Von Amore und Pazienza

Sommer 1998. Ich sitze auf meinem kleinen Balkon in Leipzig. Vor mir auf dem Tisch das Wörterbuch, ein Schreibblock und ein Stift. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dieses Lied zu übersetzen, den Text wenigstens im Ansatz zu verstehen. Schließlich kann ich schon ein wenig Italienisch, weiß, dass TVB für „Ti voglio bene“, „Ich hab dich lieb“, steht, wenn es für „Ich liebe dich“ noch zu früh ist. Im Heftchen zur CD ist der Text abgedruckt. Laura non c’è. Das Lied, das jetzt ständig bei Radio Leipzig läuft. Speziell für mich, ganz klar. Der Sänger Nek, ein Italiener, dessen Augen mich vom CD-Cover her hypnotisieren, verschmilzt in meiner Erinnerung nach vielen Wochen mit dem Bild von ihm, meinem Italiener. Da hat sie sich eine nette Geschichte einfallen lassen, sagen sie. Nach all den Jahren. Ausgerechnet in Italien, an einem Wochenende im März in Bologna, hätte sie jemanden kennengelernt. Von dem erzählt sie uns jetzt und kann weiter ihr Singleleben leben. Oder wer weiß was, das sie uns nicht zu erzählen wagt.

Ich übersetze Wort für Wort, der Zusammenhang will sich manchmal nicht erschließen, aber am Ende doch, ein wenig zumindest. Warum ausgerechnet Italienisch? Von Französisch hatte ich während des Studiums die Grundlagen gelernt, und nun das. Wieder bei Null anfangen. Geduld, sage ich mir, es braucht Geduld.

Jeden Morgen sitze ich in der Straßenbahn, auf dem Weg zu meinem tollen Job, um den sie mich beneiden und der mich unglücklich macht, aber das habe ich mir noch nicht eingestanden. Oder doch, nur sehe ich bislang keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Vielleicht stürze ich mich deshalb ohne Netz und doppelten Boden in eine Liebe auf Distanz, die doch aussichtslos ist, wie sie sagen. An der Volkshochschule habe ich einen Kurs begonnen, Italienisch für Anfänger. Jeden Morgen nutze ich die zwanzig Minuten Straßenbahnfahrt und träume mich mit Nek im Ohr nach Italien. Nek singt gut, um seine Sprache zu lernen. Jedes Wort klar und deutlich. Trotzdem verstehe ich Bahnhof und bin froh, wenn ich mir zwei, drei Begriffe, die eine Wortgruppe bilden, merken kann. Ich frage meine Freundin, die Italienisch im Studium lernt: Was heißt „Non fare così!“*? Sie bietet an, mir zu helfen, bringt ihre Lehrbücher zu mir nach Hause. Nach einer Stunde, in der sie mir die grundlegenden Regeln erklären will, geben wir auf. Jedes zweite Beispiel war doch wieder eine Ausnahme. Wir trinken Vino Rosso, lachen und trösten uns mit den Balladen des coolen Italieners. Weißt du, dass er aus der Gegend von Bologna kommt? Na, das muss ein Zeichen sein. Sag ich doch.

Mai 2017. Im Theater von Varese gibt es ein Konzert von Nek. Ich bin nicht allein dort, habe mich einer Arbeitskollegin angeschlossen, die fünf, sechs Freundinnen im Schlepptau hat. Alle mein Alter. Und alle gackern wie die Hühner, kreischen und tanzen. Ich fühle mich fremd. Weil es nicht meine Freundinnen sind? Ich bin allein mit meinen Erinnerungen, an Leipzig, an Bologna, an die Zeit, in der es für mich mit Nek und Italien begann. Und doch, bei den Liedern, deren Texte ich kenne, möchte ich auch mitsingen. Ich tue es leise, kaum hörbar und schon gar nicht sichtbar für die anderen. Laura non c’è filme ich ein Stück mit dem Cellulare (Smartphone) und schicke es an meine deutschen Freunde, die sich nicht erinnern, dass es dieser Titel mal bis auf Platz Zehn in den deutschen Charts geschafft hatte. Damals, im Sommer 1998.

Einige Tage vor seinem Auftritt in Varese war Nek zu Gast in meinem Radio. Auf dem Rückweg vom Büro zuckte es mir in den Fingern, dem Aufruf der Moderatorin zu folgen und eine WhatsApp zu schicken, um zu der Unterhaltung beizutragen. So in der Art: Vom Italienischlernen in Leipzig zum Konzert in Varese. Als ich endlich auf einen Parkplatz kam und nach der Nummer des Senders suchte, wird der Studiogast gerade verabschiedet. Meine Geduld hatte sich diesmal nicht ausgezahlt, aber es war auch eher ein Zögern angesichts der unverhofften Gelegenheit, denn ein bewusstes Abwarten gewesen.

März 2022. Ich sitze auf der Couch und lese Bücher, um ein paar Stunden mal keine Nachrichten lesen zu müssen. Gerade verschlinge ich, sozusagen mit bloßen Händen, „A mani nude“ von Filippo Neviani, Geburtsname des Künstlers Nek. Er ist fünfzig geworden in diesem Jahr, und zu meinem Geburtstag einen Monat später kaufte mir mein Mann das Buch. Er weiß, dass es nicht nur das Geburtsjahr ist, das mich mit Nek „verbindet“. Obwohl nicht er der Italiener war, den ich damals in Leipzig in den Sänger hineinprojizierte.

Jetzt lese ich sein Buch und frage nur bei zwei oder drei Begriffen meine Familie nach deren exakter Bedeutung, auch und vor allem, um sie in meine Lektüre einzubeziehen und ihnen ein wenig davon zu erzählen. Wenn ich da an meine erste Übersetzung mit Wörterbuch in Leipzig denke, das war verrückt. Jetzt gäbe es Online-Übersetzer. Nicht, dass die immer kontextgenaue Volltreffer landen, aber besser als eine unbekannte Sprache Wort für Wort nachzuschlagen, sind sie allemal. 

Filippo Neviani schreibt von Pazienza (Geduld) und Vertrauen, die in vielen Situationen seines Lebens und seiner Karriere unverzichtbar waren, zuletzt angesichts eines Handwerksunfalls im November 2020. Bei dem hatte er riskiert, Finger seiner linken Hand zu verlieren, mit der er Gitarre spielt. Auch wenn es in seinem Text um Fede, den (religiösen) Glauben geht, der in schweren Zeiten stärker als sonst ins Spiel kommt, kann ich seine Gedanken nur allzu gut teilen, wenn er zugibt:

Mi tornano allora in mente tutte le volte in cui avrei potuto essere paziente, in cui avrei potuto dimostrare meglio il mio amore anziché innervosirmi o arrabbiarmi. Erano tante, troppe. 

