Ab morgen per Sie!

Jugendweihe oder Der festliche Schritt in ein Leben mit Sinn

Das großformatige, schwere Buch mit rotem Umschlag verspricht, „Vom Sinn unseres Lebens“ zu erzählen und katapultiert mich gedanklich an meinen offiziellen Eintritt ins Erwachsenenalter zurück. Ich lasse mich gern darauf ein, sitze als Mutter einer vierzehnjährigen Tochter in unserer Wohnung in Italien und erinnere mich an Strausberg und diesen verschneiten Tag im April, als ich gerade vierzehn war. Angesichts der überraschend eingebrochenen Kälte musste ich mir Muttis Trenchcoat borgen, um etwas Wärmendes über mein frühlingshaftes Kostümchen zu ziehen. Die Beine das erste Mal in hautfarbenen Feinstrumpfhosen und die Füße in damenhaften Pumps mit halbhohem Absatz, tippelte ich zitternd vor Kälte, aber viel mehr noch vor Aufregung, zu einem der bedeutendsten Tage meines jungen Lebens.

Genau heute, vor 35 Jahren (Himmel, wie die Zeit vergeht), am 12. April 1986, erhielt ich die Jugendweihe. Während ich das formuliere, muss ich schmunzeln, denn wir sagten damals ganz einfach „Jugendweihe haben“. Erhalten, das klingt wie eine kirchliche Zeremonie oder Segnung, und die war es ja gerade nicht, sondern die weltliche Alternative zur Konfirmation. Geladen waren alle Schüler der achten Klassen. Diese Feierstunde für die Jugend war ein charakteristischer Baustein bei der Konstruktion der Entwickelten Sozialistischen Gesellschaft, wie man in meiner Heimat DDR deren gesellschaftspolitischen Zustand als vermeintliches Durchgangsstadium zum Kommunismus zu bezeichnen pflegte.

Sie, bitte!

Die Jugendweihe war eine Zeremonie, ein feierlicher Festakt, zu dem wir Mädchen das erste Mal Absatzschuhe und die Jungs einen Anzug trugen. Wir wurden ‒ mit einem entsprechenden Gelöbnis auf Sozialismus, Völkerfrieden und unser Land ‒ in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Mehr noch, es hieß sogar „in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes“. Hoppla, so schnell ging es mit dem Werktätigsein dann doch nicht, zum Glück. Zunächst besuchten wir weitere zwei Jahre die Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule. In ebendieser Schule stellte die Jugendweihe über Nacht ein neues Verhältnis zu unseren Lehrern her. Am Montag nach der großen Fete mussten sie uns plötzlich siezen. Was für ein Gefühl! Es war schon ein anderes Kaliber, wenn der Klassenclown von der kumpelhaften Chemielehrerin plötzlich vornehm „Sie Idiot“ betitelt werden durfte. Und es klang fantastisch, wenn es am Ende der mathematischen Herleitung hieß: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!“   

Haute Couture Made in GDR

Mit den Erinnerungen an meine Jugendweihe wurde ich kürzlich ‒ Zufall oder nicht ‒ auch bei der Lektüre zweier Bücher konfrontiert (Jana Hensel: Zonenkinder*, Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit*). Das Lustige ist ja: Wir alle, ob wir nun in den siebziger oder achtziger Jahren Jugendweihelinge waren, haben das gleiche Foto im Album. Jeder von uns stand vorn auf einer Bühne, zusammen mit fünf oder sechs Klassenkameraden, hielt in der einen Hand die Blumen, in der anderen das Buch mit der Urkunde, und grinste dabei peinlich verschämt in die Kamera. Bei den Mädchen kam es vor, dass eine (eifersüchtig abschätzend) zu ihrer Mitschülerin schielte. Auch wenn sich die Kleidermoden über die Jahre änderten, sind unsere Bilder trotzdem auf sonderbare Art gleich. Wir standen steif in der Gegend herum und waren lächerlich „erwachsen“ frisiert, Jungs hingen ungelenk im zu großen Anzug oder später, Ende der Achtziger, in ihrer gewollt-und-nicht-gekonnt eleganten Freizeit-Popeline-Kombination. Wir Mädchen trugen knielange Röcke (in meinem Fall, in anderen Jahren mal Mini und mal Maxi ‒ wie auf den Fotos unten zu sehen) und eine feine Rüschenbluse, ein guter Pullover tat es ausnahmsweise auch. Meine Schwester erinnert sich, dass 1970 mehrere Mädchen ihrer Klasse die gleichen Pumps anhatten. Beim Schuhwerk konnte man dieses Risiko schwer umgehen. Bekleidungstechnisch war nur derjenige vor Doppelgängern geschützt, der etwas Selbstgenähtes tragen durfte (oder musste). Meine Mutter war gelernte Schneiderin und hatte mir 1986 ein dunkelblaues, damenhaftes Kostüm auf den jungen Leib geschneidert. Ob ich danach je wieder eine Gelegenheit hatte, das von ihr liebevoll gearbeitete Ensemble zu tragen? Ich fürchte, nur ein oder zwei Mal. Das Selbernähen war in der DDR schon lange vor DIY ein weitverbreiteter Hype. Damals aus der Not heraus, weniger aus Drang zum Individualismus. Wir wären alle froh gewesen, die gleiche Levis zu tragen, da hätten wir uns keinen Ast abgebrochen. Mit Jeansklamotten war es schwierig, sonst nähte man sich selbst, was es nicht gab. Meine Mutter hatte bereits zur Hochzeit meiner ältesten Schwester Haute Couture gezaubert: Es genügte ein Schnitt und ein Stoff in drei verschiedenen Farben. So wurden die Braut (in Weiß), die Schwester der Braut (in Himmelblau) und die Mutter der Braut (in Purpur) auf einen Streich elegant eingekleidet. Nur ich könnte mich im Nachhinein beschweren, dass ich am großen Tag meiner Schwester etwas Gekauftes trug. Aber das lag vermutlich an meinem zarten Alter, in dem ein tief dekolletiertes Abendkleid nicht angemessen ausgeschaut hätte. Ich war gerade vier, als meine Schwester heiratete.

Die Haare schön, und dann?

