Zimmerreisen: E wie Esstisch

Auf geht’s zu einer weiteren Runde Zimmerreisen, dieser wunderbaren Schreibanregung von Puzzleblume.

Nach Omas Besteck küre ich diesmal den Esstisch zum Protagonisten meiner Erzählung. Prost Mahlzeit, werdet ihr sagen, dreht sich auf diesem Blog alles nur ums Essen? Nun, eigentlich nicht. Doch es gibt sicher mindestens zwei gute Gründe, dass Themen rund um die Nahrungsaufnahme in meinen Gedanken einen Ehrenplatz einnehmen. Zum einen liegt es an meiner neuen Heimat Italien, in der die Kunst des Speisen Besorgens, Zubereitens und Genießens ein schöner und wichtiger Teil der Lebenskultur ist. Zum anderen, und da sitzen wir alle am gleichen Tisch, steht in Zeiten der eingeschränkten Möglichkeiten das Essen in Familie plötzlich früh, mittags, nachmittags und abends auf dem Plan. Schön und gleichzeitig ganz schön anstrengend, aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Heute geht es in meiner Zimmerreise mit dem Buchstaben E um den:

Esstisch. Einer für alles, oder alle für eines?

Bezeichnet man als Esstisch den Tisch, an dem gegessen wird, dann haben wir genaugenommen drei davon. Wir tauschen schon aus Lust an der Abwechslung immer mal wieder unsere Plätze. Ich bin überzeugter Verfechter der Theorie „Neuer Sitzplatz, neues Leben“. (Ich glaube, es heißt eigentlich „neue Perspektive“, aber ich finde auch den Gedanken an das Leben immer sehr schön und passend.) Für Colazione (Frühstück), Pranzo (Mittagessen) und Cena (Abendessen) können wir an der Kücheninsel auf Barhockern Platz nehmen oder uns an den klassischen Ausziehtisch setzen. Bei schönem Wetter, von April bis September, lieben wir den Esstisch auf dem Balkon. Gleich mehrere Tische nutzen wir, wenn wir Besuch haben (hatten): Wie die feinen Leute servieren wir einen Aperitif an der Kücheninsel, um dann je nach Wetterbedingungen an den Tisch drinnen oder draußen zu wechseln. Nur im ersten Lockdown wurde der Esstisch plötzlich umfunktioniert und zum Mittelpunkt unseres Großraumbüros. Die Kinder teilten ihn sich als Arbeitsfläche. Er lag nun tagein tagaus voller Bücher, Hefte, Schreibzubehör, und da war es gut, Alternativen als Esstisch zu haben. Mittlerweile konnten unsere Mädchen ihre Schreibtische in den Kinderzimmern vom Spielzeug befreien und zum Arbeiten herrichten. Trotzdem bevorzugen sie manchmal noch das Großraumbüro und erledigen ihre Hausaufgaben am Esstisch oder an der Kücheninsel.

Heute haben wir für eine Sache mehrere Lösungen.

Damals gab es für mehrere Sachen eine Lösung: den Wohnzimmertisch.

Der ursprünglich als ausziehbarer Esstisch konzipierte Einrichtungsgegenstand war unser „Einer für alles“. Gern habe ich in Gedanken nochmal an ihm Platz genommen und mich erinnert, was sich an, auf und unter unserem Multifunktionstisch im Wohnzimmer alles abspielte. (Keine Sorge, mein Text bleibt wie immer jugendfrei.)

Es ist aufgetischt!

Für DDR-Verhältnisse war meine Familie durchaus privilegiert, wohnten wir doch in einem hübschen Altneubau mit Fernheizung, Bad, Küche und kleinem Balkon. Ich weiß nicht, ob die Zimmer einfach nur klein oder ob sie ungünstig geschnitten waren, jedenfalls hatten wir nur einen Tisch im Wohnzimmer. Es gab keine zusätzliche Sitzecke mit Couchtisch, wie sie heute üblich ist und wie sie auch seinerzeit schon einige Leute hatten. Unser kleines Wohnzimmer war an einer Seite mit dem Balkonfenster und an der anderen mit zwei Türen verbaut, an der dritten Seite hatte die obligatorische Schrankwand ihren Platz gefunden. An der einzigen freien Wand stand eine Couch mit dem besagten Wohnzimmertisch davor, dazu zwei Sessel an den Tischenden. Gegenüber der Couch stand schräg vor dem Balkonfenster der Fernseher. Nicht dass ihr denkt, während des Essens wurde ferngesehen. Diese Unsitte gab es (noch) nicht. Wir unterhielten uns bei Tisch und sahen uns dabei ins Gesicht. Tatsächlich.

Erst abends, nachdem das sogenannte Abendbrot gegessen war, wurde abgeräumt und unser Esstisch mutierte zum Fernsehcouchtisch, auf dem alle Getränke bequem Platz fanden. Ich will damit nicht sagen, dass viel getrunken wurde. Aber es gab kein Gläser-Gedränge wie auf einem winzig kleinen Beistelltisch, man saß ja weiter am Esstisch.

Die besagte Couch am Tisch war ‒ wie praktisch ‒ gleichzeitig ein Schlafsofa. Man konnte sie aufklappen und allein oder in gewissen schlanken Konstellationen zu zweit darauf schlafen. Wie eingangs versprochen, möchte ich hier keine Sofa-Bettgeschichten erzählen, sondern meine volle Aufmerksamkeit dem Nachttisch widmen. Gästen, die es sich auf unserer Couch bequem machen durften, diente unser Tisch des nachts zur Ablage für Wecker, Armbanduhr und sonstige unverzichtbare Utensilien.

Am Wochenende, nachmittags oder auch mal abends, wenn die zwei Fernsehprogramme DDR-F1 und DDR-F2 kein interessantes Programm boten, diente unser Wohnzimmertisch als Spieltisch. Für Kartenspiele mit Auslegen und großflächige Gesellschaftsspiele bot er ausreichend Platz. Sogar Reisen, im wahren DDR-Leben nur begrenzt möglich, traten wir am Wohnzimmertisch sitzend an. Natürlich ging die „Reise in die Sowjetunion“. So hieß ein wunderbares Tischspiel, an das ich mich gern erinnere. Wladiwostok war das ferne Sehnsuchtsziel. Oder handelte es sich dabei um den unbeliebten Verbannungsort, an beziehungsweise auf dem man lieber nicht landete?

Mein Vater löste am Wohnzimmertisch sogar politische Hauptaufgaben. Das heißt, er las und studierte, was dazu in der führenden Tagespresse verlautbart wurde. Und da es sich bei seiner Lektüre meist nicht nur um simples Zeitunglesen, sondern wahrhaftiges Studieren handelte, mit Ankreuzen, Unterstreichen und vielen eigenen Randbemerkungen, wurde unser Tisch für meinen Vater zum Zeitungsstudiertisch.

Meine Mutter hatte ein anderes Hobby. Wenn sie es wollte, wurde unser Tisch zum Schneidertisch. Sie und später auch ich, als ich das Nähen von ihr lernte, breiteten unsere Schnittmusterbögen auf ihm aus und schnitten den Stoff darauf zu.

Als Schreibtisch diente unser treues Möbel meiner Mutter ‒ Lehrerin von Beruf ‒ wenn sie Klassenarbeiten kontrollierte und den Unterricht vorbereitete. Ein separates Arbeitszimmer gehörte nicht zum realsozialistischen Wohnstandard. Einen eigenen Schreibtisch hatte nur meine kleine Wenigkeit im Kinderzimmer (verwöhntes Nesthäkchen, das ich war).

Und manchmal wurde der gute Wohnzimmertisch einfach zum Küchentisch umfunktioniert, an dem wir Kartoffeln schälten, Gemüse putzten und Obst für Marmelade kleinschnippelten. In unserer Küche, die wie ein schmales Handtuch geschnitten war, musste man alles im Stehen verrichten. Wir machten es uns lieber gemütlich und fanden die passende Lösung im Wohnzimmer.

