In Fahrt (In viaggio)

Un giorno, non passare più davanti tutte le mattine.

Osare davvero, per una volta.

Alzati e scendi.

Senza nemmeno chiedere quando arriverà il prossimo treno. E se si fermerà qui. E se faranno salire di nuovo quelli che sono scesi prima.

Tu scendi e basta.

Li, dove potresti trovarla – la vita.

Anke Krügel

Testo tradotto dalla produzione finale di „In Fahrt“ del laboratorio teatrale dei „Giovani autori“ diretto da Barbara Schneider al teatro Schauspiel Leipzig, ottobre/novembre 1998.

PS: Poco dopo, anche io sono scesa davvero dal treno. Lasciando un posto di lavoro ben pagato in banca per fare la stagista. Tre mesi ad Amburgo, in una redazione di una rivista, poi via in Italia, come copywriter. Non me ne sono pentita. La vita è troppo breve per viaggiare sempre sulla stessa tratta. Ci sono molte opportunità per scendere e cambiare treno, senza farsi troppe domande, naturalmente se si è disposti a farlo. Che cosa ne pensate?

In Fahrt

Irgendwann nicht mehr dran vorbeifahren, jeden Morgen.

Es einmal wirklich wagen.

Einfach aufstehen und aussteigen.

Ohne noch zu fragen, wann die nächste Bahn kommt. Und ob die hier auch hält. Und ob sie dann die Ausgestiegenen wieder mitnimmt.

Einfach aussteigen.

Dort, wo es vielleicht zu finden ist – das Leben.

Anke Krügel

Text und Vortrag in der Abschlussinszenierung „In Fahrt“ des Workshops „Junge Autoren“ unter der Leitung von Barbara Schneider am Schauspiel Leipzig, Oktober/November 1998.

PS: Bald danach bin ich tatsächlich ausgestiegen, habe die Rolle der gutbezahlten Bankerin gekündigt und die einer Praktikantin gewählt. Drei Monate Hamburg, in einer Zeitschriften-Redaktion, dann Italien, als Copywriter. Ich habe es nicht bereut. Das Leben ist zu kurz, um immer mit derselben Bahn zu fahren. Zum Aus- und Umsteigen gibt es viele Gelegenheiten, wenn man dazu bereit ist. Wie seht ihr das?

La Smorfia Napoletana

Der Italiener und die Lottozahlen

Habt ihr letzte Nacht etwas Aufregendes geträumt? Es heißt ja, das Gehirn hilft sich selbst, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen, indem es Erinnerungen und Fantasien aus den Tiefen unserer Seele kramt, sie ordentlich durcheinanderwürfelt, als bizarren Traum ausspuckt und uns damit in den neuen Tag entlässt.

Das klingt sinnvoll, aber wenn wir einen besonders wirren Traum hatten, möchten wir ihn verdammt nochmal interpretieren. Deutsche vertiefen sich dann gern in psychologische Deutungen. Sie berufen sich dabei auf deutschsprachige Wissenschaftler wie den Österreicher Sigmund Freud und den Schweizer Carl Gustav Jung, die Begründer der modernen Traumdeutung.

Und die Italiener? Sie denken positiv und versuchen, dem irritierenden Traum einen Sinn zu verleihen und ihn in einen Lottogewinn umzumünzen. Italiener träumen Nummern bzw. Lottozahlen. Das nenne ich einen intelligenten Bewältigungsansatz! Schluss mit Grübeln, Zweifeln, Selbstbeschau und Seelenpein.

Ein wirrer Traum? Fantastisch! Ich gehe Lotto spielen.

Ihr könnt keinen Zusammenhang zwischen Traumbildern und Lottozahlen erkennen? Die Erklärung steckt in einem traditionell überlieferten System, der sogenannten „La Smorfia“ (abgeleitet von Morpheus, dem Gott der Träume). Darin ist jedem (einigermaßen typischen) Traummotiv eine Zahl zugeordnet. Aus Neapel stammt die berühmteste dieser Systeme, „La Smorfia Napoletana“, denn die Leidenschaft des neapolitanischen Volkes für das Glücksspiel war und ist besonders groß.

