Lettera a Babbo Natale

“Caro Babbo Natale,

Io sono Anna*, ho nove anni e vengo dall’Italia.

Lo so che questi tempi sono difficili, ma tu, il giorno di Natale, lo farai passare questo maledetto virus e porterai felicità nelle case come ogni anno.

Tu sei il migliore Babbo Natale che sia mai esistito in tutta l’epoca. Anche se non ti conosco secondo me sei super simpatico e te la cavi bene con i tuoi amici elfi.

Sai perché mi sembri simpatico anche se non ti conosco? È perché a te piace aiutare le persone in difficoltà e regalare gioia ai bimbi.

Il mio comportamento è stato così così. Ma dato che c’era la quarantena ho imparato tante cose sull’importanza della famiglia e che è brutto litigare.

  • Abbiamo imparato a sostenerci di più.
  • Abbiamo superato questa pandemia insieme
  • Abbiamo imparato a condividere le cose, per esempio cucinare, pulire la casa insieme …

T.V.B.!

PS: Mi auguro che tu stia bene e che non ti ammali.”

Pubblicato con il gentile permesso della autrice (mia figlia). *Ho cambiato soltanto il suo nome.

Brief an den Weihnachtsmann

„Lieber Weihnachtsmann,

ich heiße Anna*, bin neun Jahre alt und komme aus Italien.

Ich weiß, dass es eine schwierige Zeit ist, aber du wirst am Weihnachtstag dieses blöde Virus überwinden und wie jedes Jahr Freude in die Häuser bringen.

Du bist der beste Weihnachtsmann, den es je gab. Auch wenn ich dich nicht kenne, finde ich dich super nett und du hast sicher viel Spaß mit deinen Freunden, den Elfen.

Weißt du, warum ich dich toll finde, obwohl ich dich gar nicht kenne? Weil es dir gefällt, Menschen in Not zu helfen und Kindern Freude zu bereiten.

Mein Betragen war so lala. Aber während der Quarantäne habe ich viel gelernt, über die Bedeutung der Familie und dass es nicht schön ist, wenn man streitet.

  • Wir haben gelernt, uns gegenseitig mehr zu unterstützen.
  • Wir überstehen diese Pandemie gemeinsam.
  • Wir haben gelernt, Dinge miteinander zu teilen, zum Beispiel gemeinsam zu kochen, das Haus zu putzen …

H.D.L! (Hab dich lieb!)

PS: Ich hoffe, es geht dir gut und du wirst nicht krank.“

Übersetzung aus dem Italienischen und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Urheberin, meiner Tochter. *Ich habe nur den Namen geändert.

Weihnachten 1989

In dieser Vorweihnachtszeit 2020, die sich auch anders als gewohnt anfühlt, möchte ich euch einen Auszug aus meinem Roman „Mensch, Manu!“ vorstellen. Ein Kapitel in Erinnerung an das verrückte Jahr 1989 und das erste und einzige Weihnachten, das wir Ostdeutschen in einem merkwürdigen Zwischenstadium erlebten: mit offener Grenze, mit ersten Westgeschenken auf dem Gabentisch, aber vor allem mit diesem unsicheren Gefühl, was denn nun aus uns, aus unserem Land werden würde, wenn der Rausch des Mauerfalls vorbei wäre. Um den Ausgang der Romangeschichte nicht vorwegzunehmen ‒ es könnte ja sein, ihr bekommt Lust auf das ganze Buch ‒ habe ich spoiler-verdächtige Passagen herausgekürzt.

Auszug aus: „Mensch, Manu! So war das nicht geplant“:

Nun war es ja nicht so, dass Vati sich überhaupt nicht für die andere Seite interessierte. Nachdem es in den ersten Tagen nach der Grenzöffnung so aussah, als ob das freie Reisen Militärangehörigen nicht erlaubt wäre, war das Reiseverbot kurz danach auch für seine Abteilung aufgehoben worden. Dass wir trotzdem zunächst allein fuhren, lag an den organisatorischen Möglichkeiten. Vati konnte sich vieles erlauben, aber nicht, seinen Dienst schon nach dem Mittagessen zu quittieren, nur um mal kurz nach Westberlin zu fahren. Mutti war nach unserer ersten Stippvisite mutig geworden und drängte darauf, noch vor Weihnachten den Ku’damm zu besichtigen. Das klang nach was. Westberlin? Pah! Aber Ku’damm … das war ein Symbol. Das gehörte zur kulturellen Bildung. So musste es sich auch Vati zurechtargumentiert haben, als er einwilligte, uns am Freitag, dem 22. Dezember, abends nach Dienstschluss zu begleiten. Während die anderen sich am Brandenburger Tor drängten, das an diesem Tag als Grenzübergang geöffnet worden war (für die Presse ganz groß inszeniert), spazierten wir an der Oberbaumbrücke gemütlich auf die andere Seite und fuhren ab der Haltestelle Schlesisches Tor mit der U1 durch Kreuzberg. Auch wenn es Untergrundbahn hieß, fuhr man lange Strecken über der Erde, was für unsere Stadtbesichtigungsabsichten von Vorteil war. Als Vati die ersten beschmierten Häuserwände sah, sagte er, laut hörbar für die anderen Fahrgäste:

„Den goldenen Westen habe ich mir aber anders vorgestellt.“

Mutti stieß ihn in die Seite.

„Nun sei bitte still, die Leute gucken schon“, zischelte sie dazu.

„Sollen sie ruhig, man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen“, antwortete Vati, nicht mehr ganz so laut.

Ich war bei meinem zweiten Westberlinbesuch schon um einiges entspannter. Die Leute guckten? Na und! Ich guckte einfach zurück. Als wir schließlich den Ku’damm entlangliefen, blieb uns dreien der Mund offenstehen. So viele Lichter, das war schön. So viel Lärm und Menschen, das war beängstigend. Wir liefen mit der Menge mit, ich hielt Vatis Hand. Mutti hielt ihre Handtasche fest unter den Arm geklemmt.

„Schaut mal, da bei der Kirche ist Weihnachtsmarkt, wollen wir einen Glühwein trinken?“, schlug ich vor.

„Den kriegste auch bei uns, mal sehen, ob es was anderes gibt!“, stimmte Vati sofort zu.

Mit konkreten Plänen konnte man ihn überzeugen, sich treiben lassen war nicht sein Ding. Jetzt hatte er eine Aufgabe: uns ein möglichst exotisches Westgetränk zu besorgen. Mutti wagte sich vor und provozierte ihn ein bisschen:

„Willst du jetzt endlich mit uns anstoßen, auf das alles hier?“

„Anstoßen? Das ist nur mit Alkohol zu ertragen“, frotzelte Vati und ich versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. Hatte er sich abgefunden? Fand er es jetzt auch spannend? Oder meinte er immer noch, das letzte Wort sei noch nicht gesprochen zwischen Sozialismus und Kapitalismus? Wenn es nach dem Warenangebot ging und dem Prunk, dann war klar, wer das Rennen gewann. Und wenn es darauf am Ende ankam, dann war auch klar, wem die Zukunft gehörte.

Wir begnügten uns doch mit einem einfachen Glühwein, der war süß und dünn. Aber er kostete am wenigsten, und schließlich war Weihnachten. Ich brachte unsere leeren Tassen zum Stand zurück, um das Pfandgeld abzuholen. Als der Typ hinter dem Tresen mich angrinste und fragte: „War das alles?“, versagte mir die Stimme. Sven! Für eine Millisekunde hatte ich Sven in ihm gesehen. Ich starrte den Nichtsahnenden an wie die Kuh den Zug, wenn es donnert. Ich musste schlucken. Statt zu antworten, schüttelte ich nur mit dem Kopf. Svens Doppelgänger schüttelte ebenfalls mit dem Kopf, wahrscheinlich dachte er, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank, aber für die war er selbst zuständig. Er schob mir das Pfandgeld hin und widmete sich den Wartenden, die schon drängelten und mit den Fingern schnipsten.

„Mäuschen, du guckst ja so komisch“, stellte Mutti besorgt fest, als ich zu ihnen zurückkam.

„Ach nichts, nur eine Einbildung“, antwortete ich.

Als wir spät in der Nacht wieder in unserer S-Bahn nach Strausberg Nord saßen, starrte ich eine knappe Stunde lang auf die erste Seite des Buches, das ich lesen wollte. War das alles? Die Frage des Glühweinverkäufers hämmerte mir im Kopf herum und ließ keinen Platz für neue Gedanken. Auch nicht, wenn ich sie fix und fertig aufgeschrieben und zum Lesen serviert bekam.

Über die Feiertage kamen Beate, Gerd und die Kinder zu uns nach Strausberg. Eigentlich wären sie dran gewesen, das Fest bei sich in Zwickau auszurichten, aber von uns aus fuhr es sich so schön nach Westberlin. Mutti begründete den Planungswechsel aber lieber damit, dass Beate weniger Arbeit hätte, wenn Mutti kochte und alles. Schließlich hatte Beates Bauchumfang schon beachtliche Ausmaβe angenommen. Ungeachtet dessen waren sie Anfang Dezember im Trabi bis nach Bayern gefahren, weil es da noch fünfzig Mark mehr gab pro DDR-Bürger. Wer sich schon woanders seine einhundert Mark geholt hatte, bekam die fünfzig Mark in Bayern noch obendrauf. Von dem vielen Geld konnten sie sich auch Weihnachtsgeschenke leisten, und meine Schwester hatte sogar an mich gedacht: Ich durfte einen super schicken weißen Walkman auspacken. So ein Mini-Kassettengerät für die Tasche. Da war ich baff, dass sie sogar ihr Westgeld für mich ausgab. Ich hatte für sie gar nichts, dafür aber für das Baby in ihrem Bauch. Als es bei uns im Kindergeschäft Anfang Oktober hübsche Strampler gab, hatte ich mich nicht beherrschen können. Und mit Hellgrün war ich auf Nummer sicher gegangen, ob es nun ein Mädchen oder ein Junge werden würde. Die Verkäuferin hatte mich skeptisch gemustert und ich sie gerne im Unklaren gelassen. Beate jedenfalls freute sich riesig. Und sie erzählte mir gleich noch eine besondere Geschichte, Geschenke betreffend. Die Sache mit den Bayern und dass es da mehr Begrüβungsgeld gab, hatte Beate von einer Studienfreundin erfahren, die jetzt in Dresden wohnte. Diese Freundin hatte bei ihrer ersten Reise in den Westen eine Schallplatte vom Kreuzchor mitgenommen und sie der Schalterdame in der Begrüβungsgeldstelle geschenkt. Selbige hatte nicht schlecht gestaunt und, so wurde berichtet, sich wirklich gefreut. Es gab auch Geschenke von Ost nach West. Als Trost dafür, dass wir DDR-Bürger den Westlern vor Weihnachten die Läden leergekauft hatten, wie sie immer wieder im Fernsehen zeigten. Die Armen. Wir hofften jedenfalls, auch drüben würden sie zum Fest an einem reich gedeckten Gabentisch sitzen, und tranken den dritten Glühwein. Beate heißen Apfeltee.