Zu seinen größten Ehren brachte es unser Verwandlungskünstler aber als Wickeltisch und Babybadetisch. Erst für mich, später für meine Nichten und Neffen. Mir imponiert bei dem Gedanken daran vor allem das Organisationstalent der Eltern. Ich selbst gehörte später zu dem Typ Übermutter, die beim ersten Pups des Säuglings sofort alles stehen und liegen ließ, um eine Wickelgelegenheit zu organisieren. Unvorstellbar, erst in Ruhe weiter zu speisen, gar auf die anderen zu warten, abzuräumen, um dann in aller Ruhe den Tisch zum Wickelplatz umzugestalten.

Wie viel entspannter es früher zuging! Oder einfach nur organisierter? Nach sturem Zeitplan? Die (Stoff-)Windel wurde vermutlich zu festgelegter Uhrzeit, soundso viel Mal am Tag gewechselt. Vor dem Essen. Oder danach. Ganz sicher nicht währenddessen. Musste der Quälgeist eben warten. Wenn unsere Babys später nie einen wunden Po gehabt hätten, könnte man sich vorschnell zu einem Urteil hinreißen lassen. Jedoch, wer kann es nicht bezeugen, gab und gibt es trotzdem wunde Popos, da kann die Windel noch so oft gewechselt werden. Wahrscheinlich haben unsere Mütter und Großmütter nicht alles vollkommen falsch gemacht. Zumindest haben sie ihre eigenen Nerven geschont.

Aber zurück zu unserem Tisch. Manchmal spielte sich das Geschehen nicht mehr auf dem Tisch, sondern darunter ab. Meine schönste Erinnerung: das Bude Bauen. An langweiligen Sonntagen, wenn mir gar nichts mehr einfiel, hing ich lange Decken oder Laken über den Tisch und zog einfach unten drunter ein. Manchmal brachten mir meine Eltern sogar das Essen oder einen kleinen Imbiss in meine Höhle. Wie sie sich selbst derweil oben arrangierten, weiß ich nicht und war mir als Kind wahrscheinlich piepegal. Es war herrlich gemütlich in meiner Bude. Während ich jetzt versuche, mir das Innere meiner ersten eigenen Wohnung noch einmal vorzustellen, blinkt ein Erinnerungslämpchen auf. Unser Tisch war nicht nur ausziehbar, sondern ließ sich auch mit einer Handkurbel in der Höhe verstellen. Diese Kurbel befand sich unter dem Tisch. Wenn er mal wieder als Esstisch fungierte und ich die Sitzenden ärgern wollte, ließ ich mich heimlich hinabgleiten (zumindest dachte ich, dass mich keiner sah, schließlich waren die Erwachsenen ins Essen und in Gespräche vertieft), und kurbelte ihn kräftig hoch oder runter. Das war ein Vergnügen! Selig grinsend streiche ich jetzt in Gedanken noch einmal über die mittelbraune, glänzend beschichtete Tischplatte. Es gab einen hellen Fleck darauf, fällt mir wieder ein. Entweder stand dort mal ein heißer Kochtopf zu lange an derselben Stelle, oder … oder ich habe noch einen Verwendungszweck vergessen. Genau! Der Tisch war auch ein Bügeltisch, und der Fleck stammte vom heißen Bügeleisen.

Nun ist heute schon Abgabetag für diese Runde Zimmerreisen. Wenn ich noch Zeit hätte, würden mir garantiert noch mehr Tische einfallen, die unser Esstisch war, wenn wir nicht an ihm aßen.

Fast tut es mir leid, dass meine Kinder heute drei Tische sehen, und nicht all die vielen Möglichkeiten, die wir allein mit einem hatten.

Update: Keine neuen Einträge.

Immer wenn mein Nokia runterfällt, und das passiert leider viel zu oft, zerfällt es in drei oder vier Einzelteile. Dann bin ich jedes Mal froh, dass ich es wieder zusammensetzen kann. Wenn es erneut Lebenszeichen sendet, katapultiert es mich zurück zum 01.11.2010. Ich muss Datum und Uhrzeit neu einstellen, um dem alten Handy seine letzte Funktionalität zurückzugeben. Die da wäre, fragt ihr? Ob ihr es glaubt oder nicht, mein altes Nokia dient mir nun schon vier Jahre lang als Terminkalender. 2017 ‒ besser spät als nie ‒ habe auch ich mich der neuen Technologie gestellt und zu einem Smartphone überreden lassen. Mittlerweile bin ich einer der größten Fans zeitgemäßer Kommunikation. „Sei sempre attaccata!“ Ich würde ständig dranhängen, kritisiert meine Familie.

Was mich am Smartphone allerdings nicht überzeugt, ist die Kalenderfunktion. Deshalb pflege ich im alten Nokia weiter meine Agenda. Seit einem Jahr zögere ich nach jedem freien Fall des treuen Geräts immer einen Moment mit dem Update von Datum und Uhrzeit. Wie wäre es, ins Jahr 2010 zurückzukehren?

In meiner digitalen und zugleich altertümlich wirkenden Agenda speichere ich auch die wiederkehrenden Termine, wie Kinder aus der Schule holen, zu all ihren Freizeitaktivitäten bringen und wieder abholen. Im September 2020 habe ich diese Zeiten fürs neue Schuljahr programmiert. Als Ende Oktober wieder Schluss mit lustig, mit Sport und Musik war, ließ ich die akribisch eingetakteten Zeiten der Freizeitaktivitäten gespeichert. Nach wenigen Wochen wäre man, so hofften wir, zum Programm zurückgekehrt. Bei Turnen und Musikschule gab es tatsächlich zeitweise Training beziehungsweise Online-Versionen. Von Tennis spricht seit November keiner mehr. Ein Trainer und eine Trainerin sind verheiratet, ich denke oft an die beiden und ihre Kinder und hoffe, dass sie irgendwie auskommen ohne Einkommen. Wir hatten zuversichtlich die Jahresgebühr in einer Summe vorab gezahlt. Gut so.

Heute nahm ich wie jeden Sonntag mein Nokia, um die Termine für die kommende Woche zu aktualisieren. Ich habe einen Termin nach dem anderen gelöscht, nun auch wieder die Schulabholzeiten. Der Unterricht findet für alle Klassenstufen erneut daheim vorm Laptop statt.

Ich lösche weiterhin unbeirrt nur den Wochentermin, nicht die komplette Programmierung. Wir hoffen ja, dass es nur vorübergehend ist.

Hätten wir uns vor einem Jahr vorstellen können, jetzt wieder in ähnlicher Situation zu sein? Lest hier, wie wir damals in der Lombardei erlebten, was uns geschah.

Frohe Ostern!

Ein Jahr Homeoffice: Wie wir erlebten was uns geschah

Am 6. März jährt sich für mich der Tag, an dem ich 2020 im Büro meine Sachen packte und ins Homeoffice zog. Eine Kollegin, die nicht für diese Lösung vorgesehen war, weil in physische Tätigkeiten vor Ort verwickelt, grüßte mich zum Abschied mit „Buona Pasqua!“ (Frohe Ostern!). Wir lachten herzhaft, denn bis Ostern waren es noch fünf Wochen hin und die Homeoffice-Regelung sollte für maximal zwei Wochen gelten. Heute weiß ich, dass auch ein „Buon Natale!“ (Frohe Weihnachten!), nicht verkehrt gewesen wäre.

Nun sei dazu gesagt, dass es in meiner Firma im Schweizer Tessin an der Grenze zur italienischen Lombardei all die Jahre unvorstellbar gewesen war, zu Hause zu arbeiten. Jetzt ist es schon ein Jahr lang möglich, für mich und andere Kollegen. Dieses unerwartete Jubiläum nehme ich zum Anlass, euch zu erzählen, wie das damals bei uns begann. In der Lombardei, vielleicht erinnert ihr euch, waren wir in Sachen Virus den Deutschen einige Wochen voraus und wussten bei allem guten Willen nicht, was und wie uns geschah. Ich möchte mich vorsorglich entschuldigen, wenn meine Erinnerungen heute zu humoristisch und naiv erscheinen. Ich versuche, die Stimmung von damals wiederzugeben. Damals, als wir (zum Glück) noch nicht wussten, was da alles kommen würde. Damals, bevor uns das Lachen verging.