Aber zurück in die Zukunft, als ich vierzehn war und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurde. Für mich gab es zu diesem Anlass die erste Dauerwelle. Da war ich nicht die Einzige in der Klasse, wir schrieben schließlich 1986. In diesem Jahr, 2021, wäre übrigens meine Tochter dran. Sie ist ‒ genau wie ich damals ‒ im Februar vierzehn geworden. Frisurentechnisch hat sie sich farbige Strähnen gewünscht. Mit vierzehn darf man das, mit oder ohne Festakt. Ich war gerührt von der lieben Geste ihrer Tante, symbolisch Geld zu überweisen. „Für die Jugendweihe, auch wenn es die bei euch in Italien nicht gibt!“ Ich schämte mich ein wenig für meine Gedankenlosigkeit, hatte ich doch gar nicht geplant, außer ihrem Geburtstag noch etwas anderes zu feiern. Das Erwachsenwerden ist wohl eher ein langer, nicht selten tränenreicher Prozess für Betroffene und Beteiligte, es findet nicht einfach per Festakt mit Festredner, klassischer Musik und einem nachgesprochenen Gelöbnis statt. Wenn es so einfach wäre, her damit!

Und der Sinn?

Natürlich habe ich mich zum Jubiläum meiner Jugendweihe nicht nur mit den wechselnden Rocklängen beschäftigt, sondern mir auch das im Gelöbnis formulierte Anliegen der Veranstaltung noch einmal angeschaut. Die Vision, „die Errungenschaften ins nächste Jahrtausend zu tragen“, hatte sich bereits drei Jahre später erledigt. Wer hätte das damals gedacht, im Frühjahr 1986? Wir in Strausberg, der sogenannten Hauptstadt der Nationalen Volksarmee, auf keinen Fall. Wenn ich mir das Gelöbnis heute durchlese, stelle ich fest, dass der humanistische Kern der Werte für mich nach wie vor Gültigkeit besitzt. Schade, dass alles indoktriniert wurde, von Staat und Partei auferlegt und in hochtrabende Worthülsen verpackt. Dabei war und ist es doch am Ende die Erziehung im Elternhaus, die Werte und Einstellungen vermittelt. Wenn wir selbst es nicht sind, die unsere Kinder anregen, „nach hoher Bildung und Kultur zu streben“ und sich für „humanistische Ideale einzusetzen“, wer dann? Genau wie, als „Mitglied der … Gemeinschaft stets in kameradschaftlicher Zusammenarbeit, gegenseitiger Achtung und Hilfe zu handeln.“ Natürlich klingt es aus heutiger Sicht übertrieben zu verlangen, den „Weg zum persönlichen Glück“ mit dem „Kampf für das Glück des Volkes zu vereinen“. Von „Kampf“ wollen wir besser nicht mehr sprechen, aber wenn wir „des Volkes“ mit „der Mitmenschen“ ersetzen, dann passt es doch wieder. Die heranwachsende Generation zu ein bisschen weniger Egoismus zu erziehen, ist sicherlich keine schlechte Idee. Aber es liegt im Kern an uns, den Eltern und der Familie, diese Aufgabe übertrage ich weder dem Staat noch der Kirche.

Doch genug der Theorie, hier die in Bildern festgehaltenen Fakten. Man beachte die Rocklängenentwicklung im Vergleich 1970 – 1978 – 1986 (Mitte der Achtziger waren sogar Hosen für Mädchen kein Tabu mehr), und man mache sich bitte keine Gedanken, warum meine Schwester und ich beide links außen stehen. Das war natürlich purer Zufall.

Jugendweihe meiner Schwester (links auβen) in Strausberg 1970, Foto privat.
Jugendweihe in Dresden 1978, aus Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit*.
Meine Jugendweihe in Strausberg 1986, links auβen stehe ich. Foto privat.
Einladung mit Programm
Urkunde mit Gelöbnis

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Chiana-Tal, Toskana

„How Italian will we ever be? Not very, I’m afraid. Too pale. Too unable to gesture as a natural accompaniment to talking. I saw a man step outside the confining telephone booth so he could wave his hands while talking.“

Frances Mayes

Under the Tuscan Sun: at home in Italy*, Broadway Books New York, Export Edition, 1997. Seite 223

Meine erste Urlaubsreise nach Italien ging 1998, ihr ahnt es, in die Toskana. Allerdings durchquerte ich dabei das Sehnsuchts(fest)land der Deutschen lediglich, um dann auf die Insel Elba überzusetzen, die zur Region gehört. Auf der Durchreise kaufte ich für die vor mir liegenden „Dolce far niente“-Tage ein Buch. Ich griff unter der heißen Junisonne zu „Under the Tuscan Sun“, damals gerade erschienen und im amerikanischen Original. Italienisch sprach ich zu jener Zeit kein Wort, des Englischen fühlte ich mich mehr oder weniger mächtig. So ließ ich mir den Zauber der Toskana von einer Amerikanerin erklären, die sich in die traumhafte Gegend verliebt und in das Abenteuer Erwerb und Restauration eines Landhauses ‒ Casa Bramasole ‒ stürzt. Frances Mayes, Journalistin, Reiseschriftstellerin und begeisterte Köchin, nimmt ihre Leser in sinnlicher und detailverliebter Sprache mit, während sie die Schönheit und Einfachheit des Lebens in Italien entdeckt. In einem 20 Jahre später bei TheGuardian erschienenen Artikel, in dem sie auf die Entstehung ihres Erfolgsromans zurückblickt, trifft die Autorin perfekt den Punkt:

„In Italy, I’ve learned to think of time differently. It’s slower here, less urgent.“

Als mich eine Reise im Sommer 2020 erneut in die Toskana führte, kramte ich mein erstes in Italien erstandenes Buch wieder hervor. Diesmal ging es sogar in die Nähe von Cortona, Ort der Handlung im malerischen Val di Chiana. Leider konnte ich meinen Plan, bei Casa Bramasole vorbeizufahren, nicht verwirklichen. So habe ich immer noch ein Ziel offen und einen guten Grund (den es gar nicht bräuchte), irgendwann erneut in die Sonne der Toskana zu fahren. Was das Buch betrifft, so konnte ich beim zweiten Lesen noch tiefer schmunzeln und meine gedanklichen Häkchen setzen, an all die wunderbaren Beschreibungen der Italiener und ihrer unnachahmlichen Marotten, wie das oben im Zitat beschriebene ausladende Gestikulieren bei der Konversation.