Hier erfahrt ihr mehr zum Roman: „Mensch, Manu! So war das nicht geplant

In der Galerie drei Zeitungsausschnitte aus dem Dezember 1989, die ich zufällig aufbewahrt habe und die authentisch widerspiegeln, welchen Umbruch wir damals erlebten:

PS: Der Soundtrack zum Weihnachtsfest 1989 war für mich übrigens „Another Day in Paradise!“ von Phil Collins. Ein großartiger und zeitloser Song, den wir auch jetzt und immer wieder hören sollten, wenn wir grad meinen, es würde uns verdammt schlecht gehen.

Foto: Berliner Mauer, Brandenburger Tor, 22. Dezember 1989. Imago Images/ Sven Simon

Alles kann passieren!

Der Italiener und das Flirten

Als ich noch in Deutschland lebte, gab es dieses Sprichwort, eine Frau würde eher vom Blitz getroffen, als mit Mitte Zwanzig nochmal jemanden kennenzulernen. Hatte das Schicksal mir und meinem aussichtslosen Gefühlsleben auf die Sprünge helfen wollen, als ich genau in diesem Alter für meine gesammelten Treue-Meilen einen Freiflug nach Italien angeboten bekam? Ich hatte mich in meinem Single-Dasein gut eingerichtet, verbrachte die meiste Zeit im Büro, kümmerte mich nebenbei um meine Tanzgruppe und hatte darüber hinaus selten Antrieb, noch etwas zu unternehmen. In Deutschland, so heißt es in einschlägigen Untersuchungen, ergeben sich die meisten Beziehungen im Arbeitsumfeld oder Freundeskreis. Die Gefahr, eine interessante Bekanntschaft zu machen, einfach so unterwegs, in der Bahn, in einem Geschäft, wo auch immer, geht gegen Null.

Ganz anders in Italien! „Ciao Bella!“ ist die Anmach-Formel, mit der Italiener auf Beutezug gehen, so das Klischee. Das mag manchmal stimmen und in vielen Situationen lästig sein, aber aus einem von zehn Flirtversuchen dieser oder raffinierterer Art ergibt sich vielleicht doch etwas Interessantes. Es besteht zumindest die Chance.

Nicht, dass ihr denkt, ich bin an diesem Wochenende im März 1999 nach Bologna geflogen, um einen Mann kennenzulernen! Warum ich allein flog? Weil die Meilen für den Freiflug kurze Zeit später verfallen wären. Und ich auf die Schnelle keine Freundin fand, die ganz spontan ein Vermögen ausgeben wollte, um mich zu begleiten. Vergessen wir nicht: 1998 gab es noch keine Billigflüge und ein Flug nach Italien kostete richtig viel Geld. Einen solchen geschenkt zu bekommen, konnte ich nicht ablehnen. Worauf ich mich bei dieser Reise einließ, und dass sie in gewisser Weise die Weichen für mein späteres Auswandern aus Deutschland stellte, ahnte ich freilich nicht.

Als es soweit war und der geschenkte Flug anstand, war ich gestresst (wie immer), müde (wie oft) und noch am Vorabend hatte ich die Reise gar nicht antreten wollen. Ich hatte meine Haare selbst blondiert und fand das Ergebnis scheußlich, mochte mich nicht im Spiegel sehen. Doch das Ticket konnte nicht umgebucht werden. Ich zog das Ding durch, wildentschlossen, das Beste draus zu machen. Immerhin entkam ich auf diese Art den ungemütlichen, spätwinterlichen Leipziger Temperaturen. Als ich am Freitagnachmittag im frühlingsmilden Bologna landete, musste ich feststellen, dass sich mein Hotel nicht im Stadtzentrum, sondern verdammt weit draußen in einem Gewerbegebiet nahe der Messe befand. Auf dem Weg dorthin traf ich glücklicherweise viele nette Menschen, die mir halfen, meine Unterkunft zu finden. Am Ende des Anreisetages trösteten mich obendrein ein paar köstliche Pralinen. Mit den darin eingewickelten Sprüchen in Sachen Amore konnte ich allerdings nicht viel anfangen. Ehrlich! Ich war nicht auf diesem Trip. Ganz und gar nicht.

Aber das war ja erst der Anfang meiner Kurzreise, und Bologna sollte für einige Jahre fast so etwas wie meine zweite Heimat werden. Deshalb heute die Fortsetzung der kleinen Geschichte, wie in Bologna meine Liebe zu Italien begann. (Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.)

Samstagnachmittag, kurz nach zwei, irgendwo unter den Arkaden

Touristisch betrachtet, bin ich zufrieden. Alle Sehenswürdigkeiten, die ich am ersten Vormittag im Zentrum Bolognas bestaunen durfte, waren im echten Leben noch beeindruckender als im Reiseführer: San Petronio, Santo Stefano, Università. Physiologisch gesehen, bin ich müde und hungrig. Ich sehne mich nach einem ruhigen Plätzchen, etwas Leckerem zu essen, etwas Erfrischendem zu trinken. Im Schatten unter den Arkadengängen bleibe ich stehen und krame in der Handtasche. Wo war nur der verdammte Stadtplan?

Plötzlich stehst du neben mir. Sagst etwas auf Italienisch. Ich zucke mit den Schultern, antworte in Englisch. Du würdest dann schon weitergehen. Aber das tust du nicht. Du willst mich ein Stück begleiten.

Da war dieses Lächeln. Warum bist du nicht einfach an mir vorbeigegangen? Warum habe ich mich auf ein Gespräch eingelassen? Und irgendwann in deine Augen gesehen? Vielleicht war es der Zauber Bolognas, der süße Duft des Frühlings, der mir in den Kopf gestiegen war. Du musst es gesehen haben. Oder welchen Grund gab es, dass du ausgerechnet mich angesprochen hast? Ich lasse mich nicht ansprechen. Es sei denn, ich bin ein Wochenende allein in der magischsten Stadt Italiens.

Ich gehe weiter, mit dir an meiner Seite, und rede drauflos. Ich lasse mich drauf ein. Dein Englisch klingt holprig, aber es wird besser mit der Zeit. Wir lachen viel. Dein Gesicht taucht erst viele Szenen später auf, am Anfang sind da nur Gesprächsfetzen. Von Religion und Ostberlin, Wohnungsmieten, Pinienzapfen. Worüber man eben so spricht.

Giardini Margherita heißt der Park, in den italienische Studenten gehen, die in Bologna eine deutsche Touristin an der Angel haben. Sorry, I am hungry, stammele ich vorsichtig, als ich beim Anblick der ausgedehnten Grünflächen die Chance auf eine kulinarische Stärkung in einem Ristorante schwinden sehe. Damals wusste ich noch nicht, dass man in Italien vor vierzehn Uhr einkehren muss, um zum Mittagessen noch bedient zu werden. Um vierzehn Uhr, spätestens vierzehn Uhr dreißig schließt die Küche, basta. Aber es gibt einen Kiosk im Park und viele freie Bänke. Für uns beide je ein Panino als Hauptgang und ein Gelato zum Dessert. Buono? Yes! Du berührst meine Hand. Der Ring gefällt dir. Ausgerechnet, wo ich doch nie Schmuck trage. Du glaubst nicht, dass ich ihn selbst gekauft hatte. Dass er kein Geschenk eines Lovers war. Ich ziehe meine Hand weg und denke: So läuft der Hase. Immer noch nicht dein Gesicht.

Später, viel zu früh, versuchst du, mich zu küssen. Ich lasse es zu. Wie gut sie schmecken, deine Baci. Meine Bremsen im Kopf ‒ deutsche Qualitätsarbeit und immer zuverlässig ‒ versagen den Dienst. Es fühlt sich richtig an. Es ist richtig. Wie im Film. Wo bin ich? In einem fremden Land mit einem fremden Mann irgendwo auf der Straße, ein verliebtes Paar spielend. Ja, ein Spiel ist es an diesem Nachmittag. Du hast mich nicht getroffen, du hast mich erwischt. Ich bin plötzlich Hauptdarstellerin in einem Kinofilm. Oben auf der Aussichtsplattform des Torre agli Asinelli machen wir Fotos von uns, genau wie die anderen Pärchen.

Später in der Bar gehört die obere Etage uns allein. Un Aperitivo, don’t you know? Der Cocktail ein bisschen zu süß. Wir reden jetzt weniger. Dein Haar so niedlich verwuschelt, als wir aufstehen. Du magst mich sehr gern, sagst du. Ich mag dich auch, aber ob sehr, weiß ich noch nicht. Das sage ich. Und das ist die Wahrheit. Ich kenne dich nicht. Ich gehe nicht mit zu dir. Auch nicht, als du mir erklärst, nur für mich kochen zu wollen und schwörst, mich nicht anzufassen, wenn ich nicht will. Sicher gehst du davon aus, dass ich schon wollen würde. Wir laufen unter den Portici entlang, du hältst meine Hand. Ich erkenne die Haltestelle, an der ich am Morgen ausgestiegen war. Mein Bus, sage ich und bleibe stehen. Noch einmal schlägst du vor, zu dir nach Hause zu fahren. Nein, ich muss los. Es ist gerade zwanzig Uhr, aber es ist der letzte Bus, der heute Abend zu meinem Hotel fährt.