Hier drei Beispiele dafür, wie sogar äußerst unangenehmen Traumelementen eine Gewinnzahl zugeordnet und so eine positive Interpretation verliehen wird:

38 “Le mazzate” Schläge, Prügel 

48 “Il morto che parla” Ein sprechender Toter

79 “Il ladro” Der Dieb

Wie ich die Italiener insgeheim beneide! Statt in Selbstzweifeln zu versinken (Was will mir dieser Traum sagen, wird bald Schreckliches passieren?), sehen sie die Hoffnung auf einen Gewinn. Einen Gewinn, der im besten Fall so hoch ausfällt, dass er das Leben ändert. Die italienische Lotterie SuperEnalotto zum Beispiel ist für ihre riesigen Jackpots bekannt, die für ein Minimum von 2 Millionen Euro garantiert sind und auf über 100 Millionen Euro anwachsen können. 

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Erlebnis während der Zeit als Bankerin in Leipzig, Mitte der 90er-Jahre. Ein italienischer Börsenhändler lud alle seine Handelskontakte (also auch uns „Big Player“ aus Leipzig) großzügig zu seiner Abschiedsparty ein, er hätte im Lotto gewonnen und ausgesorgt. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich ihn wenige Jahre später hätte beim Wort nehmen und tatsächlich bei ihm in Mailand aufkreuzen können. Schade, da habe ich sicher eine schicke Party verpasst.

Nun lebe ich selbst im Land der potenziellen Lottomillionäre und staune, wie dieser Kult sich im Alltag widerspiegelt. Anregungen zum Glücksspiel finden die Italiener überall, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn man gerade nichts aufregend Verwirrendes geträumt hat, machen sich auch skurrile Alltagserlebnisse gut, an den großen Lottogewinn zu glauben.

So geschehen während eines Grillabends bei uns im Haus, als wir mit drei anderen Familien zusammensaßen (Anm. d. Red.: Das war vor vier Wochen, als sich noch mehr als sechs Personen in einer Wohnung treffen durften, mittlerweile gibt es wieder strengere Kontaktbeschränkungen.) Selbstverständlich sprach man an jenem Abend auch über nicht anwesende Hausbewohner, da unterscheiden sich die Italiener nicht von den Deutschen (und dem Rest der Welt, nehme ich an). Ein nicht anwesender Hausbewohner hatte sich gegenüber einem Anwesenden wahrlich Absurdes geleistet, wir konnten es nicht glauben und lachten und scherzten. Bis plötzlich der Neapolitaner am Tisch begeistert rief: „Smorfia!“. Wenn etwas so Verrücktes, Unglaubliches geschah, musste es einen Sinn haben. Und er machte sich an die Interpretation der Zahlen, die er am nächsten Tag spielen würde. Wir haben danach nichts mehr von ihm gehört. In Bezug auf sein Spiel, meine ich. Vermutlich ist es diesmal noch nichts geworden mit dem großen Gewinn. Leer ausgegangen sind wir trotzdem nicht, es war für uns alle ein großer Spaß an jenem Abend.

Und wer weiß, vielleicht sind und bleiben am Ende Träume, wie der vom großen Lottogewinn, als Traum am allerschönsten.

Geschärfte Sinne

Es muss Ende April, Anfang Mai gewesen sein, an einem milden Frühlingsabend auf unserer Terrasse. Da lag von einem Moment auf den anderen dieser intensive, aber nicht aufdringliche, süße und zugleich zarte Duft von Blüten in der Luft.

Erst dachte ich an Jasmin.

Seit ich in Italien lebe, kenne ich es von Jasmin, dass er in bestimmten Momenten, oft gegen Abend, urplötzlich seinen feinen Duft verströmt. Jasmin blüht jedoch erst Anfang Juni.

In diesen Tagen, die so gleichtönig verrannen, riss mich selten etwas aus dem tristen Einerlei, aus Gedanken, die schon wieder nur um die nächste Mahlzeit kreisten. Diesmal legte ich mein Strickzeug auf den Terassentisch, atmete tief ein, stand auf und lehnte mich über das Geländer. Ich suchte in den Grünanlagen unseres Hauses und in denen der Nachbarn. Ich konnte nichts Verdächtiges entdecken, bis mein Blick höher kletterte und den Waldrand streifte. Da! Im frischen Grün sah ich einzelne unscheinbare, cremeweiβe Blüten, die wie Weintrauben-Dolden in den Bäumen hingen. Waren sie es, die die laue Frühlingsluft verzauberten?

