Schönen Frauentag!

Wenn dies das Bild von uns Frauen ist, dann: Herzlichen Glückwunsch!

(Schaufensterwerbung einer italienischen Drogeriemarktkette, Februar 2023: „Bella tu, bella la tua casa.“ ‒ Du bist schön, dein Heim ist schön.)

Und hier nochmal in voller Pracht. Man beachte die Pumps „Tacco dodici“ (zwölf Zentimeter hohe Absätze), die eine moderne Hausfrau trägt:

Eine Nacht in Turin

Ich bin eine Frau der schnellen Entscheidungen. Zumindest, was Hotelbuchungen betrifft. Vermutlich ist meine Ruck-Zuck-Fertig-Strategie ein instinktiver Gegenentwurf zu den tage- oder vielmehr nächtelangen Prüfprozessen, die mein Mann bei Reisebuchungen exerziert. Seit es nicht mehr nur Webseiten und Street-Maps anzuschauen, sondern auch tausendundeine Rezension zu studieren gibt, ist zügiges Entscheiden für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Zu teuer, zu billig, zu hoch in den Bergen, zu dicht am Wasser. Wenn alles passt, findet er garantiert eine Bewertung, in der sich ein Gast vor zwei Jahren beschwerte, dass ihn am Mittwoch in aller Herrgottsfrühe die Altglas-Container-Leerung um den Schlaf gebracht hat, da sein Zimmer im Seitenflügel lag und das Fenster zum Hof hinausging. Oder dass es beim Frühstück nur Kaffee aus dem Automaten gab und das Personal mit dem Nachfüllen der Kaffeebohnen nicht hinterherkam. Irgendwas ist immer. Wenn die italienischen Bewertungen zufriedenstellend ausfallen, muss ich checken, was die deutschen Gäste denn meinen. Wie im Volksmund vor der Hochzeit, so scheint für meinen Gatten bei der Hotelbuchung die Devise zu gelten: Drum prüfe wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet. Wenn es aber nur um eine Nacht geht, also bitte!

Am vergangenen Wochenende waren wir in Turin. Bereits im November hatte ich uns kurzentschlossen Karten für die Eiskunstlaufshow CINEMA ON ICE besorgt und die nächstgelegene Unterkunft, ein 4-Sterne-Hotel, gleich dazugebucht. Es war eine kluge Entscheidung gewesen, am Abend zu Fuß zur Olympischen Eissporthalle PalaVela zu gehen. Das Parkchaos rund ums Gelände könnt ihr euch nur vorstellen, wenn ihr schon mal in Italien oder anderen Ländern gewesen seid, in denen man es mit den vorgeschriebenen Parkflächen nicht so genau nimmt wie in Deutschland. (Oder ihr lest nochmal nach, was ich zum Thema italienische Parksünden schrieb.)

Zu meiner spontanen Hotelbuchung im November bekam ich nur ein beiläufiges „Sì, sì, va bene.“ zu hören. Zwei Wochen vor der Reise wurde mein Mann aktiv. „Che albergo hai trovato? Ma è bello?“ (Was für ein Hotel hast du gefunden? Ist es denn schön?) Schnell rückte ich mit meinem Hauptargument, dass es sich fußläufig zum Veranstaltungsort befände, heraus. „Do una occhiata anche io, va.“ (Ich schau mir das auch mal an.) Oh je! Ich sah ihn seine Zeit verplempern und meine Nerven strapazieren. Zum Glück hatte ich noch einen weiteren Triumph in der Hand. „È un NH“ (Es ist ein NH*), säuselte ich mit hoher Stimme, in der Hoffnung, mein Mann würde sich an unsere zahlreichen gelungenen Aufenthalte in ebendieser Hotelkette erinnern. Ich weiß nicht, was sonst noch dazu beitrug ‒ womöglich hatten wir in jenem Moment anderes zu erledigen ‒ denn er gab sich tatsächlich ohne eigene Recherche zufrieden. Erst am Abend vor der Reise schaute er sich den Zielort genauer an. „Sai, che era la vecchia fabbrica della Fiat?” (Weißt du eigentlich, dass es das ehemalige Fiat-Werk ist?) Ja, irgendetwas hatte ich da gelesen. Ich sagte: Interessant, nicht wahr? Ich dachte: Hm, ein Firmengelände, nun ja. „Ma avevi visto, che si trova in un centro commerciale?” (Aber hast du auch gesehen, dass sich das Hotel in einem Einkaufszentrum befindet?) Ähem. Nein, das war mir entgangen. Verlockend klang das nicht. Egal, es wäre ja nur für eine Nacht. Innerlich bereitete ich mich auf meine Verteidigung vorm Obersten Familiengericht vor. Obwohl: In einem Einkaufszentrum könnten wir bei schlechtem Wetter zumindest die Mädchen glücklich machen.

Ich habe bisher nur selten vollkommen danebengelegen mit meinen Hotelreservierungs-Quickies. Was diesmal dabei herauskam? Das erfahrt ihr demnächst. Stay tuned!