Ich erinnere mich an all die Situationen, in denen ich zu wenig Geduld hatte, in denen ich meine Liebe nicht gezeigt habe, in denen ich stattdessen nervös oder wütend war. Es waren so viele, zu viele.

Nek Filippo Neviani: A mani nude** bei HarperCollins, Januar 2022, S. 144. Deutsch eigene Übersetzung.

Geduld zähle auch ich nicht zu meinen Stärken. Insbesondere in Momenten des Lebens, in denen nichts passiert oder nur Grundverkehrtes, Bemühungen keine Früchte tragen, Ideen zwischen den Fingern zerrinnen, Enthusiasmus auf der Strecke bleibt. Wenn man feststeckt, von einer Enttäuschung zur nächsten taumelt. Durch äußere Umstände oder durch eigene Zweifel. Dann bin ich schwer zu ertragen, für mich und andere. Dann wünsche ich mir mehr Glauben. Der muss nicht religiös begründet sein. Der Glaube an die Liebe, an das Gute im Menschen, an die eigene Kraft, ist nicht an einen Gott gebunden. Im Gegenteil. Dieser Glaube ist universal, er ist es, der uns verbindet. Ob es gerade um die eigenen kleinen Sorgen geht, oder das große Ganze. Geduld ist die Basis, aus der Glaube und Hoffnung wächst. Geduld ist der erste Schritt. Wenn alles nichts hilft, zwingen wir uns dazu.

Ich versuche das mit der Geduld gerade. Und entstaube die Erinnerungen an den Sommer 1998, als das Leben noch ein süßes Versprechen in einer fremden, so wohlklingenden Sprache war und Dramen nur Verwirrungen des Herzens:

*Je nach Kontext: Tu das nicht! Sei nicht so! Stell dich nicht so an! / **Werbung, unbeauftragt und unbezahlt.

Komm mir nicht mit Mimosen

Es sei denn, du willst mir einen Cocktail servieren. Zu einem Mimosa mit Prosecco und frisch gepresstem Orangensaft sage ich nicht nein.

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Über Duftpräferenzen und Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Worauf wir uns aber sicher einigen können: Die wunderschönen gelben, landläufig Mimosen genannten Silber-Akazien haben einen recht eigenwilligen Geruch. Zu meinem Leidwesen sind sie in Italien das Symbol für den 8. März, den Weltfrauentag. Dagegen war die sozialistische Nelke eine olfaktorische Wohltat. In der DDR wurde der Frauentag nicht nur als staatlich vorgeschriebene Planveranstaltung in Betrieben gefeiert, nein, er spielte auch daheim in den Familien eine Rolle. Mütter und Großmütter bekamen von Männern und Kindern Pralinen und Blumen. Das waren oft Nelken oder irgendwelche Frühblüher, die man angesichts der herrschenden Mangelwirtschaft gerade ergattern konnte. Töchter? Keine Ahnung. Ich war noch zu jung, um als Frau durchzugehen, und erinnere mich nicht, ob es in den Übergangsjahren zwischen Kindertag und Frauentag etwas Altersgerechtes zu feiern gab.

Die Italienerinnen und der Frauentag

In Italien ist die Festa della Donna ein großes Thema, viel präsenter als ich es im vereinten Deutschland erlebt hatte. Ganz besonders in der Werbung. Jeder Anlass ist ein guter, um seine Ware an die Frau zu bringen. Neulich sah ich diese Anzeige für personalisierte Friseurumhänge, gelbe Mimosen auf weißem oder schwarzem Hintergrund. Ich hoffe, meine Parrucchiera (Friseuse) kommt nicht auf die Idee, solche Designunfälle anzuschaffen. Vielleicht gehe ich sicher und hole mir erst vor Ostern wieder einen Termin. Harmlose Osterhasen auf dem Umhang wären mir lieber.

Der 8. März ist in Italien auch der Tag, an dem Italienerinnen zusammen ausgehen und einen Abend in der Pizzeria verbringen, gern mit anschließendem Diskothekenbesuch. Angeblich gibt es in manchen Tanz-Etablissements zu diesem Anlass spezielle Unterhaltungsbeiträge männlicher Entertainer. Der Eintritt ist für Frauen frei und der Begrüßungstrunk zum Auflockern gleich inbegriffen. Mit persönlichen Eindrücken kann ich nicht dienen, diese Unternehmungen waren mir immer suspekt. Meine Italienisierung war damals, zu Beginn der Nullerjahre, wohl noch nicht ausreichend fortgeschritten. Dann wurde ich Mutter. Und jetzt fange ich auch nicht mehr damit an.

Meine frühen Erinnerungen an die italienische Art, die Frauen an ihrem Ehrentag mit Mimosen zu beglücken, gehen auf mein erstes Arbeitsumfeld zurück. In Deutschland waren die gelben Dolden als Schnittblumen vollkommen unbekannt. Für mich war „Mimose“ immer eine Kritik, der meist an eine Frau gerichtete Vorwurf, zimperlich, eingeschnappt oder beleidigt zu sein.* Und plötzlich sollte ich mich freuen, Mimosen geschenkt zu bekommen. Am 8. März versank unser Großraumbüro bei Avon regelmäßig in einem betäubend penetranten Geruch. Jede Frau fand morgens zur Begrüßung ein Sträuβlein mit den gelben Kügelchen auf ihrem Schreibtisch. Verstehen wir uns nicht falsch: Die Mimosen, die vor dem Firmengebäude blühten, waren in jedem Frühjahr ein zauberhafter Anblick. Aber warum ließen sie die Blüten nicht am Baum, da, wo sie hingehören? Man muss nicht nah rangehen, wenn man den Duft nicht mag. Aus dem Büro konnte ich schlecht fliehen, da ich nicht zu den in dieser Hinsicht privilegierten Raucher*innen gehörte. Wenn überhaupt, dann konnte ich mich aufs stille Örtchen verziehen. Dumm, dass ich damit die Gerüchteküche anheizte, zumal mein Gesicht im Laufe des Tages immer blasser wurde. „Ist die schwanger?“, hörte ich die lieben Lästerschwestern, ehem, Kolleginnen, tuscheln. Avon war draußen im „Field“, im Verkauf, eine Frauenveranstaltung, aber zum Glück gab es im Büro auch viele Männer. Und da war jeder vermeintliche Flirt, ehe er einem selbst bewusst geworden war, bereits großes Pausengespräch. Ich glaube, das zahlenmäßige Verhältnis männlicher und weiblicher Angestellter lag etwa bei Fifty-fifty. Das Besondere war, so muss ich heute rückblickend sagen, dass es viele Frauen auch in Führungspositionen geschafft hatten. Neben der damaligen Präsidentin von AVON Italia, Anna Segatti, waren auch in unserem trinationalen Marketing-Cluster beide Geschlechter auf der Managerebene gut vertreten. Das kann man bis heute nur von wenigen Arbeits-Realitäten behaupten. Und deshalb ist mein Verhältnis zu diesem Tag grundsätzlich auch eher ambivalent. In der DDR ‒ über die dort gelebte Emanzipation schrieb ich bereits ‒ ließ man sich die Feierlichkeiten als nette Geste gefallen. Heute und hier fehlt, in meinen Augen, oft der Sinn. Männer kaufen im Vorbeifahren pflichtgesteuert einen Strauß Mimosen, im Geschäft oder bei einem der vielen plötzlich auftauchenden Straßenhändler. Die damit Beschenkte sieht am Abend zu, dass sie schnell das Haus verlässt, um mit ihren Freundinnen zu feiern und zu trinken.