Unser Condominio, wie Mehrfamilienhäuser in Italien genannt werden, heißt „Condominio delle Robinie“. Robinien. Sie waren es wohl, die unser Haus säumten und jetzt zu blühen begannen. Aber warum hatte ich in den 15 Jahren, die wir hier wohnten, nie zuvor ihren Duft wahrgenommen?

Weil in diesem Jahr alles anders war.

Im Jahr 2020.

Un nuovo profumo nell’aria

Era fine di aprile o inizio maggio, in una mite serata primaverile sulla nostra terrazza. Improvvisamente c’era un profumo di fiori nell’aria, intenso ma non invadente, dolce ma delicato.

Ho subito pensato al gelsomino.

Infatti, da quando vivo in Italia, sapevo che il gelsomino, verso sera, emana improvvisamente il suo gradevole profumo. Ma ripensandoci, il gelsomino sbocciava solo a giugno.

Quei giorni passavano così uguali tra loro, e non mi strappava mai niente dalla squallida monotonia, dai pensieri che ancora una volta erano rivolti solo al pasto successivo.

Ho subito appoggiato il mio lavoro a maglia sul tavolo del terrazzo e ho fatto un respiro profondo, mi sono alzata e mi sono avvicinata alla ringhiera cercando tra gli spazi verdi dei dintorni.

Non ho notato nulla di nuovo o di insolito tra i giardini dei vicini. Non appena il mio sguardo si volse, toccando il confine con il bosco, proprio lì, nel verde fresco e lussureggiante, si presentavano alcuni timidi fiori di colore crema che pendevano dagli alberi, sembravano degli ombrelli d’uva. Erano loro ad irrorare questa mite aria primaverile?

In quel momento ho capito perché il nostro condominio si chiama „Le Robinie“.

Robinie, giusto! Sono loro a circondare la nostra casa e ora avevano cominciato a fiorire. Ma perché allora, nei 15 anni in cui vivo qui, non mi sono mai accorta di questo profumo meraviglioso?

Perché quest’anno è stato tutto diverso.

Siamo nel 2020.

Bene ma non benissimo

Der Italiener und das Befinden

Come va?

Auf die Frage, wie es denn so geht, antwortet der Italiener normalerweise:

Bene, dai. Gut, geht schon.

Sehr beliebt sind auch:

Non ci lamentiamo. Wir beschweren uns nicht.

Si tira avanti. Wir kommen zurecht, wörtlich: Man schleppt sich so weiter.

Solita vita. Alles wie üblich, wörtlich: Das übliche Leben.

Vor Jahren hatten wir eine sehr liebe Babysitterin, sie war Sizilianerin. Bevor sie zu uns kam, schlossen mein Mann und ich gern Wetten ab, welchen dieser drei Standardsätze wir als Antwort bekämen. Dabei hätten wir uns ehrlich darüber gefreut, ein enthusiastisches „Benissimo“ von ihr zu hören, oder dass sie uns ihr Herz ausgeschüttet hätte. Aber das unverfängliche, nur angedeutete Lamentieren war einfach ihre Art.

So richtig Lust, eine ehrliche Antwort zu geben, hat in Italien selten jemand. Jedenfalls erlebe ich es so. Floskeln sind unverbindlich und beliebt. Man will sich nicht beschweren, also fragt bitte nicht nach.

Als Deutsche in Italien ertappe ich mich manchmal dabei, in den unpassendsten Situationen ehrlich antworten zu wollen. Dann kläre ich den arglosen Frager über mein exaktes momentanes Befinden auf oder erzähle ihm brühwarm, was ich gerade erlebt habe.

Ja, ganz gut, aber … stellen Sie sich mal vor …  

Sei es der Nachbar auf der Treppe, der wie ich mit dem Wäschekorb oder leeren Flaschen auf dem Weg in den Keller ist, sei es die Mutter der Mitschülerin, die mit mir gemeinsam vor dem Schultor wartet, oder die Kassiererin an der Supermarktkasse. Meine armen Opfer, die mich mit „Come va? begrüßen, müssen sich dann anhören, was mich gerade aufregt.

Ich frage mich schon, ob das Jammern eine deutsche Eigenart ist. Dabei jammere ich gar nicht, ich bin auch kein Pessimist, wie meine italienische Familie mir immer weismachen will. Ich sehe die Dinge einfach realistisch. Ehe ich behaupte, irgendetwas liefe fantastisch, wäge ich meine Antwort ab. Ganz gut, aber es könnte besser sein.