Januar 2020: Diese lästige Erkältung

Die Berichte im italienischen Fernsehen, in denen man uns Anfang des Jahres von einem unbekannten und scheinbar gefährlichen Virus im fernen China erzählte, berührten uns wenig. Solche Dinge geschahen, wie andere Vorkommnisse und Katastrophen, am anderen Ende der Welt. Das hatten sie nun davon, die Chinesen, dass sie gruselige Wildtiere lebendig auf dem Markt kauften und ihnen erst daheim eigenhändig den Hals umdrehten, ehe sie im Kochtopf landeten.

Dann kam dieses Virus das erste Mal zu uns ins Büro, wenn auch noch nicht im wörtlichen Sinne. An einem Montag wie immer, Mitte Januar, geriet Kollege Colombo in Bedrängnis, weil er nicht wusste, wie er einem Geschäftspartner aus China verklickern sollte, dass wir auf seinen angekündigten Besuch in unserer Firma lieber verzichten wollten. Er bat mich um Rat, wie er es in Englisch formulieren könnte, ohne den guten Mann zu kränken. Also ersann Colombo „kantonale Dispositionen“, die es unserer Tessiner Firma angeblich nicht gestatteten, Gäste aus China zu empfangen, obwohl doch nur eine bestimmte Region Chinas von der neuen Krankheit betroffen war, aus der der gute Mann gar nicht stammte. Egal. Vorsicht war schon immer besser als Nachsicht.

Und dann kam das Virus womöglich gar leibhaftig zu uns ins Büro, Ende Januar, aber noch immer waren wir nicht argwöhnisch oder besorgt. Denn es tarnte sich perfekt und hinterlistig als gemeiner Husten. Gemein, weil niemandem unbekannt, gemein aber auch, weil in ungekanntem Maβe hartnäckig und andauernd. Der Husten, der vielleicht vom Virus kam, sprang geradezu munter von einem zum anderen Mitarbeiter unseres kleinen Großraumbüros über. Es gab Tage, in denen wir um die Wette husteten und Konzerte gaben. Kollegen aus anderen Abteilungen vermieden es bald, unsere Erregerbrutstätte zu betreten, und wenn ein Besuch nicht zu vermeiden war, zogen sie sich ihre Pullover-Krägen über den Mund. Wahrscheinlich war das bereits eine Generalprobe für den später obligatorisch werdenden Mund-/Nasenschutz? Ich probte in diesen Tagen bereits, wie man Schwenktüren mit Knie, Fuβ, Ellbogen oder anderen Körperteilen elegant öffnen konnte, nur um sie nicht mit den Händen zu berühren.

Kollege Rossi, unser Patient Nummer Eins (so würden wir ihn einen Monat später im Scherz nennen), hatte sich für eine komplette Woche krankschreiben lassen. Ein bemerkenswertes Vorkommnis in unserer Italo-Schweizerischen Arbeitskultur, in der Krankschreibungen für viele Mitarbeiter ein ungeschriebenes No-Go waren. Leider zeigte Rossi nach seiner Rückkehr keine nennenswerte Besserung. Er hustete weiter.

Das Ganze war so lästig wie lustig, wir wetteiferten in unseren Klagen, ob wir denn dieses Jahr gar nicht mehr aus dem Erkältungssumpf herauskämen. Und ahnten nicht, dass es erst richtig dick kommen würde und all das nur harmlose Vorboten der aufziehenden Apokalypse waren.

Februar 2020: Schluss mit lustig

Das Virus legte Mitte Februar, leider ganz in unserer Nähe, seinen offiziellen Auftritt in Italien hin. Der erste Fall in der Lombardei. Ich höre noch die Ansage meiner Kollegin, die neben ihrer Arbeit im Internet das Tagesgeschehen verfolgte und uns zeitgleich informierte.

Der 21. Februar 2020 sollte als der offizielle Ausbruch der Viruskrise in die Geschichte Italiens eingehen. Es war der Tag, an dem bekannt wurde, dass der italienische Patient Nummer Eins, der sich im fortgeschrittenen Stadium seiner Beschwerden am 19. Februar im Krankenhaus von Codogno gemeldet hatte, am Vorabend positiv auf das Virus getestet worden war. Man glaubte in diesem Moment noch, dass es möglich sei, den Ansteckungsweg nachzuvollziehen, alle Kontaktpersonen zu identifizieren, die Weiterverbreitung aufzuhalten. Codogno wurde abgeriegelt, zur „Roten Zone“ erklärt. Landesweit wurden ebenfalls erste Maßnahmen getroffen, unkoordiniert und zögerlich. An diesem Wochenende des 22./23. Februar sagte man wenige Stunden vor deren Beginn alle Karnevalsumzüge ab. Ich bin kein Freund von Karneval, aber es tat mir leid für die Mütter und Väter und alle Helfer, die wochenlang alles vorbereitet hatten. Von einer deutschen Freundin bekam ich am selben Tag teuflisch schöne Grüße vom Karneval in Düsseldorf. Überall in Deutschland wurde gefeiert.

Bei uns war Schluss mit lustig. Am Sonntagabend erfuhren wir, dass ab dem nächsten Tag, Montag, den 24. Februar, Schulen und Kindereinrichtungen geschlossen, alle Sport- und Freizeitaktivitäten abgesagt wären. Eine Woche keine Schule? Halb so schlimm, Donnerstag und Freitag wäre ohnehin „karnevalfrei“ gewesen. Also bestand kein Grund für die Lehrer, aktiv zu werden und Hausaufgaben zu schicken. Ich nutzte die Gelegenheit, die Schulranzen, von Fußtritten am Schulboden verdreckt, in die Waschmaschine zu stecken. Dann wären sie montags darauf wieder trocken. (Wir brauchten sie erst wieder Mitte September, fürs neue Schuljahr.)

Mein Mann durfte sofort im Homeoffice arbeiten, während ich noch zwei Wochen lang ins Büro fuhr. An sonnigen Nachmittagen ging ich mit den Mädchen spazieren. Auf dem Sportplatz vor der Mittelschule spielten Jungs Fußball, die Schaukeln und Klettergerüste auf der Piazza waren gut besucht, ebenso die Gelaterias. Die ersten Sonnenstrahlen versprachen Ablenkung, und die Eisdielen, die nach der Winterpause gerade erst wieder geöffnet hatten, profitierten. Noch.

März 2020: Nichts geht mehr

Spätestens in diesem Monat begann eine alte und berühmte Lebensweisheit für uns nie gekannte Bedeutung zu erlangen:

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!

Nach der zweiten unterrichtsfreien Woche wurde klar, dass Schule und alle anderen Aktivitäten zunächst bis 3. April abgesagt waren. Die Lehrer müssten sich bequemen und zumindest Hausaufgaben schicken. Und wir Eltern müssten diese betreuen und kontrollieren.

Ich erhielt erste Anfragen aus Deutschland, was denn bei uns los sei. Mit meiner Schwester in Dresden sprach ich über unseren geplanten Besuch zu Ostern. Sie schlug vor, dass sie einfach keinem sagen würden, wo wir herkämen. Mir merkte man es ohnehin nicht an und mein Mann würde einfach nur den Mund halten müssen, ansehen konnte man ihm das Italienersein nicht.

Für Samstag, den 7. März, hatten wir eine kleine Geburtstagsnachfeier meiner Tochter geplant. Auf Anfrage der Mutter einer Freundin bestätigte ich die Feier, mit dem Kommentar „a porte chiuse“, bei geschlossenen Türen, dürfe man das ja. So hatte es für bestimmte Sporttrainings geheißen. Das bedeutete, die Eltern müssten draußen bleiben und dürften unsere Wohnung nicht betreten. Alles kein Problem. Doch von vier eingeladenen Mädchen kamen nur zwei. Eine hatte am Morgen ein wenig gekränkelt, und die Situation gebot es ihrer Mutter, sie nicht zu uns zu schicken. Die andere schob einen Sportwettkampf vor, aber solche fanden ja eigentlich auch nicht mehr statt. Vielleicht von beiden nur ein Vorwand, um kein Risiko einzugehen? Noch ehe von staatlicher Seite die Verbote kamen, nahm mancher sie bereits vorweg. Zwei Tage später wurde offiziell verlautbart, dass sich Kinder und Jugendliche, daheim ohne Schule, weder im Freien noch in Wohnungen treffen dürften.