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Sweet Sixteen

Welches ist das beste Alter, wann die beste Zeit? Gibt der italienische Film Gli anni più belli (in deutscher Fassung unter dem Titel „Auf alles, was uns glücklich macht“) ‒ großes Drama, ein bisschen Komödie ‒ Antwort auf diese Frage? Der Film erzählt die Geschichte von vier Freunden, die Anfang der 80er-Jahre im Alter von 16 eine unzertrennliche Clique waren und vermeintlich ihre beste Zeit hatten. In diesem legendären Alter, in dem man meint, die ganze Welt würde einem offenstehen. In dem man hört: Du hast das Leben noch vor dir! Stimmt sogar, ganz objektiv betrachtet. Warum gibt es dann in dieser grandiosen, alles versprechenden Zeit so viele Zweifel, so viel Missmut? Auch unsere Große ist gerade 16 geworden. Sie empfindet den gleichen Weltschmerz, den ich selbst ein wenig später hatte, um den 17. Geburtstag herum. Es ist das Gefühl, etwas zu verpassen. Plötzlich scheint das Leben schneller zu fließen. Diese wunderbare Fähigkeit im Augenblick zu leben, die unsere frühe Kindheit prägt, ist verloren gegangen. Das junge Menschenkind hat alles vor sich und es will alles sofort. Na ja, vielleicht nicht gleich alles, aber sehr viel. Große Gefühle. Freundschaft, die unzertrennliche. Bauchkribbeln. Vielleicht schon Liebe oder das, was es sich davon erträumt. Ist es der Tochter da ein Trost, wenn die Mutter damit anfängt, dass sie in ihrem Alter dieselben Probleme hatte? Außer Schule und Sport nix los. Interessante Jungs auf dem Kieker, aber keinen an der Angel. Freundinnen auf Zeit, Zweckbeziehungen, die bei der erstbesten Gelegenheit abtrünnig werden. Wenn es womöglich Spannenderes zu erleben gibt. Mit den anderen, die immer im Mittelpunkt stehen. (Damals die, die in der Hofpause das Sagen hatten, heute die mit den coolsten Stories auf Instagram). Ich bin froh, dass meine Tochter mir ihre Traurigkeiten anvertraut, auch wenn ich nur mit Lebenserfahrung punkten kann. Ich rede ihr gut zu, lache, ohne sie auszulachen. Ich rate ihr, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen, nichts auf dumme, arrogante Bemerkungen zu geben, aber auch nicht jeden Kommentar auf die Goldwaage zu legen oder überhaupt auf sich zu beziehen. Dabei weiß ich genau, was leicht gesagt und schwer getan ist. Ich erinnere mich gut, wie die emotionalen Achterbahnfahrten zustande kamen. Die Vorfreude und Aufgeregtheit, die Sehnsucht nach ausgelassenen Stunden mit Freundinnen und der Tritt in die Magengrube, wenn es ganz anders lief als verhofft. Die gespitzten Ohren, wenn die anderen über IHN sprachen, wenn sie lachten und über ein Mädchen herzogen, dass ER voll bescheuert fände. Dann dachte ich, dass sie zweifelsfrei von MIR sprechen mussten. In einem Fall erfuhr ich später, um wen und was es bei so einem Getuschel tatsächlich gegangen war. Wie oft hatte ich mich getäuscht? Die meisten Situationen waren meine trüben Gedanken nicht im Ansatz wert gewesen. Ja: Es ist die beste Zeit, aber vielleicht auch die schwierigste. Überschwängliche Erwartungen ziehen die Enttäuschung schon im Schlepptau hinterher. 

Und doch: Träume, liebe Tochter! Du wirst sehen: Wenn du gar nicht daran denkst, an einem Tag, an dem du nichts erwartest, wird plötzlich alles stimmen und du das glücklichste kleine Menschenkind auf Erden sein. Und die Welt wird dir zu Füβen liegen. Bis dahin ist auch ein Zitat aus dem oben genannten Film ein passender Ratgeber. Giulio sagt zu seiner Tochter: „Geh niemals Kompromisse ein … für nichts und niemanden, für dich muss es stimmen, nicht für die anderen.“

Titelfoto: Symbolbild von Openverse.

Sanremo, Made in Italy

Vor zwei Jahren berichtete ich an dieser Stelle von einem fünftägigen Ausnahmezustand: dem Phänomen „Festival della Canzone Italiana“, nach dem Festspielort auch einfach „Sanremo“ genannt. Damals befanden wir uns gerade im (dritten?) Lockdown und ich stellte fest, dass mir im Homeoffice die Pausengespräche mit den Kollegen zum besagten Thema fehlten. In diesem Jahr, in dem wir alle und momentan auch alternativlos im Büro sind, sprachen wir wieder über das Festival, das vom 7. bis 11. Februar über die Bühne ging. Weniger in der Kaffeepause als zwischendurch bei der Arbeit. Dabei hatte ich an den ersten vier Abenden nur jeweils zwei Stunden live mitgeschaut. Ich meine mich zu erinnern, dass die Sanremo-Abende einmal bis nach Mitternacht gingen. Jetzt sind sie noch nicht einmal nachts um eins zu Ende. Das macht aber nichts, denn man hört vom Rest des Abends am Morgen danach im Radio und bekommt die Höhepunkte auf allen Kanälen noch mehrmals um die Ohren geschlagen. Und da spreche ich nicht von der Musik. Die heiß diskutierten Höhepunkte sind Themen, Skandale und Gastauftritte neben den 28 (!) Canzoni im Wettbewerb. Gleich am ersten Abend war erstmals kein Geringerer als Präsident Sergio Mattarella persönlich zu Gast. Vor ihm und den Millionen Zuschauern am Bildschirm inszenierte Schauspieler und Komiker Roberto Benigni in gewohnter Theatralik ein Loblied auf die vor 75 Jahren in Kraft getretene italienische Verfassung. Große Teile seines Monologs widmete er dem Paragrafen 21 zur Meinungsfreiheit ‒ eine Art Leitmotiv für das Festival. Die wechselnden VIP-Moderatorinnen (u.a. Italiens einflussreichste Influencerin Chiara Ferragni und die italienische Nationalmannschafts-Volleyballerin Paola Egonu) brachten mit der Wahl ihrer Kleider und Accessoires sowie bedeutungsschweren Monologen gesellschaftliche Themen unserer Zeit ‒ Rassismus, Homophobie, Freiheit in Sachen Kinderwunsch, Respekt vor dem eigenen Körper u.a. ‒ zur Sprache. Der Wettbewerbsbeitrag des Rappers Rosa Chemical, sein „politisch inkorrekter“ Song gegen Bigotterie und für freie Liebe ohne Stereotypen mit dem werbewirksamen Titel „Made in Italy“, wurde bereits im Vorfeld im Parlament diskutiert. Die Anklage führte eine Abgeordnete von Giorgia Melonis rechtspopulistischer Partei „Fratelli d’Italia“, Maddalena Morgante. Mich beeindruckte besonders Morgantes Argument, dass man doch im öffentlichen Fernsehen, in einer Sendung, die sich Kinder im Kreis ihrer Familie ansehen, nicht solch unchristliches Zeug zeigen dürfe. Moment mal, Kinder? Zu nächtlicher Stunde vor dem Fernseher? Und am Morgen darauf früh zur Schule? Welch pädagogisch wertvolles Konzept. Complimenti! Auch die anderen rechten Bündnisparteien, namentlich die Vorsitzenden Berlusconi von „Forza Italia“ und Salvini von der „Lega Nord“, spürten während und nach dem Musikfestival den Drang, sich öffentlich den Mund zu zerreißen. Politik, zumal vermeintlich linksgerichtete, Genderthemen und neben Amore auch Sesso thematisierende Liedtexte hätten auf der Bühne des Festivals, das einmal Symbol der „christlichen italienischen Hochkultur“ (sinngemäß) war, nichts zu suchen. Tja, der „kulturelle Verfall“ ist wohl nicht aufzuhalten, ihr lieben konservativen Politiker. Der Chefmoderator und künstlerische Leiter Amadeus reagierte auf die Kritik des Lega-Chefs im Rahmen einer Pressekonferenz, Salvini bräuchte Sanremo ja nicht zu gucken, wenn es ihm nicht zusage. Bingo, sage ich. Zur Meinungsfreiheit gehört die freie Wahl des Fernsehprogramms. Die Italiener haben unbeeindruckt von aller Polemik und öffentlichem Gezeter vor den Bildschirmen abgestimmt. Den Finalabend am Samstag sahen über 12 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil (Share) von 66 Prozent entspricht (meine Wenigkeit hielt bis Mitternacht durch, der Sieger wurde um halb drei (!) Uhr nachts gekürt). Mit einem Mittelwert von 63 Prozent über alle fünf Abende lag damit 2023 der Marktanteil der Show so hoch wie seit dreißig Jahren nicht mehr (Quelle: rainews.it). In meinem Morgenradio äußerte ein Journalist an einem dieser Tage die originelle Vermutung, dass es sich beim Festival um ein einziges großes, raffiniert ausgeklügeltes Ablenkungsmanöver handelt. Man müsse aufpassen, dass nicht irgendwer profitiert und unpopuläre Regelungen einführt, die so gut wie unbemerkt passieren würden. Eine Woche oder länger ‒ die Tage vor und nach dem Festival mitgerechnet ‒ sprechen die Italiener von wenig anderem als Sanremo. Sei es am Stammtisch, bei der Arbeit, in den sozialen Medien. Ob die sehr niedrige Wahlbeteiligung bei den Regionalwahlen am Sonntag und Montag womöglich auch auf den Sanremo-Effekt zurückzuführen ist? Bei uns in der Lombardei nahmen diesmal nur knapp 42 Prozent der Wahlberechtigten den beschwerlichen Gang zur Urne auf sich. 2018 waren es 73 Prozent gewesen (Quelle: elezioni.repubblica.it). Meinen Mann konnte ich jedenfalls mit dem Argument der Wahl am späten Sonntagnachmittag vom Sofa zerren. Ratet, was im TV lief! Bei Rai1 sendete „Domenica In“ noch immer aus dem Ariston-Theater, um das Festival gebührend Revue passieren zu lassen.

