Jugendweihe oder Der festliche Schritt in ein Leben mit Sinn
Das großformatige, schwere Buch mit rotem Umschlag verspricht, „Vom Sinn unseres Lebens“ zu erzählen und katapultiert mich gedanklich an meinen offiziellen Eintritt ins Erwachsenenalter zurück. Ich lasse mich gern darauf ein, sitze als Mutter einer vierzehnjährigen Tochter in unserer Wohnung in Italien und erinnere mich an Strausberg und diesen verschneiten Tag im April, als ich gerade vierzehn war. Angesichts der überraschend eingebrochenen Kälte musste ich mir Muttis Trenchcoat borgen, um etwas Wärmendes über mein frühlingshaftes Kostümchen zu ziehen. Die Beine das erste Mal in hautfarbenen Feinstrumpfhosen und die Füße in damenhaften Pumps mit halbhohem Absatz, tippelte ich zitternd vor Kälte, aber viel mehr noch vor Aufregung, zu einem der bedeutendsten Tage meines jungen Lebens.
Genau heute, vor 35 Jahren (Himmel, wie die Zeit vergeht), am 12. April 1986, erhielt ich die Jugendweihe. Während ich das formuliere, muss ich schmunzeln, denn wir sagten damals ganz einfach „Jugendweihe haben“. Erhalten, das klingt wie eine kirchliche Zeremonie oder Segnung, und die war es ja gerade nicht, sondern die weltliche Alternative zur Konfirmation. Geladen waren alle Schüler der achten Klassen. Diese Feierstunde für die Jugend war ein charakteristischer Baustein bei der Konstruktion der Entwickelten Sozialistischen Gesellschaft, wie man in meiner Heimat DDR deren gesellschaftspolitischen Zustand als vermeintliches Durchgangsstadium zum Kommunismus zu bezeichnen pflegte.
Sie, bitte!
Die Jugendweihe war eine Zeremonie, ein feierlicher Festakt, zu dem wir Mädchen das erste Mal Absatzschuhe und die Jungs einen Anzug trugen. Wir wurden ‒ mit einem entsprechenden Gelöbnis auf Sozialismus, Völkerfrieden und unser Land ‒ in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Mehr noch, es hieß sogar „in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes“. Hoppla, so schnell ging es mit dem Werktätigsein dann doch nicht, zum Glück. Zunächst besuchten wir weitere zwei Jahre die Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule. In ebendieser Schule stellte die Jugendweihe über Nacht ein neues Verhältnis zu unseren Lehrern her. Am Montag nach der großen Fete mussten sie uns plötzlich siezen. Was für ein Gefühl! Es war schon ein anderes Kaliber, wenn der Klassenclown von der kumpelhaften Chemielehrerin plötzlich vornehm „Sie Idiot“ betitelt werden durfte. Und es klang fantastisch, wenn es am Ende der mathematischen Herleitung hieß: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!“
Haute Couture Made in GDR
Mit den Erinnerungen an meine Jugendweihe wurde ich kürzlich ‒ Zufall oder nicht ‒ auch bei der Lektüre zweier Bücher konfrontiert (Jana Hensel: Zonenkinder*, Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit*). Das Lustige ist ja: Wir alle, ob wir nun in den siebziger oder achtziger Jahren Jugendweihelinge waren, haben das gleiche Foto im Album. Jeder von uns stand vorn auf einer Bühne, zusammen mit fünf oder sechs Klassenkameraden, hielt in der einen Hand die Blumen, in der anderen das Buch mit der Urkunde, und grinste dabei peinlich verschämt in die Kamera. Bei den Mädchen kam es vor, dass eine (eifersüchtig abschätzend) zu ihrer Mitschülerin schielte. Auch wenn sich die Kleidermoden über die Jahre änderten, sind unsere Bilder trotzdem auf sonderbare Art gleich. Wir standen steif in der Gegend herum und waren lächerlich „erwachsen“ frisiert, Jungs hingen ungelenk im zu großen Anzug oder später, Ende der Achtziger, in ihrer gewollt-und-nicht-gekonnt eleganten Freizeit-Popeline-Kombination. Wir Mädchen trugen knielange Röcke (in meinem Fall, in anderen Jahren mal Mini und mal Maxi ‒ wie auf den Fotos unten zu sehen) und eine feine Rüschenbluse, ein guter Pullover tat es ausnahmsweise auch. Meine Schwester erinnert sich, dass 1970 mehrere Mädchen ihrer Klasse die gleichen Pumps anhatten. Beim Schuhwerk konnte man dieses Risiko schwer umgehen. Bekleidungstechnisch war nur derjenige vor Doppelgängern geschützt, der etwas Selbstgenähtes tragen durfte (oder musste). Meine Mutter war gelernte Schneiderin und hatte mir 1986 ein dunkelblaues, damenhaftes Kostüm auf den jungen Leib geschneidert. Ob ich danach je wieder eine Gelegenheit hatte, das von ihr liebevoll gearbeitete Ensemble zu tragen? Ich fürchte, nur ein oder zwei Mal. Das Selbernähen war in der DDR schon lange vor DIY ein weitverbreiteter Hype. Damals aus der Not heraus, weniger aus Drang zum Individualismus. Wir wären alle froh gewesen, die gleiche Levis zu tragen, da hätten wir uns keinen Ast abgebrochen. Mit Jeansklamotten war es schwierig, sonst nähte man sich selbst, was es nicht gab. Meine Mutter hatte bereits zur Hochzeit meiner ältesten Schwester Haute Couture gezaubert: Es genügte ein Schnitt und ein Stoff in drei verschiedenen Farben. So wurden die Braut (in Weiß), die Schwester der Braut (in Himmelblau) und die Mutter der Braut (in Purpur) auf einen Streich elegant eingekleidet. Nur ich könnte mich im Nachhinein beschweren, dass ich am großen Tag meiner Schwester etwas Gekauftes trug. Aber das lag vermutlich an meinem zarten Alter, in dem ein tief dekolletiertes Abendkleid nicht angemessen ausgeschaut hätte. Ich war gerade vier, als meine Schwester heiratete.