Am Sonntag, dem 8. März, waren wir bereits verunsichert. Durften wir etwas unternehmen? Da immer noch lediglich eine Abstandsregel galt, nutzen wir den frühlingshaften Tag für einen bescheidenen Ausflug nach Varese in die Giardini. Bei herrlichem Frühlingssonnenschein aßen wir auf der Terrasse einer Bar (in der vorgeschriebenen Distanz zum Nebentisch) zu Mittag. Es sollte für lange Zeit der letzte Besuch in einem Lokal und der letzte Ausflug in die Umgebung gewesen sein.

Am Montag, dem 9. März, schnappte ich mir den Kassenzettel eines Geburtstagsgeschenks meiner Tochter, das zu klein ausgefallen war. Da ein Umtausch nur noch bis zum nächsten Kalendertag möglich war, machte ich mich sofort mit ihr auf den Weg. Im Einkaufszentrum erlebten wir eine unwirkliche Situation, es waren kaum zwei Kunden in jedem Geschäft. Nie zuvor hatten wir in vergleichbarer Ruhe und ohne Gedränge Klamotten ausgesucht und anprobiert. Genießen konnten wir diese „wunderbare“ Gelegenheit jedoch nicht. Taten wir etwas Verbotenes? Die Geschäfte waren geöffnet. Wenn man nicht hinsollte, dann müssten sie geschlossen bleiben, oder nicht? Perfekt markierte Abstandsregeln an der Kasse, Desinfektionsgel neben dem EC-Bezahlterminal. Was gab es zu befürchten? Dann trafen wir Lisa, die ein paar Mal bei uns als Babysitterin gejobbt hatte und jetzt im Sportladen arbeitete. Es war klar, dass wir uns diesmal nicht auf die übliche italienische Art umarmt und geküsst hätten, aber Lisa grüßte uns sogar nur von Weitem, während sie im Laufschritt das Zentrum verließ. „Ich will nach Hause, es sind noch viel zu viele Leute hier.“ Wir starrten uns an. „Zu viele Leute“, was redete sie da? Wir stellten schnell klar, dass wir auch lieber daheim geblieben wären, aber dieser blöde Umtauschzettel zu verfallen drohte. Es kam uns wie eine Ausrede vor. Ich fühlte das erste Mal diese irrwitzige Art von Unbehagen, sich ertappt zu fühlen, obwohl man nichts Unerlaubtes getan hatte. Dabei wurde mein irrationales Schuldgefühl noch dadurch verstärkt, dass wir bei unserer Begegnung mit Lisa ein Eis schleckten, das wir uns trotzig gegönnt hatten. All die leckeren frischen Sachen würden doch schlecht werden, wenn sie keiner kaufte. Nein, für Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln konnte man nicht sein, oder plötzlich doch?

War die Welt verrückt geworden? 

Zwei Tage später machte auch das Einkaufszentrum dicht. Wie alle Läden im Land, mit Ausnahme von Apotheken und Geschäften, die Lebensmittel oder ein wie auch immer definiertes lebensnotwendiges Sortiment führten.

Irgendwann in diesen Tagen musste bei meinem Mann eine Glocke im Hinterkopf geläutet haben, denn er ging kurzerhand zum Friseur. Drei Tage später schlossen auch die Friseure, wie fast alle Aktivitäten und öffentliche Einrichtungen. Das Leben spielte sich für die Italiener nur noch in den eigenen vier Wänden ab, es sei denn, sie hatten einen per Autocertificazione (Selbstauskunft) bei der Polizeikontrolle zu rechtfertigenden Grund, die Wohnung zu verlassen. Auf das krasse Gefühl, mich wie ein Verbrecher zu fühlen und Angst vor der Polizei zu haben, hätte ich in meinem Leben gerne verzichtet. Doch mir klopfte das Herz bis zum Hals, wenn ich auf dem einmal wöchentlich erlaubten Weg zum Supermarkt die Carabinieri am Straßenrand stehen sah. Ich hätte mich vielleicht verhaspelt in meinen Erklärungen, zumal ich die Fragen der Beamten ‒ meist Süditaliener ‒ in der Aufregung womöglich aufgrund ihres starken Dialekts nicht sofort verstanden hätte.

Einen positiven Aspekt des Daheimbleibens gab es für uns: Morgens nutzten meine Tochter und ich die gewonnene Zeit zum Joggen. Gleich hinter unserem Haus führt ein schöner Fahrradweg mitten durch die Natur. Wir genossen unsere Morgenrunde leider nur wenige Tage, dann wurde der Weg gesperrt und wir durften uns nur noch in unmittelbarer Umgebung der Wohnung aufhalten. Uns blieb viele Wochen lang nur die Garagenzufahrt, die wir sportlich hoch und runter liefen.

Wir genießen es normalerweise sehr, angenehm abgeschirmt vom Straßenlärm in waldreicher Gegend zu wohnen. In diesem Frühjahr 2020, ohne den normalen Autoverkehr in der Ferne, empfanden wir es bald als zu ruhig, nahezu unheimlich. Die makabre Stille wurde nur unterbrochen von Krankenwagensirenen und Hubschraubern, bei denen wir uns immer fragten, ob es Rettungsflieger oder Carabinieri waren.

Seit Montag, den 9. März 2020, fuhr ich nicht mehr ins Büro. Ich richtete mich in der Zwischenlösung Homeoffice ein. Sie dauert bis heute an.

Fünf Abende, an denen Italiener nur an das Eine denken

Im Homeoffice fehlen mir die Gespräche mit Kollegen in der Kaffeepause sehr. Besonders die Gespräche nach jenen fünf Abenden, an denen, so könnte man glauben, in ganz Italien dasselbe Fernsehprogramm läuft. Für gewöhnlich im Februar, in diesem Jahr ausnahmsweise vom 2. bis 6. März, werden wieder alle Augen und Ohren auf Sanremo in Ligurien gerichtet sein, wo das 71. „Festival della Canzone Italiana“ ausgetragen wird. Die Rede ist in den Wochen davor und danach einfach von SANREMO oder vom FESTIVAL. Man spricht darüber bei jeder Gelegenheit, gerne während der Kaffeepause.

Das italienische Songfestival ist nicht nur der bedeutendste Wettbewerb nationaler Popmusik, sondern auch das älteste seiner Art in Europa. 1951 ging die Veranstaltung in Sanremo erstmals über die Bühne, seit 1977 im legendären Ariston Theater.* Übrigens ist es der Sieger von Sanremo, der beim Eurovision Song Contest für Italien antritt.

Aus meinem persönlichen Blickwinkel der letzten Jahre betrachtet, wirkt das Festival wie eine Art Italien im Miniaturformat, wie ein Spiegel der italienischen Befindlichkeiten. In meinen Augen ist Sanremo mehr als ein Wettbewerb:

Sanremo ist wundervolle Musik. Die Italiener haben im Allgemeinen ‒ für mein Empfinden ‒ eine positivere Beziehung zu Songs in ihrer Muttersprache als die Deutschen. Dass ich selbst ein Riesenfan italienischer Popmusik bin, habe ich vielleicht schon erwähnt und werde es an anderer Stelle noch ausführlicher erklären.

Sanremo ist eine glanzvolle Gala. Da werden neue Moden vorgeführt und Frisurentrends** gesetzt, in atemberaubender Kulisse Eleganz und guter Geschmack gefeiert. Mit Ausnahmen natürlich, diese aber als gewollte Provokation, nie aus Unvermögen.

Sanremo ist großes Theater. Wie der Italiener sagt, ein „Spettacolo“. Im Deutschen nennen wir es Show. Und zwar eine der Eitelkeiten, der VIPs und Stars und, natürlich, der kommerziellen Interessen.

Sanremo ist eine Bühne für albernen Gossip und kleine Skandale, manchmal für echte Dramen.

Sanremo ist ein Podium, gelegentlich, für Gesellschaftskritik und politische Statements einzelner Gäste.

