Sommer 1998. Ich sitze auf meinem kleinen Balkon in Leipzig. Vor mir auf dem Tisch das Wörterbuch, ein Schreibblock und ein Stift. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dieses Lied zu übersetzen, den Text wenigstens im Ansatz zu verstehen. Schließlich kann ich schon ein wenig Italienisch, weiß, dass TVB für „Ti voglio bene“, „Ich hab dich lieb“, steht, wenn es für „Ich liebe dich“ noch zu früh ist. Im Heftchen zur CD ist der Text abgedruckt. Laura non c’è. Das Lied, das jetzt ständig bei Radio Leipzig läuft. Speziell für mich, ganz klar. Der Sänger Nek, ein Italiener, dessen Augen mich vom CD-Cover her hypnotisieren, verschmilzt in meiner Erinnerung nach vielen Wochen mit dem Bild von ihm, meinem Italiener. Da hat sie sich eine nette Geschichte einfallen lassen, sagen sie. Nach all den Jahren. Ausgerechnet in Italien, an einem Wochenende im März in Bologna, hätte sie jemanden kennengelernt. Von dem erzählt sie uns jetzt und kann weiter ihr Singleleben leben. Oder wer weiß was, das sie uns nicht zu erzählen wagt.
Ich übersetze Wort für Wort, der Zusammenhang will sich manchmal nicht erschließen, aber am Ende doch, ein wenig zumindest. Warum ausgerechnet Italienisch? Von Französisch hatte ich während des Studiums die Grundlagen gelernt, und nun das. Wieder bei Null anfangen. Geduld, sage ich mir, es braucht Geduld.
Jeden Morgen sitze ich in der Straßenbahn, auf dem Weg zu meinem tollen Job, um den sie mich beneiden und der mich unglücklich macht, aber das habe ich mir noch nicht eingestanden. Oder doch, nur sehe ich bislang keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Vielleicht stürze ich mich deshalb ohne Netz und doppelten Boden in eine Liebe auf Distanz, die doch aussichtslos ist, wie sie sagen. An der Volkshochschule habe ich einen Kurs begonnen, Italienisch für Anfänger. Jeden Morgen nutze ich die zwanzig Minuten Straßenbahnfahrt und träume mich mit Nek im Ohr nach Italien. Nek singt gut, um seine Sprache zu lernen. Jedes Wort klar und deutlich. Trotzdem verstehe ich Bahnhof und bin froh, wenn ich mir zwei, drei Begriffe, die eine Wortgruppe bilden, merken kann. Ich frage meine Freundin, die Italienisch im Studium lernt: Was heißt „Non fare così!“*? Sie bietet an, mir zu helfen, bringt ihre Lehrbücher zu mir nach Hause. Nach einer Stunde, in der sie mir die grundlegenden Regeln erklären will, geben wir auf. Jedes zweite Beispiel war doch wieder eine Ausnahme. Wir trinken Vino Rosso, lachen und trösten uns mit den Balladen des coolen Italieners. Weißt du, dass er aus der Gegend von Bologna kommt? Na, das muss ein Zeichen sein. Sag ich doch.
Mai 2017. Im Theater von Varese gibt es ein Konzert von Nek. Ich bin nicht allein dort, habe mich einer Arbeitskollegin angeschlossen, die fünf, sechs Freundinnen im Schlepptau hat. Alle mein Alter. Und alle gackern wie die Hühner, kreischen und tanzen. Ich fühle mich fremd. Weil es nicht meine Freundinnen sind? Ich bin allein mit meinen Erinnerungen, an Leipzig, an Bologna, an die Zeit, in der es für mich mit Nek und Italien begann. Und doch, bei den Liedern, deren Texte ich kenne, möchte ich auch mitsingen. Ich tue es leise, kaum hörbar und schon gar nicht sichtbar für die anderen. Laura non c’è filme ich ein Stück mit dem Cellulare (Smartphone) und schicke es an meine deutschen Freunde, die sich nicht erinnern, dass es dieser Titel mal bis auf Platz Zehn in den deutschen Charts geschafft hatte. Damals, im Sommer 1998.