Ciao. See you tomorrow?

Da, an der Bushaltestelle, das erste Mal dein Gesicht. Und Traurigkeit in deinen Augen. Ja, ich würde dich anrufen. Mal sehen, denke ich. Morgen ist ein neuer Tag, an dem alles passieren kann.

PS: Vielleicht ist euch aufgefallen, dass die Fotos nicht aus dem frühlingshaften März 1999 stammen können. Ich finde keine Bilder von damals und habe auf aktuellere vom Dezember 2019 zurückgegriffen. Keine Ahnung, wo die Aufnahmen von meiner ersten Bologna-Reise abgeblieben sind, ich habe die entlegensten Ecken im Keller durchsucht. Schade. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die schönsten Bilder ohnehin die der Erinnerung sind, gespeichert im Kopf und im Herzen.

Und jetzt einen Caffè!

Da war es wieder: Das meditative Warten, währenddessen man nur die Gasflamme hört. Dann ein kaum vernehmbares Zischen, und schließlich das langersehnte, verheißungsvolle Blubbern, begleitet vom feinen Duft des Kaffees. So geht italienischer Espresso, zubereitet in der Moka auf dem Herd.

Ich hatte es fast vergessen, wie konnte ich nur?

Ich stelle die Flamme aus, warte einen Moment, klappe den Deckel hoch und rühre vorsichtig mit einem kleinen Cucchiaino da Caffè um, bevor ich die köstliche schwarzbraune Flüssigkeit in die bereitstehenden Tässchen gieße. Perfetto!

Die Moka, auf Deutsch auch Espressokocher genannt, ist der italienische Klassiker daheim und besetzt einen kleinen aber bedeutenden Platz in den Familiengeschichten. Wahrscheinlich ist die Moka das Äquivalent zur deutschen Filterkaffeemaschine. Wer in Deutschland hatte, oder wessen Eltern und Großeltern hatten keine Filterkaffeemaschine? Na also! Die Italiener sind unterdessen mit den Geräuschen und dem Duft des Caffè aus der Moka aufgewachsen.

Heutzutage gibt es in beiden Ländern unzählige Arten, Kaffee beziehungsweise Caffè zuzubereiten, jeder schwört auf seine. Oder probiert sie aus, weil andere darauf schwören. Kapselsysteme, Halb- und Vollautomaten inklusive Milchschaumbereiter haben auch in italienische Haushalte Einzug gehalten. In unseren vor anderthalb Jahren. Ausgerechnet mein Mann, der Italiener, hatte mir jahrelang in den Ohren gelegen. Jedes Mal, wenn wir bei meinen deutschen Verwandten zu Besuch waren, schlich er um deren Kaffeeautomaten herum und überschlug sich in Hoheliedern auf die vorzüglichen Heißgetränke. (Er ist im Gegenteil zu mir ein ausgesprochener Cappuccino-Fan.) Ich war taub auf diesem Ohr. Ich sehne mich nicht nach platzraubenden, komplizierten Geräten in meiner Küche.

„Und denke bloß nicht, du müsstest diese tolle Wundermaschine nicht reinigen und warten! Du wirst dich umgucken!“, hielt ich dagegen. „ICH kümmere mich nicht darum!“ war mein trotziger Versuch, ihn von seinem irren Vorhaben abzubringen.

Es kam der Tag, da hatte ich den ewigen Kampf satt und ließ mich breitschlagen. Wenn Mann mit der Tirade beginnt, er dürfe gar nichts bestimmen, ihm wird alles verwehrt, er hat überhaupt keine Freude mehr … Ich schätze, nicht nur in meinem Haushalt läuft das so ab. Irgendwann geben wir Frauen, die wir eine sehr klare Vorstellung davon haben, was wir wirklich brauchen und was nicht, des lieben Frieden willens klein bei.

So kam vor gerade mal anderthalb Jahren ein wahres Prachtexemplar von Kaffeeautomat in unsere Küche. „Design! Schau mal, wie gut sie sich einfügt in unser Ambiente“, waren die überschwenglichen Worte, mit denen mich mein Mann angesichts vollendeter Tatsachen doch noch begeistern wollte. Und ja, ich trank zwar weiterhin weder Cappuccino noch Latte Macchiato, aber an den bequemen Ausstoß von Espresso und Caffè lungo auf Knopfdruck gewöhnte ich mich schnell. Um die Wartung kümmerte sich mein Mann. Er behauptet jetzt jedenfalls, nichts falsch gemacht zu haben. Trotzdem hat unsere Maschine, die dem eleganten Design und der noblen Marke entsprechend einen vierstelligen Betrag gekostet hatte, nach nicht mal zwei Jahren ihren Geist aufgegeben. Bingo! Und jetzt? Wir (mein Mann) diskutieren gerade mit dem Kundenservice zu den Bedingungen der Einsendung und Reparatur. Als erstes kam man uns nämlich mit der Ansage, wenn sie feststellen würden, dass wir das Wartungsprogramm nicht regelmäßig oder nicht sachgemäß durchgeführt hätten, würde uns die Reparatur mindestens einen dreistelligen Betrag kosten. Zur Erinnerung: Das Gerät ist noch in Garantie! 

Nun ist es aber nicht so, dass ich meinem Mann noch zusätzlich die Stimmung vermiese und ihm mit Sprüchen wie „Siehste, DU wolltest das Ding!“ in den Ohren liege. Der schmerzende Umstand, keinen Caffè haben zu können ‒ morgens nicht, nach dem Mittag nicht, und zwischendurch schon gar nicht ‒ ist schlimm genug, auch für mich. Zumal wir uns in der Lombardei just wieder im Lockdown befinden und keinen Abstecher in die nächstgelegene Bar machen können. Da musste schnell eine Lösung her, und mein Mann kam wieder auf sie zurück, auf die gute alte Moka.

Und nun bin ich es, die in romantischen und vergnüglichen Erinnerungen schwelgt und unsere traditionelle Neuanschaffung rituell genießt.

Die allererste Begegnung mit dieser eigentümlichen „Kanne“ hatten meine Schwester und ich im Urlaub auf Elba, Mitte der 90er-Jahre. Wir wohnten in einem Appartement in einem Villaggio Turistico und durften uns selbst versorgen. Ich glaube, es war mein Schwager, der mit seinem männlichen Tüftelsinn dahinterkam, wie man mit diesem Teil einen Kaffee kochen konnte (wo kam das Wasser rein, wo das Kaffeepulver?). Was uns nervte, war, dass man nur so lächerlich wenig Kaffee auf einmal erhielt. Für die großen Tassen (die in Italien nur mit Tee oder Milch auf den Tisch kommen), mussten wir jeden Morgen drei oder vier Durchgänge kochen. Mein Schwager hatte im Zusammenhang mit dem Frühstückskaffee noch ein weiteres Erlebnis auf Elba, an das er sich sein Lebtag erinnern wird. Für den zweiten Morgen hatte er sich im Negozietto der Ferienanlage Kondensmilch besorgt. Eine kleine runde Metalldose, mit einer Kuh darauf. Der Kaffee aus dieser komischen Kanne war nämlich verdammt stark, den wollte er sich aufhellen. Ihr müsst euch sein Gesicht vorstellen, als er die vermeintliche Sahne öffnete und in ein Dosenfleisch guckte. Welches ihm anschließend mundete, zum Glück. So kann es gehen, wenn man nur nach Bildern einkauft und den Text dazu nicht versteht.

Später, in meinem ersten italienischen Hausstand, hatte ich dann selbst eine Moka. Dumme Gesichter machten auch die beiden Leipziger Umzugsmänner, denen ich nach vollbrachter Kistenschlepperei einen Caffè in der Espressotasse servierte. Ein Witz, meinten sie, und schüttelten mit dem Kopf.

„Nii schlecht, nur ’n büschn kleene“, kritisierte einer.

„Ach Sie sind das, die mit den sieben Zwergen zusammenwohnt“, frotzelte der andere.

Sicher kommt unser Design-Kaffeeautomat bald zurück und ich bin gespannt, wie lange er es dann macht. Eine Reparatur auf eigene Kosten werden wir wohl nicht durchführen lassen. Sehr vornehm, sehr teuer, sehr inakzeptabel.

Auf jeden Fall werde ich künftig hin und wieder auf die einfache Moka zurückgreifen und mir und dem Italiener einen ordentlichen Caffè machen, so wie in guten, alten Zeiten. Jetzt weiß ich ja, wie das geht.

Quella storia di Babbo Natale

Quale è stata la mia idea dell’Italia da bambina nella DDR? Me lo sono chiesto spesso ora che vivo qui, ma non riesco a trovare una risposta soddisfacente. A volte cerco di fare affiorare i miei ricordi attraverso temi particolari. La musica per esempio, nella DDR conoscevamo alcuni cantanti pop italiani. Albano e Romina Power, Ricchi e Poveri, Adriano Celentano (lo abbiamo amato anche come attore con il suo film “Il bisbetico domato“). Famosissima la signora con la criniera rossa e la voce profonda: Milva! Cantava in tedesco con un suo accento inimitabile e la sua canzone „Hurra, wir leben noch” (Siamo ancora vivi) era il mio inno dopo ogni visita dal dentista. A tutti questi artisti è stato permesso di esibirsi nella televisione di stato della DDR. Mio marito interpreta perché erano politicamente di sinistra, quindi andavano bene ideologicamente ai nostri superiori. Certo, da bambina non mi preoccupavo di dettagli del genere…

Ma il mio primo vago incontro con l’Italia l’ho avuto probabilmente in tenera età, tramite la lettura di una storia per bambini ambientata in Italia. Ora racconto questa storia alle mie figlie nell’ambito del programma educativo „La mamma legge in tedesco“. La storia si chiama „Antonella und ihr Weihnachtsmann“ („Antonella e il suo Babbo Natale“), l’ho trovata nella raccolta intitolata „Le più belle storie per bambini della DDR“. L’autrice Barbara Augustin scrive in modo toccante di una bambina che si chiama Antonella, che vive in un villaggio di pescatori e i cui genitori non possono permettersi il lusso di dare la „paghetta“ a Babbo Natale per portare i regali alla loro figlia. Antonella vede la sua modesta lista dei desideri stesa sul davanzale per molti giorni senza che Babbo Natale l’abbia raccolta. Anche il suo tentativo di spedire la letterina fallisce perché Antonella non conosce l’indirizzo di Babbo Natale. Ma poi un simpatico venditore di palloncini ha un’idea brillante.