Sanremo ist Gesprächsthema. An langen Abenden wird mit illustren, teils internationalen Gästen zwischen den wettstreitenden Musiktiteln viel geboten, worüber am Tag danach auf allen Kanälen und vorm Kaffeeautomaten diskutiert werden kann. Hast du DIE gesehen? Das Kleid/die Frisur? Unmöglich, oder? Wie fandest du die Andeutungen von DEM, musste das sein? Recht hat ER/SIE, bin mal gespannt, wie DER/DIE oder MAN, die Öffentlichkeit, darauf reagiert.

Sanremo ist eine merkwürdige Mischung. Mich interessieren die Künstler, die teilnehmenden Interpreten und ihre Lieder, die wundervolle Begleitung durch das Orchester, Gastauftritte von Schauspielern und anderen Persönlichkeiten, die wirklich etwas zu sagen haben. Die gibt es immer, aber ihre Auftritte gehen oft unter in all dem anderen, im Zuviel. Sie gehen unter zwischen die Treppe mit zu hohen Absätzen herunterstolpernden VIP-Damen, zwischen zu straff drapierten und zu tief ausgeschnittenen Kleidern der Moderatorinnen, zwischen ausufernden Abschweifungen des Moderators und endlosen Dankesreden.

Mein tatsächliches Problem mit Sanremo ist jedoch ein anderes: Es sind die Sendezeiten. Jeder Abend zieht sich unsäglich in die Länge, oft geht es weit über Mitternacht hinaus. Ich möchte mal wissen, wie eine Untersuchung ausfallen würden, in der man die allgemeine Arbeitsproduktivität der Italiener an den Tagen des Festivals misst. Die Nachteulen hängen vermutlich gähnend vorm Bildschirm und verbringen extra viel Zeit in der Kaffeepause (um mein einleitendes Argument wieder aufzugreifen).

Für mich endete das Festival bisher regelmäßig am Morgen nach dem letzten Abend mit der Frage: Wer hat jetzt eigentlich gewonnen? Ich versuchte es aus den Studiogesprächen im Radio herauszuhören. Für 2021 habe ich mir vorgenommen, endlich einmal die Verkündung des Siegers live mitzuerleben. Auch, weil ich am Morgen danach nicht mit dem Auto zur Arbeit fahre und den Studiogesprächen lauschen kann. Das Finale wird pandemiebedingt ohne Zuschauer im Theater, dafür ‒ so mir meine Müdigkeit nicht wieder dazwischenkommt ‒ mit einer Zuschauerin mehr am Bildschirm stattfinden.

Aber zurück zum wunderbaren Anliegen des Festivals, zur Musik. Meine Favoriten unter den Gewinnern der letzten Jahre:

Alexia – Per dire di no (Sanremo 2003)

Marco Mengoni – L’essenziale (Sanremo 2013)

Mahmood – Soldi (Sanremo 2019)

Manchmal gefielen mir die Zweitplatzierten am besten:

Nek – Fatti avanti amore (Sanremo 2015)

Francesca Michielin – Nessun grado di separazione (Sanremo 2016)

Im vergangenen Jahr hat sich der viertplatzierte Titel am tiefsten in mein Gedächtnis gegraben. Ich würde sogar sagen, er hat gute Chancen, dort auch für den Rest meines Lebens einen besonderen Platz einzunehmen. 2020 fand das Festival im Februar gerade noch statt, so wie immer, und wenige Tage darauf war nichts mehr wie immer. Plötzlich hörte ich kaum noch Radio, da ich Radio immer nur im Auto hörte und von einem Tag zum anderen nicht mehr Auto fuhr. Ich setzte mich lediglich einmal pro Woche hinter das Lenkrad, für fünf Minuten, um zum erlaubten Einkauf in den Supermarkt zu fahren. In diesen Wochen der fünfminütigen Autofahrten lief immer ausgerechnet dieser Song im Radio:

Le Vibrazioni – Dov’è (Sanremo 2020)

Im Refrain heißt es: La gioia dov’è? ‒ Wo ist die Freude geblieben? Dieser Titel avancierte zu meinem persönlichen Soundtrack im harten italienischen Lockdown im Frühjahr 2020.***

Wo ist die Freude geblieben … Wird dieses Jahr in Sanremo ein Song gewinnen, der uns die Antwort gibt? Das fände ich genial. In jedem Fall freue ich mich auf großartige Musik und hoffe auf anspruchsvolle, gute Unterhaltung. Mit wem ich dann darüber rede, muss ich noch sehen. Vielleicht verabrede ich mich mit meinem Mann auf eine Kaffeepause in unserer Küche.

*Wer mehr zur wechselvollen Geschichte des italienischen Songfestivals lesen will, dem sei die ausführliche Darstellung auf Wikipedia empfohlen. // **Frisurenmode auf dem Sanremo Festival: Das italienische Haarstyling-Portal estetica.it erinnert in Videoausschnitten an 15 unvergessliche Looks der Interpreten. // ***Im Mai 2020 erzählten mir Umfrageteilnehmer aus Italien und Deutschland von ihren Erfahrungen im ersten Lockdown. Welche Musik sie in dieser Zeit begleitete, könnt ihr hier nachlesen.

Foto: Sanremo 2012, Source: Wikimedia Commons, Author: Zdravko Petrov

Maledetta Primavera

Si erano incontrati a novembre, in una notte speciale. Al mare di inverno, le cose diventavano più complicate, ma l’amore riscaldava i cuori. Qualche mese dopo sembra tutto finito. Davvero? Cosa succede in primavera, quella maledetta? Leggete e ascoltate qua:

Per chi si è perso il primo capitolo, ecco il link: Una notte speciale. La seconda parte della storia leggete qua: Dolcemente complicate.


 Maledetta primavera,
 ormai sono
 Cinque giorni (che ti ho perso),
 e tutto sembra
 Come se non fosse stato mai amore.
 Non me lo so spiegare,
 ma Non vivo più senza te.
 Anche se Ti penso raramente,
 vivo Le sere nere.
 Volevo te,
 Ti ho voluto bene veramente.
 Ricordati di me, ti prego.
 Ricordami (nel freddo di Milano),
 dove vivi adesso Senza una donna.
 Prima di andare via
 mi avevi spezzato il Cuore.
 Si è spento il sole.
 Mi dico: Stop! Dimentica,
 eravamo soltanto Perfetti sconosciuti.
 Però, Come neve
 L'amore mi perseguita finché
 un giorno Dimentico Tutto,
 addirittura, Il mondo prima di te.
 Anche se mi manderesti un Messaggio,
 Ti direi: Vattene amore!
 Nonostante che Ti Amo Veramente
 non ti Perdono.
 Sei Il Mio Sbaglio Più Grande, così grande
 che fidarmi di te, Non succederà più.
 Se adesso te ne vai, 
 ti giuro
 Non piangerò.
 Finalmente io,
 Lontano dagli occhi tuoi,
 troverò Un Attimo di Pace.  

Come sempre, vi elenco le canzoni, per chi vuole sentirle o semplicemente ricordare in quale anno ci accompagnavano. Sapete che in questo febbraio 2021 si festeggiano i 40 anni della famosa canzone “Maledetta primavera” di Loretta Goggi? Un titolo che ha fatto il giro del mondo tradotto e interpretato da diversi artisti internazionali.

Loretta Goggi – Maledetta primavera (1981)

Michele Zarrillo – Cinque Giorni (1994)

Laura Pausini – Come se non fosse stato mai amore (2005)

Tiziano Ferro – Non Me Lo So Spiegare (2004)

Biagio Antonacci – Non vivo più senza te (2012)

Biagio Antonacci – Ti penso raramente (2014)

Tiziano Ferro – Sere Nere (2003)

Giusy Ferreri – Volevo te (2015)

Marco Mengoni – Ti ho voluto bene veramente (2015)

Antonello Venditti – Ricordati di me (1988)

Laura Pausini – Ricordami (2000)

Zucchero – Senza una donna (1987)

Neffa – Prima di Andare Via (2003)

Rita Pavone – Cuore (1963)

Adriano Celentano – Si è spento il sole (1962)

Tiziano Ferro – Stop! Dimentica (2006)

Fiorella Mannoia – Perfetti sconosciuti (2016)

Giorgia, Marco Mengoni – Come Neve (2017)

Giusy Ferreri ft. Federico Zampaglione – L’amore mi perseguita (2017)

Emma – Dimentico Tutto (2013)

Annalisa – Il Mondo Prima Di Te (2018)

Alice – Messaggio (1982)

Amedeo Minghi e Mietta – Vattene Amore (1990)

Modà – Ti Amo Veramente (2004)

Tiziano Ferro – Perdono (Xdono) (2001)

Laura Pausini – Il Mio Sbaglio Più Grande (2001)

Claudia Mori e Adriano Celentano – Non succederà più (1982)

Massimo Di Cataldo – Se adesso te ne vai (1996)

Mina – Non piangerò (1963)

Irene Grandi – Finalmente io (2020)

Gianna Nannini – Lontano dagli occhi (2014)

Eros Ramazzotti – Un Attimo Di Pace (2003)

Italogermanico: von Sprachwirren und Wortschätzen

Ein einfaches Ticket für die Reichsbahn nach Kassel, bitteschön!