Es ging an diesem Tag ursprünglich einmal um elementare Rechte der Frauen und sollte jetzt um Chancengleichheit gehen. Ist es damit getan, dass an diesem Abend in der Diskothek männliche Animateure ihre Reize zeigen, anstatt wie üblich junge Frauen? Sicher nicht und darüber hinaus Geschmackssache. Genau wie die Mimosen, auf die ich auch in diesem Jahr wieder gerne verzichte. So einen Mimosa Cocktail aber, den wollte ich gern einmal probieren, und deshalb habe ich gestern schnell die Zutaten besorgt. So kann ich in Gedanken mit euch anstoßen. Und zwar mit allen: Lesern, Leserinnen und all denen, die sich nicht festlegen lassen. Auf dass es zum Kämpfen für die Rechte der einen oder anderen irgendwann keinen mehr, dafür zum Feiern für alle immer einen guten Grund gibt. Salute!

Nachtrag aus aktuellem Grund: Leider sind wir auf dem Weg zu einer idealen Welt, wie ich sie im letzten Satz zu formulieren versuchte, gerade ein riesengroßes Stück zurückgeworfen worden. Denn wenn Krieg ist, dann geht es erstmal um das Elementarste, darum, dass er sofort aufhört. Menschen dürfen nicht weiter sinnlos sterben. Weder Frauen auf der Flucht, noch Männer im Kampf. Ich bin mir sicher, dass auch in Italien den wenigsten Frauen in diesem Jahr nach Feiern auf die hier beschriebene, sonst übliche Art zumute ist.

*Dieser Vergleich bezieht sich auf die echte Mimose, die in Südamerika beheimatete Mimosa pudica, nicht auf die gelb blühende Silber-Akazie, auch „falsche Mimose“ genannt.

Titelbild: Mimosen vor einem Blumengeschäft Anfang März in Rapallo, Ligurien. Wunderschön! Als Dekoration im Freien wohlgemerkt.

Andere Zeiten

Gestern fuhr ich nach der Arbeit schnell zum Tanken. Das erledige ich aus Gewohnheit in der Schweiz, auch wenn es preislich keinen Vorteil mehr bedeutet. Ebenfalls aus Gewohnheit trug ich beim Betreten der Tankstelle meinen Mund-Nasen-Schutz. Gewohnheitsmäßig stieß ich die Tür mit dem Ellenbogen auf, grüßte freundlich die Kassiererin gleich neben dem Eingang, um wie gewohnt zunächst zum Brotregal zu gehen, und … blieb irritiert stehen. War ich im falschen Film? Die junge Frau hinter der Kasse musste die sein, die ich kenne, denn sie trug das krause, halblange Haar wie immer mit einer Spange zurückgesteckt. Trotzdem schaute ich zweimal hin. Ihr Gesicht sah ich zum ersten Mal. Es war nicht von einer Maske bedeckt. Sie tat so, als ob das normal wäre. Auch die zweite Mitarbeiterin der Tankstelle sowie ein Kunde, der die Süßigkeiten-Auslage studierte, waren nackt im Gesicht. Langsam fiel der Groschen. Hier war ich in der Schweiz, hier waren die Masken bereits gefallen. Natürlich hatte ich das gehört. Und natürlich behalten wir sie im Büro auf, da hätte es der Anordnung der Geschäftsleitung gar nicht bedurft. Oder etwa doch? Hey, wir sind Italiener, wir fallen uns jetzt nicht einfach ungeschützt in die Arme, nur weil irgendeiner sagt, das dürften wir jetzt wieder. Da läutet einer die Glocke, und die Pandemie ist aus wie eine ungeliebte Schulstunde, die sich ewig in die Länge gezogen hat?

Auf dem Heimweg im Auto musste ich daran denken, wie es damals angefangen hatte. Ich war, so befremdlich es klingt, eine überzeugte „No-Mask“-Vertreterin (diesen Begriff gab es wohlgemerkt noch nicht). Ich rede hier von März, Anfang April 2020. Damals, als es noch gar keine oder nicht genügend Masken zu kaufen gab. Als die WHO sagte, nur im Umgang mit Infizierten wären Mund-Nasen-Bedeckungen sinnvoll. Als ob sie das nicht gehört hätten, trugen im Supermarkt von Woche zu Woche immer mehr Kund*innen eine. Ich hielt tapfer dagegen und schaute herausfordernd zurück, wenn mich einer über seine Maske hinweg schräg ansah. Das war damals, als ich an der Kasse Angst hatte, mich an meiner Spucke zu verschlucken und dabei zu husten. In den Gang mit den Waschmitteln traute ich mich nicht, weil mir das süßliche Pulver in die Nase stieg, Juckreiz auslöste und ich niesen musste. Jeder huschte damals durch die Gänge, konzentrierte sich auf seinen Einkaufszettel, fasste nichts unnötig an. Und keiner sprach mit niemandem. Bis an jenem Tag. Da war dieser ältere Herr. Vielleicht war er nur wenig älter als ich selbst, wenn überhaupt, aber ihr wisst ja, wie das ist. Er überholte mich in einem Affentempo und rief mir dabei zu: „Und Sie, Sie brauchen wohl keine Maske?“ Ich war geschockt und brüskiert, nahm meinen ganzen Mut zusammen und hatte überraschend schnell eine Antwort parat, die ich ihm trotzig hinterherrief: „Nein, die werden schließlich in den Krankenhäusern dringender gebraucht.“ Ich war mir nicht sicher, ob er es noch hörte, denn sein Einkaufswagen hatte anscheinend einen eingebauten Motor und er war längst am anderen Ende des Ganges.

