Auf geht’s zu einer weiteren Runde Zimmerreisen, dieser wunderbaren Schreibanregung von Puzzleblume.
Nach Omas Besteck küre ich diesmal den Esstisch zum Protagonisten meiner Erzählung. Prost Mahlzeit, werdet ihr sagen, dreht sich auf diesem Blog alles nur ums Essen? Nun, eigentlich nicht. Doch es gibt sicher mindestens zwei gute Gründe, dass Themen rund um die Nahrungsaufnahme in meinen Gedanken einen Ehrenplatz einnehmen. Zum einen liegt es an meiner neuen Heimat Italien, in der die Kunst des Speisen Besorgens, Zubereitens und Genießens ein schöner und wichtiger Teil der Lebenskultur ist. Zum anderen, und da sitzen wir alle am gleichen Tisch, steht in Zeiten der eingeschränkten Möglichkeiten das Essen in Familie plötzlich früh, mittags, nachmittags und abends auf dem Plan. Schön und gleichzeitig ganz schön anstrengend, aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.
Heute geht es in meiner Zimmerreise mit dem Buchstaben E um den:
Esstisch. Einer für alles, oder alle für eines?

Bezeichnet man als Esstisch den Tisch, an dem gegessen wird, dann haben wir genaugenommen drei davon. Wir tauschen schon aus Lust an der Abwechslung immer mal wieder unsere Plätze. Ich bin überzeugter Verfechter der Theorie „Neuer Sitzplatz, neues Leben“. (Ich glaube, es heißt eigentlich „neue Perspektive“, aber ich finde auch den Gedanken an das Leben immer sehr schön und passend.) Für Colazione (Frühstück), Pranzo (Mittagessen) und Cena (Abendessen) können wir an der Kücheninsel auf Barhockern Platz nehmen oder uns an den klassischen Ausziehtisch setzen. Bei schönem Wetter, von April bis September, lieben wir den Esstisch auf dem Balkon. Gleich mehrere Tische nutzen wir, wenn wir Besuch haben (hatten): Wie die feinen Leute servieren wir einen Aperitif an der Kücheninsel, um dann je nach Wetterbedingungen an den Tisch drinnen oder draußen zu wechseln. Nur im ersten Lockdown wurde der Esstisch plötzlich umfunktioniert und zum Mittelpunkt unseres Großraumbüros. Die Kinder teilten ihn sich als Arbeitsfläche. Er lag nun tagein tagaus voller Bücher, Hefte, Schreibzubehör, und da war es gut, Alternativen als Esstisch zu haben. Mittlerweile konnten unsere Mädchen ihre Schreibtische in den Kinderzimmern vom Spielzeug befreien und zum Arbeiten herrichten. Trotzdem bevorzugen sie manchmal noch das Großraumbüro und erledigen ihre Hausaufgaben am Esstisch oder an der Kücheninsel.
Heute haben wir für eine Sache mehrere Lösungen.
Damals gab es für mehrere Sachen eine Lösung: den Wohnzimmertisch.
Der ursprünglich als ausziehbarer Esstisch konzipierte Einrichtungsgegenstand war unser „Einer für alles“. Gern habe ich in Gedanken nochmal an ihm Platz genommen und mich erinnert, was sich an, auf und unter unserem Multifunktionstisch im Wohnzimmer alles abspielte. (Keine Sorge, mein Text bleibt wie immer jugendfrei.)
Es ist aufgetischt!