Die müde Angestellte der Deutschen Bahn löst den Blick vom Bildschirm, sieht zu mir rüber und zieht die linke Augenbraue hoch. Sie mustert mich von oben bis unten, versucht es zumindest, denn tiefer als bis zu meiner Brust kann sie von ihrer Position hinter dem Schalter aus nicht sehen. Ich wiederhole mein Anliegen und versuche es mit anderen Worten:

Einen Fahrschein bitte, für den Zug RB 12, der geht in zwanzig Minuten.

Ein mitleidiges Grinsen, irgendwo zwischen „Na also!“ und „Wo kommt die denn her?“, weckt für einen kurzen Moment das eingeschlafene Gesicht der Schalterdame.

Die Regionalbahn meinen Sie, na sagensedat doch gleich.

RB … stand das nicht für Reichsbahn? Verschämt krame ich in meiner Geldbörse, um von der Peinlichkeit abzulenken, und brabbele dabei mein immer bereites „Ich bin nicht von hier, entschuldigen Sie“. Innerlich muss ich grinsen. Schnell verlasse ich den Servicebereich und eile hinaus, an die frische Luft. Dort pruste ich los und sehe aus dem Augenwinkel, dass ein kleiner Junge sich nach mir umdreht und seine Mutter in die Seite boxt: „Guck mal, die Frau da, ist die besoffen?“

Nein, ich war natürlich nicht besoffen, vormittags um halb elf am Bahnhof Frankfurt am Main. Ich war mitten auf meiner „Tour of Germany“, wie ich die Rundreise zu Freunden und Bekannten im Oktober 2004 nannte. Damals lebte ich seit drei Jahren in Italien und hatte mich bereits tief in die neue Sprache eingefühlt, dass ich manchmal Schwierigkeiten hatte, bestimmte deutsche Begriffe zu finden. „Wie sagt man gleich …?“, rutschte mir immer öfter heraus. Vor allem auf der Suche nach Worten, die ich in meinem Leben in Deutschland nie gebraucht hatte. Alles rund ums Auto zum Beispiel. Da ich mich erst (und ausgerechnet!) in Italien an das Abenteuer Führerschein gewagt hatte, nachdem ich in Deutschland nur als passive und technisch desinteressierte Beifahrerin in Autos gesessen hatte, betrat ich mit Anfang Dreißig begriffliches Neuland. „Tergicristalli“ ist so ein schönes italienisches Wort, bei dem ich immer wieder stocke, wenn ich das deutsche Wort „Scheibenwischer“ finden soll. Oder noch schlimmer: „il cambio“. Dieser Knüppel, da in der Mitte, mit dem man die Gänge wechselt. Wie sagt man dazu eigentlich in meiner Muttersprache?

Schwierig wird es auch, wenn ich ein Hotel buche. Dann passiert es mir zuweilen, dass ich freundlich vortrage, ein Zimmer „pränotieren“ zu wollen. Jaja, ich weiß schon, dass es reservieren heißt und nicht wie im Italienischen „prenotare“. Aber es klingt gut, oder nicht? Eine Pränotation tätigen. Möchte ich mal vorschlagen.

Das Italokauderwelsch schleicht sich gern auch ins Englische ein. Klang es nicht really british, als ich in London einmal fragte: „Is this park periculous by night?“ Die Lacher hatte ich auf meiner Seite, denn ich erklärte, dass ich wohl „dangerous“ meinte, aber an „pericoloso“, gefährlich, im Italienischen gedacht hatte. Dabei klang es cool, dieses „pericolous“! Sprecht es mal, und ihr werdet mir zustimmen. Das IST Englisch. Werde ich mal vorschlagen.

Fast habe ich das Gefühl, dass die Sache mit den begrifflichen Aussetzern bei mir in letzter Zeit zunimmt, aber ich schiebe das ganz uneitel auf mein fortschreitendes Alter (und das ein oder andere Glas Vino zu viel). Für die lustigen Wortkreationen sorgen jetzt auch meine Töchter, die zweisprachig aufwachsen. Italienisch ist ihre erste Muttersprache, auch wenn Vatersprache bei unserer Familienkonstellation die zutreffendere Bezeichnung wäre.

Da hören wir zum Beispiel die Kleine, die sagt: „Mama präpariert den Caffè.“ Nein, ihr Lieben, keine Angst, ich bereite unseren Kaffee fachgerecht und einfach zu, ohne Hexenpantsch. Zubereiten heißt nun mal „preparare“ in Italienisch, also liegt es nahe, im Deutschen „präparieren“ zu sagen, oder nicht? Beim Stichwort caffè und dessen unkonventioneller Zubereitung mit abenteuerlichen Zutaten fällt mir immer gleich das wunderbare Kinderlied „Il caffè della Peppina“ ein. Ein vergnüglicher Dauerbrenner auf jeder Kinderparty, seit Generationen. Feste feiern können sie, die Italiener. Unsere Große erzählte der Oma gestern am Telefon, dass am Freitag keine Schule sein wird, wegen einer Festivität. Sie meinte einen Feiertag. Aber Festivität klingt sehr vornehm, findet ihr nicht? Ich musste gleich nachsehen, der Duden sagt tatsächlich zu „Festivität“: veraltet, noch umgangssprachlich scherzhaft. Oma hat es auch verstanden. Und freut sich mit uns, wie gut es mit den beiden Sprachen klappt. Aus gelegentlichen Sprachwirren entstehen manchmal neue WortSchätze. Da ist nicht immer alles richtig, aber immer liebenswert kreativ. Einfach tutto paletti!

Santa Pazienza, Valentino!

Heiliger Valentin, schenk mir Geduld!

Eigentlich hatte ich für heute Teil Drei meiner musikalischen Liebesgeschichte geplant. An dieser Stelle möchte ich bei meinen deutschen Lesern um Nachsicht bitten, dass ich sie nur in Italienisch veröffentliche. Ich habe versucht, um die italienischen Musiktitel herum eine deutsche Geschichte zu texten, aber die sprachliche Komposition geht dabei leider verloren. Also lasse ich dieses Experiment für die Italiener und alle, die ein wenig italienisch verstehen und vielleicht in die wundervollen Songs reinhören möchten.

Statt dessen schiebe ich spontan ein anderes Thema ein, denn der heutige Sonntag fällt nun ausgerechnet auf einen Tag, den ich so gar nicht mag. Obwohl er mit Liebe zu tun hat. Es ist dieser Feiertag, den es früher bei uns in der DDR nicht gab, und den wohl auch keiner wirklich vermisst hat.

Es geht um den Valentinstag

Beziehungsweise um die kommerzielle Masche, für die der kirchliche Namenstag San Valentino (Heiliger Valentin) missbraucht wird. Ihr müsst wissen, dass ich persönlich darunter leide. Nicht, weil ich alle Jahre wieder verzweifelt auf ein Liebeszeichen eines Angebeteten warte, sondern weil mein Geburtstag kurz davor im Schatten dieses verdammten Tages steht.