Nun habe ich euch hier mit der neuen gesellschaftspolitischen Dimension des italienischen Songfestivals gelangweilt, dabei geht es in meiner Beitragskategorie doch um die berühmte Musica Italiana. Die hat mit dem diesjährigen, nach 2013 bereits zum zweiten Mal triumphierenden Gewinner Marco Mengoni und seinem Song „Due Vite“ wieder eine klassische Ballade in bester italienischer Pop-Tradition aufs Siegerpodest gebracht. So gehen Tradition und Zeitgeist beim Festival in Sanremo eine spannende Verbindung ein. Ich freue mich auf einen neuen Show-Marathon im nächsten Jahr.

Der Festival-Sieger 2023: Marco Mengoni
Rosa Chemical performte sich auf den 8. Platz

Zum Titelbild: Im Sommer waren wir einen Tag in Sanremo, wo ich unserer jüngsten Tochter, der kleinen Sängerin, das berühmte Ariston-Theater zeigte. „Ein Kino, und?“, meinte sie enttäuscht. Ich musste ihr recht geben: Unter der sengenden Mittagshitze im August und jenseits des großen Events im Februar präsentiert sich der Ort des Spektakels nicht halb so glamourös. Im Fernsehen ist eben mehr Lametta.

Mailand, du schöne Nervensäge

„Nie wieder Milano!“, schimpft die Tochter. „Berlin, Dresden, Amsterdam, Bologna … überall ist es besser als hier bei uns in Mailand.“ Dabei war sie es gewesen, die mich ein paar Tage zuvor vor vollendete Tatsachen gestellt und diesen Sonntagsausflug in die Landeshauptstadt auf den Plan gesetzt hatte.

Mamma, non ho più vestiti.” (Mama, ich habe keine Klamotten mehr.)

Da hilft nur ein Shoppingtrip in die Modemetropole, in dem es andere als die üblichen zwei oder drei Läden gibt, in denen unsere Große in Varese gewöhnlich fündig wird. Also gut, Mailand. Sie hat recht, dass wir viel zu selten hinfahren. Aber Mailand kostet Geld und Nerven. Egal! Ich bin guter Dinge und voller Elan. Wir fahren mit dem Zug. Am Wochenende ‒ ohne Berufs- und Universitätspendler ‒ reist es sich angenehm. Zu zweit bleiben auch die Kosten im Rahmen. Ja: Wir lassen den Rest der Familie daheim, weder der Papa noch die kleine Schwester könnten uns bei der Klamottenjagd behilflich sein. Im Gegenteil. Ich als Mutter bin geduldig und leidensfähig, wenn es heißt, sich durch Reihen von Kleiderständern zu schieben, an Umkleidekabinen und Kassen zu warten. Ich freue mich, wenn wir hübsche Sachen finden und meine Große glücklich ist. Selbst würde ich in keinen der Läden gehen. Pures Windowshopping wäre perfekt, das mag ich sehr. Vor allem nach so langer Abstinenz. Ich war doch tatsächlich zuletzt im März 2021 in Mailand. Meinen „verbotenen“ Bummel genoss ich damals besonders. (Wer gerne nachlesen will, bitte hier entlang!)