Ich spüre noch das Schamgefühl, die Entrüstung, mein Herzklopfen in jenem Moment. Aber ich fühlte mich im Recht, in meinen Augen war es damals unsinnig, egoistisch, unsolidarisch, diesen kostbaren Schutz für sich zu beanspruchen. Für einen banalen Einkauf, bei dem man mit niemandem in Berührung kam.

Kurze Zeit später wurde die Maske ein Pflicht-Accessoire, sie fühlte und fühlt sich richtig an, und wir haben sie in Italien bis auf wenige Momente im Sommer und mittlerweile im Freien nicht mehr abgelegt. Die nörgeligen Diskussionen darum anderswo machten mich traurig.

Die Zeiten ändern sich. Und sie ändern sich so abrupt und so extrem, dass ich mir nicht einmal sicher war, ob ich diesen Text schreibe. Interessiert doch keinen mehr. Schnee von gestern. Ich habe mich dafür entschieden. Denn die Masken sind gefallen, die Gewehre im Anschlag. Die Frage schmerzt, was wirklich wichtig war und ist. Ob es sich gerade eben noch gelohnt hat, über Masken zu streiten, während sich weltpolitisch eine Katastrophe zusammenbraute. Dass man dazu bereit sein muss, umzudenken, eine Situation neu zu bewerten, das sollten wir gelernt haben. Was bis gestern, wie die Italiener sagen, „era dato per scontato“, für selbstverständlich gehalten wurde, ist es heute nicht mehr. Neue Bedrohungen erfordern neue Mittel. Bleibt zu hoffen, dass unsere Demokratien stark genug sind, die Grundfesten einer freien, friedliebenden Welt und humanistische Werte gegenüber nationalistischen und profitmaximierenden Interessen zu verteidigen.

Titel: Symbolbild von Pexels.

Der Mond von Kiew

Im Bücherschrank unserer Kinder fand ich ein weiteres Gedicht von Gianni Rodari, das in diesen Tagen in Italien oft zitiert wird. Ich möchte es, wie schon „Promemoria“, gern mit euch teilen.

La luna di Kiev di Gianni Rodari

 

Chissà se la luna

di Kiev

è bella

come la luna di Roma,

chissà se è la stessa

o soltanto sua sorella…

 

“Ma son sempre quella!

– la luna protesta –

non sono mica

un berretto da notte

sulla tua testa!

 

Viaggiando quassù

faccio lume a tutti quanti,

dall’India al Perù,

dal Tevere al Mar Morto,

e i miei raggi viaggiano

senza passaporto”.

Der Mond von Kiew von Gianni Rodari*

 

Ich frage mich, ob der Mond

von Kiew

genauso schön ist

wie der Mond von Rom,

Ich frage mich, ob er derselbe ist

oder nur sein Bruder …

 

„Aber natürlich bin ich derselbe!

‒ protestiert der Mond ‒

Ich bin doch

keine Nachtmütze

auf deinem Kopf!

 

Ich reise hier oben

und scheine für alle,

von Indien bis Peru,

vom Tiber bis zum Toten Meer,

und mein Licht braucht

keinen Reisepass.“

Besser kann man Kindern die Idee einer friedlichen Welt für alle Menschen unter demselben Mond nicht erklären. Dieses berührende und heute so schmerzlich aktuelle Gedicht wurde erstmals 1960 in der Sammlung „Filastrocche in cielo e in terra“ bei Einaudi publiziert.

*Eigene freie Übersetzung.

Titel: Symbolbild von Pexels.

Promemoria

Promemoria di Gianni Rodari

 

Ci sono cose da fare ogni giorno:

lavarsi, studiare, giocare

preparare la tavola,

a mezzogiorno.

 

Ci sono cose da fare di notte:

chiudere gli occhi, dormire,

avere sogni da sognare,

orecchie per sentire.

 

Ci sono cose da non fare mai,

né di giorno né di notte

né per mare né per terra:

per esempio, LA GUERRA.

Promemoria (Merkzettel) von Gianni Rodari*

 

Es gibt Dinge, die man jeden Tag tun soll:

sich waschen, lernen, spielen,

den Tisch decken

fürs Mittagessen.

 

Es gibt Dinge, die man in der Nacht tun soll:

die Augen schließen, schlafen,

Träume träumen,

mit den Ohren lauschen.

 

Es gibt Dinge, die man niemals tun soll,

weder am Tag noch in der Nacht,

nicht auf dem Meer und nicht an Land:

zum Beispiel EINEN KRIEG.

Gianni Rodari (geboren am 23. Oktober 1920 in Omegna (Novara); gestorben am 14. April 1980 in Rom) war ein italienischer Schriftsteller. Er wuchs in Gavirate in der Provinz Varese auf. Als Lehrer, Journalist und Autor von Kinderbüchern und Fernsehsendungen hat er zu einer tiefgreifenden Erneuerung der Kinderliteratur beigetragen. Seine Bücher wurden in 50 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 1970 mit dem Internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis. Rodaris Reime, Wortspiele, Geschichten und Romane erzählen von Freiheit, Menschenrechten und Würde in einer für Kinder verständlichen, die Fantasie beflügelnden Sprache, mit Leichtigkeit und Tiefe.

Rodari war in der UdSSR bekannt und beliebt, sein Roman „Le avventure di Cipollino“ (Zwiebelchen) wurde 1954 ins Russische übersetzt und dort auch verfilmt. Der Autor gilt noch heute als einer der beliebtesten italienischen Schriftsteller in Russland.

*Eigene freie Übersetzung.

Titel: Symbolbild von Pexels.

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Manchmal passt allerdings ein Stück Musik wie der Deckel auf den Topf, in dem es brodelt. Und das, was gerade gekocht wird, bekommt erst die richtige Würze.