Es geht mit den Blumen los. In meiner Jugend hatte ich das Pech, dass es in der DDR selten Schnittblumen und im Februar überhaupt keine gab. Ich erinnere mich an ein einziges glückliches Jahr, als meine Mutter einen lila Krokus in einem braunen Plasteblumentopf ergattert hatte. Und jetzt, wo es das ganze Jahr über an jeder Ecke Blumen im Überfluss zu kaufen gibt? Jetzt riskiere ich wieder, leer auszugehen und keine Blumen zu bekommen, aus Protest gegenüber dem Gebaren der italienischen Blumenhändler. Bereits einige Tage vor dem 14. Februar werden keine normalen Blumen mehr verkauft, sondern alles Grüne und Schöne mit Herzchen und Schleifchen und schrecklichem rosa Klimbim auf Valentinstag getrimmt. Kunstvolle Sträuße und Gebinde, die alle das Doppelte, wenn nicht das Dreifache kosten. Die wenigen Blumen, die darin verarbeitet werden, lassen nach zwei Tagen schon wieder die Köpfe hängen. Mit schlechten Erfahrungen dieser Art belastet, möchte ich meinen Mann alle Jahre wieder traurigen Herzens davon abhalten, in die Valentinsfalle zu tappen.

Non mi servono i fiori, non ti preoccupare. Ich brauche keine Blumen, mach dir keinen Kopf.

Natürlich riskiert er es doch immer wieder und greift tief in die Tasche. Ich muss dann gute Miene zum gutgemeinten Spiel machen, weil mir ein simpler Strauß einfach schöner Blumen viel mehr Freude bereiten würde als dieser künstlich aufgebauschte Kram. Ich hasse den Valentinstag!

Diesmal setzte dem Ärger noch die Coronakrone auf, dass es kaum möglich war, für heute ein nachträgliches Geburtstagsessen im Restaurant zu organisieren. Ihr müsst wissen, dass die Restaurants in der Lombardei gerade seit einer Woche wieder öffnen dürfen, aber nur mittags. Ein Essen am Abend meines Geburtstages fiel also aus. Wir wollten heute, bei Sonnenschein, irgendwo am See speisen und dann, viel stärker ersehnt, ein paar Schritte in schöner Natur spazieren gehen, nachdem wir zwei Monate lang an den eigenen Wohnort gefesselt waren. Wir haben dazu gestern etwa zehn (!) Restaurants angerufen, alle waren ausgebucht. Da war er wieder, der Terror von San Valentino. Wahrscheinlich begnügten sich alle, die sonst an diesem ach so besonderen Tag abends zum Kerzenlichtdinner gingen, mit einem Mittagessen. Wir hatten es schon fast aufgegeben, als endlich ein Lokal Plätze für uns hatte. Ja, ihr ahnt es, die Preise waren dem Anlass entsprechend.

Aber gut, ich gönne es den Gastronomen, die pandemiebedingt miese Kasse zu diesem Anlass ein wenig aufzubessern. Überhaupt bin ich in diesem Jahr etwas milder und nachsichtig gestimmt. Sollen sie doch Geschäft machen, die Blumen- und anderen Läden. Wenn nicht zu Gelegenheiten wie diesen, sah und sieht es nun mal ziemlich mau aus mit der allgemeinen Kaufbereitschaft.

In diesem Sinne trinke ich heute gern noch ein Glas extra: auf die Liebe, und auf das Leben! Aber vor allem darauf, dass es im nächsten Jahr hoffentlich kein Überlebenskampf mehr ist, die Preise hochzusetzen, sondern dass ich mich dann wieder guten Gewissens aufregen kann. Verdammter, blöder Valentinstag!

Und die musikalische Liebesgeschichte erzähle ich am kommenden Sonntag zu Ende, versprochen.

Prost, Auguri und: Buon San Valentino!

Lecco, Lago di Como

Vi porto qui la citazione in tedesco, sapendo che quella frase in italiano, la prima del primo capitolo del romanzo, la conoscete tutti fin dalla scuola.

„Jener Arm des Comer Sees, der sich zwischen zwei ununterbrochenen Bergketten südwärts wendet und, ihrem Vorspringen oder Zurückweichen folgend, lauter Busen und Buchten bildet, verengt sich fast plötzlich und nimmt zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einem ausgedehnten Gestade zur Linken Lauf und Gestalt eines Flusses an.“

Alessandro Manzoni

Die Verlobten*, BLT Band 92144, 1. Auflage November 2003, Seite 13, erster Satz des ersten Kapitels.

Non credo che in Germania ci siano tante vie chiamate Goetheweg in confronto a quante sono le strade intitolate a Manzoni in Italia. Sembra che non ci sia luogo nelle nostre vicinanze in cui non ci si imbatta in Alessandro Manzoni, che sia una via, una piazza, o un corso che porta il suo nome. Qui al nord, almeno, è così, probabilmente perché la vita e l’opera del grande poeta sono così strettamente legate a Milano (dove nacque nel 1785 e morì nel 1873) e a Lecco sul lago di Como. Circa una volta all’anno facciamo una gita domenicale a Lecco e mentre sono lì è quasi impossibile per me non pensare ai promessi sposi Renzo e Lucia. Già nel 2003 avevo comprato una copia di questo must della letteratura mondiale, naturalmente in tedesco. Né al tempo e nemmeno adesso sarei così megalomane da leggere un “mappazzone” di 800 pagine in originale. Anche se Manzoni è considerato il rivoluzionario della lingua letteraria italiana, che l’ha resa accessibile al grande pubblico. Tuttavia, la versione tedesca mi è piaciuta molto. Invece di dare una valutazione personale, cito la “recensione” di Goethe, che l’ha sintetizzata in poche parole: „Manzoni supera tutto ciò che conosciamo di questo genere“.

La Prof di italiano a scuola media si è stupita quando ha saputo che mia figlia ha il romanzo a casa, ma nella versione tedesca. Mi piacerebbe chiederle, se ha studiato “Faust” e se sì, scommetto che lo avrà fatto nella versione in italiano.

Per condividere la storia di Renzo e Lucia con tutta la famiglia, abbiamo guardato recentemente il bellissimo film tv in due parti del 2004: Parte 1 / Parte 2. Con Stefano Dionisi nel ruolo di Don Rodrigo e Stefania Sandrelli nel ruolo della madre di Lucia, Agnese, ci sono due attori di fama internazionale molto conosciuti anche in Germania. Il film era l’Ideale per uno di questi lunghi fine settimana di lockdown.

Speriamo di poter fare una prossima gita a Lecco in primavera o in estate per il meraviglioso paesaggio e per ripercorrere con la fantasia le orme del Manzoni.

*Pubblicità, non pagata.

Lecco, Comer See

„Jener Arm des Comer Sees, der sich zwischen zwei ununterbrochenen Bergketten südwärts wendet und, ihrem Vorspringen oder Zurückweichen folgend, lauter Busen und Buchten bildet, verengt sich fast plötzlich und nimmt zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einem ausgedehnten Gestade zur Linken Lauf und Gestalt eines Flusses an.“

Alessandro Manzoni

Die Verlobten*, BLT Band 92144, 1. Auflage November 2003, Seite 13, erster Satz des ersten Kapitels.

Finden sich in Deutschland eigentlich so viele Goethewege wie in Italien Straßen mit Namen Via Manzoni? Gefühlt gibt es bei uns keinen Ort, in dem man nicht über Alessandro Manzoni stolpert, oder besser gesagt, über eine nach ihm benannte Via oder Piazza schreitet.

Heute früh bei uns um die Ecke

Hier im Norden ist es jedenfalls so, vermutlich weil das Leben und Wirken des großen Dichters so eng mit Mailand (wo er 1785 geboren wurde und 1873 starb) sowie Lecco am Comer See verbunden ist. In Lecco verbrachte Manzoni seine Kindheit und Jugend. Später wählte der Schriftsteller die wunderschöne Gegend am südöstlichen Arm des Comer Sees als Ambiente seines großen Romans der italienischen Romantik „I Promessi Sposi“. Ein Werk der Weltliteratur, das in deutscher Sprache mit den Titeln „Die Verlobten“ oder „Die Brautleute“ übersetzt wurde.