Als wir am frühen Sonntagnachmittag an der Stazione Milano Cadorna aus dem Zug steigen, präsentiert sich die lombardische Hauptstadt von der besten Seite. Die Sonne wärmt die kalte Januarluft gnädig an, und ich strahle mit ihr um die Wette. Ich freue mich, wieder hier zu sein. Den Weg ins Zentrum kenne ich gut, vorbei am imposanten Castello Sforzesco bis hin zum Mailänder Dom mit der goldenen Madonnina. Immer geradeaus. Ganz einfach. Ich renne nicht, ich bummele, will die Stadt, die Stimmung aufsaugen. Laufe langsam, um die eleganten Auslagen zu betrachten, die Werbespots an den großen Leinwänden anzusehen, hübsche architektonische Details an den Gebäuden zu bestaunen. Hin und wieder bleibe ich stehen, um zu fotografieren. Meiner Begleiterin dauert das alles zu lange. Sie will in die Geschäfte, die sie sich zuvor im Internet ausgeguckt hatte. Vor dem Dom, der unter azurblauem Himmel weißer als sonst strahlt, diskutieren wir laut und gestenreich. Ich will links an ihm vorbei, den Corso Vittorio Emanuele II entlang, die Tochter setzt auf ihr Smartphone und schlägt eine andere Richtung vor. Nach ein paar Schritten zögert sie, geht zurück, dann wieder anders. Endlich ist sie sicher: „Da geht’s lang!“ Wir laufen also in eine andere Geschäftsstraße als die, die ich im Sinn hatte. Aber wo waren die gewünschten Läden? Schönen Dank ans Navigationssystem! Wir sind jetzt schon anderthalb Stunden unterwegs, eine Kaffeepause wäre nett. Leider gibt es mehr Geschäfte (nicht die, die wir suchen) als Bars. Und die wenigen Bars sind rappelvoll. Wir möchten uns hinsetzen, eine Toilette wäre auch nicht schlecht. Nein, eine Toilette müssen wir sogar dringend finden, verlangt die Tochter. Ich hatte extra wenig getrunken und bin wild entschlossen, notfalls durchzuhalten. Meine gute Laune lasse ich mir nicht verleiden. (Wie es nerven konnte, mit kleinen Kindern und ungeduldigen Begleitern unterwegs zu sein, wenn es immer nur darum geht, etwas zu essen oder eine Toilette zu finden. Mit meiner Großen wäre das entspannter. Hatte ich gedacht.) Wir ziehen notgedrungen weiter, finden auch endlich die richtigen Geschäfte (nämlich dort, wo ich ursprünglich langwollte), doch es ermüdet auch mich zusehends, keine Pause einzulegen. Noch dazu sind viele Läden hoffnungslos überheizt. „Alla faccia del risparmio!” (So viel zum Thema Sparen!), protestiere ich gut hörbar vor mich hin. Dabei hängen überall die Plakate der Stadt Mailand in den Schaukästen, die ihren Bürgern vor dem Hintergrund der hohen Energie- und Benzinkosten Verhaltensempfehlungen geben. Neben hilfreichen Tipps, öffentliche Verkehrsmittel sowie Treppen (anstelle von Aufzügen!?) zu benutzen, gibt es auch den Hinweis, die Temperatur auf 19 Grad zu regulieren. Gefühlt sind es zehn Grad mehr in den Klamottenläden, in denen uns noch mit der Jacke über dem Arm schlecht ist vor Hitze.

Der Nachmittag geht langsam in den frühen Abend über und das Gedränge nimmt noch zu. Schon dreimal waren wir an einer kleinen Bar vorbeigelaufen, die der Tochter nicht zusagte. Als wir keine Alternative finden, spreche ich ein mütterliches Machtwort. Wir kehren um, setzen uns an den letzten freien Tisch draußen auf der Straße. Mein Stuhl steht direkt unter einem Heizstrahler. Es ist ‒ ihr ahnt es ‒ zu warm. Egal! Mein Optimismus ist unerschütterlich. Guten Mutes bestellen wir etwas zu trinken, ich betrete den kleinen Innenraum, bezahle und frage nach dem stillen Örtchen. Es geht eine schmale, steile Treppe in den Keller hinunter, zwischen Vorratsregalen und Pappkartons warten bereits eine ältere Dame und ein junger Mann vor einer Toilettentür. Ich habe Geduld, notgedrungen. Doch dann geht alles schneller als gedacht. Als ich endlich an der Reihe bin, reicht mir ein Blick in die Örtlichkeit und ich wasche mir lediglich die Hände, bevor ich protestierend das Lokal verlasse. Es war ein „WC alla turca“ (Stehklo oder Hocktoilette). Man führt hier in Italien gern das Argument einer vorteilhafteren Hygiene im Vergleich zum Sitzklo an. Dem kann ich wenig Glauben schenken, in Anbetracht des verschmutzen Bodens, den man betritt und möglicherweise mit Rockzipfeln und Hosensaum streift. In historischen Ortskernen und entlegenen Bergdörfern sind wir auf Stehklos gefasst, aber im Zentrum einer der teuersten Metropolen Europas? Bei solchen Preisen im Lokal? Ich bin entsetzt und nahe daran, meinen guten Willen zu verlieren. Verzweifelt geht meine Tochter ins Fastfood-Restaurant nebenan, auch sie kommt augenblicklich zurück. Kein Klopapier, keine Seife. Ich statte sie mit Papiertaschentüchern und Feuchttüchern aus und warte geduldig vor dem überfüllten Lokal. Mittlerweile stehen auch unsere Rückfahrpläne in den Sternen. Wir beschließen, nun gleich noch früh zu Abend zu essen und finden zwei Ecken weiter, direkt neben dem Dom in einer Querstraße, ein modernes Lokal. Es ist nicht nur hübsch eingerichtet und führt eine ansprechende Auswahl netter Speisen. Nein, es verfügt auch über mitteleuropäischen Hygienestandards entsprechende Sanitäreinrichtungen. Na also! Wir genießen diese letzte Etappe unserer Mutter-Tochter-Tour, snacken, plaudern, gucken Leute und schicken dem Rest der Familie dekorative Food-Fotos nach Hause. Ende gut, alles gut. Zwei Tüten voll Einkäufe für das arme Kind ohne Klamotten haben wir auch ergattert.

Auf dem Rückweg im Dunkeln ist es die Tochter, die fasziniert vor den angestrahlten Gebäuden zum Fotografieren stehenbleibt. Jetzt muss ich drängeln, damit wir die Abfahrt nicht verpassen. Später im Zug schläft meine kleine Shopping-Queen erschöpft ein. Auch ich kämpfe mit der Müdigkeit. Es ist die übertriebene Heizung (!) im Abteil, die mich ins Delirium versetzt. Und doch: Alles in allem würde ich es wieder tun, an einem Sonntagnachmittag nach Mailand fahren. Jetzt wissen wir, wo es langgeht und wo man eine gepflegte Pause einlegen kann. Sagt Bescheid, wenn ihr einmal durch die Mailänder Geschäfte toben wollt, ich nenne euch gern die Namen der beschriebenen Lokale. Die zum Vermeiden, und die zum Besuchen.

Fotos: Eigene Aufnahmen vom 22. Januar 2023. Titelfoto: Piazza del Duomo.

Nie wieder Homeoffice?