Auf Mayes‘ Weltbestseller basiert übrigens die gleichnamige US-amerikanisch-italienische Verfilmung von 2003. Wem eine dreifache Dosis Verführung nicht zu gefährlich anmutet, dem sei dieser Liebesfilm mit dem zum Schmachten schönen Raoul Bova empfohlen.

Toskana, Vino, Amore. Wohl bekomm’s!

Das Buch in seiner Kulisse.
Mein erster in Italien erworbener Roman. Der Kassenzettel bezeugt Ort und Moment des Kaufs.
Und darauf einen Vino Rosso. Salute!

*Werbung, unbezahlt.

Val di Chiana, Toscana

„How Italian will we ever be? Not very, I’m afraid. Too pale. Too unable to gesture as a natural accompaniment to talking. I saw a man step outside the confining telephone booth so he could wave his hands while talking.“

Frances Mayes

Under the Tuscan Sun: at home in Italy*, Broadway Books New York, Export Edition, 1997. Pagina 223

Era il 1998 quando il mio primo viaggio di vacanza in Italia mi ha portato in Toscana e, attraversando la terra tanto desiderata dai tedeschi, mi sono fermata all’isola d’Elba. Di passaggio, ho comprato un libro per i giorni di „dolce far niente“ che mi aspettavano. Ho scelto, sotto il caldo sole di giugno, „Under the Tuscan Sun“, che era appena uscito nella versione originale americana. A quel tempo non parlavo una parola di italiano, ma mi sentivo più o meno confidente in inglese. Così attraverso il libro, mi sono fatta spiegare la magia della Toscana da una donna americana che si innamora di questa zona da sogno e si immerge nell’impresa di acquistare e restaurare una casa di campagna, Casa Bramasole. Frances Mayes, giornalista, scrittrice di viaggi e cuoca appassionata, accompagna i suoi lettori con un linguaggio sensuale e dedicato ai dettagli alla scoperta della bellezza e della semplicità della vita in Italia. In un articolo pubblicato 20 anni dopo da TheGuardian, in cui ripensa alla creazione del suo romanzo di successo, l’autrice arriva perfettamente al punto:

„In Italy, I’ve learned to think of time differently. It’s slower here, less urgent.“

Quando un viaggio nell’estate del 2020 mi ha portato di nuovo in Toscana, ho tirato fuori il mio primo libro acquistato in Italia. Questa volta siamo andati addirittura molto vicino a Cortona, il luogo dell’azione nella pittoresca Val di Chiana. Purtroppo, non ho potuto realizzare il mio piano di passare a visitare la Casa Bramasole. Quindi ho ancora un obiettivo aperto e una buona scusa per andare di nuovo nel sole della Toscana qualche altra volta. Per quanto riguarda il libro, nella mia seconda rilettura ho potuto sorridere ancora più profondamente e mettere le mie spunte mentali a tutte le meravigliose descrizioni degli italiani e delle loro inimitabili manie, come il gesticolare durante la conversazione descritto nella citazione sopra.

Per inciso, un adattamento cinematografico americano-italiano del 2003 è basato sul bestseller mondiale di Mayes. Se una tripla dose di seduzione (Toscana, vino, amore) non vi sembra troppo pericolosa, questa storia d’amore con il bellissimo Raoul Bova è fortemente raccomandata.

Viva la Toscana e la sua bellezza!

Il libro e il suo contesto.
Il mio primo libro comprato in Italia. Lo scontrino testimonia il luogo e il momento dell’acquisto.
E un buon vino rosso qui non guasta mai. Salute!

*Pubblicità, non pagata.

Zimmerreisen: Die Fensterklemme, die vom Fenster hüpfte und verschwand

Gern folge ich wieder der Einladung von Puzzleblume, es geht auf in die dritte Runde der Zimmerreisen.

Diesmal gehe ich nicht selbst auf Gedankenreise, sondern eine kleine, unscheinbare Heldin nimmt uns mit auf ihren heimlichen Ausflug. Sie beginnt mit dem Buchstaben F, es ist die

Fensterklemme, die vom Fenster hüpfte und verschwand

Ich habe es satt, ungeliebt herumzuliegen, nur um von Zeit zu Zeit ruppig angepackt und auf den Fensterrahmen gesteckt zu werden, damit der Wind euch nicht die Scheiben zerschlägt. Versteht mich nicht falsch: Ich bin gern behilflich, wo ich kann. Das ist schließlich meine Aufgabe. Aber manchmal, da wünsche ich mir als kleines Dankeschön einen liebevollen Blick. Das wäre schön! Ich träume auch von einem reinigenden Bad im Waschbecken, wie es die Seifendose, der Zahnbürstenhalter und die anderen Kumpels in meiner Nähe alle naselang genießen dürfen.

Aber ach, ich bin nur ein kleines, braunes, unansehnliches Teil aus Plastik. Meine Besitzerin vermag, so fürchte ich, nicht einmal zu sagen, wo sie mich herhat. Ich selbst vermute, dass mich ihre fürsorglichen Eltern damals mitgegeben haben, als sie von daheim auszog und einen eigenen Hausstand gründete. Die wussten nämlich, welche praktischen DDR-Utensilien auch an anderen Orten der Welt nützlich sein würden. Sie haben nicht nur mich, sondern gleich mehrere meiner Art eingepackt. Vermutlich hat meine undankbare Besitzerin meine Brüder und Schwestern irgendwo während ihrer vielen Umzüge verloren. Nur ich allein habe es bis in ihr jetziges Heim geschafft und dort meinen bescheidenen, aber netten Platz gefunden: Ich residiere im Klo. Genaugenommen auf dem Fenstersims. Dort kann ich tagein, tagaus meiner vorbestimmten Tätigkeit nachkommen. Denn das ist es, was ich will: meine Arbeit tun. Ich pfeife auf einen Ehrenplatz in der Wohnzimmervitrine. Zumal ich bei geöffnetem Fenster, von meinem Platz auf dem Rahmen, eine nette Aussicht genieβe. Bei schönem Wetter sehe ich die Alpen, das hätte ich mir damals in der brandenburgischen Provinz nicht träumen lassen.