Etwa einmal im Jahr unternehmen wir einen Sonntagsausflug nach Lecco und während ich dort weile, ist es mir fast unmöglich, nicht an die einander Versprochenen Renzo und Lucia zu denken. Das Must-Read der italienischen Weltliteratur hatte ich mir bereits 2003 besorgt, allerdings in deutscher Sprache. Ich war damals und wäre selbst heute nicht so größenwahnsinnig, einen 800-Seiten-Wälzer im Original zu lesen. Auch wenn Manzonis Sprache gerade für ihre leichte Verständlichkeit berühmt wurde. Er gilt als Revolutionär der italienischen Literatursprache, die er dem breiten Volk zugänglich machen wollte. Trotzdem las ich lieber die deutsche Fassung und diese sehr gern. Anstelle einer persönlichen Einschätzung halte ich mich knapp und an Goethe, der es auf den Punkt brachte: „Manzoni überflügelt alles, was wir in dieser Art kennen.“

Wer sich für die Geschichte von Renzo und Lucia interessiert, dem kann ich in Alternative zum Buch den schönen TV-Zweiteiler aus dem Jahr 2004 empfehlen: Teil 1 / Teil 2. Mit Stefano Dionisi als Don Rodrigo und Stefania Sandrelli als Lucias Mutter Agnese stehen zwei auch in Deutschland bekannte Schauspieler von internationalem Format auf der Besetzungsliste. Uns hat die Verfilmung ein langes Lockdown-Wochenende auf angenehme Weise verkürzt.

Einen neuen Ausflug nach Lecco werden wir hoffentlich im Frühjahr oder Sommer unternehmen können, um die wunderbare Landschaft am See zu genießen und dabei auf den Spuren Manzonis zu wandeln.

*Werbung, unbezahlt.

Wie das Leben spielt

Der Italiener und die Magie des Augenblicks

Manchmal sind es die kurzen, überraschenden Momente, die das Glück ausmachen. Zufälle, nach stunden- oder tagelangem Missgeschick. Wenn man den Bus doch noch kriegt, nur, weil der wieder mal zu spät kommt. Wenn man dann einsteigt und den alten Bekannten trifft, in dessen Firma gerade die Stelle frei ist, von der man immer geträumt hat. Wenn …

Schön und gut, das mit den Zufällen. Aber wer weiß, was morgen ist, höre ich deutsche Bedenkenträger unken. Das kann nicht immer so perfekt weitergehen. Es mag gerade eine Glückssträhne sein, aber …

Aber was? Das Leben spielt heute. Jetzt. Hier. Was morgen ist, weiß keiner. Auch oder gerade der nicht, der alles so schön geplant hatte.

Welche glücklichen Zufälle und fast schon Magie das Leben bereithalten kann, erfuhr ich am letzten Tag meiner ersten Kurzreise nach Italien. Ich hatte in Bologna eine mehr als nette Bekanntschaft gemacht und einige Stunden wie im Märchen erlebt, welches ‒ ein wenig meiner deutschen Schüchternheit, ein wenig den Sprachproblemen geschuldet ‒ am Abend vor meiner Abreise ein dummes, unglückliches Ende gefunden hatte. Am Montag musste ich nach Deutschland zurück, mein Flug ging bereits am frühen Nachmittag. War tatsächlich schon alles vorbei?

Wer die ersten Kapitel der Geschichte verpasst hat, kann sie unter den folgenden Links nachlesen:

Freitag: Also, wenn Sie mich fragen

Samstag: Alles kann passieren

Sonntag: Neuer Tag, neues Glück

Heute erfahrt ihr, ob der Montag zwischen Regen und trübsinniger Abschiedsstimmung doch noch eine Überraschung bereithielt:

Montagmorgen, nur noch wenige Stunden bis zum Flug

Müde und hellwach zugleich, fühle ich mich wie unter Drogen. Ich hatte kaum geschlafen, und das war nicht nur dem Regen geschuldet, der kurz nach Mitternacht eingesetzt hatte, sondern vielmehr meinem rasenden Gedankenkarussell. Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen, mir die verrücktesten Dinge ausgedacht: gemeinsam in ein Hotel zu gehen oder einfach nur Händchen haltend in einer Bar zu sitzen, bei einem Glas Wasser. Aber du hattest mir gesagt, du hättest heute keine Zeit. Also rufe ich dich nicht an. Gewiss sitzt du längst in der Vorlesung, und die Dame von Telekom Italia war mir gestern nicht liebenswert genug erschienen, als dass ich ihr meinen Herzschmerz anvertrauen wollte. Ich laufe ziellos durch die Gassen. Mit einem Ziel: Ich suche dich. Ich weiß, dass es aussichtslos ist. Aber da stand ja noch dein Fahrrad! Du hattest es an dem Geländer gegenüber der Haltestelle angekettet, als wir in den Bus gestiegen waren. Plötzlich die Idee: Ich schreibe dir! Eine unbefleckte Seite aus meinem Taschenkalender muss daran glauben, ohne zu zögern reiße ich sie heraus. Vergiss mich nicht! Herzklopfen. Ich bin wieder die Hauptdarstellerin in einem Liebesfilm. Wie kitschig, denke ich und fühle mich großartig. Ich klemme den Zettel unter den Sattel. So würde er nicht nass werden, und kein anderer könnte ihn wegnehmen. Aber wer weiß, ob und wann du ihn finden würdest. Ich muss unbedingt noch einmal zur Kirche Santo Stefano. Die heilige Säule berühren, die Wünsche erfüllt. So wie es am Samstagnachmittag funktioniert hatte, bevor ich dich traf.

Mach, dass es noch nicht vorbei ist!

Ich würde gern länger verweilen, in diesen wundervollen heiligen Hallen, doch die Zeit läuft mir davon. Und du womöglich gerade draußen vorbei. Du konntest schließlich nicht ahnen, welche irrationalen Anwandlungen ich entwickelte, hier in dieser magischen Stadt. Wieder stehe ich bei deinem Rad. Oder besser gesagt schräg gegenüber, unter den Arkaden, so habe ich es gut im Blick. Gleich rechts neben mir die gusseiserne Uhr über einer Apothekentür. Auch die behalte ich im Auge. Ihre Zeiger haben es eilig. Nur noch eine Stunde, dann geht mein Bus zum Flughafen. Enttäuscht laufe ich los. Da tröstet es mich nicht, dass es aufgehört hat zu regnen und sich sogar schüchterne Sonnenstrahlen unter den Arkaden hindurch auf das Mosaik unter meinen Füßen schummeln.

Was hatte ich mir eingebildet? Dich noch einmal zu treffen? Ha, lächerlich! Happy Ends gab es nur im Film. Vielleicht hattest du doch auf meinen Anruf gewartet. Egal. Jetzt war es zu spät. Ich gehe schneller, wie im Versuch, mich loszureißen von dieser kindischen Hoffnung.

Es war Zeit, zur Realität zurückzukehren.

Mein umherschweifender Blick bleibt einen Moment lang hängen, an einem Fußgänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es ist ein junger Mann. Er sieht aus wie du, doch er trägt eine andere Jacke. So ein Blödsinn, denke ich, meine Fantasie spielt mir einen letzten, verzweifelten Streich. Der junge Mann lächelt, überquert die Via dell’Indipendenza, kommt auf mich zu.

Eccoti, ti ho cercata! (Da bist du ja, ich habe nach dir gesucht!)

Ich falle in deine Arme. Wie war das möglich, wie konntest du mich finden? Bologna ist klein, sagst du. Du wusstest, dass du mich treffen würdest. Ich denke, warum bist du dann nicht eher losgegangen. Ich sage nichts und nehme dich bei der Hand. Uns bleibt gerade noch Zeit für einen Espresso im Gedränge der Bahnhofsbar. Warum musste ich ins Ausland fahren, damit du mir passieren konntest?

Cause I am an Italian.

Ach so, natürlich. Wieder dieses Lächeln in deinen Augen.

Will you write me letters?

Ich küsse dich, bevor ich mit der Gegenfrage antworte:

And you?

Stasera, subito. (Gleich heute Abend.)

Im Bus zum Flughafen krame ich nach einem Taschentuch und finde ein kleines transparentes Zettelchen. Es duftet noch nach Schokolade. Ich lese das Zitat und weiß nicht, ob ich heulen oder lachen soll.  Ich glaube, ich tue beides gleichzeitig.

È preferibile l’aver amato e aver perso l’amore al non aver amato affatto.

Tis better to have loved and lost than never to have loved at all.

(Lord Tennyson)