Auch wenn die meisten Menschen heutzutage vermutlich am liebsten die Musik hören, die sie sich bei Spotify als Playlist zusammengestellt haben, bin ich ein Freund des Radios. Musik übers Radio zu hören hat den wunderbaren Effekt, immer wieder überrascht zu werden. Hat man einmal seinen Sender gefunden, kann nicht mehr viel schiefgehen. Obendrein ist es spannend, den Titeln, die an einem bestimmten Tag und in einem besonderen Moment gespielt werden, gleich noch eine situationsbezogene Bedeutung zuzuschreiben. Ein Song wird dann zum Wink des Schicksals. Er sendet ein Zeichen. Das mag ein wenig übertrieben klingen, vermutlich bin ich da in der spätpubertären Phase hängengeblieben. Es war Donna Summer mit „This time I know it’s for real”, die mir sagte, dass ER der Richtige sei. War er dann auch, für eine ziemlich lange Zeit. Noch heute, wenn ich dieses Lied höre, muss ich lächeln und erinnere mich gern an damals, als die „richtigen“ Titel im DDR-Rundfunk viel seltener gespielt wurden, als es heute bei einschlägigen Hitstationen der Fall ist.

Vor ein paar Tagen hatte ich nun in Bezug auf meine Tochter ein solches „Deckel-auf-Topf“-Erlebnis der musikalischen Art. Ich brachte unsere Kleine zum Eignungstest für die Klasse mit erweitertem Musikunterricht, die sie in der Mittelschule besuchen möchte. Natürlich war sie aufgeregt, hatte sich Lieder, die sie singen würde und Noten, die sie auf der Flöte spielen könnte, im Kopf zurechtgelegt. Nichts von alldem wollte man hören. Eine musikalische Vorbildung war gar nicht gefragt. Ich glaube, es ging bei diesem Test eher darum, den Kandidat*innen persönlich auf den Zahn zu fühlen, ob sie denn selbst an den zusätzlichen zwei Stunden pro Woche interessiert sind. Gibt es da wirklich eine kindliche Leidenschaft für Musik oder sind es nicht doch die Eltern, die ihren Sprössling gerne kostenlos fördern lassen möchten. Ich brauche hier nicht klarzustellen, wie es sich in unserem Fall verhält. Glaubt mir, ich könnte auf zusätzliche Wege und Termine am Nachmittag für ganze drei Jahre wunderbar verzichten.  

Der radiotelepathische Zufall, von dem ich berichten wollte: Es waren kaum fünf Minuten mit dem Auto bis zur Schule, und während dieser kurzen Fahrt lief im Radio ausgerechnet „Scatola“, der aktuelle Titel von Laura Pausini. Ein Song, der beim ersten Hören von den Erinnerungen an die verlorene Freundin der Kindheit erzählt. Er projiziert das Symbolbild der Scatola dei recordi, der Schachtel mit Erinnerungen, die die eine irgendwo aufbewahrt, während sie ihr Leben fern von der anderen weiterlebt. Dass Laura Pausinis neuer Song für die Künstlerin noch eine zweite Bedeutungsebene hat, erfuhren wir während ihres Gastauftritts beim diesjährigen Sanremo Festival. „Scatola“ ist auch die Titelmusik ihres Films „Piacere di conoscerti“ (sinngemäß: Schön, dich kennenzulernen), der im Frühjahr bei Amazon Prime ausgestrahlt wird. Der Film erzählt die Geschichte der Begegnung der Künstlerin Laura Pausini mit ihrem eigenen Ich, dem von damals, bevor der Sieg bei Sanremo 1993 mit La solitudine“ ihre grandiose internationale Karriere ins Rollen brachte.

Perché io questa canzone la vedo come un dialogo tra me stessa e la Laura adolescente.” *(Denn ich sehe dieses Lied als einen Dialog zwischen mir und der Teenagerin Laura.)

So weit zu Laura und ihrer persönlichen Interpretation, an welche ich jetzt immer denken muss, wenn ich diesen Song höre. Entsprechend gerührt war ich, als ich meine Kleine zu den letzten Noten von „Scatola“ vor der Mittelschule absetzte. Ich konnte mich nicht gegen meine sentimentalen Anwandlungen wehren, die musikalische Begleitung dieses Moments war einfach perfekt. So heißt es darin auch: „Io ti dicevo che volevo cantare. Tu cosa volevi fare?“ (Ich habe dir gesagt, dass ich singen will. Welche Pläne hattest du?) Ist dieser kleine Schritt, der Eignungstest für die Musikklasse, womöglich auch ein Puzzlestück für das Leben meiner Tochter? Ja, nein, vielleicht. Alles ist möglich, denn für die gerade Zehnjährige ist naturalmente noch alles offen, und das ist gut so. Sie möchte, müsste sie sich heute festlegen, Cantante (Sängerin) werden. Wenn das nicht geht, Pasticciera (Konditorin). Und wenn das auch nichts wird, wäre Scienziata (Wissenschaftlerin) eine weitere Option.

Egal, was kommt und wer weiß, wie oft sie die Spur womöglich wechseln möchte oder muss. Ich wünsche ihr, dass sie irgendwann zurückblickt und sagen kann: Sì, questa era la vita che volevo. Ja, ich habe das Leben gelebt, das ich wollte.

Hört einfach mal rein in „Scatola“! Ein klassischer Laura Pausini Song. Immer das Gleiche, sagen einige. Immer wieder stark, sage ich. Wie gefällt er euch?

PS: Fünf Minuten vorm heutigen Redaktionsschluss erhielt ich digitale Post vom Bildungsministerium. Unsere Tochter wurde in die Klasse mit erweitertem Musikunterricht aufgenommen.

*Laura Pausini zitiert bei allmusicaitaliana.it

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Im Schilderwald

Der Italiener und Verbote

Es war bei einer Betriebsweihnachtsfeier, da hatte ich die Aufgabe zugeteilt bekommen, meine überwiegend italienischen Kollegen mit einer heiteren Sicht der Deutschen auf die Italiener zu unterhalten. Ich gab unter anderem eine Anekdote zum Besten, in der die Frage gestellt wurde, wie man wohl auf einem gekenterten Schiff mit internationalen Passagieren die Italiener am schnellsten dazu bringt, in die bereitgestellten Rettungsbote zu springen. Die richtige Antwort war, man müsse ihnen sagen, das sei verboten. Ich weiß nicht mehr, wie dieser Part ankam, es waren zu viele in Witze gekleidete Vorurteile, die ich aufführte. Zweifelsfrei sind Beispiele dieser Art immer überzogen, aber wie man weiß, steckt meist ein Quäntchen Wahrheit darin. Gar nicht selten höre ich, dass sich die Italiener selbst auf die Schippe nehmen, weil Verbotsschilder für sie lediglich Empfehlungen seien. Nehmen wir nur mal den Straßenverkehr. Leider werden da viel zu oft tatsächlich Regeln missachtet, und auf der Straße hört der Spaß schnell auf. Manchmal handelt es sich aber einfach nur um Rebellion gegen eine unsinnige Beschilderung.