Und doch hat mir in all den Jahren etwas gefehlt. Ich verlange keine pompösen Huldigungen, nur hin und wieder einen kleinen Funken Aufmerksamkeit.

Jetzt habe ich mich auf eine Zimmerreise begeben und bin gespannt, wann sie mich vermissen werden. Meine Besitzerin wird mich suchen und endlich meinen wahren Wert erkennen. Psst, ich glaube, ich höre sie fluchen. Und nach mir rufen. Aber ich werde sie eine Weile zappeln lassen. So leicht mache ich es ihr nicht. Ich sitze hier im Wäschekorb und habe es mir gemütlich gemacht. Zwischen müffelnden Socken und dem zerknautschten Schlafanzug, den die Tochter des Hauses heute Morgen nach hitziger Diskussion mit ihrer Frau Mutter (identisch mit meiner Besitzerin) gepackt und in den Korb zur Schmutzwäsche geworfen hat. Mein Pech oder vielmehr Glück war, dass ich unter dem Schlafanzug lag und sie mich einfach mitgegriffen hat. Mal sehen, vielleicht darf ich sogar eine Runde in der Waschmaschine mitfahren. Das wäre sicher ein großer Spaß! Ich würde sagen, es ist Zeit, dass ich auch mal etwas erlebe. Und wenn ich dann später wieder am Fenster klemme, werde ich noch lange von diesem Abenteuer träumen. Das habe ich mir verdient!

Rosso Relativo oder mein verbotener Bummel durch Mailand

Einen Termin? Wozu? Wie heißen Sie? In meiner Liste stehen Sie nicht.

Der adrette Security-Beauftragte vor dem Gebäude des Deutschen Konsulats Mailand schüttelt bedauernd mit dem Kopf und zeigt mir seinen Zettel mit der Namensliste als Beweis, dass ich mich irre.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht bei einer deutschen Behörde, mit der ich im Vorfeld mehrere E-Mails ausgetauscht hatte, um mein Anliegen, die Ausstellung des neuen Reisepasses, im kleinsten Detail vorzubereiten. Abgewiesen zu werden, mit der Begründung, mein Termin resultiere nicht im System, das kannte ich von italienischen Ämtern. Heute hätte ich mir eine solche Situation im schlimmsten Albtraum nicht ausgemalt. Demzufolge war es reines Glück und keine weise Voraussicht, dass ich die E-Mail mit der Bestätigung meines Termins ausgedruckt hatte und mitführte. Diese war als Anlage zu meiner Autocertificazione (Selbstbescheinigung) gedacht, als Beweis bei einer eventuellen Polizeikontrolle, um mein Spostamento (Ortswechsel) über die Grenze meiner Kommune hinaus begründen zu können. Ecco! (Hier!) Innerlich um Fassung ringend, übergebe ich dem freundlichen Wachmann mein Beweispapier.

Warten Sie bitte hier.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits anderthalb Stunden in der Umgebung des Konsulats gewartet, da würden weitere Minuten bis zur Klärung meines Anliegens und dem erhofften Einlass mich nicht aus dem Konzept bringen. Die Mittagssonne beginnt allerdings, lästig zu werden. Ich widerstehe dem Drang, mich in den Schatten und damit außer Sichtweite zu begeben, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich hätte aufgegeben. Zuversichtlich halte ich meine Position. Urplötzlich kriecht ein beißender Geruch in meine Nase, die klare Frühlingsluft füllt sich mit Rauch. Wo der herausquillt, kann ich nicht erkennen. Schon kommt der Security-Mann aus dem Konsulat gelaufen, gefolgt und unterstützt von einem älteren Beamten. Sie diskutieren, gestikulieren, tigern auf der gegenüberliegenden Straßenseite nervös hin und her, dabei die Dächer der Umgebung inspizierend.

Film ab: Das ist ein Zeichen. Du hast zwar einen Termin, aber du solltest nicht darauf bestehen, vielleicht ist das deine Chance, der Katastrophe zu entgehen und doch nicht Protagonistin in den Titeln der Abendnachrichten zu werden. Brand aus unerklärter Ursache in deutscher Vertretung in Mailand … Eine deutsche Staatsbürgerin mittleren Alters, die genaue Identität konnte noch nicht festgestellt werden, hatte gerade das Gebäude betreten, als …

Schnitt. Der Rauch verzieht sich, der Security-Mann geht zurück ins Gebäude, kurz darauf kommt er wieder heraus und bittet mich freundlich hinein. Noch vor dem Eingang das erste Fiebermessen. Nachdem ich in der Sonne gestanden und um mein Leben gezittert hatte, bin ich froh, diesen Test mit frischer Stirn zu bestehen. Drinnen vor dem Büro noch eine Messung mit einem anderen Gerät, auch diese Kontrolle passiere ich ohne Beanstandungen.

Dann geht alles velocissimo, superschnell. Und zwar auch deshalb, weil man die sorgsam angefertigten Kopien gar nicht haben und die Originale gar nicht sehen will. Die Dame am Schalter, an die ich mich von meinem letzten Besuch zu erinnern glaube, hat meine Akte vor sich liegen und alles schon da. (RANDNOTIZ AN MICH: Bitte in zehn Jahren nicht wieder tagelang nervös im Kreis springen, es ist alles halb so dramatisch, wie es sich in den Merkblättern liest.) Eine kleine Verzögerung im Prozedere ergibt sich nur an der Stelle, als es ums Bezahlen geht. Man bevorzuge die Zahlung per Kreditkarte, hatte es geheißen. Schade, dass das System den Bearbeitungsschritt „Zahlung per Kredikarte“ verweigert. Die nette Beamtin wartet ein wenig, tippt auf der Tastatur, schüttelt mit dem Kopf. Haben Sie auch Bargeld bei sich? Habe ich, und das war wieder keine weise Voraussicht, sondern pures Glück. Immerhin muss ich 89 Euro berappen, soviel muss man erst einmal dabeihaben, oggi come oggi (heutzutage). Zum Beweis und ohne, dass ich darauf bestehe, dreht mir die Beamtin ihren Bildschirm vor die Nase, so kann ich mich persönlich vom Streik des behördlichen DV-Systems überzeugen. Dies ist vielleicht auch ein Unterschied zwischen deutschen und italienischen Ämtern, denke ich bei mir. Die Italiener behaupten ständig, das System sei gerade ausgefallen, oder man stünde doch gar nicht in ihrer Liste. Gezeigt, so wie heute, hat man es mir aber nie. Ich bin erleichtert, alle Hürden überwunden zu haben, dank der lösungsorientierten deutschen Flexibilität. Ja, ihr habt richtig verstanden: Ich möchte meine Landsleute mal loben an dieser Stelle!