Schöne neue Welt, wo bist du geblieben? Von „New Work“ ist nicht mehr viel übrig. Klar war die Sache mit dem Homeoffice eine Medaille mit zwei Seiten. Als wir im März 2020 Hals über Kopf und vor allem unvorbereitet in diese Situation schlidderten, taten wir uns schwer. Früher oder später lief es besser, wir richteten uns ein. Das Auto blieb stehen und wir hatten mehr Zeit für die Familie. Doch irgendwann fiel uns die Decke auf den Kopf, fehlte der echte Kontakt zu den Kollegen, fühlten wir uns wie Zombies im immer gleichen Trott. Das Homeoffice wurde zum Höhlenoffice. (Mein Bloggerkollege Herr T. aus Berlin schrieb dazu eindrückliche Beiträge.) Wir betrachteten es mit Humor, um durchzuhalten. Später war es andersherum: Die Rückkehr ins Büro fiel schwer. (Der Kollege schrieb auch hierzu sehr schön.) Ich selbst war zwiegespalten, was nun angenehmer für mich und die Familie, was vorteilhafter für die Arbeit war. Bei allem Für und Wider war schnell klar: Vorteilhafter für die Umwelt, die wir doch retten wollen, ist das Homeoffice. Und auch die Medien waren sich einig: Nach der Pandemie würde die Arbeitswelt nicht mehr die Alte sein. Arbeitsformen würden flexibler werden, hybride Lösungen starre Präsenzpflichten ersetzen. Ein bisschen Büro, ein wenig Homeoffice ‒ ganz so, wie es für Arbeitgeber und Arbeitnehmer passt.

Und heute? Es gibt viele Firmen, die haben die Präsenzpflicht schneller als man denken kann wieder eingeführt. Wenn ich (rein informativ, versteht sich) nach Stellenausschreibungen schaue, finde ich nicht eine, wo ich durchgängig im Homeoffice arbeiten könnte, weil der Firmensitz außerhalb meiner Reichweite liegt. Präsenz ist back! Ich erlebe das jeden Morgen an der Grenze. Im Stau. Seit Sommer 2022 bin ich wieder voll im Büro, mit der Möglichkeit, mich auch mal von daheim dazuzuschalten. Als die Kinder plötzlich krank waren oder ich selbst einen Arzttermin hatte, habe ich davon gern Gebrauch gemacht. Und wenn es mal weniger Tagesgeschäft und größere Projekte gäbe (die stehen bei uns in den Startlöchern), hätte ich an denen gut von daheim aus arbeiten können. Denkste! Seit gestern ist Schluss mit lustig. Und zwar für alle „Frontalieri“ (Grenzgänger) aus Italien. Während des sogenannten Gesundheitsnotstandes Covid-19 gab es ein Abkommen zwischen der Schweiz und Italien, das „Telelavoro“ (Telearbeit) ermöglichte. Die einvernehmliche Regelung lief am 31. Januar aus, und das italienische Finanzamt nimmt dazu aktuell wie folgt Stellung: Ab dem 1. Februar 2023 wird ein Grenzgänger, der in einer Grenzgemeinde wohnt und auch nur einen (!) Tag lang Telearbeit leistet, in Italien mit seinem gesamten (!) Jahreseinkommen steuerpflichtig.* Man müsste also, nachdem das Einkommen bereits in der Schweiz besteuert wurde, das gesamte Bruttojahresgehalt auch in Italien vorlegen, um den nach Abzug der Schweizer Quellensteuer noch „offenen“ Steuerbetrag in Italien zu bezahlen. Eine Rechnung, die nicht aufgeht, liegt doch unserem Gehaltsniveau in der Schweiz der Steuervorteil im Vergleich zu Italien zugrunde. Dass es mit ein bisschen gutem Willen auch anders geht, beweist Frankreich. Franzosen, die zur täglichen Arbeit in die benachbarte Schweiz pendeln, dürfen nach der aktuellen Übereinkunft bis zu 40 Prozent der Zeit, also zwei Tage pro Woche, ihre Aufgaben im Homeoffice erledigen, ohne dass sich steuerliche Konsequenzen daraus ergeben.** 

Die Bestürzung bei uns Grenzgängern ist riesig. Vielleicht sollte der Schweizer Kanton Tessin von Rom Ausgleichszahlungen für die Abgasbelastung durch das erhöhte Verkehrsaufkommen fordern, um ein bisschen Druck zu machen? Immerhin: Eine Absichtserklärung, die Sache zu regeln, gab es gestern. (Der italienische Senat erteilte grünes Licht für die Ratifizierung eines neuen Abkommens zwischen Italien und der Schweiz über die Besteuerung von Grenzgängern. Gleichzeitig wurde die Verpflichtung eingegangen, für die Frage der Telearbeit eine endgültige Lösung zu finden.***) Hoffen wir, dass der Absicht bald praktikable Regelungen folgen. Mein Mann, auch er Frontaliere, arbeitete bis zuletzt einen Tag pro Woche zuhause. Ich kenne einige, die sogar mehr Homeoffice-Zeit hatten, einfach weil es der Charakter ihrer Arbeit zuließ und sie in Ruhe daheim auch produktiver waren, Software-Entwickler beispielsweise. Jetzt setzen sich alle wieder jeden gottverdammten Tag ins Auto, um sich an der Grenze in den Stau zu stellen und die Umwelt zu verpesten. Schöne neue Welt!

Quellen: *OCST: zum Artikel / **Swissinfo: zum Artikel / ***Corriere della Sera Milano: zum Artikel

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Bewölkter Tag

oder: Smart waschen will gelernt sein

Neulich war es mal wieder so weit: Ein Haushaltsgerät gab nach wenigen Jahren ‒ für meinen Geschmack viel zu früh ‒ seinen Geist auf. Unsere Waschmaschine wusch noch, tanzte aber schon längere Zeit beim Schleudern trotz Rutsch-Stopp-Unterlagen unkoordiniert über die Fliesen. Als sie zusätzlich noch damit anfing, untenrum Wasser zu verlieren, war es wohl oder übel Zeit für eine Neuanschaffung. Warum übel, werdet ihr euch fragen. Nun ja, ich tue mich schwer mit neuer Technik. Ganz allgemein, und mit der immer neueren Technik sowieso. Smart fand ich das solide AKA electric RG28, ein elektrisches Handrühr- und Mixgerät aus DDR-Produktion, das meine Schwester bis vor wenigen Jahren benutzte. Stiftung Warentest bestätigte dessen Unverwüstlichkeit in einem erst im Jahr 2020 durchgeführten Test und betitelte den Kultmixer aus dem Osten „Held der Arbeit“. Helden der Arbeit wollen heutzutage weder die Menschen noch die Elektrogeräte sein. Ein Smart Home ist das neue geile Spiel, per App macht’s mehr Spaß und wie es für Spiele nun mal typisch ist, geraten sie schnell aus der Mode oder geben ihren Geist auf. Entsprechende Erfahrungen mussten wir mit Kaffeeautomaten machen. Noch arrangieren wir uns mit den Macken des bereits zweiten eleganten Geräts der gehobenen Preisklasse. Danach möchte ich, nach all den hohen Erwartungen und immer neuem Frust, zur guten alten Moka zurück. Wenn es nach mir geht. Geht es aber nicht, schließlich lebe ich in einer Wohngemeinschaft, Familie genannt, und da haben auch andere ein Wörtchen mitzureden. Sind es bei euch eigentlich auch die Herren des Hauses, die auf die neue smarte Technik schwören und nie den Spaß an neuen Spielereien verlieren? Während Frauen von der guten, alten, einfachen Zeit träumen? Als es noch Ein/Aus-Knöpfe gab, man mit dem Löffel eigenhändig umrührte und selbst kontrollierte, ob etwas fertig war.