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Es gab ein Stoppschild bei uns um die Ecke, da hielt keiner an. Ich auch nicht. (So, jetzt ist es raus. Ich darf doch auf eure Diskretion vertrauen?!) Und zwar nicht, weil wir alle Verkehrsrowdys sind. Sondern weil dieses Schild an einer Stelle stand, wo ein Vorfahrt Beachten die richtige Regel wäre. Solche Konstellationen gibt es sogar recht oft. Man hat schon von Weitem gute Einsicht und trotzdem ein „Halt!“ vor der Nase. Als Ortskundiger nähert man sich langsam, sieht längst, dass keiner kommt, und fährt weiter. In unserem Fall ist die unangemessene Regelung den Verkehrsschildentscheidern wohl zu Ohren gekommen. Vor ein paar Wochen wurde dort das Stoppschild mit dem Vorfahrtsschild ersetzt.

Einen Beweis für die These, ein (einziges) Verbotsschild macht in Italien noch keine Regel, liefert das Titelfoto zu diesem Beitrag. Im Sommer waren wir in den Bergen am Campo dei Fiori bei Varese wandern. Dort oben gibt es ein verlassenes Hotel aus guter alter Zeit, ein beeindruckendes Beispiel für den italienischen Jugendstil: das Grand Hotel Campo dei Fiori. An der ehemaligen Lieferzufahrt sieht es mittlerweile aus wie auf dem Bild zu sehen.

Eins ist bei dieser eindrucksvollen Schildergalerie sicher: Die Ausrede „Hab ich übersehen“ wird hier niemandem durchgehen. Eines der zehn oder mehr Schilder (es passten gar nicht alle aufs Foto) wird jeder forsche Wanderer erkennen und verstehen. Wenn „Vietato l’ingresso“ (Betreten verboten) nicht klar sein sollte, ist es vielleicht „Vietato l’accesso. Proprietà privata.“ (Kein Zugang. Privatbesitz.).

Noch ein interessanter Fakt zum Grand Hotel Campo dei Fiori, dessen Geschichte ihr hier nachlesen könnt: Im Jahr 2016 war Hollywood zu Gast in Varese. Im „The sleeping Giant“ genannten mystischen Gebäude wurden Szenen des Horrorfilms Suspiria mit Tilda Swinton und Dakota Johnson unter der Regie von Luca Guadagnino gedreht. Meine deutsche Freundin durfte in einer Szene Komparsin spielen. Obwohl ich vor vielen Jahren in Berlin das Vergnügen hatte und jederzeit gern wieder bei einer Filmproduktion im Hintergrund herumstehen, sitzen oder laufen würde, beneidete ich sie in diesem Fall nicht. Die Dreharbeiten fanden im Winter, abends bis spät in die Nacht statt, wie es sich für einen ordentlichen Horrorfilm gehört. Mit dem Auto rauf auf den Berg und wieder runter, nachts bei Glätte, nein danke. Und mein Genre ist Horror nun absolut nicht, ich hätte mir die Szenen nur mit größtem Unbehagen anschauen können, wenn überhaupt. Mir reicht der Trailer voll und ganz, in dem man das Hotelgebäude, das im Film eine Tanzschule in Westberlin ist, gut erkennt.

Außenansicht des Hotels

Nun weiß ich nicht, wie es den Italienern geht. Mir persönlich hätte an der Lieferzufahrt zum verlassenen Hotel auch ein einziges „Zutritt verboten“ gereicht, ach was sag ich, es hätte gar keines Verbotes bedurft. Auf das Gelände dieser schaurigen Filmszenen kriegen mich keine zehn Pferde.

Im folgenden kurzen Video dürft ihr aber doch ein paar neugierige Blicke ins Innere des Hotels werfen, ganz legal und ohne Missachtung von Verbotsschildern. Kommt mit, hier entlang: Grand Hotel Campo dei Fiori in Bildern.