Als ich nach fünfzehn Minuten inklusive Toilettenbesuch wieder im Freien stehe, höre ich Feuerwehrsirenen. Ein Löschwagen oder vielmehr dessen Fahrer scheint nicht zu wissen, wo er hinsoll. Leute sprechen von einem indischen Restaurant. Aber die Gefahr hat sich offensichtlich verzogen, kein Rauch mehr, nirgends. Blinder Alarm, zum Glück. Ich atme tief durch, klopfe mir in Gedanken für meine Unerschrockenheit auf die Schulter und genieße auf dem Rückweg den herrlichen azurblauen Himmel im frühlingshaften Milano.

Diesmal ist es nicht wie im März 2020, auch wenn sich Mailand wie die gesamte Lombardei erneut im Lockdown in der roten Zone befindet. Es ist ein „Rosso Relativo“. (Tiziano Ferro möge mir die Anspielung auf seinen frühen Hit verzeihen, der liegt einfach nahe.) Da sind Autos, Busse, Straßenbahnen. Menschen in der Mittagspause, Mütter, die mit ihren Kindern spazieren gehen, ältere Passanten mit Einkaufs-Trolley vor einem Lebensmittelgeschäft, Jogger in den Grünanlagen des Parco Sempione am Castello Sforzesco. Es sind vermutlich bedeutend weniger Menschen als an einem gewöhnlichen Montag in einem März vor der Pandemie, und alle (bis auf die Jogger) tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Was die Sinne ablenkt und Normalität vorgaukelt, das sind vor allem die Düfte aus den Bars, Pasticcerias (Konditoreien), Pizzerien und Restaurants, die für Abholung und Straßenverkauf geöffnet sind. Bereits bei meiner Ankunft am Morgen, als ich die Bahnhofshalle der Stazione Milano Cadorna verließ und die Stadt betrat, strömte mir augenblicklich der Duft von süßem Gebäck und Kaffee in die Nase. Da roch und da wusste ich: Mailand ist noch da. Auf dem Rückweg liegt sogar Musik in der Luft. Aus einer Bar nahe der Stazione klingt ein Sommerhit von 2016 und zaubert Strandfeeling auf die graue Straße:

J-AX & Fedez – Vorrei ma non posto (Official Video)

E ancora un’altra estate arriverà …

Ja, ein neuer Sommer wird kommen. Auch in diese Stadt. Ob die Sommer irgendwann wieder so unbeschwert sein werden wie 2016? Speriamo! Hoffen wir’s!

Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Mailand
Castello Sforzesco
Große Leere vorm kleinen Theater: Piccolo Teatro
Das geschlossene Kino wirbt für die virtuellen Kinosäle iorestoinsala.it
Ab 10. September im Kino? Eher im Streaming.
La Gioia (Die Freude): Vorübergehend geschlossen. (Ristorante)
Eine kleine Modeboutique
Centro Aggregazione Multifunzionale (Multifunktionales Begegnungszentrum): Derzeit ohne Funktion.
Wer sagt, in Mailand gäbe es kein Grün?
Piazzale Luigi Cadorna vor der Stazione Milano Cadorna
Rote Zone: vor der Stazione Milano Cadorna

Fotos: Eigene Aufnahmen vom 22. März 2021. Titelfoto: Via Solferino.

Behördengänge auf Italienisch

Als ich noch in Deutschland lebte, stellten Ab-, An- und Ummeldungen kein Problem für mich dar. Aber ich hatte vermutlich auch gar nicht so oft das Vergnügen. Ein Wohnsitzwechsel oder zwei, basta.

Erst in Italien bekam ich es in voller Breite mit der staatlichen Administration und den verschiedenen Uffici zu tun. (Uffici sind Büros und ein Begriff für Behörden, nicht zu verwechseln mit den Uffizien in Florenz.) Es ging los mit dem super wichtigen, dich als Bürger definierenden, für alles geltenden Codice Fiscale (die wörtliche Übersetzung Fiskal-Code trifft seine Allgegenwärtigkeit vermutlich besser als der Begriff Steuernummer), kurz darauf brauchte es die Aufenthaltsgenehmigung. Später standen anagrafische Veränderungen wie Wohnortwechsel, Hochzeit und Geburten an. Das volle Programm. Ich erinnere mich gut an das Theater, das es im Vorfeld meiner Hochzeit gab. Irgendwelche Dokumente aus Deutschland waren in Rom hängen geblieben, und ich fürchtete schon, der Termin würde platzen. (Mein Mann hat mir später gestanden, dass er beziehungsweise seine Mittelsmänner dahintersteckten, aber das ist eine andere Geschichte.)