Ora, non voglio raccontare tutta la storia qui, ma ovviamente finisce bene. La cosa interessante è che Antonella viene accontentata da un Babbo Natale proveniente dal blocco dell’est. Infatti, i bambini di una scuola ungherese sono dispiaciuti per la figlia del povero pescatore italiano e prendono in mano la situazione. Perché non erano bambini francesi? O piccoli aiutanti in Grecia? Forse, perché quelli erano anche piuttosto poveri? C’è un po‘ di stereotipi, ma la storia è talmente commovente che si fa perdonare con piacere.

Talvolta mi chiedo se avrebbe funzionato al contrario. Sarebbe arrivato da noi un pacco di Natale dall’Italia? Ho i miei dubbi, mi vengono subito in mente i sofisticati controlli degli organi di sicurezza dello Stato della DDR. Ricordo che una volta ho ricevuto un piccolo pacco da una mia amica di penna bulgara – quindi da un paese amico – ed era stato aperto per una ispezione. La scatola conteneva una piccola bambola bulgara in costume tradizionale e gli ispettori doganali gli hanno tagliato la testa! Poteva esserci qualcosa di proibito dentro il corpo? Ho pianto tanto quando ho aperto il pacco, ma soprattutto ero arrabbiata. Una sensazione che ho dovuto reprimere, perché la rabbia non era una reazione tollerata in quei tempi. Doveva andare bene se lo stato ha deciso così. Chissà cosa potevano contrabbandare nel nostro Paese in un innocuo souvenir.

Quando si tratta di regali e pacchi, ricordo anche altre cose. Prima di Natale mandavamo giocattoli ai bambini in Africa. Raccolta e spedizioni erano organizzate dalle scuole e dagli asili. Spero che i nostri pacchi siano arrivati indisturbati nei paesi veramente poveri e che abbiano portato gioia. Anche i bambini che hanno ricevuto i nostri giocattoli pensavano che provenissero da Babbo Natale?

Temo che non sapessero nemmeno della sua esistenza.

Foto: Dal libro „Erzähl mir vom kleinen Angsthasen. Die schönsten Kindergeschichten der DDR.“ Casa editrice: Der KinderbuchVerlag, 2009. Storia: „Antonella und ihr Weihnachtsmann“ di Barbara Augustin con illustrazioni di Gerhard Lahr.

Die Geschichte mit dem Weihnachtsmann

Welche Vorstellung hatte ich als Kind in der DDR von Italien? Das habe ich mich schon oft gefragt, jetzt, da ich hier lebe, und finde keine befriedigende Antwort. Manchmal versuche ich, mich anhand einzelner Themen an meine Erinnerungen heranzutasten. Ein besonders gut geeignetes Thema ist zweifelsohne die Musik. Wir kannten auch in der DDR italienische Popsänger. Albano und Romina Power, Adriano Celentano (den „gezähmten Widerspenstigen“ liebten wir vor allem als Schauspieler), Ricchi e Poveri. Und, ganz großes italienisches Kino: Milva. Die Signora mit der roten Mähne und der tiefen Stimme, mit ihrem unnachahmlichen Akzent. „Hurra, wir leben noch“ war meine innere Tapferkeits-Hymne nach jedem Zahnarztbesuch. All diese Künstler durften im DDR-Fernsehen auftreten. Mein Mann vermutet, weil sie „fortschrittlich“ gesinnt waren, nicht notwendigerweise erklärte Kommunisten, aber sie passten unseren Oberen mehr oder weniger in den ideologischen Kram. Natürlich machte ich mir als Kind solche Gedanken nicht …

Eine erste literarische Begegnung mit Italien hatte ich wahrscheinlich schon sehr früh, deshalb kann ich mich nur vage erinnern, und auch nur, weil ich diese Geschichte jetzt meinen Italiener-Kindern im Rahmen des „Mutti-liest-deutsch-vor“-Bildungsprogramms vortrage. Die Geschichte heißt „Antonella und ihr Weihnachtsmann“, ich habe sie in der Sammlung „Die schönsten Kindergeschichten der DDR“ vom KinderbuchVerlag wiedergefunden. Barbara Augustin erzählt auf anrührende Weise von dem kleinen Mädchen Antonella, das in einem italienischen Fischerdorf am Meer wohnt, und deren Eltern sich den „Zuschuss“, den der Weihnachtsmann für die Geschenke erwartet, nicht leisten können. Tieftraurig sieht Antonella, wie ihr bescheidener Wunschzettel viele Tage lang auf dem Fenstersims liegt, ohne dass ihn der Weihnachtsmann abgeholt hätte. Ihr Versuch, ihn per Brief bei der Post aufzugeben, scheitert daran, dass Antonella die Adresse des Weihnachtsmanns nicht kennt. Aber dann kommt der nette Luftballonverkäufer auf eine geniale Idee …

Nun will ich hier nicht die ganze Geschichte verraten, aber sie geht natürlich gut aus. Interessant ist, wo Antonella ihren ganz persönlichen Weihnachtsmann findet: im Ostblock. Ungarische Schulkinder haben Mitleid mit der armen italienischen Fischerstochter und nehmen die Sache in die Hand. Warum waren es keine französischen Kinder? Oder kleine Helfer in Griechenland? Weil die auch eher arm waren? Ein bisschen Klischee steckt schon drin, aber das verzeiht man der herzerwärmenden Geschichte gern.

Manchmal frage ich mich, ob das auch andersherum funktioniert hätte. Wäre ein Weihnachtspaket aus Italien bei uns angekommen? Da habe ich Zweifel, kommen mir doch sofort die ausgeklügelten Kontrollen der DDR-Staatssicherheitsorgane in den Sinn. Ich erinnere mich, wie ich einmal ein kleines Paket von meiner bulgarischen Brieffreundin ‒ also aus einem sogenannten Bruderland ‒ bekommen hatte, das unterwegs geöffnet worden war. Einem bulgarischen Trachtenpüppchen war der Kopf abgetrennt worden, es hätte ja etwas Verbotenes drinstecken können. Ich weinte sehr, aber vor allem war ich wütend. Ein Gefühl, das ich unterdrücken musste, weil wütend damals keine angemessene Reaktion war. Es hatte schon alles seine Richtigkeit, wenn es so gemacht worden war. Wer weiß, was so alles in unser Land geschmuggelt wurde, getarnt als harmloses Souvenir.

Wenn es um Geschenke und Päckchen geht, erinnere ich mich freilich auch an anderes. Vor Weihnachten schickten wir immer Spielzeug an die Kinder in Afrika. Die Sammlung und der Versand wurden über die Schulen und Kindergärten organisiert. Ich hoffe, unsere Päckchen kamen in den wirklich armen Ländern der Welt unbehelligt an und haben dort Freude bereitet. Ob die Kinder, die das Spielzeug erhielten, auch dachten, es käme vom Weihnachtsmann?

Ich fürchte, sie wussten gar nicht, dass es einen gibt.

Fotos: Cover und Seiten aus „Erzähl mir vom kleinen Angsthasen. Die schönsten Kindergeschichten der DDR.“ Der KinderbuchVerlag, 2009. Darin die Erzählung „Antonella und ihr Weihnachtsmann“ von Barbara Augustin mit Illustrationen von Gerhard Lahr.

Also, wenn Sie mich fragen

Der Italiener und die Auskunftsfreude

Weeβ ick nich. Ihr lest richtig, mein Artikel über die Italiener beginnt diesmal mit einer patzigen Reaktion in liebenswertem Berliner Dialekt. Sie dient zur Veranschaulichung des Vergleichs, den ich hier führen möchte. Eine Antwort wie diese bekommt man in Italien eigentlich nie zu hören. Italiener geben von Herzen gern Auskunft, wenn sie nach etwas gefragt werden. Zum Beispiel nach dem Weg. Im Gegensatz zu uns eher maulfaulen Deutschen (und speziell den schnippischen Berlinern … ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, ick weeβ wovon ick rede), helfen sie bereitwillig weiter, sogar, wenn sie den Weg gar nicht kennen. Oder sich nicht sicher sind. Am Ende einer halbstündigen detaillierten Wegbeschreibung heißt es dann:

Aber fragen Sie an der nächsten Ecke noch mal nach, ich bin mir nämlich nicht sicher.

Gesenkten Hauptes gebe ich zu, dass ich selbst, statt Auskunft zu geben, gerne mal behaupte: „Ich bin nicht von hier.“ Nur, um keine Unsicherheit zugeben zu müssen, oder weil ich es gerade eilig habe. Ich gehöre übrigens der Herkunft nach zu den sogenannten Randberlinern, was die mundartliche Einleitung und den herangezogenen Vergleich erklärt.

Bereits während meiner ersten Kurzreise nach Italien, die ich als Alleinreisende und ohne ein einziges Wort Italienisch antrat, durfte ich die Freundlichkeit und Offenheit der Italiener erfahren. Alle waren unheimlich hilfsbereit, auch wenn sie mich und mein Englisch nicht verstanden und mir manchmal gar nicht helfen konnten. Natürlich brauchte ich bis zur Ankunft im Hotel ein wenig länger, weil ich den vielen bemühten Auskunftgebern Gehör schenkte. Aber die ersten Eindrücke von Italien und den Italienern blieben mir gerade deshalb in positiver Erinnerung. Ich möchte euch die Geschichte von damals gern erzählen:

Bologna, Guglielmo Marconi International Airport

An einem Freitag im März 1999, es war früher Nachmittag, landete ich von München kommend in Bologna. Erwartungsfroh die Gangway hinabstolpernd, atmete ich gierig die laue, mediterrane Luft ein. Primavera. Endlich! Wenn ich doch bloß wüsste, wo mein Hotel war. Im Leipziger Reisebüro hatte man mir das als Cityhotel bezeichnete Novotel auf dem Stadtplan leider nicht zeigen können. Doch von diesem kleinen ärgerlichen Hintergedanken wollte ich mir meine Vorfreude auf ein langes Wochenende in Bella Italia nicht trüben lassen. Ich schnappte meine Reisetasche vom Gepäckband und folgte dem Wegweiser zur Tourist-Info.