Vielleicht gefiel mir deshalb der Song des italienischen Rappers Shade „Bene ma non benissimo“ sofort. Darin heißt es:

Se mi chiedi come va: Va bene … ma non benissimo. Wenn du mich fragst, wie es läuft: Gut … aber nicht toll.

Richtig so! Hey, gebt doch bitte zu, wenn etwas besser laufen könnte. Habt den Mut, davon zu erzählen. Vielleicht hat einer, wenn nicht gleich eine Lösung, zumindest einen hilfreichen Tipp parat. Könnte doch sein, oder? Und manchmal hilft es ja schon, rein psychologisch gesehen, sich mitgeteilt zu haben. Das muss nicht bedeuten, es so krass wie im Songtext zu halten, wo es weiter heißt:

Pratico ansia a livello agonistico.

Eine geniale Formulierung, klingt wörtlich übersetzt leider so doof wie: Ich betreibe den Sport des mir Sorgen Machens auf professionellem Niveau. Nur, um euch die Aussage zu vermitteln, die originell gelungen ist, wie ich finde.

Ängste pflegen und sich Sorgen machen, vor allem um Dinge, die noch nicht geschehen sind und die auch mit großer Wahrscheinlichkeit nie eintreten werden ‒ noch so eine Spezialität der Deutschen? Da kommen wir auch gleich zu der Frage, ob wir das Leben hier und jetzt genießen können (wie die Italiener, ihr wisst schon La dolce vita und so), oder ob wir uns von qualvollen Gedanken um imaginäre Probleme in der Zukunft die Stimmung vermiesen lassen (wie die Deutschen?). Aber dazu ein andermal mehr, ich denke es lohnt sich, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

In der Zwischenzeit hoffe ich, dass es euch gut geht. So einigermaßen, oder vielleicht sogar sehr gut. Und dass ihr ‒ in beiden Fällen ‒ mit jemandem darüber sprechen könnt. Das fände ich dann richtig gut.

Bene, molto bene!

Meine Deutsche Einheit

Verbotene Blicke

Der Blick in den sogenannten goldenen Westen bot sich mir als Kind aus dem grauen Osten immer sonntags, wenn wir mit der S-Bahn zu Oma nach Berlin Adlershof fuhren. Da tauchte er kurz nach der Haltestelle Baumschulenweg einen Moment lang auf. Meine Mutter sagte dann jedes Mal:

Da drüben, die weißen Hochhäuser, das ist der Westen.

Oder sprach sie von Westberlin? Egal! Westen, Westberlin, sie hätte dafür auch „der Mond“ sagen können. Für mich war es das Gleiche. Drüben, das war die bunte, gefährliche Welt aus dem „Schwarzen Kanal“. Die Welt, in die ich nie käme und in die ich nie wollte. Der schöne Schein der Leuchtreklamen, die glanzvollen Waren, die sich einfache Leute gar nicht leisten konnten. Dieser ganze kapitalistische Beschiss eben.

Wenn wir kurz vor Omas Wohnung um die Ecke bogen, versicherten wir uns immer gewissenhaft, dass kein West-Auto vor ihrer Haustür stand. Dann hätte sie Besuch gehabt, dem wir nicht begegnen durften. Mein Vater als Offizier musste solche zufälligen Begegnungen im Ministerium der Nationalen Verteidigung berichten und rechtfertigen. Eine Prozedur, die er des Aufwands und absehbarer Konsequenzen wegen streng vermied. Dass Oma Kontakte zu Bekannten in der Bundesrepublik hatte, konnten wir nicht ändern, aber erfolgreich ausblenden. Mir gelang das leicht. Wie es meiner Mutter damit ging, kann auch ich mir nur schwer vorstellen. Sie musste ihren Bruder ausblenden.

Tragische Abschiede

Oma starb zu früh. Sie hat nicht mehr erfahren, dass Deutschland wiedervereinigt wurde. Zu Omas Beerdigung im Jahr 1988 sah meine Mutter ihren Bruder wieder, nach dreißig Jahren. Er war nach der Kriegsgefangenschaft nicht nach Berlin zurückgekehrt, sondern zu einer Frau im Westen Deutschlands gezogen. Als Mutti und ihr Bruder sich nach dem unverhofften Wiedersehen trennten, teilten sie nicht nur die Trauer um den Verlust ihrer Mutter, sondern vor allem das flaue Gefühl und die Frage:

Und wir beide, wann treffen wir uns wieder? Erst am Grab des jeweils anderen?