In den ersten Jahren hatte ich die italienischen Behörden gefressen. Irgendwie mussten sie sich gegen mich verschworen haben. Oder findet ihr es normal, dass ich mir von der Arbeit freinahm, in meine damalige Provinzhauptstadt Como fuhr, mich eine Stunde bei der Questura (Polizeipräsidium mit Ausländeramt) anstellte, um dann mit der lapidaren Begründung weggeschickt zu werden, ich solle an einem Dienstag wiederkommen. Wo, um Himmels willen, war definiert, dass Vorgänge wie meiner nur dienstags behandelt würden? Richtig: nirgends! Und dieses ist nur ein konkretes Beispiel für viele ähnliche Momente, in denen Come, prego? (Wie bitte?) noch das Vornehmste war, was mir herausrutschte. Zweimal bekam ich in einer Behörde Schwierigkeiten, weil sich herausstellte, dass eine andere Behörde meine Daten falsch erfasst hatte. Es ging um meinen Geburtsort. Aus Strausberg war im Meldesystem Strasburgo (Straßburg) geworden. Da hatte eine Angestellte wohl nicht so genau hingeschaut und im Eifer des Gefechts mal eben eine Französin aus mir gemacht. In einem anderen Fall ‒ bei der Tessera Sanitaria (Krankenversicherungskarte) ‒ stammte ich plötzlich aus San Marino (hier fehlt mir allerdings die Fantasie, wie es dazu kommen konnte).

Aber egal, alles vergessen und verziehen, das waren Anlaufschwierigkeiten. Mittlerweile habe ich längst die dauerhaft unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, bei meiner Kommune kennt man mich und hat alle Daten (hoffentlich) richtig erfasst. So stellte es auch kein Problem dar, in diesem Januar meine neue Carta di Identità (italienischer Personalausweis) zu beantragen. Es genügte, die alte Karte vorzulegen und ein neues Passbild mitzubringen, bei dessen Anblick sich die nette Angestellte nicht verkneifen konnte, zu behaupten, es sei nicht aktuell, ich sähe viel zu gut darauf aus. Dabei spielte wohl auch eine Rolle, dass ich ungeschminkt und mit Mund-Nasen-Schutz vor ihr saß, während ich für das Foto zwei Tage zuvor beim Friseur gewesen war und mich ein wenig geschminkt hatte. Wie man das als Frau so macht. Aber von diesem heiklen Moment mit Schnappatmung einmal abgesehen, lief alles reibungslos.

Nun benötige ich als deutsche Staatsbürgerin allerdings nach wie vor ein deutsches Dokument, die italienische Carta di Identità gilt nur im Inland. Deshalb lasse ich für mich und meine Kinder (sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft) den deutschen Reisepass ausstellen. Dafür ist das Konsulat in Mailand zuständig. Nun sollte man erwarten, dass ich mich freue, alle zehn Jahre (in meinem Fall) oder alle sechs Jahre (im Fall der Kinder) behördlich betrachtet „heimzukehren“. Ich sollte viel entspannter sein. Mit Landsleuten lässt sich doch gut reden, würde man meinen. Stattdessen graut es mir jedes Mal, weil aus für mich unerfindlichen Gründen bei jeder Verlängerung des Ausweises alle Dokumente erneut in Original und Kopie vorgelegt werden müssen. Ich weiß zwar, dass ich alles habe (Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Abmeldung in Deutschland usw. usf.) aber nach einigen Jahren ist mir jedes Mal unwohl und ich fürchte, irgendetwas fehlt. Unverrichteter Dinge wieder heimzufahren, wäre bei der umständlichen Anreise und dem nur langfristig zu bekommenden Termin fatal.

Während des harten Lockdowns im Frühjahr 2020, als Behörden bei uns nicht einmal auf Termin empfingen, kontrollierte ich meine Ausweise auf ihre Fälligkeiten und war heilfroh, dass es beim Reisepass erst im März 2021 soweit wäre. Also lange nach Corona. Ähem. Dann, im Januar 2021, als ich meinen Termin für den 22. März bekam, dachte ich hoffnungsfroh: Schön, bis dahin wird die Situation in Sachen Virus entspannter sein, wir können wieder das Unangenehme mit dem Angenehmen verbinden, alle zusammen hinfahren und nach der Konsulatsgeschichte nett durch Mailand bummeln.

Der Optimismus vom Beginn des Jahres wurde mittlerweile, wie ihr selbst nur allzugut wisst, von der dritten Welle eiskalt hinweggespült. Für meinen Behördenbesuch in Mailand musste ich zusätzlich zu den allfälligen Dokumenten auch wieder eine Autocertificazione (Selbstbescheinigung) mitführen. Dass der Anlass meiner Reise über die Grenzen der eigenen Kommune hinaus ein triftiger Grund sei, hatte mir vorher unser Nachbar ‒ ein Staatsbediensteter, der selbst mit der Kontrolle zweifelhafter Begründungen zu tun hat ‒ bestätigt.

So machte ich mich am Montag klopfenden Herzens allein auf den Weg in die Hauptstadt der Lombardei, zweitgrößte Stadt Italiens und internationale Modemetropole …

Herrje, jetzt ist meine Einleitung ausführlicher geraten als geplant.  Also erzähle ich euch die Geschichte meines Behördengangs nach Mailand im nächsten Blogpost. Nur so viel: Es gab angenehme und verunsichernde Momente, nervöses Herzrasen und versöhnliche Frühlingsstimmung. Zona Rossa bei strahlend blauem Himmel.

A presto! Bis bald!

Die 10 verrücktesten neuen Gewohnheiten

Corona machts möglich: Meine Top 10 der Dinge, die ich nie tat. Oder die ich tat, und auf die ich jetzt verzichten kann. Eine Liste, die so seltsam klingt wie sie der Wahrheit entspricht:

  1. Socken stopfen (bis es nicht mehr geht)
  2. Nicht bügeln (glattstreichen tuts auch)
  3. Kein Make-up (außer, ich habe mal eine Videokonferenz)
  4. Immer Eier im Kühlschrank haben
  5. Immer zwei Sorten Hefe (für Süßes und für Salziges) im Schrank haben
  6. Schuhe nicht ständig wechseln (ein Paar pro Saison, man geht ja kaum raus)
  7. Nur zweimal wöchentlich Haare waschen (meine pubertierende Tochter stattdessen täglich, also leider kein Wasser/Shampoo gespart)
  8. Allabendliches Date mit Francesca (Youtube-Fitnesstrainerin, wir stretchen sanft unsere Schulter- und Rückenmuskulatur)
  9. Master Chef Italia gucken (und sonntags nachspielen)
  10. Schon im März mit Decken auf dem Balkon sitzen

Ok, einer geht noch! Dass ihr mich hier lest und ich euch, das hat mir vor einem Jahr auch noch keiner prophezeit, am wenigsten ich selbst. Der ultimative neue „heiße Scheiß“ ist das:

11. Bloggen

Und ihr so?