Oggi chiuso. Heute geschlossen.

Wie zur Entschuldigung lagen vor dem Schalter viele bunte Prospekte aus. Auch ein Busfahrplan war dabei. Beim Überfliegen des Liniennetzes blieb mein Blick einen Moment zu lange rechts außen in der Ecke hängen. Das konnte nicht sein! Sorgsam, mit einem Anflug von Verbissenheit, studierte ich das Stadtzentrum. Nichts. Hier waren sicherlich nicht alle Straßen eingetragen. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben! Ich beschloss, mir einen richtigen Stadtplan zu kaufen. Im „Tabacchi“ war es verdammt eng, dennoch wollte ich erst schauen, bevor ich etwas kaufte. Also blieb ich trotzig vor dem Regal stehen und blätterte in einem Plan. Wo verdammt war bloß die Via …? Endlich fand ich eine Liste der Hotels. Meins war nicht dabei. Drängelnde Ellenbogen von hinten. Ich war zum ersten Mal den Tränen nahe, als die Ahnung zur Gewissheit wurde: Mein Hotel lag am Stadtrand. Ich fragte die Verkäuferin des „Tabacchi“, diese ihre Kollegin, beide nickten verständnisvoll und verwiesen mich an den Info-Stand gegenüber. Dort sprach man sogar Englisch und gab mir den gutgemeinten Tipp, mich an die Tourist-Info ein Stockwerk tiefer zu wenden. Ach so, geschlossen. Ja also, am besten, Sie nehmen ein Taxi, ein Bus fährt nicht direkt zu Ihrem Hotel. Ich erzählte der freundlichen Dame entrüstet, dass man mir das Hotel als Innenstadthotel verkauft hatte. Sie regte daraufhin an, meinem Reisebüro die Taxikosten in Rechnung zu stellen. Vielen Dank, eine prima Idee.

Taxi oder Bus? Eine Frage des Preises.

Der Taxifahrer freute sich schon von weitem über seinen potenziellen Fahrgast und öffnete mir einladend den Kofferraum. Schnell zog ich meine Tasche fest an mich und erkundigte mich nach dem Preis. Etwa 35.000 Lire (also im Zweifel mehr). Danke. Lieber nicht. Abenteuerlustig, wie ich gar nicht war, schaute ich der Ungewissheit ins Auge und nahm den Airport-Bus zum Bahnhof. Mit dem schlugen erstmal nur 7.000 kostbare Lire zu Buche.

So fuhr ich mit dem Bus quer durch Bologna und kannte immer noch nicht den richtigen Weg zu meinem Ziel. Aber ich hatte eine nette Sitznachbarin. Von ihr erfuhr ich, dass die Linie 89, die wahrscheinlich zum Hotel oder in dessen Nähe fuhr, am Bahnhof gar keine Haltestelle habe. Ich solle am besten dort wieder nachfragen.

Stazione di Bologna Centrale

Der Info-Stand am Hauptbahnhof Bologna Centrale war gut besucht. Wie funktionierte das hier? Irgendwann durchschaute ich das System: Nummer ziehen wie auf dem Amt. Warten, bis Nummer angezeigt wird. Endlich war ich an der Reihe. Der freundliche Mann am Schalter sprach sogar deutsch. Ein wenig. Genug, um mich aufzuklären, dass er mir zuständigkeitshalber nicht weiterhelfen konnte. Er war nur für Zugauskünfte da. Ich müsse zur Tourist-Info am Platz gegenüber. Aha. Ich lief über den Platz, aber nirgends gab es etwas, das nach einer Tourist-Info aussah. Deprimiert beschloss ich, einfach bis zu einer 89er-Station zu laufen. Weit konnte das nicht sein. Zunächst lief ich zielsicher in die falsche Richtung. Das freundliche ältere Ehepaar, an das ich mich nach einigen hundert Metern sicherheitshalber wandte, sprach kein Englisch, trotzdem bekam ich irgendwann heraus, was die beiden mir zu sagen versuchten. Ich hielt die Karte genau verkehrt herum. Alles klar. Also zurück. Da war auch schon eine Bushaltestelle. Aber bevor ich mich in den falschen Bus setzte, wollte ich fragen. Die nette Frau vor mir nahm leider den gerade vorfahrenden Bus und hatte keine Zeit, mir selbst etwas zu erklären und verwies mich an den Buchladen gegenüber. Dessen ebenfalls sehr nette Verkäuferin verstand kein Englisch, holte aber einen Kollegen zur Hilfe, der verstand mich ein wenig. So bekam ich meine Vermutung bestätigt und ein Ticket verkauft. Die Linie 89 wäre richtig.

Es kamen viele Busse, nur kein 89er. Dieser fuhr, so entnahm ich dem Fahrplanaushang, nur einmal pro Stunde, abends bis 20.00 Uhr und sonntags gar nicht. Das waren entzückende Aussichten für mein bevorstehendes Wochenende. Zum Trost wollte ich mir ein Eis gönnen, ein Gelato! Erst lief ich in die falsche Richtung, wie hätte es anders sein können. Hatte ich dort hinten nicht eine Gelateria gesehen? Wieder zurück. Auch nicht. Nur abgepacktes Eis in einer Bar. Aber das war fantastisch, lecker wie Kuchen! (Es muss ein Gelato Cucciolone*, Vanille- und Schokoeis zwischen zwei Keksschichten, gewesen sein, weiß ich heute.) Endlich der richtige Bus. Ich fragte den Busfahrer nach meinem Hotel, aber der wusste auch nicht so genau, ob er dorthin fuhr. Zum Glück begannen sich drei junge Damen für meine missliche Lage zu interessierten und ergriffen die Initiative, diskutierten erst untereinander und wandten sich dann an mich. Etwa jedes vierte ihrer Worte war zu meinem Vorteil ein englisches. So verstand ich, ich solle bis zur Endhaltestelle fahren, dann sähe man das Hotel. Fein. Es ging raus aus der Stadt, durch ein Gewerbegebiet. Genau, das hatte ja bereits die Auskunftsdame am Flughafen erwähnt. Bei einem Supermarkt solle es sein. An der Endhaltestelle deutete der Fahrer in eine Richtung. Nur, ich sah kein Hotel. Ich ahnte nicht, dass mir noch eine beachtliche Strecke zu Fuß bevorstünde.

Eine Autowerkstatt außerhalb der Stadt

Also erkundigte ich mich erneut, diesmal in der Autowerkstatt gleich neben der Endhaltestelle der Linie 89. Der nette Mechaniker fing an zu erklären (kein Englisch, gar keins), aber als er sah, ich war zu Fuß, schloss er subito seine Werkstatt und bot mir an, mich zu fahren. Mir war in diesem Moment sowieso schon alles egal. Nur deshalb schob ich alle unangenehmen Bedenken der Art „XY-Ungelöst“ beiseite und ließ mich von dem freundlichen und kein bisschen gefährlich aussehenden Mann bis vors Hotel chauffieren. Dort kramte ich demonstrativ nach Geld (ich hatte nur sehr große Scheine, die wollte ich doch nicht …), aber er nahm kein Geld. Na, dann. Grazie, stotterte ich beschämt, aber vor allen Dingen erleichtert.

Endlich eingecheckt. Und jetzt?

Ich war da. In einem Hotel mehr außerhalb als am Rande der Stadt, die ich besichtigen wollte. Die Rezeptzionistin zeigte wenig Mitleid, nur Erstaunen wie alle zuvor, als ich ihr berichtete, ein Stadthotel gebucht zu haben. Ob ich auch zur Messe hier sei, fragte sie noch. Nein. Darin unterschied ich mich offensichtlich von den übrigen Gästen, vorzugsweise männliche Geschäftsreisende mittleren Alters. Am Sonntag könne ich mit einem Shuttle zur Messe fahren und von dort einen Innenstadtbus nehmen. Ob dieser Shuttleservice etwas kostet, fragte ich sie nicht. Ich hatte keine Lust mehr, Fragen zu stellen. Obgleich alle, wirklich alle auf meinem heutigen Irrweg so nett geantwortet hatten, war ich erschöpft von der Odyssey. Ich liebäugelte tatsächlich mit dem Gedanken, dem Reisebüro etwas in Rechnung zu stellen. Meine durchgelaufenen Schuhsohlen? Die Tickets für die Busse? Den Stadtplan?

Vom Zimmer aus nahm ich die ersten Urlaubsfotos auf: Blick auf Fernverkehrsstraße und Baustellenmüll. Wenigstens hatte ich hier draußen nicht die Qual der Wahl, wo ich zu Abend essen würde. In Bologna, also in der Stadt, in der ich eigentlich sein sollte, gäbe es so viele zauberhafte Trattorien, dass man sich gar nicht entscheiden könne. Diesen Stress hatte ich mir erspart. Heute Abend würde ich im Hotelrestaurant speisen. In diesem Moment dachte ich noch, dazu meinen hochgeschlitzten Rock anzuziehen. Als ich kurze Zeit später zu einem Abendspaziergang hinunterging, überlegte ich es mir schnell anders, denn mein erster Eindruck bei der Ankunft bestätigte sich jetzt: Ich war die einzige junge Frau, die in diesem Hotel abgestiegen war. Ich würde sowieso auffallen. Vor dem Hotel umwanderte ich zunächst die hauseigenen Tennisplätze und den vermoosten Pool. Nachdem ich beim dritten Anlauf den Ausgang gefunden hatte (es war niemand da, den ich hätte fragen können), überquerte ich den Parkplatz in Richtung Supermarkt. Der entpuppte sich als mittelprächtiges Einkaufszentrum. Na also, ich war doch nicht im Niemandsland gestrandet. Erfreut nutzte ich die unerwartete Gelegenheit, vorsorglich Tickets für den Bus zu kaufen. Überraschenderweise bot mir der nette Verkäufer im „Tabacchi“ die 10er City-Card an. Dabei hatte ich gedacht, die City-Card galt hier draußen nicht. Mein Versuch, dies zu klären, endete trotz Intervention eines anderen netten Kunden erfolglos. Ich gab mich geschlagen und nahm das Ticket, ich würde es in der Stadt gebrauchen können. Auch eine Telefonkarte holte ich mir. Ich wollte Mutti Bescheid geben, dass alles gut gegangen war. (Das war es doch auch!) Das Telefonieren gelang mir mit Hilfe des freundlichen Mannes vom Sicherheitsdienst, der mir erst eine Weile bei meinen vergeblichen Versuchen zugesehen und dann gezeigt hatte, dass es einen Trick gab: Man musste erst eine Ecke aus der Telefonkarte herausbrechen.