Signora Langsams Gespür für Eis

Chi va piano, va lontano“, heißt es in Italien. In Deutschland würde man vermutlich sagen „In der Ruhe liegt die Kraft“. Die wörtliche Übersetzung der italienischen Redewendung wäre hingegen „Wer langsam geht, kommt weit“, und „va lontano“ könnte für sich genommen auch mit „der geht weit fort“ übersetzt werden. Und genau das tut Signora Lenta (Langsam), wie wir sie augenzwinkernd nennen. Sie wird weggehen, ziemlich weit weg sogar, in die Marken. Viel zu weit, als dass wir noch mal kurz auf einen Sprung zu ihr gelangen könnten, um ein Gelato zu essen. Signora Lenta ‒ ihren wirklichen Namen kenne ich natürlich ‒ ist, oder nun muss ich bald sagen, war, die Gelataia della nostra fiducia. Die Eisverkäuferin unseres Vertrauens. Ach, was sag ich, die Eisverkäuferin unserer Herzen (und vieler Bewohner unseres kleinen Nachbarortes, da bin ich mir sicher). Von einer Mitschülerin erfuhr unsere Tochter, dass Signora Lenta uns verlassen wird. Sie wird die kleine Bar, Cafeteria und Gelateria schließen, sobald ihre neue Eisdiele am Meer bezugsfertig ist. Eisverkäuferin ist dabei keine passende Bezeichnung für sie. Könnte man Eismacherin sagen? Klingt nicht schön. Eisbäckerin? Passt auch nicht. Eiszauberin! Ja, eine Zauberin. Bei Signora Lenta gibt es nichts Angerührtes aus Zutatenmischungen, keine Standardrezepte. Signora Lenta zaubert fantastische Rezepturen mit natürlichen Zutaten und reifen Früchten der Saison. Ich erinnere mich an erfrischende Gaumenfreuden wie Heu oder Basilikum im Sommer, im Herbst an die alte, vor allem in Süditalien beheimatete Apfelsorte Mela Annurca, an Feige mit Ricotta. Eissorten kreieren ist ihre Leidenschaft, zu tun hatte sie aber so viel mehr. Signora Lenta betrieb eine One-Woman-Show, sie wuppte den Laden allein. Früh öffnete sie für Caffè und Brioche, in der Mittagspause mischte sie das Eis an, das am Nachmittag am häufigsten über die Theke ging, abends konnte man bei ihr einen Aperitivo trinken. Nur einmal in der Woche, am Mittwoch, gönnte sie sich einen Ruhetag. Wie sie das alles schaffte? Nun, in der Ruhe liegt die Kraft. Nicht im Stress, den ich verbreiten würde, hätte ich so viel zu tun. Sie erledigte eins nach dem anderen. Sie bediente einen Kunden nach dem anderen und nahm sich Zeit für ein Schwätzchen, wenn man das wünschte. Vor allem erklärte sie gern und mit Stolz ihre Eissorten. „Sie müssen unbedingt das Pfirsicheis mit Pesche di Monate (Pfirsiche vom Lago di Monate) probieren, die hat mir mein Obsthändler heute früh gebracht.“ Ihre seelenruhige Art war nichts für Laufkundschaft auf der Suche nach dem schnellen Genuss nebenbei. Im Sommer bildete sich oft eine Schlange vor der kleinen Bar. In Touristenorten am See oder am Meer ist das normal, aber nicht in einem Vareser Provinzkaff. Obwohl die Bar nah an der Straße liegt, mit einem asphaltierten Parkplatz davor, gab es in der warmen Jahreszeit eine kleine, feine Sitzecke mit Gartenmöbeln und Pflanzen. Sogar eine Hollywoodschaukel hatte Platz. Auf der saßen die Kinder besonders gern. Ich machte es mir ihnen gegenüber auf der Bank bequem, sah sie schaukeln und schlemmen, und das Warten hatte sich gelohnt. Wenn wir zu Signora Lenta gingen, planten wir die Zeit einfach ein. Es kam auch vor, dass wir nachmittags um halb vier vor einem verschlossenen Tor standen. Wer einen Laden allein am Laufen hält, der kann sich auch mal verspäten. Als Notlösung gab es dann die zweite Eisdiele im Ort. Dort bedienten immer zwei oder drei junge Frauen gleichzeitig, es ging ratzfatz. Kennen gelernt haben wir keine von ihnen. Wer das Eis dort anrührt? Wer weiß, man bekommt sie oder ihn vermutlich selten zu Gesicht. Signora Lenta kannte ihre Kunden, stellte immer die passenden Fragen. Uns nach der Musikschule der Kleinen und dem Turnwettkampf der Großen. Im November 2019 schenkte sie mir lächelnd die Beilage vom Corriere della Sera zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, sie hatte die Seiten extra für mich zurückgelegt. Gegen Ende des harten Lockdowns im Frühjahr 2020, als Haustürlieferungen für Gastronomen gestattet waren, brachte Signora Lenta ihren Kunden das Eis nach Hause. Höchstpersönlich. Sie hat auch diese Zeit durchgestanden, wir waren damals besorgt. 

Was oder wer wohl in die kleine Bar im Nachbarort einziehen wird? Es dürfte schwer sein, eine ebenbürtige Nachfolge zu finden. Signora Lenta und ihr fantastisches Eis sind nun bald Erinnerung und für unsere Töchter für immer mit ihrer Kindheit verbunden. Sollten sie irgendwann im Ausland leben, wird man sie garantiert auf einen Vergleich der dortigen Eisspezialitäten mit italienischem Gelato ansprechen. Dann werden sie nicht nur von den überquellenden, farbenprächtigen Eistheken in Mailand und Florenz, sondern auch von der kleinen Gelateria in unserem Nachbarort erzählen.

Wir wünschen unserer Gelataia, der Eiszauberin, in ihrem neuen Reich alles Gute und beneiden ihre Kundschaft schon jetzt. Im Urlaub am Meer sollte es auch niemand eilig haben.

Titelbild: Credits Dina Uretski bei Shutterstock

Indifferenza

Manchmal sind wenige Worte mehr. Nur so viel: Heute, am 27. Januar, ist Il Giorno della Memoria, der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Schon wieder, denke ich, wie schnell doch ein Jahr vergeht. Jedes Mal gibt es bei uns dazu neue Beiträge im Fernsehen. In den Schulen wird diesem Anlass oft eine ganze Woche gewidmet. Die Kinder und Jugendlichen sehen Filme und Dokumentationen, lesen literarische Texte und Zeitzeugen-Dokumente. Ihrem Alter entsprechend.

Schon wieder. Jedes verdammte Jahr dieses Thema. Und das ist gut so. Denn die Indifferenza, die Gleichgültigkeit, die ist nur allzu gegenwärtig. Erst am vergangenen Sonntag wurde in Venturina, Campiglia Marittima (Toskana) ein zwölfjähriger Junge von zwei Mädchen, wenig älter als er selbst, geschlagen, bespuckt und beschimpft, dafür, dass er Jude ist. Unter den Blicken anderer Jugendlicher, die ihm nicht halfen (Quelle: Corriere della Sera Fiorentino). Die Gleichgültigkeit wird wachsen, wenn die Menschen sich nicht mehr erinnern. Deshalb gibt es diesen Tag, an dem wir uns mit unseren Kindern unterhalten, gemeinsam etwas aus dem Medienangebot schauen und ihre Fragen beantworten. Soweit wir das können. Oft fehlen die Worte.

Das Titelbild (credits Paseotteo auf Shutterstock) zeigt eine Wand in der Holocaust-Gedenkstätte unter dem Mailänder Hauptbahnhof. Vom Binario 21 (Gleis 21) gingen zwischen Ende 1943 und Anfang 1945 zwanzig Züge mit Juden und anderen Verfolgten u.a. nach Auschwitz ab, nachdem sie hier unten in die Frachtgut- und Viehwaggons gepfercht worden waren. Von allen Deportationsstätten in Europa ist der Mailänder heute der einzige Ort, der noch erhalten ist. Mehr über die Gedenkstätte erfahrt ihr hier: The Shoah Memorial of Milan.

Passt!