Aber zurück zur aktuellen Neuanschaffung in Sachen Smart Home, unserer Waschmaschine. Nach dem misslungenen Versuch, aus der beiliegenden Gebrauchsanweisung schlau zu werden (sie enthält mehr Seiten Warnhinweise als Funktionsbeschreibung), bestand ich darauf, die erste Wäsche mit dem Drehschalter direkt am Gerät zu programmieren. Mein Mann wollte das partout im neuen Remote-Modus erledigen. Wir standen also beide vor dem Gerät, er tippte und wischte eifrig auf seinem Smartphone herum. „Was machst du da?“, fragte ich nervös. Der verzweifelte Ton in meiner Stimme ließ ihn kalt. „Das muss doch auch so gehen!“, beharrte ich, während meine Anspannung stieg. Ehe wir uns versahen, drohte eine mittelschwere Ehekrise. „Das mit dem Handy kannst du mir dann immer noch zeigen“, grummelte ich und dachte, dass es mich eigentlich gar nicht interessiert. Ohne dass ich darum gebeten hatte, hatte mir mein Mann bereits die entsprechende App auf dem Handy installiert, damit ich mit der Maschine kommunizieren kann. Er argumentierte zuallererst damit, dass die App meldet, wenn das Programm beendet ist. Diesen Vorteil kann ich nachvollziehen. Dazu muss ich erklären, dass unsere Waschmaschine in der „Lavanderia“ (Waschküche) im Keller steht. Bei unserem alten Gerät lief ich manches Mal umsonst hinunter, weil das Programm noch nicht zu Ende war. Manchmal schickte ich meinen Mann nachschauen. Künftig kann er mir nun vom Sofa aus zurufen, dass ich aufhängen gehen kann. Soviel zu den neuen Helden der Arbeit.

Ich gebe zu, generell skeptisch zu sein, was den allzu schnellen technischen Fortschritt betrifft. Zu Zeiten der industriellen Revolution hätte man mich zu den Maschinenstürmern gezählt, heute streite ich mit Mitbewohnern. Aber ich meine: Nicht alles gelingt besser, wenn man es anders und angeblich smart machen soll. Verständlicher wird es jedenfalls nicht. Ich habe im Fall der neuen Waschmaschine das ungute Gefühl, hunderte Optionen und Kombinationen zur Verfügung zu haben, dabei aber nicht zu wissen, welche Funktion nun im konkreten Fall die richtige ist. Bei Waschprogrammen bin ich sowieso der Typ „Gemischtes, 30 Grad“. Da kann man nichts falsch machen, oder? Für Laken und Handtücher gab es beim Vorgängermodell „Baumwolle, 60 Grad“ und für Wolle das Schonprogramm. Nach den ersten Versuchen, eine sinnvolle Wahl zu treffen, stellten wir fest, dass die Programme immer viel länger als zuvor laufen. Ist das nun ökologischer? Ich hoffe doch sehr. Auch war ich es beim alten Gerät gewohnt, das Ende des Programms zeitversetzt zu programmieren. Früh vor der Arbeit füllte ich die Maschine, wählte das Programm und anschließend die Uhrzeit, wann es fertig sein sollte: nach drei oder mehr Stunden. Wenn ich später heimkam, konnte ich direkt aufhängen. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man das mit der neuen smarten Maschine macht. Mein Mann schlug vor, morgens die drei W ‒ Wäsche, Waschmittel und Weichspüler ‒ einzufüllen, die Luke zu schließen, aber das Gerät nicht in Gang zu setzen. Erst aus der Ferne würde ich zum gewünschten Zeitpunkt per App das Programm wählen und starten. Na großartig! Im Büro oder unterwegs habe ich auch nichts anderes zu tun. Ich höre schon meine Kollegen: „Mit wem chattest du da?“ „Mit meiner Waschmaschine.“

Womöglich wird es in der warmen Jahreszeit, in der ich die Wäsche auf dem Balkon trockne, von Vorteil sein, das Programm erst im letzten Moment zu wählen. Man stelle sich vor, am Morgen scheint noch die Sonne, aber schon zwei Stunden später ziehen Wolken auf. Dann kann ich vom Büro aus das Programm „Giornata nuvolosa“ (Bewölkter Tag) wählen und starten. Ich erwarte mir davon, dass die Wäsche dabei einen Tick trockener geschleudert wird. Aber genau weiß ich es nicht, es wird einem ja nicht erklärt. Intuition ist etwas Feines, wenn man sie hat. Ich habe sie bei der neuen Technik meistens nicht. Also heißt es für mich: Probieren geht über studieren. Vielleicht ‒ nein, ganz sicher ‒ werde auch ich mich früher oder später mit meiner neuen Waschmaschine anfreunden. Spätestens an einem wolkenreichen Tag im Sommer.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Glaubensfragen