Und am Abend: Tagliatelle, Vino, Amore.

Meinen Abend im Restaurant verbrachte ich am Katzentisch abseits der lauten und lachenden und hin und wieder zu mir rüber starrenden Dienstreisenden. Ich grinste vor mich hin, denn ich musste daran denken, wie ich als Kind in solchen Situationen reagiert hatte. Ich konnte mich gerade so beherrschen, den Gaffern heute nicht die Zunge rauszustrecken. Mit dem bescheidenen Menü war ich zufrieden. Die Tagliatelle Bolognese im kleinen Teller schmeckte fantastisch und der Tischwein tat’s auch. Das Dessert wartete ohnehin im Zimmer auf mich. Ich wusste, dass es eine unverzeihliche Sünde wäre, noch dazu gleich am ersten Abend, aber … Nach dem anstrengenden Tag hatte ich mir einen netten Abschluss verdient. Ich machte es mir auf meinem extra-breiten King-Size-Bett gemütlich und naschte hintereinanderweg die drei oder vier Pralinen, die ich mir zuvor als eine Art Tapferkeitsbelohnung im „Tabacchi“ geleistet hatte (die famosen Baci Perugina*, weiß ich heute). Darin waren kleine transparente Zettelchen eingewickelt, mit Sprüchen darauf. Nur leider nichts Intelligentes. Irgend so ein Unsinn zum Thema Liebe. Was auch immer die meinten. Ich war so müde, dass ich eigentlich den Wecker nicht stellen wollte. Aber die spärlichen Bus- und langen Laufzeiten würden Disziplin gebieten, sonst konnte ich gleich im Hotel bleiben. Ich beschloss, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen: So ein gediegenes Messehotel war doch allemal besser als eine schmuddelige Jugendherberge. Auch wenn die vielleicht im Zentrum läge. Und die fremden Italiener ‒ Männer, Frauen, Alte, Junge ‒ waren alle richtig nett gewesen. Ich hatte keine Sorge, mich am nächsten Tag ins Zentrum Bolognas zu wagen.

Die kleinen Zettelchen mit den Pralinensprüchen steckte ich vorsichtshalber in die Jackentasche. Man konnte ja nie wissen, wofür sie noch gut waren.

*Keine Werbung, nur Hintergrundinfo zur Geschichte. In jedem Fall unbezahlt.

Stillsitzen konnte ich noch nie

Interview mit Giuseppe Gagliardi, Gastronom in Dresden

Giuseppe Gagliardi kann mit Stolz von sich behaupten, die Pizza nach Dresden gebracht zu haben. In diesem Jahr feiert er mit seiner Familie 30-jähriges Jubiläum, denn 1990 war er „Der erste Italiener in Dresden“. Eine Geschichte, die mich als Fast-Dresdnerin natürlich interessiert, zumal ich sein Lokal in Dresden Löbtau kenne und schon oft besucht habe. Am 5. November 2020 hatte ich die Gelegenheit, mit Herrn Gagliardi über sein bewegtes Unternehmerleben zu plaudern.

Die erste Erinnerung im Zusammenhang mit Dresden liegt Ewigkeiten zurück. Sie ist nur sehr vage. In meiner Heimat Salerno in Kampanien erzählte man uns in der Mittelschule von „Dresda“. Irgendwie war da etwas in meinem Hinterkopf geblieben. Dann habe ich viele Jahre nichts mehr von dieser Stadt gehört. Bis zu dem Tag, als ein Unternehmer in Köln mir vorschlug, mit ihm nach Dresden zu gehen. Es war mein dritter Ausflug in die DDR, nach dem Mauerfall. Zwickau und ein anderer Ort gefielen mir nicht. Dort stank es nach Trabi-Abgasen und Braunkohle. Meine dritte Reise ging nach Dresden. Und da hat es klick gemacht. Nach einer Tour durch die Innenstadt war ich, wie sagt man, „meravigliato“, beeindruckt. „Das Florenz des Nordens“, damals fiel es mir wieder ein, was ich über Dresden gelernt hatte.

Fangen wir von vorne an, Dresden war ja nicht Ihre erste Station. Wann kamen Sie nach Deutschland?

Schon als junger Mann, mit gerade mal Siebzehn. Das war 1968. Ich ging nach Deutschland, da ich so die Möglichkeit hatte, den Militärdienst zu vermeiden. Wenn man im Ausland lebte und dort den Wohnsitz nachweisen und eine Arbeitsbescheinigung vorlegen konnte, wurde man befreit. Und, mal ganz ehrlich, ich hatte keine Lust, 24 Monate ‒ für zwei Jahre wurde man damals in Italien eingezogen ‒ dem Staat zu dienen. Mein Vater hatte ganze zwölf Jahre mit Militärdienst, Krieg und Gefangenschaft verbracht, das war doch genug für unsere Familie?

Ich ging also 1968 nach Göppingen, gemeinsam mit zwei Brüdern, um meinen Weg zu machen und mein Leben in die Hand zu nehmen. Nach sechs Monaten begann ich dort neben meiner Arbeit in einer Fabrik meine erste selbständige Nebentätigkeit. Nachmittags brachte ich den italienischen Gastarbeiten den Lebensmitteleinkauf in ihre Baracken, die sogenannten Betriebswohnungen. Irgendwann organisierte ich auch für Bauarbeiter kalte Getränke, indem ich sie von der örtlichen Brauerei auf die Baustellen brachte. Ich hatte immer einen Blick dafür, wo es etwas zu tun gab.      

1975 eröffnete ich meine erste Pizzeria. Aber der ganz große Wurf gelang mir ein Jahr später mit der Idee, „Pizza al taglio“ (Pizza am Stück) als Imbiss in die deutschen Bierzelte zu bringen. Das kam gut an, war ja auch praktisch. Als ich im Mai 1990 mit meinem mobilen Pizzaofen bei einer Veranstaltung in Köln dabei war, traf ich einen Kölner Unternehmer, der die Silvesternacht in Dresden verbracht hatte und hin und weg war von dieser Stadt. Er schlug mir vor, meinen Pizzawagen in Dresden aufzustellen. In der DDR? Dresden, da war doch was … ich hatte es verdrängt. Und eigentlich war ich zu jener Zeit überall gut im Geschäft, sowohl in Göppingen als auch in meiner Heimat Salerno, ich hatte eigentlich nicht die Absicht, mich zu verändern.

Aber dann hat Sie die Abenteuerlust gepackt und der wilde Osten gereizt?

Naja, ich habe mich überreden lassen, es mir mal anzuschauen, und dann, wie gesagt, war ich von Dresden so begeistert. Ich hatte, mit damals Vierzig, auch Lust, in eine große Stadt zu gehen, Göppingen war mir irgendwie zu klein geworden. Natürlich war das gar nicht so einfach, in der DDR einen Imbiss aufzumachen. Ich spreche vom Sommer 1990.  Ich ging zur Dresdner Behörde und zunächst glaubte man mir nicht, dass ich Italiener sei. Dann gefiel ihnen meine Idee, aber sie hatten nicht die erforderlichen Papiere, wussten noch gar nicht, wie sie so einen Antrag abwickeln sollten. Also bin ich zurück nach Göppingen, habe mir dort die Unterlagen beschafft. Und wissen Sie, was man mir im Göppinger Amt sagte, als man von meinem Plan erfuhr, in der DDR einen Pizzastand aufzumachen? „Sind Sie verrückt?“ Ja, sie erklärten mich für verrückt. Die im Osten hätten doch eine andere Mentalität, ob ich mir das gut überlegt hätte. Ich konnte nur lachen. Andere Mentalität, was interessiert mich das? Ich bin Süditaliener, habe ich denen erklärt, und mit den Norditalienern kommen wir auch nicht so super klar. Na und, also? Wieder zurück in Dresden, unterschrieb und stempelte Frau Müller, so hieß die Angestellte, die bereits ausgefüllten Unterlagen. Dann machte sie sich eine Kopie. So hatte sie für künftige Fälle dieser Art ein schönes Arbeitsbeispiel. Ja, ich war der erste zugelassene selbständige Gastronom in Dresden. Darauf bin ich auch stolz.