Die Haare schön, und dann?
Aber zurück in die Zukunft, als ich vierzehn war und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurde. Für mich gab es zu diesem Anlass die erste Dauerwelle. Da war ich nicht die Einzige in der Klasse, wir schrieben schließlich 1986. In diesem Jahr, 2021, wäre übrigens meine Tochter dran. Sie ist ‒ genau wie ich damals ‒ im Februar vierzehn geworden. Frisurentechnisch hat sie sich farbige Strähnen gewünscht. Mit vierzehn darf man das, mit oder ohne Festakt. Ich war gerührt von der lieben Geste ihrer Tante, symbolisch Geld zu überweisen. „Für die Jugendweihe, auch wenn es die bei euch in Italien nicht gibt!“ Ich schämte mich ein wenig für meine Gedankenlosigkeit, hatte ich doch gar nicht geplant, außer ihrem Geburtstag noch etwas anderes zu feiern. Das Erwachsenwerden ist wohl eher ein langer, nicht selten tränenreicher Prozess für Betroffene und Beteiligte, es findet nicht einfach per Festakt mit Festredner, klassischer Musik und einem nachgesprochenen Gelöbnis statt. Wenn es so einfach wäre, her damit!
Und der Sinn?
Natürlich habe ich mich zum Jubiläum meiner Jugendweihe nicht nur mit den wechselnden Rocklängen beschäftigt, sondern mir auch das im Gelöbnis formulierte Anliegen der Veranstaltung noch einmal angeschaut. Die Vision, „die Errungenschaften ins nächste Jahrtausend zu tragen“, hatte sich bereits drei Jahre später erledigt. Wer hätte das damals gedacht, im Frühjahr 1986? Wir in Strausberg, der sogenannten Hauptstadt der Nationalen Volksarmee, auf keinen Fall. Wenn ich mir das Gelöbnis heute durchlese, stelle ich fest, dass der humanistische Kern der Werte für mich nach wie vor Gültigkeit besitzt. Schade, dass alles indoktriniert wurde, von Staat und Partei auferlegt und in hochtrabende Worthülsen verpackt. Dabei war und ist es doch am Ende die Erziehung im Elternhaus, die Werte und Einstellungen vermittelt. Wenn wir selbst es nicht sind, die unsere Kinder anregen, „nach hoher Bildung und Kultur zu streben“ und sich für „humanistische Ideale einzusetzen“, wer dann? Genau wie, als „Mitglied der … Gemeinschaft stets in kameradschaftlicher Zusammenarbeit, gegenseitiger Achtung und Hilfe zu handeln.“ Natürlich klingt es aus heutiger Sicht übertrieben zu verlangen, den „Weg zum persönlichen Glück“ mit dem „Kampf für das Glück des Volkes zu vereinen“. Von „Kampf“ wollen wir besser nicht mehr sprechen, aber wenn wir „des Volkes“ mit „der Mitmenschen“ ersetzen, dann passt es doch wieder. Die heranwachsende Generation zu ein bisschen weniger Egoismus zu erziehen, ist sicherlich keine schlechte Idee. Aber es liegt im Kern an uns, den Eltern und der Familie, diese Aufgabe übertrage ich weder dem Staat noch der Kirche.
Doch genug der Theorie, hier die in Bildern festgehaltenen Fakten. Man beachte die Rocklängenentwicklung im Vergleich 1970 – 1978 – 1986 (Mitte der Achtziger waren sogar Hosen für Mädchen kein Tabu mehr), und man mache sich bitte keine Gedanken, warum meine Schwester und ich beide links außen stehen. Das war natürlich purer Zufall.





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