Da uns Westkontakte verboten waren, gab es nun, nach Omas Tod, keine Verbindungsperson mehr. Aber meine Eltern fanden eine Lösung. Auch wenn diese faktisch eine Unterwanderung der offiziellen Regeln für Armeeangehörige und staatsnah Bedienstete bedeutete. Sie vereinbarten, über eine Bekannte in Omas Haus weiter Kontakt zu halten. Mein Onkel schickte seine Westpakete nun an diese Adresse. Wenn Mutti nach Berlin fuhr, um das Paket abzuholen, rief er bei dieser Gelegenheit an. Nicht auszudenken, was uns gedroht hätte, wenn das aufgeflogen wäre! Aber diese Gefahr bestand nicht mehr lange, denn schon bald geschahen Dinge, die wir uns im Jahr 1988 selbst in unseren verbotensten Träumen nicht ausgemalt hatten. Ein Jahr später gab es freie Fahrt über die Grenzen für alle, besser gesagt, die Grenze wurde ganz abgeschafft.

Trinkfeste Unterschiede

Als mein Onkel und seine Frau uns 1990 das erste Mal in Strausberg besuchten, traten die kulturellen Unterschiede bereits am Mittagstisch zutage. Mutti hatte stolz die vollen Teller aufgetischt, aber es entging ihr nicht, dass unsere Besucher irritierte Blicke wechselten. Dann rang sich die Frau meines Onkels durch und fragte:

Könnten wir wenigstens etwas Wasser dazu haben?

Wir hatten nichts zu trinken hingestellt, denn, so absurd es heute klingt, das war bei uns daheim nicht üblich. Getrunken wurde nicht formal zu den Mahlzeiten, sondern wenn man Durst hatte. Logisch, oder? Und banales Wasser gab es schon gar nicht. Limonade, Bier, für uns Kinder manchmal Himbeer- oder Waldmeistersirup in Leitungswasser. Aber nicht bei Tisch zum Essen. Am Wochenende tranken die Erwachsenen abends (süßen) Wein oder Sekt, aber auch den nicht zum Essen, sondern anschließend vor dem Fernseher. Zu Feiertagen ergänzt mit Erdnussflips und Salzstangen. Wer Glück hatte und es sich leisten konnte, bei dem kam Ananas aus der Dose in den Sekt. Welch ein Spaß, die kleinen Stückchen mit bunten Plaste-Cocktailspieβern aus dem Glas zu fischen. Ich schätze, in Westdeutschland wählte man indes schon immer das gepflegte Bier oder das ausgesuchte Glas Wein passend zum Essen. Wer es besser weiß, der melde sich bitte, vielleicht irre ich mich ja.

Unbeschwerte Begegnungen

Es muss Ende des Jahres 1990 gewesen sein, da kamen westdeutsche Wehrdienstleistende in die ehemaligen Kasernen der Nationalen Volksarmee. So traf ich Martin (Name geändert, hoffentlich, ich erinnere mich nicht). Martin kam aus Bonn und absolvierte in Strausberg seinen Pflichtwehrdienst. Westsoldaten in Strausberg, der ehemaligen Hauptstadt der NVA, das war in jenen Tagen noch exotisch und aufregend. Also konnte ich nicht ablehnen, als mich der charmante Martin am Samstagabend nach einem Tanz in der Disko fragte:

Zeigst du mir dein Ostberlin?

Es wurde mein erstes Date mit einem Wessi und mein erster deutsch-deutscher Sonntagsausflug als Stadtführerin. In der Alten Nationalgalerie Berlin interessierten Martin allerdings weniger die antiken Gemälde als meine Erzählungen aus dem realsozialistischen Alltag. Er fand meine Schilderungen unheimlich lustig. Und ich genoss es, ihn zum Lachen zu bringen. Die Museumsbesucher mussten glauben, wir wären schon am helllichten Tage besoffen gewesen. Als ich den für mich gewöhnlichen Begriff Beutel oder Einkaufsbeutel erwähnte, war er nicht mehr zu beruhigen. Ich war ernsthaft besorgt, er würde sich vor Lachen in die Hose machen. Aber Martin lachte nicht nur über den Osten und das, was ich ihm davon aus erster Hand berichtete. Er steuerte auch Anekdoten aus seinem Leben bei, die für mich genauso unglaublich klangen. Und dann dieses Wort, das er in jedem zweiten Satz benutzte: voll. Das ist voll anstrengend, voll gut, voll aufregend, voll lustig. Auf der Heimfahrt, etwas müde in der nächtlichen S-Bahn, die in Richtung Endhaltestelle Strausberg Nord immer leerer wurde, kam es dann:

Das ist ja voll leer hier.