Zu Recht. Man musste sich etwas trauen damals. Auch wenn man erstmal vor verschlossenen Türen stand …

So ging es mir, als ich mich für den Striezelmarkt interessierte. Ich hatte mit der Organisation von Festen und Märkten schon reichlich Erfahrungen, in Westdeutschland und in Salerno, und vom berühmten Striezelmarkt hatte ich gehört, es reizte mich natürlich, da mitzumachen. Aber niemand konnte oder wollte mir sagen, wer dafür verantwortlich war. Fünf, sechs Wochen klopfte ich vergeblich an verschiedene Türen. Als ich dann endlich den „Veranstaltungsbetrieb Dresden“ gefunden hatte und mit Glück den Chef zu sprechen bekam, erfuhr ich von ihm, dass das Büro kurz vor der Schließung stand. Er könne mir die Organisation übergeben, bevor er selbst in den Westen ginge. Wie hätte ich da nein sagen können, nach all der Rennerei. So kam es, dass ich zwischen Ende Oktober und Ende November einhundert private Weihnachtsmarktstände für die Stadt organisierte. Und obendrein platzierte ich vorm Café Prag zehn eigene Buden, holte dazu fünfunddreißig Leute vom Arbeitsamt sowie meine Söhne aus Italien, die dort studierten. Ihr werdet hier gebraucht, sagte ich ihnen. Wenn ich heute an diese verrückte Zeit denke, frage ich mich, wie ich das alles hinbekommen habe. Diese Erfahrung war wie ein „esame di vita“, eine Prüfung fürs Leben. In den darauffolgenden Jahren, bis 1996, betrieben wir dann jeweils nur noch einen Glühweinstand mit Pizza auf dem Striezelmarkt. Mein Glühwein wurde übrigens mehrmals prämiert. Ich habe nie gepanscht, lieber ein paar Cent mehr verlangt, denn ich bin überzeugt, dass nur Qualität langfristigen Erfolg garantiert.

Und Ihr erstes Restaurant in Dresden?

Als ich den Pizzaimbiss in der Zwinglistraβe betrieb, bekam ich das ehemalige Eiscafé Iglu angeboten. Es schien mir erst eine Nummer zu groß, mit 350 Plätzen. Aber dann habe ich zugeschlagen und investiert. In den nächsten Jahren kamen insgesamt 15 Lokale dazu. Die Pizzeria & Trattoria „La Contadina“ in Löbtau habe ich im August 1998 eröffnet. Dieses und das Lokal Pizzeria & Trattoria „Il Girasole“ mit dem Veranstaltungsraum „Die Scheune“ in Dresden Nickern, wo ich auch wohne, sind bis heute in meinem Besitz. Es ist nicht alles gut gelaufen über die Jahre, der Unternehmergeist, mit dem man in den Anfangsjahren der Wende gut fuhr, kommt nicht mehr so einfach an. An die Stelle von Improvisation und Enthusiasmus ist die Bürokratie getreten, aber das ist überall so, die Welt ist ein Dorf, oder nicht? Ich bin etwas ruhiger geworden, konzentriere mich auf meine beiden Traditions-Lokale, meine Familie. Ich bin gerade siebzig geworden, aber denken Sie nicht, ich setze mich zur Ruhe. Ich kümmere mich weiterhin jeden Morgen um die Einkäufe, und abends fahre ich rum und schaue vor Ort nach dem Rechten.

Apropos Tradition, habe Sie Ihre Rezepte dem (ost-)deutschen Geschmack angepasst, Kompromisse gemacht?

Eigentlich nicht. Ich glaube an unsere Mission, die Familie Gagliardi steht für „Gastronomia, Tradizione, Innovazione“. Ich verwende unser eigenes Olivenöl, aus Kampanien, da habe ich damals als Junge nachmittags nach der Schule mit meinem Vater die Olivenbäume gepflanzt. Man entwickelt sich weiter, das ist ganz klar, aber die Basis ist immer die Tradition. Die Küche meiner Restaurants war stets in italienischen Händen. Was die gute Küche angeht, weiß ich, dass man Stammkunden nur mit Qualität gewinnt und bei der Stange halten kann. Zu uns kommen Familien seit 25, 28 Jahren, feiern alle ihre Feste bei uns. Und die Menschen entwickeln sich auch weiter, gerade in der Stadt sind sie viel aufgeschlossener als in ländlichen Regionen, was fremde kulinarische Kulturen betrifft. Vor Kurzem sah ich, wie in meinem Restaurant eine große Portion Cozze (Miesmuscheln) serviert wurde, und staunte nicht schlecht, dass es sich bei dem Gast um ein Kind, fünf oder sechs Jahre alt, handelte. Das ist eher kein gewöhnliches deutsches Kindergericht, nicht wahr? So etwas zu sehen, macht Freude. Ich sage manchmal, ich habe viel von Dresden gelernt. Aber die Dresdner auch von mir.

Was mögen Sie besonders an Dresden und den Dresdnern?

Als ich noch pendelte, zwischen Göppingen und Dresden, habe ich Unterschiede erlebt, ich habe die besondere Gastfreundschaft der Dresdner zu schätzen gelernt. Wenn ich über die Zimmervermittlung eine Unterkunft suchte, wurde ich immer sehr herzlich aufgenommen, nie bekam ich zu hören „Italiener wollen wir hier nicht.“ Und dann hat mich überrascht, dass es in der Stadt so viele italienische Nachnamen gab. Einmal blätterte ich im Telefonbuch, und konnte meinen Augen nicht trauen. Spätestens da stand für mich fest: Jetzt ziehst du endgültig hierher.

Eine Entscheidung, die Sie nicht bereut haben?

Nein, im Gegenteil. Ich würde alles wieder so machen. Auch wenn zwischenzeitlich nicht alles glatt lief, ich Rückschläge einstecken musste. Aber das ist normal, das ist das Leben. Wenn man etwas anfängt, ein Unternehmen gründet, eine Aktivität, geht man immer ein Risiko ein. „Non si vince sempre“, man kann nicht immer gewinnen. Und was mir besonders wichtig war, neben den Geschäften, das waren die Momente mit Kindern. Ich habe von Anfang an Feste für Kinder veranstaltet, Spaghetti-Essen (das war ein Spaß, sie kannten die ja in der DDR nicht oder aßen sie mit Messer und Gabel), Schuleinführungen, Weihnachtsfeste in Kinderheimen. Da konnte man auch viel bewegen, in den 1990er und frühen 2000er Jahren. Das habe ich immer gern getan, und auch mein Personal war immer sofort dabei, und zwar auf ehrenamtlicher Basis. Auch von diesem Helfergeist ist einiges auf der Strecke geblieben, die behördlichen Vorschriften und Umständlichkeiten machen vieles heute unmöglich, so sehe ich das.

Gerade war in Italien die Beerdigung von Gigi Proietti, ein großer Künstler und als Mensch ein Vorbild für mich … Wissen Sie, ich habe Träume, noch heute. Wenn ich zwischen meinen beiden Lokalen hin und herfahre, und das tue ich mehrmals am Tag, träume ich, was ich noch auf die Beine stellen könnte. Es ist wichtig, zu träumen. Egal, ob man es dann umsetzt oder nicht. Ich habe immer geträumt und höre noch nicht auf.

Und ich kann auch nicht aufhören zu arbeiten. Ich konnte noch nie stillsitzen, das liegt mir nicht. Sind Sie denn nie krank, werde ich manchmal gefragt. „No, non è il mio mestiere.“ Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Giuseppe schmunzelt und zieht die Schultern hoch.

Danke, Giuseppe, für das interessante Gespräch, das wir den Umständen entsprechend per Videokonferenz geführt haben. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie Gesundheit und Schaffenskraft für weitere gute Jahre italienische (Ess-)Kultur in Dresden. Kommen Sie gut und sicher durch diese Krise. Diesmal konnte ich nicht wie geplant in Dresden sein und das Gespräch persönlich vor Ort mit Ihnen führen, aber bei der nächsten Gelegenheit komme ich in der „La Contadina“ in Löbtau vorbei. Versprochen!

Hier geht’s zu Gagliardi in Dresden: https://www.gastro-gagliardi.de/

Fotos zur Verfügung gestellt von Giuseppe Gagliardi.

Stare fermo non fa per me

Intervista con Giuseppe Gagliardi, gastronomo a Dresda

Giuseppe Gagliardi può affermare con orgoglio di aver portato la pizza a Dresda. Quest’anno con la sua famiglia festeggia il trentesimo anniversario, infatti nel 1990 è stato „Il primo Italiano a Dresda“. Una storia che mi interessa, visto il mio legame con Dresda, anche perché conosco il suo ristorante nel quartiere Dresden Löbtau. Il 5 novembre 2020 ho avuto l’opportunità di chiacchierare con il signor Gagliardi della sua movimentata vita imprenditoriale.

La prima memoria relativa a Dresda risale a tanto tempo fa è una memoria molto vaga. Nella mia città natale di Salerno, in Campania, ci hanno parlato di Dresda alle scuole medie. Da lì, in qualche modo qualcosa mi era rimasto in testa. Per molti anni non ho più sentito parlare di questa città. Ma un giorno un imprenditore di Colonia mi ha suggerito di andare a Dresda con lui. Era il mio terzo viaggio nella DDR dopo la caduta del muro. La prima tappa fu Zwickau ma non mi piaceva e in un altro posto di cui non ricordo il nome. Mi ricordo solamente che lì puzzava di carbone e di fumi di scarico delle loro macchine, i “Trabant”. Il mio terzo viaggio fu Dresda. Lì è scattata la scintilla! Dopo un giro per il centro della città sono rimasto, come si dice, meravigliato e impressionato. „La Firenze del Nord“, in quel momento mi ricordai di ciò che avevo imparato a scuola su Dresda.

Cominciamo dall’inizio, Dresda non è stata la prima tappa. Quando è venuto in Germania?

Ero molto giovane, avevo solo diciassette anni. Era nel 1968. Il vero motivo per cui sono venuto in Germania era per evitare di fare il servizio militare. Infatti, eri esonerato se potevi mostrare la tua residenza e un certificato di lavoro all’estero. E, ad essere sinceri, non mi sentivo di servire lo stato per 24 mesi ‒ all’epoca andavi per due anni al militare in Italia. Mio padre aveva trascorso ben dodici anni tra servizio militare, guerra e prigionia, non era abbastanza per la nostra famiglia?

Così sono andato a Göppingen nel 1968, insieme a due fratelli, per farmi strada e prendere la mia vita nelle mie mani. Dopo sei mesi, ho iniziato la mia prima attività indipendente nei brevi spazi di tempo libero, dopo il lavoro in fabbrica. Nel pomeriggio portavo ai lavoratori italiani, i “Gastarbeiter”, la spesa alimentare nelle loro baracche, dette “Betriebswohnungen”. A un certo punto ho anche organizzato consegne di birre fresche per gli operai edili direttamente dalla birreria locale ai cantieri. Ho sempre avuto l’occhio per dove c’era qualcosa da fare.     

