverfall galoppiert sogar in der Mathematikstunde. Ist die Welt, oder zumindest Italien, eigentlich noch zu retten?

Mit der formellen Akkuratesse nehmen es die Italiener wohl nicht so genau. Dafür umso mehr, was persönliche Titel angeht. Jeder, der ein Hochschulstudium abgeschlossen hat, darf sich Dottore bzw. Dottoressa nennen. Also auch ich, und ich kann euch sagen, dass ich mich bis heute nicht daran gewöhnt habe und immer denke, du Schleimer, wenn einer mich am Telefon mit Dottoressa Krügel betitelt. Er kann schließlich gar nicht wissen, dass ich tatsächlich die Uni absolviert habe. Aber im Geschäftsleben kommt ein wenig Honig ums Maul schmieren immer gut, denken sie, während sie dir oder deiner Firma etwas verkaufen wollen. Ein ähnliches Phänomen im Schulwesen: Mittelschullehrer*innen lassen sich gleich mal eben mit Professore (Prof), ansprechen. Wehe, einem Schüler kommt in den ersten Tagen versehentlich noch einmal das von der Grundschule gewohnte Maestra/o (Frau/Herr Lehrer*in) über die Lippen.

Aber zurück zur Mathematik. Dieses Fach gehörte zu meinen Glanzfächern in der Schule, und ich liebte geradezu mathematische Beweise. Was gibt es Schöneres, als am Ende einer langen Herleitung zweimal ordentlich zu unterstreichen und darunter zu schreiben: „w.z.b.w.“ Meine Tochter weiß noch nichts von diesem Hochgefühl, das die Wissenschaft für sie bereithält, anscheinend sind mathematische Beweise erst an der Oberschule dran. Ich wünsche ihr sehr, dass sie auch in der heutigen Zeit, wo es auf jede Frage hundert mögliche Antworten, für jede Option zig Alternativen gibt und alle über alles diskutieren dürfen, zumindest in der Mathestunde hin und wieder noch sagen darf: Was zu beweisen war. Punkt.

Ein geflügeltes Wort in Italien lautet:

La matematica non è un’opinione. Mathematik ist keine Ansichtssache.

Wo sie recht haben, haben sie recht. Und vielleicht gibt es sogar einen guten Grund, warum die Italiener Textaufgaben Probleme nennen. Womöglich ist es viel inspirierender für die Schüler, ein Problem vorgesetzt zu bekommen, welches es zu lösen gilt. Una sfida, urrà! Eine Herausforderung, hurra! Wie langweilig hingegen, immer nur Sachaufgaben bearbeiten zu müssen. Wollen die Deutschen sich lauter künftige Sachbearbeiter heranziehen? Mal ehrlich: Ein herausforderndes, kniffliges Problem oder Arbeit, was wäre euch lieber?

Am Strand

„Insgeheim aber genieße ich dieses Sitzen am Meer, ich habe es sogar völlig neu für mich entdeckt. Es gibt nämlich, denke ich jetzt so im Stillen, auch gewisse Wonnen des einfachen Lebens, die man nicht vorschnell verachten sollte, nur weil man sie mit Hunderten oder Tausenden teilt.“

Hanns-Josef Ortheil

Italienische Momente*, btb Verlag, 1. Auflage Originalausgabe August 2020, Seite 283

Vermutlich weilte Hanns-Josef Ortheil mit seiner Familie nicht in Ligurien und garantiert nicht am Strand in Spotorno, wo das Titelbild während unseres eigenen Sommerurlaubs vor einigen Jahren entstanden ist. Mein Foto illustriert jedoch gut die von ihm beschriebenen Urlaubsszenen am Meer.

„Es stört mich sogar nicht einmal, dass ich in Reihe drei, Platz siebenundzwanzig, sitzen muss, obwohl sich das anhört, als wären wir hier nur eine armselige Nummer in einer Herde.“ So geht es in Ortheils Text weiter.

Ich gebe zu, dass ich selbst kein Freund von Reihe drei Platz siebenundzwanzig bin. Zumal wir es ‒ immer nur Zufalls- und nie Stammgäste ‒ höchstens in Reihe zehn aufwärts geschafft haben. Und da blieben wir für das Notwendige. Also genau die Zeit, um die Kinder am Strand mit den Wellen spielen und im Sand eine Burg bauen zu lassen und selbst ein paar Züge zu schwimmen. Dann schnell wieder weg, duschen im Hotel (was bei zwei kleinen Strandnixen mit Sand in Sandalen, Kleidern und überall einige Zeit in Anspruch nimmt), um anschließend gepflegt an der Strandpromenade entlang oder durch die engen Gassen der Altstadt zu schlendern, für einen Aperitivo oder ein Gelato. Vorzugsweise im Schatten. Überhaupt sitze ich lieber leicht aber bekleidet unter einer duftenden Strand-Kiefer, mit Blick auf das Meer, und lese dabei ein gutes Buch. So lässt es sich aushalten. Im Gegensatz zu der Tortur, im Sand in brütender Hitze zu schwitzen und aufgrund blendenden Sonnenlichts oder unbequemer Haltung gar nicht lesen zu können. Obendrein müsste ich gegen den quälenden Durst ankämpfen, weil ich auf einen Besuch der Toiletten des Strandbades, für welches man einen horrenden Eintritt bezahlt, lieber verzichten möchte. Denn diese Örtlichkeiten teilt man sich freilich auch mit Hunderten oder Tausenden, um auf das Zitat zurückzukommen.

Was sind nun die von Ortheil beschriebenen „Wonnen des einfachen Lebens“? Aber ja, ich kann es mir durchaus vorstellen, nur zu sitzen, zu liegen, unter einem Schirm, und die Geräusche des Strandlebens um mich herum wie eine Hintergrundmusik laufen zu lassen. Dazu die leichte Meeresbrise, das Salz auf der Haut, die Füße im Sand (aber auch nur die). Vielleicht bin ich zu penibel, zu wenig relaxt, um solch elementaren Genuss empfinden zu können? Aufs Lesen verzichtet sogar Ortheil am Meer, und das nicht nur, weil er sich um die Kleinkinder kümmert. Seine Frau, La Mamma genannt, ist diejenige, die liest. Wie sie das am Strand schafft, bleibt mir ein Rätsel. Ich würde sicher eher die Augen schließen und vor mich hindösen. Wenn jemand andereres sich um die Kinder kümmert, wohlgemerkt.

Aber was rede ich da, die Zeit vergeht und wir haben längst keine Kleinkinder mehr. Ehe wir uns versehen, werden sie gar nicht mehr mit Mama und Papa, sondern mit Freunden in den Urlaub fahren wollen. Vielleicht machen dann mein Mann und ich auch mal so einen typisch italienischen Strandurlaub, und ich entdecke dessen wahre Wonne. Non si sa mai. Man kann nie wissen.

PS: Italienische Momente* ist eine Anthologie und enthält Auszüge aus Ortheils in Italien angesiedelten Texten. Das Zitat entstammt ursprünglich dem Kapitel „Am Meer“ aus Lo und Lu. Roman eines Vaters*. Dieses Buch lese ich gerade und kann es besonders Eltern in Erinnerung an die ersten Jahre mit dem Nachwuchs sehr ans Herz legen. Ein großes Lesevergnügen, auch wenn nur zwei Episoden in Italien spielen: die beschriebene am Strand und eine weitere in Rom.

*Werbung, wie immer unbezahlt.