Mehr ging nicht. Wir hielten uns die Bäuche vor Lachen.

Das war voll schön, mein erstes Date mit einem Wessi. Etwas Ernstes ist es mit Martin übrigens nicht geworden. Aber ich erinnere unser Erlebnis als einen gelungenen unbeschwerten Auftakt für (meine) deutsch-deutschen Beziehungen.

Foto: Aus der ZDF-Dokumentation „Der wilde Osten, Teil 2“. Unser Wohnblock in Strausberg, aufgenommen Anfang der 90er-Jahre, kurz bevor die Fassade neu gestrichen wurde und das sozialistische Wandgemälde für immer verschwand.

La mia riunificazione tedesca

Sguardi proibiti

Per me come bambina del “grigio Est”, dare una occhiata verso l’Ovest detto “dorato” era possibile solo quando di domenica prendevamo la S-Bahn per andare a casa della nonna a Berlino Adlershof. Lì, per un attimo, poco dopo la fermata di Baumschulenweg, potevamo vedere il famigerato Ovest. Ricordo mia madre che esclamava:

Eccolo laggiù, quei bianchi grattacieli, quello è l’Ovest.

O forse diceva Berlino Ovest? Non importava, Ovest, Berlino Ovest o avrebbe potuto chiamarlo anche „Luna“, per me sarebbe stato lo stesso. Laggiù, quello era il colorato e pericoloso mondo che conoscevo dalla TV “Der schwarze Kanal” (una trasmissione televisiva di propaganda della DDR). Il mondo in cui non sarei mai arrivata e in cui non avrei mai voluto andare. Il bagliore delle insegne al neon, i negozi con la merce glamour solo per pochi ricchi. Insomma, tutte quelle stronzate capitaliste.

Quando giravamo l’angolo per raggiungere l’appartamento della nonna, ci siamo assicurati ogni volta che non ci fosse una macchina dell’Ovest davanti alla sua porta. Se avesse avuto ospiti, non avremmo potuto incontrarla. Mio padre essendo un ufficiale militare avrebbe dovuto fare rapporto agli uffici del Ministero della Difesa. Una procedura che ha sempre rigorosamente evitato a causa delle inconvenienze e delle conseguenze prevedibili. Non potevamo cambiare il fatto che la nonna avesse contatti con conoscenti nella Repubblica Federale, ma potevamo nasconderlo con successo. Io ci sono riuscita facilmente. Mia madre invece aveva una situazione più complicata, in quanto suo fratello essendo all’Ovest lo ha dovuto praticamente dimenticare.

Tragici addii

La nonna è morta troppo presto. Non ha saputo che la Germania fosse stata riunificata. Al suo funerale, nel 1988, mamma vide suo fratello per la prima volta, dopo trent’anni. Lui, dopo essere stato prigioniero di guerra, non era più tornato a Berlino ma si era trasferito da una donna nella Germania occidentale. Al termine del funerale, quando mia mamma e suo fratello si sono separati, oltre il dolore per la grave perdita, hanno condiviso un sentimento di profonda tristezza per la domanda:

E io e te, quando ci incontreremo di nuovo? Davanti alla tomba dell’altro?

Poiché ci era proibito avere contatti con l’Occidente, dopo la morte della nonna non c’era più nessun modo per rimanere in contatto. I miei genitori dovevano trovare una soluzione. Anche se significava infrangere le regole ufficiali che valevano per i membri dell’esercito e gli altri lavoratori vicini allo Stato. Hanno accettato di tenersi in contatto attraverso una Signora coinquilina della casa della nonna. Mio zio quindi gli inviava dei pacchi (chiamati e ricordati come i famosi “Westpakete”). Quando mamma andava a Berlino li ritirava, e lui in quell’occasione la chiamava sul telefono della Signora. Non avete idea di che guai andavamo incontro se fossero stati scoperti! A breve non ci sarebbe stato alcun rischio, perché presto sono successe cose che non avremmo lontanamente immaginato, nemmeno nei nostri sogni più proibiti nel 1988. Infatti, un anno dopo il passaggio al confine fra le due Germanie diventava libero per tutti, o meglio il confine è stato completamente eliminato.