Für DDR-Verhältnisse war meine Familie durchaus privilegiert, wohnten wir doch in einem hübschen Altneubau mit Fernheizung, Bad, Küche und kleinem Balkon. Ich weiß nicht, ob die Zimmer einfach nur klein oder ob sie ungünstig geschnitten waren, jedenfalls hatten wir nur einen Tisch im Wohnzimmer. Es gab keine zusätzliche Sitzecke mit Couchtisch, wie sie heute üblich ist und wie sie auch seinerzeit schon einige Leute hatten. Unser kleines Wohnzimmer war an einer Seite mit dem Balkonfenster und an der anderen mit zwei Türen verbaut, an der dritten Seite hatte die obligatorische Schrankwand ihren Platz gefunden. An der einzigen freien Wand stand eine Couch mit dem besagten Wohnzimmertisch davor, dazu zwei Sessel an den Tischenden. Gegenüber der Couch stand schräg vor dem Balkonfenster der Fernseher. Nicht dass ihr denkt, während des Essens wurde ferngesehen. Diese Unsitte gab es (noch) nicht. Wir unterhielten uns bei Tisch und sahen uns dabei ins Gesicht. Tatsächlich.
Erst abends, nachdem das sogenannte Abendbrot gegessen war, wurde abgeräumt und unser Esstisch mutierte zum Fernsehcouchtisch, auf dem alle Getränke bequem Platz fanden. Ich will damit nicht sagen, dass viel getrunken wurde. Aber es gab kein Gläser-Gedränge wie auf einem winzig kleinen Beistelltisch, man saß ja weiter am Esstisch.
Die besagte Couch am Tisch war ‒ wie praktisch ‒ gleichzeitig ein Schlafsofa. Man konnte sie aufklappen und allein oder in gewissen schlanken Konstellationen zu zweit darauf schlafen. Wie eingangs versprochen, möchte ich hier keine Sofa-Bettgeschichten erzählen, sondern meine volle Aufmerksamkeit dem Nachttisch widmen. Gästen, die es sich auf unserer Couch bequem machen durften, diente unser Tisch des nachts zur Ablage für Wecker, Armbanduhr und sonstige unverzichtbare Utensilien.
Am Wochenende, nachmittags oder auch mal abends, wenn die zwei Fernsehprogramme DDR-F1 und DDR-F2 kein interessantes Programm boten, diente unser Wohnzimmertisch als Spieltisch. Für Kartenspiele mit Auslegen und großflächige Gesellschaftsspiele bot er ausreichend Platz. Sogar Reisen, im wahren DDR-Leben nur begrenzt möglich, traten wir am Wohnzimmertisch sitzend an. Natürlich ging die „Reise in die Sowjetunion“. So hieß ein wunderbares Tischspiel, an das ich mich gern erinnere. Wladiwostok war das ferne Sehnsuchtsziel. Oder handelte es sich dabei um den unbeliebten Verbannungsort, an beziehungsweise auf dem man lieber nicht landete?
Mein Vater löste am Wohnzimmertisch sogar politische Hauptaufgaben. Das heißt, er las und studierte, was dazu in der führenden Tagespresse verlautbart wurde. Und da es sich bei seiner Lektüre meist nicht nur um simples Zeitunglesen, sondern wahrhaftiges Studieren handelte, mit Ankreuzen, Unterstreichen und vielen eigenen Randbemerkungen, wurde unser Tisch für meinen Vater zum Zeitungsstudiertisch.
Meine Mutter hatte ein anderes Hobby. Wenn sie es wollte, wurde unser Tisch zum Schneidertisch. Sie und später auch ich, als ich das Nähen von ihr lernte, breiteten unsere Schnittmusterbögen auf ihm aus und schnitten den Stoff darauf zu.
Als Schreibtisch diente unser treues Möbel meiner Mutter ‒ Lehrerin von Beruf ‒ wenn sie Klassenarbeiten kontrollierte und den Unterricht vorbereitete. Ein separates Arbeitszimmer gehörte nicht zum realsozialistischen Wohnstandard. Einen eigenen Schreibtisch hatte nur meine kleine Wenigkeit im Kinderzimmer (verwöhntes Nesthäkchen, das ich war).