Neulich fragte ich Rosetta, ob ihr Name vielleicht typisch sei, da, wo sie herkommt. Ich lese auf dem Blog bei Martina Haas, die viele Wochen des Jahres in ihrem Haus in Sizilien verbringt, manchmal von der Nachbarin Rosetta. Ja, schon, sagt meine Rosetta. Aber auch Rosalia, Rosaria, also andere Formen von Rosa. Überhaupt sei es in Sizilien immer noch verbreitet, dem Nachwuchs den Namen oder eine Version des Namens der/des Schutzheiligen des jeweiligen Ortes zu geben. Ah, interessant. So etwas gibt es in Deutschland nicht, behaupte ich. Aber wer weiß, für streng katholische Gegenden in Bayern kann ich nicht sprechen. Als ich Rosetta dann auch noch beichte, dass bei uns keiner den Namenstag feiert und ich sehr überrascht war, dass der hier in Italien neben dem Geburtstag eine Rolle spielt, staunt sie nicht schlecht. Mein Mann hat seinen Namenstag am zweiten Weihnachtsfeiertag, und mittlerweile weiß ich, dass er gern zum Santo Stefano beglückwünscht wird. Ihm auch noch was zu schenken, kommt für mich direkt nach der Bescherung nicht in Frage. Ich feiere auch keine Heilige Anna. Doch zurück zu meinem Gespräch mit Rosetta. Als ich ihr erkläre, dass da, wo ich herkomme, die Kirche, zumal die katholische, nur bei sehr wenigen Menschen eine Rolle im täglichen Leben spielt, fragt sie: Und was ist mit Taufe, was mit der Kommunion? Hm, was soll ich ihr darauf antworten. Dass man auch ohne diese Bräuche gut leben kann? Na ja, sage ich, wer nicht gläubig ist, der lässt seine Kinder eben nicht taufen und das alles. Jetzt werdet ihr sagen, da kommt eine aus Ostdeutschland und erzählt von der Rolle der Kirche in Italien. Nein, das steht mir nicht zu. Aber mein persönliches Empfinden, nach mehr als zwanzig Jahren hier in Norditalien und das unmittelbare Umfeld betreffend, lässt sich so beschreiben: Ja, fast alle Kinder sind getauft. Ja, fast alle Kinder gehen zum Katechismus. Es sind erstaunlich wenige, wenn man schaut, wer von ihnen regelmäßig sonntags oder überhaupt mit den Eltern in die Kirche geht. Meist ist es dann einer der Erwachsenen in der Familie, der darauf besteht. Und vielleicht nur, weil er meint, es würde so erwartet. Von den Nachbarn und Bekannten. Es gehört eben zur Tradition. Wie die Bescherung und der geschmückte Baum zum ostdeutschen Weihnachtsfest gehörten. Auch mein Mann Stefano ist getauft. Seine Eltern waren gläubig? Ach, i wo! Ich frage ihn nach seiner Einschätzung und bestehe darauf, dass er gründlich in seinen Erinnerungen forscht und all seine Freunde und Bekannten durchgeht. Er kennt mit fast fünfzig Jahren persönlich zwei oder drei Menschen, die zweifelsfrei glauben und diesen Glauben auch leben. Vor denen habe ich den größten Respekt.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Provinz ohne Vaterland

„Allerdings irrten die Italiener, wenn sie glaubten, sie würden von manchen Südtirolern grantig behandelt: Tatsächlich verspottete man hier auch die Bayern als Saufbrüder, die Wiener als Schnösel und die Preußen als Angeber. Doch egal wie, Fakt blieb, und nur darauf kam es an: Die Touristen brachten das Geld, und Geld scherte sich nicht um Sprachen, um Grenzen, um die Historie.“

Francesca Melandri

Eva schläft*, Roman, Verlag Klaus Wagenbach, Wagenbachs Taschenbuch 805, 11. Auflage 2022. Seite 313.

Als ich mich Anfang des Jahrtausends mit der Idee befasste, in Italien nach einer Arbeit Ausschau zu halten, kreisten meine Gedanken auch um diese Gegend im äußersten Norden. In Bozen hätte ich als Deutschsprachige bessere Chancen gehabt, so dachte ich, als im Rest des Stiefels mit meinem noch sehr abenteuerlichen Italienisch. Damals ahnte ich nicht, dass ich viel größeres Glück in der Lombardei haben würde. Dort fand ich einen kreativen Job als deutsche Texterin und lernte „richtiges“ Italienisch wie nebenbei. Nach Südtirol kam ich trotzdem viel öfter als in andere Regionen, und das hat auch wieder ein bisschen mit der Sprache zu tun. Südtirol, was Alto Adige heißt, wenn man es vom Süden aus betrachtet, ist das Mekka der deutschen Italienurlauber, die es nicht allzu ausländisch haben wollen. Zu denen gehören auch meine Schwester und ihr Mann, und so kam es, dass ich in meinem allerersten Italienurlaub, der uns bis auf die Insel Elba führte, im schönen Südtiroler Land Zwischenstopp einlegte. Dort war es leicht gewesen, telefonisch ein Zimmer zu reservieren. Während wir auf dem Hinweg in Kaltern übernachteten, war es auf dem Rückweg ausgerechnet Dorf Tirol. Jeschesna!** Ich werde nie diesen bilderbuchähnlichen Ort vergessen, mit all den Rüschen und Dekorationen und mit diesem wie gebügelten, vermutlich grün angestrichenen Rasen. Dort schwante mir, dass es nicht nur die Zweisprachigkeit war, die den Norden vom übrigen Land trennte, sondern vor allem die Kultur. Später, als ich selbst schon eine italienische Familie gegründet hatte, fuhren wir immer mal wieder auf ein paar Tage hoch in die Gegend um Bozen und den Kalterer See, um uns dort mit Verwandten aus Deutschland zu treffen. Das tun wir auch weiterhin. Mein Mann frotzelt immer, dass ich mich um die Buchung kümmern und mich als deutsche Touristin ausgeben solle. Wenn er als Italiener anriefe, würde man womöglich eine Ausrede finden oder gleich auflegen. Vor unserem Südtirol-Ausflug im letzten Mai bestand ich darauf, dass er telefonierte. Mein italienischer Gatte ist, was geschicktes Verhandeln und Vorteile herausschlagen betrifft, il furbo, der Clevere. Nein, man legte nicht auf. Der Gastwirt verwies freundlich auf seine italienisch viel besser als er sprechende Frau, und als die zurückrief, war sie froh, dass sie am Ende mit mir sprechen konnte. Auf Deutsch. Sonderbehandlung gab es also nicht, und die pünktliche Abreise bis allerspätestens zehn Uhr am Sonntagmorgen wurde mir freundlich, aber bestimmt mitgeteilt. Es muss eben alles seine Ordnung haben, und was Ordnung ist, bestimmt der Gastgeber. Dafür würde man uns in der Früh die Brötchen an die Tür bringen. „Nein danke, Frühstück ist uns nicht so wichtig“, sagte ich höflich und dachte, dass es auch viel zu stressig wäre, wenn wir so früh raus müssten. Wir gingen dann zu meiner Schwester, die uns um zehn Uhr in ihrem Apartment ein zünftiges deutsches Frühstück servierte. So werden Kulturunterschiede durch Familienbande einfach ausgeglichen.