Abitudini diverse

Quando mio zio e sua moglie ci venivano a incontrare per la prima volta a Strausberg nel 1990, le differenze culturali erano già evidenti al momento del pranzo. Mamma aveva servito con orgoglio i piatti pieni di cibo fatto in casa, ma notava che i nostri ospiti si guardavano in modo strano. Poi la moglie di mio zio si è fatta avanti a fatica e ha chiesto:

Potremmo almeno avere un po‘ d’acqua?

Non avevamo messo niente da bere, perché, per quanto assurdo possa sembrare oggi, a casa nostra non si beveva formalmente niente durante i pasti, si beveva solo quando si aveva sete. Ha senso, no? Per noi l’acqua era cosi banale che non si beveva mai. Solo Limonata, birra, a volte sciroppo di lampone o asperula diluito con acqua del rubinetto per noi ragazzi. Ma mai e poi mai durante i pasti. Nei fine settimana, gli adulti bevevano vino (dolce) o spumante la sera, ma solo dopo cena, seduti davanti alla TV. Nei giorni festivi, le bevande erano accompagnate da stuzzichini come Erdnussflips (a base di arachidi) e Salzstangen (bastoncini salati). Chi era fortunato e se lo poteva permettere, aggiungeva allo spumante dei pezzi di ananas sciroppati. Immagino che nella Germania occidentale la gente abbia sempre scelto la birra o il bicchiere di vino giusto per accompagnare il pasto.

Incontri spensierati

Dev’essere stato alla fine del 1990, quando le nuove leve militari della Germania occidentale sono arrivati nelle ex caserme dell’Esercito della DDR. È così che ho conosciuto Martin (nome cambiato, spero, non me lo ricordo). Martin era di Bonn e fece il servizio militare obbligatorio a Strausberg. Soldati dell’Ovest in una delle principali caserme dell’Est, a quei tempi sembrava una cosa molto esotica. Quindi non potevo rifiutare quando l’affascinante Martin dopo un ballo in discoteca il sabato sera mi chiese:

Mi fai da guida per visitare la tua Berlino Est?

Era il mio primo appuntamento con un ragazzo dell’Ovest e la mia prima volta come guida turistica della città. Durante la visita alla Alte Nationalgalerie di Berlino, tuttavia, Martin era poco interessato ai dipinti antichi ma molto di più alle mie storie di vita quotidiana sotto il vero regime socialista. Ha trovato i miei racconti incredibilmente divertenti. E mi è piaciuto farlo ridere. I visitatori del museo dovevano credere che fossimo ubriachi in pieno giorno. Quando ho menzionato il termine „Beutel“ o „Einkaufsbeutel“, un sacchetto di stoffa per la spesa, classico utensile usato solo nella DDR, che per me era un termine quotidiano, non poteva più trattenersi dal ridere. Ma Martin non ha riso solo dell’Est e di quello che gli ho raccontato. Ha anche contribuito con aneddoti della sua vita che mi sono sembrati altrettanto incredibili. E poi questa parola che usava in ogni seconda frase: “voll” (pieno). È pienamente estenuante, pienamente bello, pienamente eccitante, pienamente divertente. Durante il viaggio di ritorno a casa, ormai era notte ed eravamo un po‘ stanchi, la S-Bahn stava diventando sempre più vuota avvicinandosi alla ultima fermata Strausberg Nord. Quindi Martin dichiarava:

Questo treno è pienamente vuoto.

Ecco! Ridevamo a crepapelle.

È stato pienamente bello, il mio primo appuntamento con un occidentale. A proposito, con Martin non si è rivelato niente di serio. Ma ricordo la nostra esperienza come auspicio di successo, divertente e spensierato, per le (mie) relazioni tedesco-tedesche.

Foto: dal documentario della ZDF „Der wilde Osten, Teil 2“. Nostra casa a Strausberg, scattato all’inizio degli anni Novanta, poco prima che la facciata venisse ridipinta e la arte murale socialista scomparisse per sempre.