Nel 1975 ho aperto la mia prima pizzeria. Ma il grande successo arrivò un anno dopo con l’idea di portare il concetto di pizza al taglio da asporto come spuntino nelle feste della birra. Questo è stato ben accolto, visto che era molto pratico e veloce. Nel maggio del 1990, quando mi trovavo ad un evento a Colonia con il mio forno a legna mobile per la pizza, incontrai un imprenditore di Colonia che aveva trascorso il Capodanno a Dresda ed era rimasto entusiasmato da quella città. Mi ha suggerito di allestire il mio carrello delle pizze a Dresda. Nella DDR? Dresda, c’era qualcosa lì …, un vago ricordo. Ma, in realtà stavano andando bene le mie attività in quel periodo, sia a Göppingen che nella mia città natale, Salerno, non avevo alcuna intenzione di cambiare. 

Ma poi si ha lanciato all’avventura e al selvaggio est?

Beh, mi sono lasciato convincere a dargli un’occhiata e poi, come ho detto, ero così impressionato di Dresda. Avevo quarant’anni e volevo andare in una grande città, Göppingen era diventato in qualche modo troppo piccolo per me. Naturalmente non è stato facile aprire uno chiosco “Imbiss” nella DDR. Parlo dell’estate del 1990. Andai dalle autorità di Dresda e all’inizio non credevano che fossi italiano. Poi hanno apprezzato la mia iniziativa, ma non avevano idea dei documenti che servivano, non sapevano come elaborare questa richiesta. Così sono tornato a Göppingen, per prendere i documenti necessari. E sapete cosa mi hanno detto nell’ufficio di Göppingen quando hanno saputo del mio progetto di aprire un chiosco della pizza nella DDR? „Ma Lei è pazzo!“ Sì, mi hanno dato del pazzo. Mi dissero che la mentalità nell’est è così diversa e mi chiesero se ci avessi pensato bene. A quel punto potevo solo ridere! Mentalità diversa? Che mi importa! Io sono del sud Italia, ho spiegato a loro, e non andiamo molto d’accordo neanche con gli italiani del nord. E allora?

Tornato di nuovo a Dresda, la signora Müller, cosi si chiamava la Signora dell’ufficio comunale, ha firmato e timbrato i documenti già da me compilati. Poi si è fatta una fotocopia. Così ha avuto un bell’esempio di lavoro per casi futuri di questo tipo. Sì, sono stato il primo ristoratore privato autorizzato a Dresda. Sono orgoglioso di questo.

E come no. Uno doveva correre il rischio allora. Anche se trovava le porte chiuse in faccia

È così che mi sono sentito quando mi sono interessato ad organizzare il mercatino di Natale “Striezelmarkt”. Avevo già molta esperienza nell’organizzazione di feste e mercati, nella Germania dell’ovest e anche a Salerno, e avevo sentito parlare del famoso Striezelmarkt di Dresda. Naturalmente ero tentato di parteciparvi. Ma nessuno poteva o voleva dirmi chi fosse l’organizzatore responsabile. Ho bussato a varie porte per cinque o sei settimane invano. Quando finalmente l’ho trovato nell’ufficio „Veranstaltungsbetrieb” e con un po‘ di fortuna sono riuscito a parlare con il direttore, mi ha informato che l’ufficio stava per chiudere. Poteva consegnarmi l’organizzazione prima di andare lui stesso all’ovest. Come avrei potuto dire di no, dopo tutta la fatica che ho fatto a trovarlo. Così è successo che tra la fine di ottobre e la fine di novembre 1990 ho organizzato un centinaio di stand privati nel mercatino di Natale di Dresda. Inoltre, ho allestito io dieci bancarelle di fronte al famoso Café Prag, portando trentacinque persone dell’ufficio di collocamento e ho anche chiamato i miei figli da Italia, che stavano studiando lì. Qui c’è bisogno di voi, gli ho detto. Quando penso oggi a questo periodo pazzesco, mi chiedo come ho fatto a gestire tutto questo. Era una esperienza come un „esame di vita“. Negli anni successivi, fino al 1996, allo Striezelmarkt abbiamo gestito solo uno stand di vin brulé “Glühwein”, con annessa pizza d’asporto. A proposito, il mio vin brulé è stato premiato più volte. Non ho mai “allungato” il vino con acqua, ho preferito far pagare qualche centesimo in più, perché sono convinto che solo la qualità garantisce il successo a lungo termine.

E il suo primo ristorante a Dresda?

Quando ho gestito il chiosco della pizza nella Zwinglistraβe, mi è stata proposta l’ex gelateria Eiscafé Iglu. All’inizio mi sembrava troppo grande, con 350 posti a sedere. Ma poi ho deciso di comprare e ho investito li. Negli anni successivi ho raggiunto un totale di 16 ristoranti in città. Ho aperto la Pizzeria & Trattoria „La Contadina“ a Löbtau nell’agosto 1998. Questo e il ristorante Pizzeria & Trattoria „Il Girasole“ con la sala „Die Scheune“ a Dresden Nickern, dove vivo anch’io, sono ancora mie. Non tutto è andato bene negli anni, lo spirito imprenditoriale con cui si è andati bene nei primi anni della svolta non è più così facile da trovare. L’improvvisazione e l’entusiasmo sono stati sostituiti dalla burocrazia, ma è lo stesso ovunque, il mondo è un paese, no? Sono diventato un po‘ più tranquillo e meno frenetico, ora mi concentro sui miei due locali tradizionali, insieme con la mia famiglia. Ho appena compiuto settant’anni, ma non pensate che mi ritirerò. Continuo a fare la spesa tutte le mattine, e la sera vado in giro in macchina e vado a vedere come va nei miei posti.

A proposito di tradizione, avete adattato le vostre ricette al gusto tedesco (dell’est), avete fatto dei compromessi?

Non direi. Credo nella nostra missione, lo slogan della famiglia Gagliardi è „Gastronomia, Tradizione, Innovazione“. Nei miei locali usiamo il nostro olio d’oliva campano, dove da ragazzo, dopo la scuola, piantavo gli ulivi nel pomeriggio con mio padre. È chiaro che ci stiamo adeguando con i tempi, ma la base è sempre la tradizione. La cucina dei miei ristoranti è sempre stata in mani italiane. Per quanto riguarda il buon cibo, so che si possono conquistare clienti abituali solo con la qualità. Ci sono famiglie che vengono da noi da 25, 28 anni, e celebrano qui da noi tutte le loro feste. Naturalmente anche la gente continua a imparare, soprattutto gli abitanti delle città sono molto più aperti rispetto ai piccoli paesi, soprattutto quando si tratta di culture culinarie straniere. Recentemente ho visto che nel mio ristorante veniva servita una grande porzione di cozze e sono rimasto abbastanza sorpreso nel vedere che l’ospite era un bambino, di cinque o sei anni. Questo non è un piatto tedesco tipico per bambini, vero? È un vero piacere vedere una cosa del genere. A volte dico che ho imparato molto da Dresda. Ma anche i cittadini di Dresda hanno imparato da me.

Che cosa le piace particolarmente di Dresda e della gente di Dresda?

Quando ero ancora pendolare tra Göppingen e Dresda, ho visto le differenze, ho imparato ad apprezzare l’ospitalità della gente di Dresda. Quando cercavo un alloggio attraverso una agenzia di accoglienza, sono stato sempre trattato calorosamente, non ho mai avuto modo di sentire „Non vogliamo italiani qui“. E poi mi ha sorpreso che ci fossero così tanti cognomi italiani in città. Una volta ho sfogliato l’elenco telefonico e non potevo credere ai miei occhi. A quel punto ero sicuro: ora ti trasferisci qui per sempre.

Una decisione di cui non si è pentito?

No, al contrario. Io rifarei tutto così. Anche se nel frattempo le cose non sono tutte andate bene, ho dovuto subire qualche battuta d’arresto. Ma è normale, questa è la vita. Quando si inizia qualcosa, si avvia un’attività, si corre sempre un rischio. Non si può vincere sempre. E ciò che per me era più importante, oltre agli affari, erano i momenti con i bambini. Fin dall’inizio ho organizzato feste per i bambini, spaghettate (era divertente, che gli spaghetti non li conoscevano nella DDR e li mangiavano con coltello e forchetta), feste di inizio scuola e feste di Natale negli istituti che ospitavano i bambini con gravi difficoltà. Si poteva fare molta beneficenza negli anni ’90 e nei primi anni 2000. Mi è sempre piaciuto farlo, e il mio staff era sempre presente fin da subito, su base volontaria. Oggi questo spirito di solidarietà è caduto in disgrazia, i regolamenti ufficiali complicati e le circostanze rendono molte cose impossibili oggi, io la vedo così.

Proprio oggi, in Italia c’è stato il funerale di Gigi Proietti, un grande artista e come persona modello per me … Sai, ho ancora dei sogni, ancora oggi. Quando viaggio avanti e indietro tra i miei due ristoranti, e lo faccio più volte al giorno, sogno quello che potrei ancora realizzare. È importante sognare. Che tu lo realizzi o meno. Ho sempre sognato e non mi fermo ancora.

E non posso nemmeno smettere di lavorare. Non sono mai riuscito a stare fermo, non è in me. A volte mi viene chiesto “Ma non si amala mai?”. „No, non è il mio mestiere“, rispondo. Giuseppe sorride alzando le spalle.

Grazie, Giuseppe, per la nostra chiacchierata, tenuta a seconda delle circostanze in videoconferenza. Auguro a Lei e alla Sua famiglia salute e creatività per ulteriori anni di buona cucina italiana a Dresda. Spero che superate bene e in sicurezza questa crisi. Purtroppo, non sono riuscita a essere a Dresda per trovarvi nel vostro locale, ma alla prossima occasione verrò a „La Contadina“ a Löbtau. Promesso!

Per saperne di più sui locali di Gagliardi a Dresda: https://www.gastro-gagliardi.de/

Foto gentilmente fornite da Giuseppe Gagliardi.