Nun habe ich vor lauter Plauderei noch gar nichts über das wunderbare Buch von Francesca Melandri geschrieben. „Eva schläft“ war ihr erster Roman und ist bereits 2010 erschienen. Wie ihr oben seht, habe ich die 11. Auflage der deutschsprachigen Taschenbuchversion gekauft. Muss ich da noch Werbung machen? Nein, das muss ich nicht. Ich will. Selbst wer sich bisher nicht für das besondere Schicksal dieser Region und seiner Bewohner interessiert hat ‒ geprägt von unglaublichem politischem Hickhack seit der Zuschreibung an Italien nach dem ersten Weltkrieg, mit dramatischer Zuspitzung in den sechziger Jahren ‒ wird durch die fantastische Erzählung unweigerlich hineingezogen und dankbar sein, an diesen spannenden Entwicklungen lesend teilhaben zu dürfen. Melandri erzählt dabei immer aus neutraler Perspektive, die Motive der einen wie der anderen Seite vorurteilsfrei ausleuchtend, Verständnis und Respekt fördernd. Natürlich werden die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen als Hintergrund einer fiktiven Lebens- und Liebesgeschichte erzählt. Und auch diese fasziniert auf ganz besonders unterhaltsame und spannende Weise. Pures Lesevergnügen, in jeder Hinsicht.

Aufmerksam auf Francesca Melandri wurde ich durch Barbara von der Kulturbowle. Vorher habe ich bereits den von ihr in der deutschen Fassung „Über Meereshöhe“ rezensierten Roman „Più alto del mare“ in Originalsprache gelesen. Mille grazie, Barbara! Schade, dass es offensichtlich (noch) nicht mit einer Verfilmung von „Eva schläft“ geklappt hat, denn ich würde auch meinem nicht lesenden italienischen Gatten diesen Stoff gerne „unterjubeln“. Zu meinem Erstaunen wusste selbst meine Tochter, die ich während der Lektüre auf die historischen Geschehnisse in Alto Adige/Südtirol ansprach, von all dem leider gar nichts. Sie geht in die „Seconda Superiore“ (entspricht der zehnten Klasse Gymnasium). Vielleicht behandeln sie die verschiedenen Aspekte der italienischen Gegenwartsgeschichte erst später? In jedem Fall werde ich ihr den Roman irgendwann in die Hand drücken. Vielleicht als Lektüre auf einer unserer nächsten Reisen in die „Provinz ohne Vaterland“, wie es auf dem Buchrücken so treffend heißt.

Ob der Kalterer See nun besonders kalt ist, wie es der deutsche Name vermuten lässt, oder aber ausgesprochen warm, caldo, wie es seine italienische Bezeichnung Lago di Caldaro nahelegt? Er ist warm, caldo, so heißt es. Wir selbst haben noch nie in ihm gebadet. Aber das sollten wir irgendwann einmal tun. Am besten versteht man doch die Welt, wenn man selbst in sie eintaucht und dazu jedwede Vorurteile über Bord wirft.

*Werbung, wie immer aus freien Stücken, unverlangt und unbezahlt. **Südtirolerisch für „Ach du meine Güte“

Titelbild: Marktplatz in Kaltern. Bild unten: Blick auf den Kalterer See.

Neuer Blick auf alte Mauern

Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass die heruntergekommensten Gebäude in Italien südländischen Flair und einen unwiderstehlichen Charme ausstrahlen. Natürlich gilt dies besonders für Betrachter mit gutgelauntem, von Italienverliebtheit verklärtem Blick. Aus Urlaubsperspektive. Wenn man in Italien lebt, zumal in einer touristisch weniger reizvollen Gegend, kann diese Betrachtung schnell anders ausfallen. Und doch passiert es auch mir, solange ich nicht von A nach B hetze, sondern einen entspannten Spaziergang unternehme, dass ich alte Mauern in einem besonderen Licht sehe. Es sind Mauern, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben. Der Lack oder besser gesagt der Putz ist ab. In einem besonderen Moment, vorzugsweise kurz vor Sonnenuntergang, bleibe ich plötzlich verzückt stehen und mache ein Foto. So entstand irgendwann auch das Titelbild zu diesem Beitrag, beim Aufstieg zum Sacro Monte. Ich wette, an einem verregneten Tag hätte ich nicht einmal den Blick gehoben, wäre das Gelbgold der Hauswand nur ein schmutziges Ocker gewesen. Dass man freilich auch bei schlechtem Wetter etwas Zauberhaftes entdecken kann, erlebte ich auf unserem Neujahrsspaziergang am vergangenen Sonntag. Kommt doch einfach noch einmal mit, so kann ich es euch zeigen:

Weil wir das Auto nach Silvester lieber stehen lassen, und auch, weil das Wetter grau und trübe ist, begnügen wir uns am ersten Tag des Jahres mit einem Spaziergang bei uns um die Ecke. Wer sagt, dass es inmitten von Altbekanntem langweilig ist? Manchmal lohnt es sich, genau dort einmal näher hinzuschauen, wo man viele Male achtlos entlanggelaufen ist. Eines der alten Häuser in der Siedlung gegenüber hält ein nettes Detail für mich versteckt. Auch diesmal bin ich beim Laufen vertieft in fantasievolle Vorstellungen, was man aus den recht hinfälligen Gebäuden renovierungstechnisch herausholen könnte. Oder doch gleich abreißen und etwas Neues errichten? Um ein Geschäft zu eröffnen. Oder ein Café. Wer hier regelmäßig mitliest, erinnert sich vielleicht an meinen Text über das Fehlen von urbanen Anlaufpunkten in unserer kleinen Siedlung. Ich würde gern bis hierher, in den anderen Ortsteil spazieren, in der Aussicht auf einen guten Espresso und ein nettes Gespräch. An diesem ersten Tag des Jahres laufen wir sogar bei Nieselregen hierher. Und das, obwohl ich erst am Vortag meinen Termin bei Rosi hatte. Als der Niesel plötzlich zu Regen wird, bestehe ich darauf, uns einen Moment lang unterzustellen. Und so geschieht es, dass ich die Inschrift über der Tür des kleinen Häuschens entdecke. Sie ist bestimmt für mich angebracht worden, denn da steht in Deutsch:

„Ich tauschte es nicht mit dem schönsten Schloss.“

Es wird vermutlich einige Überzeugungsarbeit kosten, hier etwas Neues zu bauen. Ich versuche es lieber erst gar nicht, sondern laufe schmunzelnd und mit einem Anflug schlechten Gewissens nach Hause.