Einige Tage vor seinem Auftritt in Varese war Nek zu Gast in meinem Radio. Auf dem Rückweg vom Büro zuckte es mir in den Fingern, dem Aufruf der Moderatorin zu folgen und eine WhatsApp zu schicken, um zu der Unterhaltung beizutragen. So in der Art: Vom Italienischlernen in Leipzig zum Konzert in Varese. Als ich endlich auf einen Parkplatz kam und nach der Nummer des Senders suchte, wird der Studiogast gerade verabschiedet. Meine Geduld hatte sich diesmal nicht ausgezahlt, aber es war auch eher ein Zögern angesichts der unverhofften Gelegenheit, denn ein bewusstes Abwarten gewesen.
März 2022. Ich sitze auf der Couch und lese Bücher, um ein paar Stunden mal keine Nachrichten lesen zu müssen. Gerade verschlinge ich, sozusagen mit bloßen Händen, „A mani nude“ von Filippo Neviani, Geburtsname des Künstlers Nek. Er ist fünfzig geworden in diesem Jahr, und zu meinem Geburtstag einen Monat später kaufte mir mein Mann das Buch. Er weiß, dass es nicht nur das Geburtsjahr ist, das mich mit Nek „verbindet“. Obwohl nicht er der Italiener war, den ich damals in Leipzig in den Sänger hineinprojizierte.
Jetzt lese ich sein Buch und frage nur bei zwei oder drei Begriffen meine Familie nach deren exakter Bedeutung, auch und vor allem, um sie in meine Lektüre einzubeziehen und ihnen ein wenig davon zu erzählen. Wenn ich da an meine erste Übersetzung mit Wörterbuch in Leipzig denke, das war verrückt. Jetzt gäbe es Online-Übersetzer. Nicht, dass die immer kontextgenaue Volltreffer landen, aber besser als eine unbekannte Sprache Wort für Wort nachzuschlagen, sind sie allemal.
Filippo Neviani schreibt von Pazienza (Geduld) und Vertrauen, die in vielen Situationen seines Lebens und seiner Karriere unverzichtbar waren, zuletzt angesichts eines Handwerksunfalls im November 2020. Bei dem hatte er riskiert, Finger seiner linken Hand zu verlieren, mit der er Gitarre spielt. Auch wenn es in seinem Text um Fede, den (religiösen) Glauben geht, der in schweren Zeiten stärker als sonst ins Spiel kommt, kann ich seine Gedanken nur allzu gut teilen, wenn er zugibt:
Mi tornano allora in mente tutte le volte in cui avrei potuto essere paziente, in cui avrei potuto dimostrare meglio il mio amore anziché innervosirmi o arrabbiarmi. Erano tante, troppe.
Ich erinnere mich an all die Situationen, in denen ich zu wenig Geduld hatte, in denen ich meine Liebe nicht gezeigt habe, in denen ich stattdessen nervös oder wütend war. Es waren so viele, zu viele.
Nek Filippo Neviani: A mani nude** bei HarperCollins, Januar 2022, S. 144. Deutsch eigene Übersetzung.
Geduld zähle auch ich nicht zu meinen Stärken. Insbesondere in Momenten des Lebens, in denen nichts passiert oder nur Grundverkehrtes, Bemühungen keine Früchte tragen, Ideen zwischen den Fingern zerrinnen, Enthusiasmus auf der Strecke bleibt. Wenn man feststeckt, von einer Enttäuschung zur nächsten taumelt. Durch äußere Umstände oder durch eigene Zweifel. Dann bin ich schwer zu ertragen, für mich und andere. Dann wünsche ich mir mehr Glauben. Der muss nicht religiös begründet sein. Der Glaube an die Liebe, an das Gute im Menschen, an die eigene Kraft, ist nicht an einen Gott gebunden. Im Gegenteil. Dieser Glaube ist universal, er ist es, der uns verbindet. Ob es gerade um die eigenen kleinen Sorgen geht, oder das große Ganze. Geduld ist die Basis, aus der Glaube und Hoffnung wächst. Geduld ist der erste Schritt. Wenn alles nichts hilft, zwingen wir uns dazu.
Ich versuche das mit der Geduld gerade. Und entstaube die Erinnerungen an den Sommer 1998, als das Leben noch ein süßes Versprechen in einer fremden, so wohlklingenden Sprache war und Dramen nur Verwirrungen des Herzens:
*Je nach Kontext: Tu das nicht! Sei nicht so! Stell dich nicht so an! / **Werbung, unbeauftragt und unbezahlt.