Weißt du noch?

Neulich musste ich wieder an ein Zitat meines italienischen Lieblingsautors Lorenzo Licalzi denken:

„Sie machten einen glücklichen Eindruck, aber wer weiß, ob das wirklich so war oder ob sie allmählich ahnten, dass es mit ihnen bereits bergab ging oder sie bestenfalls den höchsten Punkt des Berges erreicht hatten, wo vieles von dem, was man tun kann, bereits getan ist und nach und nach die Erinnerungen an die Stelle der Vorhaben treten.“

Lorenzo Licalzi: Signor Rinaldi kratzt die Kurve, Eisele, 2017. Seite 218

Diese Gedanken kommen dem Erzähler bei der Beobachtung eines Abi-Treffens, deren Teilnehmer Mitte vierzig sind. Sicher berührte mich Licalzis Roman auch deshalb so stark, weil ich mich an gewissen Stellen betroffen fühlte. Beim Lesen der hier zitierten Textzeilen schwor ich, mich selbst solange wie möglich auf Vorhaben zu konzentrieren.

Nun sieht es hinsichtlich großer Vorhaben gerade nicht so rosig aus. Zumindest was die kommenden Monate betrifft. Es mag natürlich auch an meinem Alter liegen, dass ich mich immer öfter dabei ertappe, mit Familienmitgliedern und Freunden gemeinsame Erinnerungen hervorzukramen. Die gegenwärtige Lebenssituation legt diesem Phänomen allerdings den Turbogang ein. Und sei es drum! Baden wir in Erinnerungen, wenn das Schwimmbad geschlossen ist. Kramen wir gemeinsam mit Schulfreunden die besten Stories von damals raus. Drehen wir die Musik der 80er laut auf, und tanzen wir eine Runde zwischen zwei Zoom-Meetings! Alles im grünen Bereich, würde ich sagen, denn diese gefeierten Rückblenden bescheren uns gute Laune, von der wir alle eine Stange gebrauchen können. Ich fühle mich nicht alt, wenn ich an vergangene gute Zeiten denke. Ich freue mich darüber, was ich alles schon erleben durfte und manchmal spüre ich sogar für einen Moment die Ausgelassenheit von damals wieder. Fröhliche Erinnerungen kleben ein Pflaster auf die pandemiegepeinigte Seele.

Was ich erstaunlich finde, ist, dass auch meine Kinder jetzt oft zusammenglucken und ihre „alten“ Erinnerungen feiern. Ich höre sie dann herzhaft und aus vollem Hals lachen, wie es daheim viel zu selten vorkommt. Leider dominieren mittlerweile die Sticheleien, Nörgeleien, Streitereien. Verständlich, wenn man bedenkt, dass sie nun schon seit einem Jahr kaum ausgiebigen Kontakt zu Gleichaltrigen haben, sondern immer nur die Schwester „am Hals“. Es tröstet mich deshalb sehr, dass meine Töchter so herrlich lustige und unbeschwerte Erlebnisse teilen. Manchmal sind es Szenen aus dem Familienurlaub oder aus den Ferienspielen. Aber sie erinnern sich sogar detailgetreu an länger zurückliegende Dinge, die sie im Kindergarten oder Hort ausgeheckt und angestellt haben. Manches höre ich zum ersten Mal, es wurde mir damals verschwiegen. (Warum bloß?)

Weißt du noch, wie wir … und Mama durfte es nicht erfahren.

Dann kugeln sie sich auf dem Fußboden und ich wünsche mir, dass sie auf gar keinen Fall das Thema wechseln und halte mich selbst im Hintergrund, um sie nicht aus ihrem schönen Moment zu reißen. Was ich besonders erstaunlich finde: Immer öfter höre ich die Kinder nun auch von ihren Erinnerungen an den strengen Lockdown vor einem Jahr schwadronieren.

Weißt du noch, in der Quarantena …

Wir sprachen damals in Italien von Quarantäne, und dieser Begriff ist bei ihnen dafür hängengeblieben. Jetzt ‒ die Einschränkungen sind ähnlich aber nicht mehr neu ‒ heißt es auch bei uns Lockdown. An die Quarantena haben meine Töchter schöne Erinnerungen: Wie sie ab April immer nachmittags draußen auf dem Trampolin sprangen, während Mama auf dem Balkon strickte (was dabei herauskam, könnt ihr hier nachlesen). Wie sie gemeinsam Brötchen, Kekse und Kuchen buken, ganz allein, ohne Mamas Hilfe (die ihnen bis dahin noch nicht einmal den Umgang mit Mixer und Ofen erlaubt hatte). Wie wir drei Frauen im Mai, als es wieder erlaubt war, mit einem sportlichen Morgenspaziergang in den Tag starteten, während der Papa die gewonnene Zeit bis zum Homeoffice-Beginn mit verlängerter Nachtruhe verbrachte.

Ich denke an die Hängematte, in der ich spätnachmittags gern ein halbes Stündchen entspannte (Notiz auf der To-Do-Liste für meinen Gatten: Bitte bald Hängematte montieren!!!). Ich denke auch an unseren schönen Muttertags-Sonntag 2020, zu dem wir uns daheim schick anzogen, schminkten, Locken eindrehten und Absatzschuhe trugen ‒ mein Mann nur ersteres in dieser Aufzählung ‒ und anschließend ein Fotoshooting für die Familie im fernen Deutschland veranstalteten.

Die Erinnerungen von morgen werden heute geschaffen. Und auch jetzt, in dieser eingeschränkten, mühseligen, traurigen und mit dem furchteinflößenden Namen Pandemie betitelten Zeit, schaffen wir mit unserem Tun und Erleben Erinnerungen. Lassen wir es schöne Erinnerungen sein. Es heißt ja, die negativen Details werden auf lange Sicht ausgeblendet, wir erinnern uns vornehmlich an glückliche Momente und lustige Begebenheiten. Das trifft wohl vor allem für die Kinder, aber ganz sicher auch für uns zu.