Mein Leben läuft auf Sparflamme. Wäre es ein Spiel wie „Mensch ärgere dich nicht“, stünde ich wieder auf Anfang, im Homeoffice. Kein Problem. Kennt man ja. Leider ist da diesmal kaum etwas, das sich anfühlt wie: Hach wie schön, etwas länger schlafen. Dafür volle Kanne: Oh wie doof, wieder stundenlang am dafür nicht geeigneten Schreibtisch hocken, ungeschminkt, in Schlabberhose und Strickpullover. Ich warte auf Lebenszeichen der Kollegen, während ich irgendwas mache, das ich für sinnvoll halte, ohne den Plan zu kennen, sofern es denn einen gibt. Wenn ich nicht ins Büro gehe, werde ich träge. Da kann die Sonne noch so schön scheinen, hinaus zieht es mich nicht. Spazierengehen mit Maske, och nö. Den wöchentlichen Einkauf schiebe ich vor mir her, immer noch einen Tag, bis es nicht mehr geht, weil der Kühlschrank leer und die Blicke der Töchter und des Ehemannes vorwurfsvoll sind.

Heute beginnt der Tag anders. Ich muss raus. Behördengang. Keine Aufregung, nein, da bin ich längst routiniert. (Wie abenteuerlich solche Angelegenheiten in Italien sein können, könnt ihr hier nachlesen.) Keine Routine ist, dass ich den Bus nehme, um in den Ort zu fahren. Mein Auto ist zur Durchsicht. Einmal im Jahr ist das Vorschrift, auch wenn ich 2021 nicht annähernd auf entsprechende Kilometer gekommen bin. Der Bus also. Ich stehe an der Haltestelle, eine Stunde später als meine Tochter, die die gleiche Linie hier jeden Tag nimmt. Fast hätte ich beim Losgehen daheim die FFP2 vergessen, allzu gewohnt der Griff nach den OP-Masken. Meine Kiste, deine Kiste. Jeder hat bei uns seine Kiste. FFP2 die Große, seit diese im Öffentlichen Nahverkehr Pflicht sind. Kindermasken 6-12 Jahre die Kleine, Extralarge der Herr. Nur meiner Wenigkeit sind die vom Typ 0815 genehm. Es sei denn, ich fahre mit dem Bus. Zum Glück ist es heute früh nicht so kalt an den Händen, ich halte schon seit zehn Minuten aufgeregt das Busticket in der einen, den Green Pass in der anderen Hand. Kontrollieren will der Fahrer nur das Ticket. Keine Zeit, bei jedem Einsteigenden den Impfstatus zu checken. Dafür gibt es Kontrolleure, die Frau schräg hinter mir hat schon mal einen gesehen, erzählt sie ihrem Sitznachbarn unaufgeregt. Auch ich habe mich hingesetzt, das geht berührungslos. Die Haltestange anfassen? Lieber nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Der Bus um halb acht ist kaum halbvoll, der große Schwung Fahrgäste bereits in der Schule oder am Arbeitsplatz. Wer jetzt fährt, ist entweder zu spät dran oder hat es nicht weit. Mich langweilt das Grau draußen, ich schaue mir lieber die Leute an. Die alte Dame, die den Kontrolleur kennt, fährt vielleicht einkaufen oder muss ihre täglichen commissioni, Besorgungen, machen. Sie trägt eine große, beigebraune Handtasche bei sich und wirkt entspannt, trotz der Maske, die ihr immer wieder zu dicht an die Augen rutscht, so ein kleines Gesicht hat sie. Es scheint, ich bin die Einzige hier, für die diese Busfahrt eine unangenehme Staatsaktion ist. Zwei Sitzreihen schräg vor mir eine junge Frau, eher Mädchen noch, nennen wir sie Marta. Marta scheint sich im Bus zu Hause zu fühlen. Im eigenen Badezimmer gar. In dem hatte sie offensichtlich nicht genug Zeit, das Make-up aufzutragen. Jetzt hat sie ihren Rucksack auf den Knien, das Handy mit der Spiegel-App (das hat mir meine Tochter erklärt, ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt) an die Rückenlehne gestützt, in der linken Hand die Mascara, in der rechten das Bürstchen. Hochkonzentriert trägt sie mehrere Schichten feinster schwarzer Tusche auf. Bei voller Fahrt. Marta ist geübt darin, möchte ich wetten. Sie tut das öfter hier im Bus. Ich an ihrer Stelle hätte das halbe Gesicht voller schwarzer Schmiere. Klar, denke ich, ein gekonntes Augen-Make-up entscheidet heute, da die Lippen nicht sprechen können, einfach über alles. Sei es der professionelle Eindruck im Job, die Liebe auf den ersten Blick …

Auf der anderen Seite im Bus, auf gleicher Höhe wie Marta, sitzt ein junger Mann, höchstens zwanzig. Nennen wir ihn Marco. Marco hatte vorhin verstohlen zu dem Mädchen rüber geschielt. Ob er sich dabei ein Grinsen verkniff, vermochte ich nicht zu erkennen. Nun schaut er unbeeindruckt aus dem Fenster. Mit Kopfhörerstöpseln im Ohr. Man könnte meinen, er lausche klassischer Musik oder Jazz, so ruhig und gelassen, wie er dasitzt und die Ortschaft an sich vorbeiziehen lässt. Aber ich und alle anderen hören mit, was Marco hört. Feinstes Heavy Metal. Das nenne ich Gute-Morgen-Musik.

Marta ist jetzt fertig mit den Augen. Ein kritischer Blick in den Spiegel, oder vielmehr das Handy, das ein Spiegel ist. Sie nickt zufrieden. Doch das Programm geht weiter. Jetzt dreht sie einen Lippenstift auf. Wo will sie den denn …, frage ich mich gerade, aber naturalmente kommt er genau dahin, wo er hingehört. Marta zieht die Maske kurz unters Kinn, trägt den Lippenstift auf, oben sorgsam von der Mitte nach außen, unten von links nach rechts und zurück. „A posto.“ (in Ordnung, passt), murmelt sie. Passt. Eine dezente Farbe, Rosenholz, steht ihr gut. Was muss, das muss. Auch unter der Maske. Ich grinse vor mich hin, während ich zum Ausstieg tippele. Jetzt muss ich mich doch festhalten. Ich blicke zurück und sehe Marta, die ruhig und gelassen aus dem Fenster schaut, wie Marco auf der anderen Seite. Vielleicht steigen sie nachher gemeinsam aus?

Recht hat Marta, ihre Jugend ist jetzt. Und wisst ihr was? Morgen früh trage ich Lippenstift auf. Dann klappt es auch mit den Kollegen. Die sehen zwar die Farbe nicht, aber ich kann sie fühlen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.