Und manchmal wurde der gute Wohnzimmertisch einfach zum Küchentisch umfunktioniert, an dem wir Kartoffeln schälten, Gemüse putzten und Obst für Marmelade kleinschnippelten. In unserer Küche, die wie ein schmales Handtuch geschnitten war, musste man alles im Stehen verrichten. Wir machten es uns lieber gemütlich und fanden die passende Lösung im Wohnzimmer.
Zu seinen größten Ehren brachte es unser Verwandlungskünstler aber als Wickeltisch und Babybadetisch. Erst für mich, später für meine Nichten und Neffen. Mir imponiert bei dem Gedanken daran vor allem das Organisationstalent der Eltern. Ich selbst gehörte später zu dem Typ Übermutter, die beim ersten Pups des Säuglings sofort alles stehen und liegen ließ, um eine Wickelgelegenheit zu organisieren. Unvorstellbar, erst in Ruhe weiter zu speisen, gar auf die anderen zu warten, abzuräumen, um dann in aller Ruhe den Tisch zum Wickelplatz umzugestalten.
Wie viel entspannter es früher zuging! Oder einfach nur organisierter? Nach sturem Zeitplan? Die (Stoff-)Windel wurde vermutlich zu festgelegter Uhrzeit, soundso viel Mal am Tag gewechselt. Vor dem Essen. Oder danach. Ganz sicher nicht währenddessen. Musste der Quälgeist eben warten. Wenn unsere Babys später nie einen wunden Po gehabt hätten, könnte man sich vorschnell zu einem Urteil hinreißen lassen. Jedoch, wer kann es nicht bezeugen, gab und gibt es trotzdem wunde Popos, da kann die Windel noch so oft gewechselt werden. Wahrscheinlich haben unsere Mütter und Großmütter nicht alles vollkommen falsch gemacht. Zumindest haben sie ihre eigenen Nerven geschont.

Aber zurück zu unserem Tisch. Manchmal spielte sich das Geschehen nicht mehr auf dem Tisch, sondern darunter ab. Meine schönste Erinnerung: das Bude Bauen. An langweiligen Sonntagen, wenn mir gar nichts mehr einfiel, hing ich lange Decken oder Laken über den Tisch und zog einfach unten drunter ein. Manchmal brachten mir meine Eltern sogar das Essen oder einen kleinen Imbiss in meine Höhle. Wie sie sich selbst derweil oben arrangierten, weiß ich nicht und war mir als Kind wahrscheinlich piepegal. Es war herrlich gemütlich in meiner Bude. Während ich jetzt versuche, mir das Innere meiner ersten eigenen Wohnung noch einmal vorzustellen, blinkt ein Erinnerungslämpchen auf. Unser Tisch war nicht nur ausziehbar, sondern ließ sich auch mit einer Handkurbel in der Höhe verstellen. Diese Kurbel befand sich unter dem Tisch. Wenn er mal wieder als Esstisch fungierte und ich die Sitzenden ärgern wollte, ließ ich mich heimlich hinabgleiten (zumindest dachte ich, dass mich keiner sah, schließlich waren die Erwachsenen ins Essen und in Gespräche vertieft), und kurbelte ihn kräftig hoch oder runter. Das war ein Vergnügen! Selig grinsend streiche ich jetzt in Gedanken noch einmal über die mittelbraune, glänzend beschichtete Tischplatte. Es gab einen hellen Fleck darauf, fällt mir wieder ein. Entweder stand dort mal ein heißer Kochtopf zu lange an derselben Stelle, oder … oder ich habe noch einen Verwendungszweck vergessen. Genau! Der Tisch war auch ein Bügeltisch, und der Fleck stammte vom heißen Bügeleisen.
Nun ist heute schon Abgabetag für diese Runde Zimmerreisen. Wenn ich noch Zeit hätte, würden mir garantiert noch mehr Tische einfallen, die unser Esstisch war, wenn wir nicht an ihm aßen.
Fast tut es mir leid, dass meine Kinder heute drei Tische sehen, und nicht all die vielen Möglichkeiten, die wir allein mit einem hatten.