Vielleicht zählt eines Tages auch das kommende Wochenende zu unseren Erinnerungsschätzen. Da fallen Frühlingsanfang und Complemese der Großen zusammen (Complemese nennen unsere Kinder den monatlichen im Vergleich zum jährlichen Geburtstag Compleanno). Unsere Töchter möchten uns ein Frühlingsmenü zaubern. Bei schönem Wetter werden wir diesen Doppel-Anlass mit einem kleinen Ausflug verbinden und draußen feiern. Wie, Ausflug? Nun ja, Not macht erfinderisch und aus schönen Erinnerungen erwachsen Traditionen. Auch in diesem Frühjahr heißt es bei uns wieder: Willkommen auf Balkonien!

Foto: Morgenspaziergang im Mai 2020

Gute Unterhaltung! Mit Musik geht alles leichter.

Zugegeben, manchmal bin ich ein bisschen gemein: Am Ende meiner Blogposts stelle ich gern eine Frage oder einfach nur einen Gedanken schick in den Raum und lasse euch dann damit allein. Zu meinem Artikel über das italienische Songfestival Sanremo schulde ich ein Follow-up. Die Antwort auf meine dort gestellte Frage kam prompt, das tatsächliche Geschehen schreit förmlich danach, erzählt zu werden.

Jetzt werdet ihr denken, es dreht sich hier um den überraschenden Gewinner, die Rockband Måneskin. Im krassen Kontrast zum Titel ihres Songs „Zitti e buoni“ (Still und brav), schreien sie geradezu das Aufbegehren und den Lebenshunger der jungen, klassischerweise nicht mit Sanremo in Verbindung zu bringenden Generation, heraus. Sie deklarieren im Refrain:

Siamo fuori di testa, ma diversi da loro. Wir haben den Verstand verloren, aber wir sind anders als sie.

Måneskin – ZITTI E BUONI (Official Video – Sanremo 2021)

Nein, das Geschehen, von dem ich berichten will, schreit nicht, sondern schmachtet, summt und pfeift. Es ist ausgerechnet wieder der viertplatzierte Song, der origineller Weise die von mir gewünschte Antwort auf den im ersten Lockdown 2020 meistgespielten Titel zu geben scheint. Auf die Frage „La gioia dov’è? ‒ Wo ist die Freude geblieben?“ der Band Le Vibrazioni servieren jetzt die Sizilianer Colapesce und Dimartino ihren weltrettenden Vorschlag: „Musica Leggerissima“, leichte Unterhaltungsmusik.

Metti un po‘ di musica leggera, perché ho voglia di niente …
Leg ein bisschen leichte Unterhaltungsmusik auf, ich habe gerade zu nichts Lust …

Zweimal erst fuhr ich nach dem Festival für fünf Minuten Auto (die Lombardei rutschte gerade wieder von einem „verstärkten Dunkelorange“ in die Rote Zone des absoluten Shutdowns), und ratet mal, was dabei im Radio lief. Aber es ist kein Zufall, denn auch die offiziellen Zahlen bestätigen, dass es „Musica Leggerissima“ bereits in der Woche vom 5. bis 11. März auf Platz Eins der meistgespielten Songs bei den italienischen Radiostationen gebracht hat.

Ich will ehrlich sein: Als wir den Titel das erste Mal auf der Showbühne von Sanremo sahen, griffen wir uns buchstäblich an den Kopf. Wer waren diese zwei altmodisch gekleideten Typen, um bei den „Big“, den Großen, anzutreten? Wir kannten sie nicht. (Müssen aber auch zugeben, dass wir keine professionellen Beobachter der aktuellen italienischen Musikszene sind, sondern unsere Kenntnisse aus dem Spektrum der von uns mehr oder weniger regelmäßig gehörten anderthalb Radiosender und TV-Musikkanäle beziehen.) Diese Herren sangen einen seichten Schlager, wie man in Deutschland sagen würde, hampelten grotesk herum, und eine im Aerobic-Stil der 80er-Jahre gekleidete Rollschuhfahrerin drehte zwei nette Pirouetten dazu.

Am zweiten Abend erwischte ich meinen Mann dabei, wie er auf der Couch sitzend die Wahnsinns-Choreo (MUSICA LEGGERISSIMA – TUTORIAL) mit den Armen imitierte und selig grinste. Ich blieb weiter stur, so schnell ließ ich mich nicht einlullen.

Am Finalabend mussten wir eingestehen, dass uns der Titel bereits wie ein verdammter Wurm ins Ohr gekrochen war, wir wippten mit den Füβen im Takt und machten längst keine dummen Bemerkungen mehr. Tatsächlich reichte es zu Platz Vier, Colapesce und Dimartino verpassten nur knapp das sogenannte Superfinale, die Endabstimmung zwischen den ersten Drei.

Als ich ihren Song dann zum ersten Mal im Autoradio hörte, drehte ich laut auf und pfiff den gepfiffenen Teil mit. Spätestens in diesem Moment kürte ich den neuen Ohrwurm für mich zum Song, der dieses Frühjahr 2021 repräsentiert.

Nun will ich euch hier nicht mit einer Übersetzung des gesamten Textes langweilen, am besten seht ihr euch das offizielle Video an. Die Bilder sprechen für sich, besser als der Text allein es vermag.

Nur so viel:

Metti un po‘ di musica leggera, nel silenzio assordante. Per non cadere dentro al buco nero che sta ad un passo da noi, da noi … Leg ein bisschen leichte Unterhaltungsmusik auf, in dieser ohrenbetäubenden Stille. Damit wir nicht in das schwarze Loch fallen, das nur einen Katzensprung von uns entfernt liegt …

Was meint ihr: Lenkt uns leichte Unterhaltungsmusik nur zu lange davon ab, den Abgrund zu sehen, auf den wir uns zubewegen? Oder kann sie helfen, gerade in frustrierenden Situationen wie dieser Pandemie, die nicht enden zu scheint, den Verstand nicht zu verlieren und den Optimismus zu bewahren, der uns hilft, weiterzuleben und nach vorne zu schauen?

Foto: Aus dem offiziellen Video Colapesce, Dimartino – Musica leggerissima